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Warum es kein Azubi-Wohnheim braucht

Der Bau von Wohnraum für Auszubildende in Darmstadt ist in der politischen Diskussion. Doch es gibt gar keine Nachfrage dafür – und wird es vermutlich auch künftig nicht geben.
In Darmstadt wird seit einiger Zeit über das Thema Azubi-Wohnen debattiert: Zum einen mit Blick auf die Entwicklung des Messplatzgeländes, zum anderen im Zusammenhang mit dem Neubau des Berufsschulzentrums Mitte. Zuvor hatte das Thema 2024 Einzug in den schwarz-roten Koalitionsvertrag in Hessen gefunden. Darin wird die Absicht bekundet, »gemeinsam mit dem Bund und der Wirtschaft Azubi-Wohnheime analog den Studierendenwohnheimen zu fördern, um bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende in der Nähe ihres Ausbildungsbetriebs zu schaffen«. Doch die IHK Darmstadt spricht sich gegen einen solchen Versuch aus. Denn es gibt keinen Bedarf. Und der Vergleich zwischen Studierendenwohnheimen und Azubi-Wohnheimen hinkt.

Warum überhaupt die Diskussion?

In Hessen gibt es immer weniger Azubis, seit 1980 haben sich die Zahlen halbiert. In der Folge werden Berufsschulstandorte zusammengelegt, was für Auszubildende in vielen Berufen weitere Fahrtwege zur Berufsschule mit sich bringt. Daher die Idee: Um die Ausbildung attraktiv zu halten, sollten Azubi- Wohnheime her.

Wie ist die Einschätzung der IHK?

Vorab: Um die Sicht der IHK wiederzugeben, fokussiert sich die Einschätzung der Industrie- und Handelskammer Darmstadt auf die IHK-Berufe. Auf sie entfallen derzeit etwa 60 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland. Mit Blick auf diese Berufe fällt das Urteil klar aus: Die IHK sieht aktuell und auch perspektivisch keinerlei Bedarf für öffentlich gefördertes Azubi-Wohnen in Darmstadt.

Wie könnte trotzdem eine Lösung aussehen?

Es braucht keine spezifischen Azubi-Wohnheime, doch es würde den angespannten Wohnungsmarkt entlasten, wenn ausreichend bezahlbarer Wohnraum in der Region geschaffen würde. Dies käme generell Haushalten mit wenig Einkommen entgegen.
Betrachtet man zudem ausschließlich das temporäre Wohnen, womit die Unterbringung von Auszubildenden während der Blockphasen in den Berufsschulen gemeint ist, könnten Schulträger für diese Zeiten in der Privatwirtschaft Wohnraum anmieten und zur Verfügung stellen. Oder die Azubis darauf verweisen, sich um solche Lösungen selbst zu kümmern, eventuell über ihre Betriebe.

Was sind die Argumente der IHK gegen ein Azubi-Wohnheim in Darmstadt?

Keine weitere Zentralisierung

In Südhessen gibt es 13 öffentliche und eine private Berufsschule. Sieben, also mehr als die Hälfte, liegen bereits in Darmstadt. Die Hälfte der derzeit über alle Lehrjahre hinweg circa 6.700 Azubis in Südhessen wird in Darmstadt beschult. Die Stadt ist faktisch der zentrale Berufsschulstandort in Südhessen. Eine weitere Zentralisierung der Beschulung müsste auf Kosten der südhessischen Landkreise gehen und ist daher unwahrscheinlich.

Darmstädter Azubis wohnen rund um Darmstadt

95 Prozent der Azubis, die in Darmstadt beschult werden, wohnen in einem Radius von 50 Kilometern. Für vier von fünf ist die Anfahrt nicht länger als 30 Kilometer. Die durchschnittliche Anreisezeit zur Schule beträgt weniger als 20 Minuten. Generell gilt: Ein Großteil dieser Azubis wohnt im unmittelbaren Umfeld seiner Berufsschulen.

Keine Nachfrage nach Azubi-Wohnen

Mit dem Greet Hotel gibt es bereits einen Anbieter, der permanent Wohnraum für Azubis bereitstellt. Es ist bei Weitem nicht ausgebucht. Das zeigt: Öffentlich gefördertes Azubi- Wohnen würde auf einen Markt treffen, der heute bereits mehr Wohnraum für Azubis bietet, als abgerufen wird.

Die Betriebe sind dagegen

Eine Sonderauswertung Hessen der DIHK-Ausbildungsumfrage für das Jahr 2025 zu Azubi-Wohnen hat das Ergebnis gebracht: Für 82 Prozent der hessischen Betriebe spielt es keine Rolle. Neun Prozent stellen Wohnraum für ihre Azubis, weitere fünf Prozent unterstützen nicht monetär oder gar nicht.

Anderer Lehralltag als bei Studierenden

Bisher gibt es nur in zwei der IHK-Berufe Blockunterricht. Künftig könnten es höchstens zehn Berufe sein. Der Alltag der Azubis sieht daher so aus, dass sie ein- bis zweimal pro Woche zur Schule fahren. Anders als Studierende teilen sich Azubis nicht den Lernort. Sie haben keinen zentralen Hochschulcampus, sondern sie verteilen sich auf verschiedene Berufsschulen und mehr noch auf eine Vielzahl von Betrieben in ganz Südhessen, in denen sie 80 Prozent ihrer Ausbildungszeit verbringen.

Kaum Einpendler-Potenzial

Durch das Landesprojekt »Zukunftsfähige Berufsschule« werden hessenweit Standorte zusammengelegt, wenn gewisse Schülerzahlen im ersten und zweiten Ausbildungsjahr unterschritten werden. Darmstadt kann regionaler Beschulungsort für maximal 22 Berufe werden. Für 13 von ihnen wird dann das Einzugsgebiet nur Südhessen sein. Die Erfahrung zeigt: Die Schüler aus diesen Landkreisen ziehen für die Lehre nicht extra nach Darmstadt.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 3/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit