Kritische Infrastruktur im Fokuss
Brigadegeneral Holger Radmann, ehem. Kommandeur Landeskommando Hessen
Wer Waren transportiert, Energie liefert, Daten überträgt oder Gesundheitsversorgung sicherstellt, ist auf funktionierende Infrastruktur angewiesen. Diese Infrastruktur ist heute verwundbar – durch Cyberangriffe, hybride Bedrohungen, Extremwetter oder geopolitische Krisen. Was früher als abstrakte Gefahr galt, ist längst operative Realität. Hessen ist dabei ein besonderes Sicherheitsdrehkreuz: vom Frankfurter Flughafen über den Finanzplatz bis zu den digitalen Lebensadern im Rhein-Main-Gebiet. Für das Landeskommando Hessen bedeutet das: Wir denken Schutz immer vernetzt – gemeinsam mit Polizei, Katastrophenschutz, Betreibern kritischer Infrastrukturen und der Wirtschaft. Unsere Aufgabe ist es, bereits vor einem Krisenfall zivil-militärische Lagebilder bereitzustellen, die Landesregierung zu beraten und die gesamtstaatliche Reaktionsfähigkeit zu stärken.
Regionale Stärke für die Sicherheit
Die Region Fulda und Nordhessen sind dafür gute Beispiele. Mit Rheinmetall als industriellem Anker, einer starken Logistikbranche und einem wachsenden Technologieumfeld bringt Nordhessen Kompetenzen mit, die für die Gesamtverteidigung von zentraler Bedeutung sind. Das gilt auch für das Kreisverbindungskommando Fulda – die militärische Schnittstelle zwischen Bundeswehr und zivilen Behörden im Krisenfall. Diese regionale Verankerung schafft Vertrauen und kurze Wege, gerade dann, wenn es darauf ankommt. Auch auf überregionaler Ebene setzt Hessen Maßstäbe: Das ESA-Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt steht sinnbildlich für die Innovationskraft des Landes – und für die enge Verzahnung von ziviler Spitzenforschung und sicherheitspolitischer Relevanz. Hochschulen, KI-Forschung, ein dynamisches Start-up-Umfeld und Hightech-Industrie sind für die Bundeswehr wertvolle Innovationspartner. Unser Ziel ist, diese Zusammenarbeit noch systematischer zu gestalten: voneinander lernen, gemeinsam testen, und militärische Anforderungen frühzeitig in Entwicklungsprozesse einfließen lassen.
Resilienz als gemeinsamer Auftrag
Resilienz ist längst keine rein militärische Kategorie mehr. Sie ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag – und eine unternehmerische Notwendigkeit. In den Gesprächen mit der Wirtschaft erkenne ich, dass Themen wie redundante Lieferketten, Business Continuity Management und Cybersicherheit angegangen werden. Die Bundeswehr bringt Erfahrung in Krisenstäben, Lagebewertung und Szenarienplanung ein. Wenn wir diese Kompetenzen zusammenführen, entstehen robustere Strukturen – etwa durch gemeinsame Übungen, Handlungsempfehlungen oder digitale Tools wie ResilienzCheck.org, die Unternehmen helfen, sich besser auf Störungen vorzubereiten. Reserve mit Doppelkompetenz Ein besonderes Stichwort in diesem Zusammenhang sind unsere Reservistinnen und Reservisten. Sie bringen zivile Expertise in die Truppe – und militärische Kenntnisse in ihre zivilen Berufe. Eine Win-Win-Situation. Damit dieser Einsatz möglich ist, braucht es Arbeitgeber, die ihre Mitarbeitenden für Reservistendienste freistellen. Das ist ein Beitrag zur Sicherheit unseres Landes, den Unternehmen ganz konkret leisten können.
Zusammenhalt macht widerstandsfähig
Wenn ich an Hessen denke, denke ich an drei Dinge: Verlässlichkeit, Pragmatismus und Zusammenhalt. In diesem Land wird nicht lange darüber geredet, ob Sicherheit wichtig ist – man packt gemeinsam an. Diese Haltung ist für mich die eigentliche Stärke des Landes. Und ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, unser Land verteidigungsfähiger für die Zukunft aufzustellen. Die Wirtschaft ist dabei kein Zuschauer – sie ist ein unverzichtbarer Partner.