Newsroom
Nr. 7085868
Transformation

„E-Mobilität funktioniert schon jetzt“

Nanno Janssen erklärt im Interview, wie seine Spedition den Umstieg auf CO2-freie Logistik bewältigt, welche Hürden es noch im Alltag gibt – und was er südhessischen Spediteuren rät.
IHK: Ihre Vision ist die CO2-freie Logistik. Sie setzen voll auf E-Mobilität. Was hat den Anlass zu diesem Schritt gegeben?
Nanno Janssen: Im Endeffekt war es ein Mix aus verschiedenen Umständen: einerseits der persönliche Antrieb, etwas zu tun, denn wir haben nur eine Erde. Aber auch möglichst nachhaltig unterwegs zu sein, im Sinne von wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Wenn wir langfristig keine Gewinne erzielen können oder sich die Technologie nicht rechnet, dann werden wir auch am Markt nicht lange überleben oder auch das Ganze nicht im großen Stil umsetzen können.
IHK: Beim Einstieg in die E-Mobilität hat ein Förderprogramm geholfen.
Nanno Janssen: Richtig, wir haben im Jahr 2021 ein Sanierungsprogramm gestartet, bei dem sowohl die Fahrzeuge als auch die Infrastruktur sehr großzügig gefördert worden sind. Bei den Fahrzeugen wurden 80 Prozent der Mehrkosten gefördert sowie 80 Prozent der Investitionskosten in die Infrastruktur. Es war der ideale Zeitpunkt, um umzustellen, und dementsprechend haben wir damals einen sehr umfangreichen Antrag gestellt für 20 Elektro-Lkw mit der dazugehörigen Ladeinfrastruktur. Dann hat es ein Jahr gedauert bis zur Zusage durch das Bundesamt für Logistik und Mobilität, und dann haben wir die Fahrzeuge und die Infrastruktur bestellt.
IHK: Ihre Spedition hat den ersten E-Laster im Jahr 2024 bekommen und nur zwei Jahre später sind es schon 60. Wie funktioniert der Betrieb im Alltag?
Nanno Janssen: Wir haben relativ schnell gesehen, dass die Technik schon gut funktioniert. Auch in unserem Alltag. Erst dachten wir, wir können die E-Laster nur im Nahverkehr einsetzen, aber dann hatten wir einen Mitarbeiter, Tobias Wagner, der die Umsetzbarkeit im Fernverkehr testen wollte und seine Erfahrungen als »Elektrotrucker« auf Youtube teilt. Schließlich sind die meisten unserer Kunden im Fernverkehr unterwegs. Am Beginn unserer Umstellung haben wir einfach die vorhandene, großflächige Pkw-Infrastruktur verwendet. Denn wenn man den Lkw-Auflieger absattelt, ist die Zugmaschine nicht mehr größer als ein Auto. Und auch auf unsere Ferntouren haben wir schnell die ersten zehn, zwölf E-Laster geschickt. Ein entscheidender Vorteil ist: Weil wir die Ladeinfrastruktur vor Ort hatten, hat jeder weitere E-Laster unsere operativen Kosten gesenkt. Nach den ersten Eindrücken haben wir ohne jegliche Förderung weitere E-Lkw angeschafft.
Verzögerungen gibt es auf Fernstrecken nicht wirklich, weil wir da in den Ruhepausen laden können.
IHK: Bei Fernfahrten sind die Fahrzeuge auf externe Ladestellen angewiesen. Wie groß ist das Risiko, dass es da zu Verzögerungen in der Lieferung kommt?
Nanno Janssen: Wir benutzen zur Hälfte unsere eigene Infrastruktur und zur anderen Hälfte die öffentliche Ladeinfrastruktur. Verzögerungen gibt es gerade auf Fernstrecken nicht wirklich, weil wir da in den Ruhepausen laden können. Im Gegensatz zum Tanken von Diesel gilt das Laden von Strom an sich als Ruhepause, weil der Fahrer diesen Ladevorgang nicht beobachten muss. Schlimmstenfalls bricht der Ladevorgang ab, dann muss erneut gestartet werden. Ich kann beim E-Lkw die Ladezeit als Pausenzeit ansehen. Die europäischen Lenk- und Ruhezeitenregelungen sehen vor, dass man nach viereinhalb Stunden eine verpflichtende Dreiviertelstunde Pause machen muss. Danach darf man wieder viereinhalb Stunden fahren, bevor man die nächste Pause einlegen muss. Dieses Lenkzeitmodell passt gut zu den Ladekapazitäten, die verfügbar sind. Wenn ich mit 300 bis 400 Kilowattstunden lade, dann ist der Akku so voll, dass ich über die nächsten viereinhalb Stunden kommen kann. Gerade auf Fernstrecken gibt es keine Verzögerung. Ich muss nur sicherstellen, dass ich möglichst über Nacht den Lkw vollgeladen bekomme.
IHK: Erfolgt das Aufladen vorwiegend beim Kunden, vielleicht wenn abgeladen wird?
Nanno Janssen: Am sinnvollsten ist es, Wartezeiten zu nutzen. Der Fahrer kann schon vor dem Liefertermin zum Kunden fahren, sich dort auf den Parkplatz stellen und die Zeit zum Laden nutzen. Generell kann die Warte- und Bereitschaftszeit sehr gut zum Laden genutzt werden. Viele unserer Kunden haben eine eigene Ladeinfrastruktur vor Ort, daher sind unsere Zeitverluste minimal und dementsprechend kommen auch keine Lieferverzögerungen zustande.
IHK: Ist denn das öffentliche Netz gut genug mit Ladepunkten ausgebaut?
Nanno Janssen: Gerade in Deutschland ist das an sich kein Problem mehr und es entstehen ja fortlaufend neue Angebote, auch nur für Lkw. Häufig müssen die Fahrer noch absatteln und ihren Aufleger platzieren. Und man kann nicht immer nach exakt viereinhalb Stunden Pause machen, sondern muss manchmal schon nach drei Stunden aufladen, je nachdem, wo der nächste Ladepark ist. Aber Elektromobilität funktioniert im Prinzip schon jetzt. Generell in Europa gibt es bereits über 1.000 Ladeparks, die Laster nutzen können. In Skandinavien ist die Infrastruktur sogar noch besser als hierzulande. Teilweise eher schwierig ist es dagegen in Nordfrankreich, in Osteuropa und in Süditalien, wo die Ladeinfrastruktur erst geringfügig ausgebaut ist.
IHK: Woher beziehen Sie den Strom für Ihre Flotte?
Nanno Janssen: 50 Prozent werden auf Fahrten an öffentlichen Ladestellen und bei Kunden getankt, die andere Hälfte an unserem Unternehmensstandort in Leer. Von dieser Hälfte erzeugen wir 40 Prozent selbst über eine Photovoltaikanlage, die restlichen 60 Prozent erhalten wir als hundertprozentigen Ökostrom von einem regionalen Energieversorger. Wir nutzen dynamische Strompreise, um die Kosten zu senken. Einfach gesagt: Mittags bei viel Sonne beziehen wir mehr Strom zu niedrigeren Preisen und füllen auch unseren Energiespeicher.
IHK: Wie hoch liegen die Kosten eines E-Lasters im Vergleich zur Dieselvariante?
Nanno Janssen: Wenn ich nur die Energiekosten anschaue, rein auf operativer Basis, ist der E-Lkw günstiger, gerade durch die Befreiung von der Mautgebühr bis 2031 in Deutschland. Und er verursacht keine negativen Folgekosten für die Umwelt in Form von CO2. Dafür habe ich deutlich höhere Anschaffungskosten. Wenn ich die Total Cost of Ownership anschaue, also die Gesamtkosten des Betriebs, komme ich auf sehr ähnliche Werte zwischen Diesellaster und E-Lkw. Steigen die Ölpreise langfristig weiter, wird der E-Laster noch attraktiver.
IHK: Welches Feedback erhalten Sie von Ihren Kunden zur Umstellung auf Elektromobilität?
Nanno Janssen: Grundsätzlich finden die Kunden das sehr gut. Allerdings sind nur wenige Unternehmen bereit, Zuschlag zu bezahlen. Am Ende muss ich selber meine Kosten im Griff haben.
IHK: Ein großes Plus der E-Mobilität ist ihre weitgehende Unabhängigkeit von den hohen Spritpreisen. Welche Vorteile kommen Ihnen noch in den Sinn?
Nanno Janssen: Der Fahrkomfort ist tatsächlich deutlich größer. Ich habe selber einen Lkw-Führerschein und kann sagen, dass es sehr viel Spaß macht, einen E-Lkw zu fahren. Er ist deutlich ruhiger. Und bei Gebirgsfahrten gewinnt er durch Rekuperation auch wieder Energie zurück. Die wiederum dazu führt, dass E-Lkw über ein gleichmäßigeres Fahrverhalten verfügen. Man stellt den Tempomaten auf 80 km/h ein, und dann hält er auch die 80 km/h. Auch bergauf, weil Elektromotoren viel leistungsstärker sind als Diesellaster, die am Berg doch sehr zu kämpfen haben. Die E-Lkw helfen uns sogar, neue Fahrer zu gewinnen. Wer einmal einen E-Laster gefahren hat, der will nie wieder zurück.
Bei den Gesamtkosten des Betriebs sind die Werte zwischen Diesellaster und E-Lkw sehr ähnlich.
IHK: Welche Hindernisse durch Staat oder Verwaltung erleben Sie im Betriebsalltag?
Nanno Janssen: Wenn ein Fahrer seinen Laster an einem öffentlichen Ladepunkt abstellt, um ihn über Nacht vollzuladen, darf er laut der jetzigen Regelungen nicht mehr umparken, ohne dass er seine Pause unterbricht. Das Problem ist, dass er dann einen Ladepunkt blockiert für andere, die auch gerne laden würden. Oder dass der Betreiber Blockiergebühren verlangt. Es müsste vielmehr eine Regelung geben, die den Fahrern erlaubt, in dieser Zeit das Fahrzeug noch einmal umzuparken. Dann bräuchte es weniger Ladesäulen, um die Logistik flächendeckend anbieten zu können. Da ist die Politik gefragt, die Regelung etwas zu lockern.
IHK: Wie weit ist Ihre Spedition derzeit auf dem Weg zur CO2-freien Logistik?
Nanno Janssen: Wir haben mittlerweile 60 von 85 Fahrzeugen elektrifiziert. Dementsprechend haben wir etwa 60 bis 70 Prozent unseres Wegs schon beschritten. Ziel ist es, keine neuen Diesel-Lkws mehr anzuschaffen, und die alten gegen Elektrolaster auszutauschen, wenn sie aus Altersgründen ausscheiden. Eine rein elektrische Flotte werden wir spätestens zwischen 2030 und 2035 haben.
IHK: Was raten Sie Spediteuren in Südhessen, wie sie den Einstieg in die E-Mobilität schaffen?
Nanno Janssen: Einfach anfangen! Indem ich den ersten E-Lkw ausleihe und überlege, welche Tour ich leicht elektrifizieren kann. Die Spediteure werden schnell feststellen, dass der Umstieg gar nicht so schwer ist, wie er am Anfang wirkt, wenn man ihn schrittweise angeht. Wichtig ist, jetzt zu starten und nicht weiter abzuwarten.
IHK: Ihr Mitarbeiter Tobias Wagner ist auf Youtube als Elektrotrucker unterwegs und berichtet von seinen Erfahrungen mit E-Lkw im Alltag. Wessen Idee war das eigentlich?
Nanno Janssen: Er hatte die Idee. Über einen Zeitungsartikel hat er ein Bild von unserem Ladepark gesehen mit einem Lkw davor und einfach bei uns angefragt. Er wollte E-Lkw im Fernverkehr testen und dann hat das auch für uns sehr gut gepasst. Seine große Reichweite zeigt, dass es ein gutes Medium ist, um für Akzeptanz für die Technologie zu werben.
IHK: Warum setzen Sie als Nachhaltigkeitslogistiker auf batterieelektrische Lkw und nicht auf wasserstoffbetriebene Laster?
Nanno Janssen: Aus Effizienz- und Kostengründen. Bei Wasserstoff gibt es einen Mangel an Ladestellen, das Tankstellennetz ist sehr ausgedünnt in Deutschland und generell in Europa. Das heißt, ich müsste da auch sehr große Umwege in Kauf nehmen. Außerdem sind die Fahrzeuge noch nicht serienreif auf dem Markt zu kaufen. Und sie sind nochmal deutlich teurer als Elektro-Lkw, in der Anschaffung als auch im Betrieb. Selbst die Reichweiten sind sehr ähnlich zum Elektro-Lkw und nicht wirklich besser. Die Technik ist noch alles andere als ausgereift.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 3/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
Die “Wirtschaftsdialoge” können Sie auch online als PDF-Datei herunterladen.
Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit