Wohlfühloase an der Hafenspitze
Im Sommer 2025 eröffnen Vanessa Schmitt und Maxim Dortmann die Rheinbar, ein halbes Jahr später übernehmen sie das einen Steinwurf entfernte Restaurant Rheingold gleich mit: Die beiden Gastronomen beleben die Mole in Gernsheims Hafen.
Fährt man die von Linden gesäumte Rheinstraße in Gernsheim entlang, sieht man auf der rechten Seite erst Container, bevor sich der Blick öffnet und die im Hafenbecken schaukelnden Boote zum Vorschein kommen. Wenige Meter weiter passiert man das Fährstübchen, gegenüber liegt das Fährhaus. Beides alteingesessene Gastronomieangebote, genauso wie das Rheingold, das mitten auf der Hafenmole sitzt. Doch wer zur Rheinbar, die gerade bei jüngeren Menschen angesagt ist, gelangen will, muss von hier aus noch 200 Meter weiterlaufen, bis er an der Hafenspitze ankommt. Links rauscht der Rhein in Richtung Norden, rechts glitzert das Hafenwasser im Sonnenlicht. Und mittendrin: zwei riesige Platanen, unter deren mächtigen, ausladenden Zweigen die Rheinbar ihren Platz gefunden hat.
»Ich bin mit der Hafenspitze groß geworden, ich bin aus Gernsheim«, sagt Vanessa Schmitt. Daher wusste die heute 27-Jährige auch um die gastronomischen Gegebenheiten im Gernsheimer Hafen, als sie sich gemeinsam mit Maxim Dortmann (23) auf eine Ausschreibung der Stadt Gernsheim hin bewarb. Die Schöfferstadt hatte die Neugestaltung der Hafenmole in Angriff genommen, die Verkehrswege neu geordnet und den dringenden Wunsch, die Hafenspitze mit einem neuen Angebot zu beleben.
»Wir wollten etwas Neues schaffen und das Gastro-Spektrum im Hafen erweitern«, begründet Vanessa Schmitt die Bewerbung. »Gerade für jüngere Leute sollte ein Platz entstehen, an dem eine lockere und zwanglose Atmosphäre herrscht und man einfach seinen Spaß haben kann.« Die beiden, die nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind, hatten zuvor oft am Wochenende im Fährhaus gekellnert, ehe der Plan reifte, die Hafenspitze kulinarisch zu entern. »Kurz vor Ende der Frist haben wir den Businessplan abgeschickt, 72 Seiten stark, und was schließlich den Ausschlag für uns gegeben hat, waren unser Herzblut und unsere Motivation«, glaubt Vanessa Schmitt. Beide hatten sichere Jobs, er im Bereich Finanzen bei check24, sie bei der Stadt Wiesbaden. Doch für ihren Traum sprangen sie ins kalte Wasser.
Schon am ersten Tag alle Plätze belegt
Unter Bäumen an der Rheinspitze gelegen: Die Rheinbar in Gernsheim
Das war im Sommer 2025. Innerhalb von vier Wochen bauten sie sie die Container aus, legten Leitungen, Familie und Freunde halfen kräftig mit. »Am 18. Juni, dem ersten Tag der Rheinbar, haben wir einen Post auf Instagram abgesetzt, dass wir um 19 Uhr öffnen – und schon um 18:30 Uhr waren alle Plätze belegt«, erinnert sich Maxim Dortmann. Damals standen 110 Stühle im Schatten der zwei Platanen, heute sind es 140. Mittlerweile sind 25 Minijobber plus ein Betriebsleiter und eine Küchenleitung im Einsatz. Sie verkaufen von mittags bis 1 Uhr nachts Panini, Käse- und Wurstplatten, reichen Aperol Spritz oder die Matrosenlimonade, den Verkaufshit aus dem Sommer 2025, eine erfrischende Mischung aus Limette, Zitrone, Holunder und Minze.
Die Rheinbar setzt auf Selbstbedienung, beim Anwerben von Verkäuferinnen und Verkäufern gibt es keine Probleme. »Das ist ein Selbstläufer. Das Team ist sehr jung und hat sehr viel Spaß an der Arbeit, es herrscht eine gute Gemeinschaft, das spricht sich schnell rum«, sagt der Rheinbar-Betreiber. Saison ist – je nach Wetter – von März bis in den Oktober hinein. Im Winter soll die Rheinbar in abgespeckter Version geöffnet bleiben. Und wer jetzt denkt, Vanessa Schmitt und Maxim Dortmann hätten mit der Hafenspitze genug Wind um die Ohren, der wird eines Besseren belehrt.
Denn seit Januar betreiben sie auch noch das Rheingold. Das Engagement entwickelte sich aus einem Running Gag heraus. »Jetzt macht ihr die Hafenspitze und bald auch noch das Rheingold«, unkte Hans Andres, der Eigentümer von Fährhaus und Rheingold, wenn die drei beisammensaßen. Nach mehr als 30 Jahren in der Verantwortung lag ihm viel daran, sein Restaurant in vertraute Hände zu geben. »Wir sind mit beiden Restaurants groß geworden, uns liegt das Lebenswerk von Hans Andres sehr am Herzen«, sagt Vanessa Schmitt. Mit einer gehörigen Portion Mut machten sie sich ans Werk und pachteten das Rheingold auf fünf Jahre. Die Belegschaft wurde übernommen, derzeit zählt das Team 29 Personen. Andres bleibt Eigentümer und führt das Hotel weiter.
Ihre beiden Restaurants bereicherten sich gegenseitig, sind Schmitt und Dortmann überzeugt. Zur Rheinbar komme die Kundschaft eher spontan, im qualitativ hochwertigeren Rheingold dagegen seien anlassbezogene Familien-, Firmen und Freundesfeiern ein festes Standbein. Die klassische Karte mit deutschem Essen ist geblieben, aber hier und da etwas aufgepeppt: das Lachstatar wird auf Avocado gereicht, das Entrecôte mit Chimichurri-Sauce veredelt. Aktionstage mit Hot-Stone-Menüs oder After Work im Biergarten sollen auch jüngere Kunden anlocken.
Unbestritten arbeiten Vanessa Schmitt und Maxim Dortmann an einem besonders schönen Fleckchen in Gernsheim. Aber bekommen sie das im Alltag überhaupt mit? »Wenn wir morgens noch ganz allein hier auf der Terrasse sitzen und in Ruhe einen Kaffee trinken, dann können wir das schon genießen«, sagt die Rheinbar-Rheingold-Betreiberin.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 3/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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