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Luftaufnahme des Firmengelände der Primes GmbH mit der Autobahn im Hintergrund
Kommunalwahl

Die Kommunen haben es in der Hand

Wie stark und lebendig ein Wirtschaftsraum ist, hängt auch von den Entscheidungen seiner Städte und Gemeinden vor Ort ab. Denn ihr Spielraum, für Unternehmen ein günstiges Umfeld zu schaffen, ist größer als gedacht.
Der kalte Dezemberwind weht ihm ins Gesicht, als Dr. Thomas Umschlag auf der glasumrandeten Dachterrasse steht. Der Blick des Geschäftsführers von Primes, eines Weltmarktführers in der Laserstrahldiagnose, schweift gen Osten. Wenige Hundert Meter entfernt donnern die Laster auf der A 67 vorbei, ebenfalls in Sichtweite liegt die Ausfahrt Pfungstadt. „Unsere Vertriebler sind wirklich ruckzuck auf der Autobahn“, sagt Thomas Umschlag. Durchaus ein Standortvorteil.
Doch nicht nur für den Vertrieb ihrer Produkte, die die Genauigkeit und das Leistungsvermögen von Lasern messen, ist eine gute Verkehrsinfrastruktur vorteilhaft. Von einer guten Erreichbarkeit profitiert auch die Belegschaft. „Die meisten unserer Mitarbeiter kommen aus dem Umkreis von 25 Kilometern Umgebung“, sagt Umschlag. Wie die Mitarbeiter und Kunden zum Firmengelände in Pfungstadt-Hahn gelangen, ist eines der Kernthemen. Bei der Rekrutierung ist das Hochtechnologie-Unternehmen Primes auf Fachkräfte von den Hochschulen angewiesen. Ein Vorteil der Region liegt für Umschlag darin, dass die Hochschuldichte im Rhein-Main-Gebiet hoch ist. Mit TU sowie Hochschule Darmstadt liegen sogar zwei Standorte nah vor der eigenen Firmentür. „Doch um diese Fachkräfte auch zu uns zu bringen, sind wir auf einen eng getakteten, aufeinander abgestimmten ÖPNV auch abseits der großen Städte angewiesen“, erklärt Umschlag. Viele Absolventen lebten heute einen anderen Mobilitätsgedanken als früher, der Führerschein ist nicht bei jedem gesetzt – ob nun aus Kosten- oder ökologischen Gründen. Da können schon die wenigen Kilometer durch den Wald zwischen dem Darmstädter Stadtteil Heimstätte und Pfungstadt-Eschollbrücken wie eine imaginäre Wand wirken.

Wir müssen unseren Standort attraktiv halten, denn wir sind langfristig auf wissenschaftlichen Nachwuchs angewiesen.

Viele Jahre war es zeitlich und logistisch ein „recht großer Aufwand“, so nennt es Umschlag, das knapp 3.000 Einwohner zählende Hahn vom Oberzentrum Darmstadt aus per ÖPNV zu erreichen. Seit Dezember 2025 fährt die neue Linie DG im 20-Minuten-Takt von Gernsheim über Pfungstadt-Hahn nach Darmstadt. In dieser Hinsicht hat sich etwas gebessert, auch wenn es jahrelang gedauert hat. Für Thomas Umschlag ein Beispiel, das zeigt: „Wir müssen unseren Standort attraktiv halten, denn wir sind langfristig auf wissenschaftlichen Nachwuchs zwingend angewiesen.
Laserleistungsmesssystem der Primes GmbH
Das „PowerMeasuringModul“ ist ein robustes Laserleistungsmesssystem, das die optische Leistung direkt in der Prozesszone fertigungsbegleitend ermittelt. © Markus Schmidt - IHK Darmstadt
Die Entwicklung von Primes ist durchaus beachtlich. Innerhalb von acht Jahren hat sich die Größe der Belegschaft fast verdoppelt, von 75 auf aktuell etwa 130 Mitarbeitende. Auch Pfungstadt profitiert von diesem Wachstum – nicht zuletzt durch die fällige Gewerbesteuer, die in die Stadtkasse fließt. Für Geschäftsführer Umschlag kein Grund zu klagen. „Nach meiner Erfahrung zahlen Unternehmen gerne Gewerbesteuer, wenn die Kommune mit einem über die Notwendigkeiten der Betriebe ins Gespräch kommt. Wir wollen nicht als Bittsteller wahrgenommen werden, sondern als Partner.“ Positiv hebt Umschlag hervor, dass Pfungstadt im Jahr 2016 die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) gründete, nicht nur, um Wohnbau- und Gewerbeflächen zu vermarkten, sondern auch für einen engeren Dialog mit den Unternehmen vor Ort.
Das Beispiel Pfungstadt zeigt: Die 72 Städte und Gemeinden in Südhessen können durchaus viel tun, um ein wirtschaftsfreundliches Umfeld zu schaffen. Zwar gehören die Kommunen im politischen System einer untergeordneten Ebene an. Doch vieles, was den Alltag der Unternehmen vor Ort betrifft, wird auch genau auf dieser Ebene, in den Gemeindevertretungen und Stadtverordnetenversammlungen, verhandelt und entschieden. Wie hoch ist der Gewerbesteuersatz, wo liegt der Hebesatz für die Grundsteuer B? Wie gut ist der eigene Standort bei der Kinderbetreuung aufgestellt? Ob nun der Glasfaserausbau vorangetrieben wird, eine offene Verwaltung mit schnellen Reaktionszeiten Priorität hat oder das lokale Sport- und Freizeitangebot gefördert wird, all das hängt auch von den gewählten Kommunalpolitikern ab.

Kommunalwahl am 15. März

Daher ist der 15. März, wenn die Kommunalwahlen in Hessen vonstattengehen, der Tag, an dem die Bürger entscheiden, wer sie in den nächsten fünf Jahren direkt vor der eigenen Haustür vertritt.
Ein Standort profitiert aber nicht nur von dem demokratischen Ringen seiner Entscheidungsträger um Einzelfragen, sondern eine Stadt oder eine Gemeinde muss auch langfristige Entwicklungen in den Blick nehmen und verfolgen. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, wo der eigene Standort im Vergleich zu anderen steht und welche Stärken und Schwächen ihn auszeichnen, hat die IHK Darmstadt ein Ranking erstellt. Es befasst sich mit den 16 Mittelzentren in Südhessen, mit Städten wie Griesheim, Erbach, Mörfelden-Walldorf oder Lorsch, und soll als solide Grundlage für die eigene Standortbestimmung dienen. Gerne soll der Vergleich Diskussionen entfachen, allesamt mit dem Ziel vor Augen, die lokalen Standortfaktoren zu verbessern – damit Unternehmen besser wirtschaften können.

Pfungstadt ist eine der Kommunen, die einen ordentlichen Schritt nach vorn gemacht haben.


Peter Kühnl beim Pressegespräch
Dr. Peter Kühnl © Klaus Mai
Ein Blick in das aktuelle Mittelzentrenranking der IHK zeigt: „Pfungstadt ist eine der Kommunen, die gegenüber dem Ranking vor fünf Jahren einen ordentlichen Schritt nach vorn gemacht haben“, sagt Dr. Peter Kühnl von der IHK Darmstadt, der die mittlerweile fünfte Studie dieser Art erstellt hat, mit Blick auf die aktuellen Ergebnisse. „Bei der Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes schlägt Pfungstadt alles“, sagt Kühnl. Gegenüber dem Wert vor fünf Jahren hat die zweitgrößte Stadt im Landkreis Darmstadt-Dieburg um 30 Prozent zugelegt. Auch bei den Standortfaktoren hat sich die Stadt verbessert. Bietet sie doch den besten Zugang der 16 Mittelzentren zu leistungsstarkem Breitband, was als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit gilt. In Pfungstadt liegt die Abdeckungsquote bei 98 Prozent.
Einen ähnlich starken Wert kann Viernheim, das südlichste Mittelzentrum Hessens, mit 94 Prozent Abdeckungswert vorweisen. Auch hat sich die Bewertung im Bereich Tourismus und Wohnqualität deutlich verbessert. „Außerdem ist die Gründungsdynamik stark ausgeprägt“, erläutert Standortexperte Kühnl. Ebenfalls gut schneidet die 35.000-Einwohner-Stadt bei den wissensintensiven Gründungen ab. Sie liegt mit 2,99 Gründungen pro 1.000 Einwohner auf Platz zwei der 16 Mittelzentren Südhessens, hauchzart hinter Bensheim. „Außerdem zeigt die Zahl der Unternehmen nach oben“, verweist Dr. Peter Kühnl auf eine weitere Kennzahl.
Doch der Blick in die Zahlen ist das eine. Die Befindlichkeiten vor Ort, das tägliche Erleben im Wirtschaftsalltag fördern ihr eigenes Bild zutage. Welche Standortfaktoren sind den Unternehmen wichtig? Wo sehen sie Verbesserungspotenzial?
In Viernheim betreiben Iris und Thomas Buttler seit neun Jahren das Fachgeschäft „Küchen mit Biss“. Vor einem Jahr sind sie umgezogen, in eine ehemalige Metzgerei. Wo früher Verkaufsraum und Wurstküche waren, werden neben dem eigentlichen Tagesgeschäft, dem Küchenverkauf, jetzt Kochvorführungen und Backevents veranstaltet. „Die Räume haben wir komplett umgebaut, die Beleuchtung hat jetzt LED, die Fußböden sind neu“, sagt der Inhaber. Den Vermieter kannte das Ehepaar schon länger, man blieb in Kontakt und griff zu, als das Geschäft neu vermietet wurde. Warum sich die beiden für die Immobilie am Rand der Viernheimer Fußgängerzone entschieden haben? „Die Lage passt sehr gut zu uns. Der zentrale Parkplatz ist direkt nebenan, von dort gehen geschätzt 60 Prozent der Passanten direkt an unserem Geschäft vorbei. Hier sind die Wege gerade für ältere Kunden kürzer“, zählt Iris Buttler auf. Das kleine Küchenstudio will sich abheben von den Anbietern am Ortsrand rund um das Rhein-Neckar-Zentrum. Thomas Buttler, seit über 35 Jahren im Küchengeschäft tätig, ergänzt: „Der Service am Kunden und das Zwischenmenschliche sind uns wichtig.“
„Die Innenstadt hat mehr zu bieten als nur Wettbüros und kleine Imbissläden.“
Die beiden sehen sich nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer Gemeinschaft von Unternehmern, die Viernheims Innenstadt lebendig und attraktiv halten will. Iris Buttler arbeitet ehrenamtlich bei der City-Gemeinschaft mit. Regelmäßige Aktionen sollen dafür sorgen, dass Viernheims Zentrum wieder interessant wird und bei den Käufern im Gespräch bleibt. „Die Innenstadt hat mehr zu bieten als nur Wettbüros und kleine Imbissläden“, sagt Iris Buttler. Vor Weihnachten beteiligte sich das Küchenstudio wie jedes Jahr an einer Nikolausbilderaktion, bei der insgesamt 1.425 Bilder von Kindergartenkindern und Schülern gemalt wurden – verbunden mit netten Geschenken für die kleinen Künstler. Das alles kostet Zeit und Einsatz. Doch Familie Buttler nimmt das gerne auf sich. Auch, weil die Einzelhändler in diesen Punkten von der Stadt und der Citygemeinschaft unterstützt werden. „Der Draht zur Wirtschaftsförderung ist schon sehr eng“, sagt Iris Buttler. Lobend hebt sie auch hervor, dass der Ordnungsamtsleiter, als er neu in Viernheim war, schon bald im Küchenstudio zum Gedankenaustausch vorbeikam. Kurze Wege, direkte Ansprache: Was die Buttlers ihren Kunden bieten, wünschen sie sich auch im Hinblick auf die Stadtverwaltung.

Lorsch als Vorbild

Das soll aber nicht verdecken, dass sich in Viernheim auch einige Dinge ändern sollten, ginge es nach den Küchenprofis. Dazu müssen sie nur aus den übergroßen Schaufenstern sehen: weggeworfene Pizzakartons am Wegrand, Bonbonpapier, Ziga-rettenstummel und diverse andere Hinterlassenschaften. „Mehr Sauberkeit in den Straßen wäre schon wichtig“, sagt Thomas Buttler. Und auch mehr Sicherheit. „In Viernheim sieht man sehr selten Streifen und dass klare Vorschriften auch umgesetzt und überwacht werden. Gerade in der Fußgängerzone sind die Fußgänger nicht wirklich sicher. Radfahrer, E-Roller und nicht wenige Fahrzeuge fahren, rasen oder parken wild in der für Fußgänger geschaffenen Zone“, begründet der Inhaber. „Das beste Beispiel hier in der Umgebung ist Lorsch. Da passt das alles vorbildlich zusammen.“
„Mehr Sauberkeit in den Straßen wäre schon wichtig und auch mehr Sicherheit.“
Die 72 Städte und Gemeinden in Südhessen stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Ihr Ziel muss es sein, Schritt für Schritt die Standortfaktoren zu verbessern, um für Bürger, Unternehmen und Fachkräfte zugleich attraktiv zu bleiben.
Vergleich der Städte

Wie viele freie Gewerbeflächen stehen zur Verfügung? Werden Anliegen von der Verwaltung schnell bearbeitet? Wie ist es um die Wohnqualität bestellt? Mit diesen und weiteren Faktoren können Städte – zumindest in Teilen – dazu beitragen, dass sich Unternehmen ansiedeln, vor Ort bleiben und Fachkräfte gewinnen. Im Vorfeld der Kommunalwahlen hat die IHK Darmstadt Factsheets veröffentlicht, die Stärken und Herausforderungen sowie entscheidende Standortfaktoren der 16 Mittelzentren sowie Darmstadt aufzeigen.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 1/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit