Ausbilden lohnt sich
Drei Unternehmen aus Südhessen zeigen, wie sie konkret von der Ausbildung in ihrem Betrieb profitieren, worauf sie besonders achten und wie vielfältig die Unterstützung ist. Ausbildung kann für Unternehmen zum Wettbewerbsvorteil werden – und für junge Menschen zum stabilen Fundament für ihre berufliche Zukunft.
Dem Fachkräftemangel trotzen, motivierte und erprobte Mitarbeiter für den eigenen Betrieb gewinnen ohne langwierige Einarbeitungszeiten und mit deutlich weniger Fluktuation und Fehlbesetzungen – es gibt viele gute Argumente für die betriebliche Ausbildung. Und doch bildet mittlerweile nicht einmal jedes fünfte Unternehmen mit mindestens einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland noch aus.
Nach einer Analyse des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) für das Jahr 2024 lag die Ausbildungsbetriebsquote bei 18,8 Prozent. Im hiesigen IHK-Bezirk mit den Kreisen Groß-Gerau, Bergstraße, Darmstadt-Dieburg, Odenwaldkreis und Darmstadt sank die Zahl der ausbildenden Betriebe in den vergangenen zehn Jahren von 2.298 auf 1.913 – ein Rückgang von mehr als 16 Prozent.
Die DIHK-Ausbildungsumfrage für 2025 deutet darauf hin, dass sich die Entwicklung fortsetzt. 26 Prozent der Betriebe wollten demnach weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahr anbieten. Die Gründe: Zum einen fehlt angesichts der Rezession manchen beim Thema Ausbildung die erforderliche wirtschaftliche Perspektive. Zum anderen suchen weiterhin viele Betriebe vergeblich nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern. Doch wer erst mal ausgebildet hat, sieht schnell, dass es sich lohnt. So haben die hessischen Ausbildungsbetriebe im Jahr 2024 rund 65.000 Ausbildungsplätze angeboten – der zweithöchste Wert seit 2002. Außerdem erreichten die Übernahmequoten bei Auszubildenden mit 78 Prozent ein Allzeithoch.
Azubi-Suche: „Klinkenputzen zahlt sich aus“
Gerhard Glanzner ist Ausbilder mit Leib und Seele. Die Arbeit mit jungen Menschen sei für ihn spannend, besonders das Weitergeben von Wissen. „Und es hält mich auch geistig jung“, sagt der 50 Jahre alte gelernte Industriemechaniker, der einer von zwei Ausbildungsleitern bei Bürstadt Furniture ist. Das Unternehmen mit rund 500 Mitarbeiter*innen produziert Möbel für einen weltweit führenden Mitnahmemöbel-Hersteller.
Viel Austausch mit den Azubis gehört zum Alltag in der Werkstatt dazu.
Glanzner kümmert sich dort um Recruiting, Schulkooperationen, Organisation und die fachliche Ausbildung von Industriemechanikern, Anlagenführern und Lagerlogistikern. Um Nachwuchs zu gewinnen, setzt er stark auf Präsenz vor Ort: Schulführungen, Praktika, Bewerbertrainings, sogar ein Vorschulprojekt mit einem Kindergarten. „Klinkenputzen zahlt sich aus“, sagt er. Seit November gibt es bei Bürstadt Furniture sogar eine eigene Ausbildungswerkstatt.
Warum dieser Aufwand? Bürstadt liegt in einer industriestarken Region mit etlichen Wettbewerbern. „Wir versuchen, die jungen Leute mit der Ausbildung von uns so zu begeistern, dass sie auch nach der Ausbildung bei uns bleiben“, sagt Glanzner. Zudem stehe das Unternehmen vor einem Generationenwechsel: Viele Fachkräfte gehen in den kommenden fünf bis zehn Jahren in Rente. Ziel sei es, Nachwuchs früh an Maschinen und Produkte heranzuführen, sodass man nach der Ausbildung einen erfahrenen Industriemechaniker übernehme. Aktuell bildet das Unternehmen zehn junge Menschen in fünf Berufen aus, perspektivisch sollen es bis zu 15 sein. Die Übernahmequote liegt bei 100 Prozent, ausgebildet wird ausschließlich für den Eigenbedarf.
Wir versuchen, die jungen Leute mit der Ausbildung von uns so zu begeistern, dass sie auch nach der Ausbildung bei uns bleiben.
Allerdings erlebt Glanzner deutliche Unterschiede bei den Auszubildenden: „Ein Hauptschüler ist bei den Anforderungen quasi immer im Dauerlauf, während ein Fachabiturient manchmal auch sagt, dass ihm langweilig ist.“ Wenn ein Azubi Lücken mitbringt, versucht er diese mit ihm aufzuarbeiten. „Ich gebe prinzipiell erst mal jedem eine Chance – egal welchen Hintergrund er hat.“ Was ihm zudem immer wieder auffällt: Viele seiner Schützlinge sind „schulmüde“, verstehen nicht, warum sie überhaupt noch zur Schule gehen sollen, die oft kaum Praxisbezug hat. Sein Ansatz: verstehen, fördern, fordern. „Man muss die Azubis auch da abholen, wo sie stehen.“
Konkret unterstützt er mit Lernzeiten, Nachhilfe und intensiver Prüfungsvorbereitung – notfalls auch am Wochenende: „Wenn die Azubis sich das wünschen, komme ich auch samstags gerne rein.“ Und auch wenn er natürlich selbst nicht alles wisse: „Wir gucken dann gemeinsam.“ Ebenfalls sehr hilfreich sei in diesem Kontext das Nachhilfeangebot am IHK-Bildungszentrum in Heppenheim. Und auch sonst sei die Zusammenarbeit mit dem Zentrum eng: Grundlehrgänge, Maschinen-, Pneumatik- oder Hydraulikmodule ergänzten die betriebliche Ausbildung.
Grundsätzlich will sich der Mann mit dem kahlen Kopf, dem Rauschebart und dem Tunnel im Ohr nicht verstellen: „Mich gibt es nur authentisch oder gar nicht.“ Er verstehe sich nicht als autoritärer Ausbilder alter Schule, sondern als Begleiter mit klarer Haltung: „Wir wollen Wissen vermitteln – aber wir wollen das mit Spaß.“ Seine Tür stehe immer offen, er sei „24/7 erreichbar“. Doch im Gegenzug erwartet er Leistung. In seinem Leben habe er selbst einiges erlebt und durchgemacht. „Vielleicht“, sagt er, „verstehe ich deshalb diejenigen besonders gut, die so ein bisschen durch das Raster fallen.“
Verantwortung in beide Richtungen
Selbst Verantwortung für die Azubis übernehmen, aber ihnen auch Verantwortung geben – das sind für Christopher Huck zwei wichtige Leitlinien. Er ist zusammen mit seinem Vater Ralf Geschäftsführer von Huck IT in Roßdorf, einem Softwarehersteller mit rund 35 Beschäftigten. Das Unternehmen entwickelt ein IT-Service-Management-Tool für Systemhäuser, IT-Dienstleister und Managed Service Provider – „hoch spezialisiert in einem sehr spitzen Markt“, wie er sagt. Produziert wird mit Fokus auf den deutschen Markt vollständig in Deutschland.
Schon früh übernehmen Auszubildende bei Huck IT in Roßdorf Verantwortung und starten eigene Projekte.
Aktuell bildet Huck IT zwei Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung aus. Neue Azubis gewinnt das Unternehmen vor allem über Online-Stellenanzeigen. „Das funktioniert für uns super, auch wenn wir dann viele Bewerbungen sichten müssen“, sagt Huck. Die sorgfältige Auswahl der künftigen Auszubildenden sei für ihn entscheidend: „Man übernimmt da schließlich Verantwortung für einen jungen Menschen, der zum ersten Mal ins Berufsleben startet.“ Huck kann nicht nachvollziehen, warum so wenige Unternehmen ausbilden: „Wenn ich ausbilde, habe ich doch die Möglichkeit, Menschen mit genau den für uns relevanten Fähigkeiten auszustatten.“ Ausbildung bedeute zwar ein Invest an Zeit, biete aber auch enorme Chancen. Wichtigstes Kriterium für die potenziellen Azubis sei Leidenschaft: „Haben die wirklich Lust, sich bei uns reinzuhängen?“
Wenn ich ausbilde, habe ich die Möglichkeit, Menschen mit genau den für uns relevanten Fähigkeiten auszustatten.
Sein Anspruch ist, Azubis so gut auszubilden, „dass wir sie selbst halten können oder sonst so stark zu machen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind“. Schon früh übernehmen Auszubildende bei Huck IT Verantwortung. Nach spätestens einem Jahr starten sie mit eigenen Entwicklungsprojekten – häufig zunächst intern. Ein Beispiel: Ein Azubi-Team entwickelte ein Tool zur Organisation der Mittagsbestellungen, inklusive automatisierter Abrechnung. Azubis werden in dem Unternehmen von Anfang an als vollwertige Teammitglieder integriert.
„Nicht mit dem Verständnis: Das ist hier der Auszubildende, der macht erst mal Kaffee.“ Sie haben Jahresgespräche, Zielvorgaben und Roadmaps für die eigene Entwicklung: „Wir hatten noch nie einen Auszubildenden, der nicht etwas entwickelt hat, was am Ende an unsere Kunden gegangen ist.“ Die Kernbotschaft für Huck lautet: Ausbildung ist ein strategischer Hebel, wenn man es schafft, dass die jungen Menschen von Anfang an vollwertiger Teil des Teams sind.
Vom Lehrer zum Ausbilder
Nico Tormo ist im Hauptberuf Gymnasiallehrer für Mathematik und evangelische Religion – noch. Denn für die kommenden Jahre strebt er an, vollständig als Unternehmer tätig zu sein. Neben seiner Lehrertätigkeit betreibt er seit sieben Jahren eine eigene Wingtsun-Schule in Wald-Michelbach. Inzwischen gibt es auch eine Zweigstelle in Fürth. Wingtsun ist eine chinesische Kampfkunst mit Fokus auf Selbstverteidigung.
Rund 160 Mitglieder hat seine Schule mittlerweile, überwiegend Kinder und Jugendliche. „Wir sind als einziger Anbieter komplett auf den Bereich Kindersicherheit spezialisiert“, erklärt er. Anders als klassische Kampfsportangebote gehe es nicht um Wettkampf, sondern um realistische Szenarien: „Wir gehen immer davon aus, dass unser Gegenüber körperlich überlegen ist.“ Entsprechend decke das Konzept alles ab – „von der Prävention über die Intervention bis hin zur Nachbereitung“, inklusive juristischer Aspekte.
Nico Tormo (rechts) betreibt eine eigene Wingtsun-Schule in Wald-Michelbach.
Am Anfang steht der Ausbilderschein
Die Nachfrage sei groß – und dieser Erfolg führte dazu, dass Tormo inzwischen einen Teilzeitmitarbeiter für Verwaltung, Vertrieb und Marketing beschäftigt. Das brachte ihn schließlich auch auf die Idee, selbst auszubilden. Die Kontaktaufnahme mit der IHK verlief schnell: „Am nächsten Morgen war schon die Mail da.“ Noch in derselben Woche fand ein Vor-Ort-Termin statt. Besonders beeindruckt zeigte er sich von der Vorbereitung: Torsten Heinzmann, Teamleiter Ausbildung der IHK Darmstadt, sei „unfassbar gut informiert“ gewesen.
Zudem habe Heinzmann das Geschäftsmodell sofort verstanden und differenziert eingeordnet. Gemeinsam entschied man sich für die Ausbildung im Büromanagement statt im Sport- und Fitnessbereich. Die Gründe waren pragmatisch: Die zuständige Berufsschule für Sport liegt in Frankfurt, das wären von Wald-Michelbach zwei bis zweieinhalb Stunden Fahrt. Die Schule für Büromanagement in Bensheim ist dagegen viel leichter erreichbar. Zudem seien die Perspektiven breiter: Eine Büromanagement-Ausbildung eröffne Wege auch in größere Unternehmen, während Sport- und Fitnesskaufleute schon sehr spezifisch seien.
Schon am nächsten Tag war die Bescheinigung da, dass ich in meinem Unternehmen ausbilden darf. Da hatte ich mit deutlich mehr Aufwand gerechnet.
Positiv überrascht war Tormo auch davon, wie schnell er den Ausbilderschein AdA (Ausbildung der Ausbilder) erhielt, der seine Eignung als Ausbilder bestätigte. Da er als Lehrer über die entsprechende pädagogische Befähigung verfügt, ging alles ganz schnell. „Schon am nächsten Tag war die Bescheinigung da, dass ich in meinem Unternehmen ausbilden darf. Da hatte ich mit deutlich mehr Aufwand gerechnet.“ Nun arbeitet er am schulinternen Curriculum.
Auszubildende sollen praxisnah eingebunden werden: Aktenpflege, Inventur, Materialverwaltung, vor allem aber „Interessenten kontaktieren und Probetrainings koordinieren“, steht in der Praxis an. „Das Ziel muss sein, dass wir fähige Leute an den Markt bekommen“, sagt er. Etwas zu schaffen macht ihm dabei jedoch sein Beamtenstatus. Das hessische Beamtengesetz erlaubt Nebentätigkeiten nämlich nur sehr eingeschränkt.
Um ausreichend Zeit für einen Azubi zu haben, will er seine Lehrertätigkeit erst reduzieren und perspektivisch ganz aufgeben. „Ich habe nur die Wahl zwischen ganz oder gar nicht.“ Die starre Regelung kritisiert er: Gute Leute gingen verloren, obwohl ihre Haupttätigkeit nicht leide. Dennoch ist er entschlossen: Er wolle Auszubildende „wirklich kompetent“ machen und ihnen Zeit widmen. Für Tormo steht fest: Ausbildung ist Zukunftssicherung – für seinen Betrieb und für junge Menschen, die Verantwortung übernehmen sollen.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 2/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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