Ein Umstieg, der sich langfristig lohnt
Der Iran-Krieg hat deutlich gemacht: Deutschland muss unabhängiger von den globalen Öl- und Gasmärkten werden. Die Elektrifizierung des Energieverbrauchs ist dafür die zentrale Voraussetzung. Wie sich pragmatische Lösungen finden lassen, zeigen südhessische Unternehmen.
Das erste Quartal 2026 brachte einen Rekord mit sich: Erneuerbare Energien deckten rund 53 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland – gleichbedeutend mit einem Plus von fast sechs Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Gut für den Klimaschutz, aber ebenso gut für die eigene Versorgungssicherheit, zahlt unabhängige Stromversorgung doch auf die strategische Souveränität Deutschlands ein. Gerade im Hinblick auf zunehmende geopolitische Krisen und Kriege, die Lieferketten haben brüchig werden lassen und die für unangenehme Kostenexplosionen gesorgt haben, nicht zuletzt durch den Iran-Krieg.
Ein wichtiger Bereich, in dem die Transformation vorangetrieben werden muss, um Klimaziele zu erreichen und sich unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu machen, sind die Wirtschaftsverkehre. Bereits im Mai 2019 startete in Südhessen der E-Highway auf der A 5 als Teststrecke für die erste Elektroautobahn. Auf einem fünf Kilometer langen Abschnitt von Weiterstadt in Richtung Frankfurt, der in der Gegenrichtung im Jahr 2023 sogar auf zwölf Kilometer verlängert wurde, entstand ein durchgängiges Oberleitungssystem für Hybrid-Lkw. Das Projekt firmierte unter dem Namen ELISA (elektrifizierter, innovativer Schwerverkehr auf Autobahnen). Fünf Speditionen nahmen an dem Feldversuch teil. Ziel war es, die Machbarkeit und den Betrieb einer Oberleitungsstrecke auf einer stark frequentierten Autobahn zu erproben und eine Technologie zu testen, die mit deutlich weniger Treibhausgasemissionen im Schwerlastverkehr auskommt. Die TU Darmstadt begleitete das Projekt wissenschaftlich und hat die Erkenntnisse aus dem Pilotversuch dokumentiert.
Beim E-Highway auf der A 5 zwischen Weiterstadt und Langen wurden spezielle Lkw über eine Oberleitung während der Fahrt mit Strom versorgt – ähnlich wie bei Straßenbahnen. Der Versuch endete im Dezember 2024.
Gerhard Lerch von der zuständigen Autobahn GmbH des Bundes antwortet: „Die Anlage bleibt bis auf Weiteres bestehen und unter Beobachtung der zuständigen Verkehrszentrale.“ Dadurch sei sichergestellt, dass die Infrastruktur verkehrssicher sei und der Betrieb der Autobahn störungsfrei erfolgen könne. Das Projekt ELISA habe gezeigt, „dass Planung, Bau und Betrieb eines E-Highway-Systems auf einer Autobahn technisch machbar und betrieblich zuverlässig umsetzbar sind, und zwar unter realen Verkehrsbedingungen“. Nun müssten diese Erkenntnisse als Grundlage für die nächsten Schritte genutzt werden. Gerhard Lerch räumt jedoch ein: „Ob und wie die Oberleitungstechnologie künftig eingesetzt wird, ist derzeit offen; die Entscheidung hierüber liegt nicht bei den Projektbeteiligten, sondern muss voraussichtlich in einem energiepolitischen beziehungsweise energiewirtschaftlichen Rahmen getroffen werden.“ Zumindest sei ein Rückbau der Anlage „derzeit nicht erforderlich und für die Zukunft weder beschlossen noch ausgeschlossen“.
Schaut man etwa auf den Odenwaldkreis, den einzigen Landkreis in ganz Hessen, der über keinen Autobahnanschluss verfügt, sind die Überlegungen zum E-Highway wenig brauchbar für die momentane unternehmerische Praxis.
Also nehmen Betriebe ihre Zukunft selbst in die Hand. Und beginnen mit der Umstellung auf Elektromobilität. Wie die Firma Wissmüller aus Michelstadt. Das Familienunternehmen, vor stattlichen 102 Jahren gegründet, bietet Tagesfahrten und mehrtägige Fernreisen an, von Rüdesheim bis zum Lago Maggiore und darüber hinaus reicht das Angebot. Doch den größten Teil seines Umsatzes, etwa 70 Prozent, bestreitet Wissmüller mit Bus- und Schülerfahrten für den regionalen ÖPNV.
In sieben Monaten zum Ladepark
Innerhalb von nur sieben Monaten hat das Busunternehmen den ersten Ladepark für Busse mit Elektroantrieb im Odenwaldkreis errichtet. Für netto 1,4 Millionen Euro, davon 550.000 Euro Förderung durch die Hessen Agentur, entstanden zwölf Ladesäulen mit 23 Ladepunkten auf dem Gelände in Michelstadt. Bis Ende 2029 sollen sieben E-Busse im Einsatz sein. Aktuell verfügt Wissmüller über 65 Busse, darunter 45 große sowie Citybusse, Sprinter und Zubringerfahrzeuge. „Wir wollen uns strategisch neu aufstellen und investieren in die Zukunft“, sagt Junior-Chef Alexander Wissmüller. Zwei Gründe, die für Strom und gegen Diesel sprachen: Man ist unabhängig von fossilen Energien mit ihren schwankenden Preisen, und für die Wartung fallen bei E-Bussen geringere Kosten an. Hinzu kam eine schmerzliche Erfahrung, die das Tochterunternehmen Verkehrsgesellschaft Gersprenztal (VGG) gemacht hatte. Die Firma mit Betriebshöfen in Reichelsheim und in Bensheim verlor kürzlich eine öffentliche Ausschreibung für ein Linienbündel im Kreis Bergstraße. Ein ausländischer Konkurrent setzte sich durch. „Sie haben unter anderem einen Wissensvorsprung im Bereich E-Mobilität“, sagt Alexander Wissmüller.
Wir gehen jetzt in Vorkasse, um später nicht aus dem Markt zu fliegen
Das soll nicht noch einmal passieren, vor allem nicht bei der Vergabe der Linienbündel im Odenwaldkreis, die in wenigen Jahren neu ausgeschrieben werden. Momentan bedient Wissmüller dort 25 Linien, darunter fünf Hauptlinien und mehrere Erschließungslinien für Schüler und kleinere Orte. Bei öffentlichen Ausschreibungen spielt Elektromobilität eine immer größere Rolle. „Entweder man macht die neueste Entwicklung mit, oder man verschläft sie“, sagt Alexander Wissmüller. „Wir gehen jetzt in Vorkasse, um später nicht aus dem Markt zu fliegen.“
Individuelle Lösungen sind gefragt
Dabei ist das Thema E-Mobilität zumindest bei der VGG schon bisher kein völlig unbekanntes. Ein Elektrobus verkehrt im Kreis Bergstraße, aufgeladen wird er über eine Schwungradtechnik am Bensheimer Bahnhof. „Der Bus ist seit drei Jahren im Einsatz, Laden und Fahren funktionieren ohne Probleme und das Fahrzeug war erst einmal zur Wartung in der Werkstatt“, bilanziert Wissmüller.
Der von CuroCon entwickelte »evTrailer« speist den aus den Solarzellen gewonnenen Strom direkt in die Hochvoltbatterie für den Fahrantrieb ein.
Unter dem Trailer befindet sich der rote Antriebsmotor.
Wer in zehn Jahren nicht auf E-Mobilität umgestellt hat, der ist draußen.
Mit der Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen beschäftigt sich Wißbach schon seit vielen Jahren. „Bei der Umstellung auf E-Mobilität gibt es noch viel zu tun. Vieles wird zu vorsichtig angepackt“, hat der Ingenieur beobachtet. „Die Skalierung hängt hinterher.“ Eine große Zahl an Unternehmen agiere noch zu ängstlich, teils weil das Wissen fehle, wo man ansetzen müsse. „Die lineare Lösung, wonach ich den Tank wieder mit Diesel auftanke, wenn er leer ist, wird bald Vergangenheit sein“, sagt Wißbach. „Wer in zehn Jahren nicht auf E-Mobilität umgestellt hat, der ist draußen.“ Eigene Energiesysteme, die in Verbindung mit PV-Anlagen dann geladen werden, wenn der Strom günstig ist, und mit denen man auch Strom wieder in die Netze speisen und Geld verdienen kann, sieht er als zukünftige Lösung für Unternehmen. „Über die Elektrifizierung bieten sich viel mehr Möglichkeiten als zuvor.“
Eine Einschätzung, die auch für die Gebäudetechnik gewerblicher Immobilien gilt. Thomas Jäger ist Geschäftsführer der JF Group (Jäger-Fischer Unternehmensgruppe, u. a. Jäger Direkt, Innogreen und Deutsche Elektro) mit Sitz in Reichelsheim und Heppenheim, eines ganzheitlichen Anbieters elektrotechnischer Lösungen. „Man sollte sich nicht nur auf den Verbrauch fokussieren, sondern die ganzheitliche Energiebilanz sehen“, ist Jägers Einschätzung. Es schlummerten noch große Potenziale bei der Stromerzeugung auf dem eigenen Gelände. „Bundesweit sind nicht einmal 20 Prozent der gewerblichen Dächer mit Photovoltaik belegt“, zitiert Jäger eine Studie.
Wie verwende ich die Energie effizient?
Drei Fragen tauchten immer wieder auf, wenn sich Kunden mit der Energieversorgung bei gewerblichen Gebäuden befassten: Wie erzeuge ich die Energie, die ich benötige? Wie speichere ich sie? Wie verwende ich sie effizient? Die eigene Energieversorgung so zu digitalisieren, dass man dynamische Stromtarife nutzen kann, bringe viele Vorteile. Nachts, bei geringer Nachfrage nach Strom, sinken die Tarife. Die beste Gelegenheit, um günstigen Strom etwa in mobile Speicher zu überführen. „ Energiemanagementsoftware gewinnt bei Immobilien eine immer größere Bedeutung“, sagt Jäger. Die Erfahrung, die er gemacht hat: Unternehmen sollten nicht auf Biegen und Brechen versuchen, ihren Energieverbrauch zu senken und hier und dort mit hohen Investitionen eher geringe Mengen an Kilowattstunden einsparen, sondern sie sollten ihn intelligent erhöhen. Indem sie etwa über die Hülle der Gewerbeimmobilie Strom produzieren, ihn speichern und in der Folge intelligent nutzen.
Man sollte sich nicht nur auf den Verbrauch fokussieren, sondern die ganzheitliche Energiebilanz sehen.
Wer nachrüste, könne schon viel erreichen. Etwa indem bestehende Heizsysteme einfach erweitert und intelligent vernetzt würden. Die JF Group rät ihren Kunden, Wärme genau dann bereitzustellen, wenn sie gebraucht wird – raumweise und bedarfsgerecht mithilfe individueller Temperatursteuerung.
Saubere Lösung: Auf Gewerbeimmobilien lässt sich oftmals reichlich Strom erzeugen...
... der zum Beispiel für die firmeneigene Flotte mithilfe von E-Ladestationen genutzt werden kann.
Folglich hätten Unternehmen kein Problem mehr damit, sauberen Strom jederzeit verfügbar zu haben, auch weil sie Speicherlösungen in ihr Energiemanagement integrierten, wodurch sie sich von der Abhängigkeit fossiler Brennstoffe entkoppeln könnten. Jägers Kritik an der Bundesregierung lautet: „Sie tut sich zu schwer damit, die Energiewende voranzubringen, weil sie keinem auf die Füße treten will und zu sehr Lobbyinteressen berücksichtigt, welche zu oft den Status quo bewahren wollen. Dies führt jedoch unweigerlich in die Abwärtsspirale, denn Systeme, die sich nur erhalten wollen, scheitern.“
Bund fördert Ladeinfrastruktur
Das Bundesministerium für Verkehr (BMV) fördert den Aufbau von Ladeinfrastruktur für batterieelektrische schwere Nutzfahrzeuge. Die neue Förderrichtlinie richtet sich sowohl an Unternehmen, die Ladeinfrastruktur im eigenen Depot errichten, als auch an Betreiber öffentlich zugänglicher Ladepunkte. Über vier Jahre stehen hierfür insgesamt eine Milliarde Euro bereit. Um den Umstieg auf batterieelektrische Nutzfahrzeuge bestmöglich zu unterstützen, sind neben der Ladeinfrastruktur auch der erforderliche Netzanschluss, Batteriespeicher und Ladelastmanagementsysteme förderfähig. Weitere Informationen zur Förderrichtlinie finden Sie unter www.ptj.de/foerdermoeglichkeiten/lis-e-lkw
Das Bundesministerium für Verkehr (BMV) fördert den Aufbau von Ladeinfrastruktur für batterieelektrische schwere Nutzfahrzeuge. Die neue Förderrichtlinie richtet sich sowohl an Unternehmen, die Ladeinfrastruktur im eigenen Depot errichten, als auch an Betreiber öffentlich zugänglicher Ladepunkte. Über vier Jahre stehen hierfür insgesamt eine Milliarde Euro bereit. Um den Umstieg auf batterieelektrische Nutzfahrzeuge bestmöglich zu unterstützen, sind neben der Ladeinfrastruktur auch der erforderliche Netzanschluss, Batteriespeicher und Ladelastmanagementsysteme förderfähig. Weitere Informationen zur Förderrichtlinie finden Sie unter www.ptj.de/foerdermoeglichkeiten/lis-e-lkw
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 3/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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