Welche geopolitischen Entwicklungen beeinflussen die Sicherheitsarbeit Ihrer Mitglieder derzeit am stärksten?
Der geopolitische Wettbewerb zwischen den USA und China beherrscht die aktuelle Lage. Handelssanktionen, Exportkontrollen, Zölle und zunehmender Protektionismus wirken sich unmittelbar auf exportorientierte Unternehmen in Baden-Württemberg aus. Hinzu kommen die Spannungen rund um Taiwan, die angespannte Situation im Nahen Osten und die unkalkulierbare Situation in den wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA. Fragile globale Lieferketten und politische Umbrüche in einzelnen Weltregionen, etwa in Südamerika, gehören ebenso dazu. Viele Betriebe bewerten deshalb ihre internationalen Standorte, Lieferketten und Technologietransfers deutlich kritischer, überprüfen ihre Sicherheits- und Risikostrategien und passen sie an.
Wie bereiten sich Betriebe auf neue Bedrohungsarten vor, von Spionage bis Sabotage?
Die Unternehmen setzen zunehmend auf einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu gehören technische Maßnahmen wie IT- und Cybersicherheitsstandards, aber auch organisatorische Vorkehrungen, etwa klar geregelte Zutrittsrechte, Sensibilisierung der Mitarbeitenden und belastbare Krisen- und Notfallpläne. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Risikoanalysen sowohl für eigene Standorte als auch für Lieferketten. Auch eine enge Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden und spezialisierten Dienstleistern sind Teil der Maßnahmen, um Bedrohungen frühzeitig zu erkennen.
Welche Fehlannahmen bestehen in der Wirtschaft noch immer beim Thema Wirtschaftsschutz?
Eine der größten Fehlannahmen ist, dass es „die anderen“ trifft, aber nicht das eigene Unternehmen. Dies wird meist flankiert von der Annahme, das eigene Unternehmen sei als Angriffsziel uninteressant. Auch wird Sicherheit vielfach noch als rein technische Aufgabe verstanden oder mit Compliance gleichgesetzt. Beides sind grundlegend falsche Annahmen. In der Praxis zeigt sich, dass wirksamer Wirtschaftsschutz nur dann funktioniert, wenn er als unternehmensweite Aufgabe verstanden wird. Er erfordert langfristige Planung, organisatorische Maßnahmen und eine Sicherheitskultur, die von der Geschäftsführung mitgetragen und insbesondere auch vorgelebt wird.
Welche Maßnahmen erweisen sich in der Praxis als wirksame Schutzmechanismen gegen Informationsabschöpfung?
Am wirksamsten ist die Kombination aus Technik, Organisation und Sensibilisierung. Dazu zählen verschlüsselte IT-Systeme, klare Zugriffs- und Zutrittsregelungen und sichere Netzwerke wie auch der Umgang mit sensiblen Informationen. Entscheidend ist außerdem die Awareness-Schulung der Mitarbeitenden und eine gelebte positive Fehlerkultur. Wer Risiken erkennt und Auffälligkeiten meldet, trägt wesentlich zum Schutz von Know-how bei.
Welche Mehrwerte entstehen aus der Kooperation zwischen Erstausrüstern, Sicherheitsakteuren und Behörden?
Der größte Mehrwert liegt im offenen und schnellen Informationsaustausch in beide Richtungen. Dies darf keine Einbahnstraße sein. Wenn Bedrohungslagen frühzeitig geteilt werden, können Unternehmen und auch Behörden gezielter reagieren. Gleichzeitig erleichtert die Zusammenarbeit die Umsetzung regulatorischer Anforderungen wie der NIS- 2-Richtlinie oder des KRITIS-Dachgesetzes und schafft Rechtssicherheit. Gemeinsame Standards und abgestimmte Vorgehensweisen stärken darüber hinaus die technologische Souveränität und erhöhen die Widerstandsfähigkeit kritischer Lieferketten.
Welche Best Practices sehen Sie bei Produktionssicherheit und standardisierten Sicherheitsprozessen?
Bewährt haben sich regelmäßige Risikoanalysen, klar definierte Zugriffs- und Berechtigungskonzepte sowie kontinuierliches Monitoring der jeweiligen Maßnahmen. Wichtig ist außerdem, die Sicherheitsanforderungen frühzeitig in Planungs-und Entwicklungsprozesse zu integrieren. Schulungen, regelmäßige Audits und funktionierende, regelmäßig überprüfte Incident-Response-Pläne sind weitere Bausteine. Konkrete unternehmensinterne Lösungen lassen sich dabei naturgemäß nicht öffentlich darstellen.
Welche Bedeutung hat Resilienz für die Unternehmensführung, und welche Rolle spielt dabei die ASW-BW?
Resilienz ist heute ein zentrales Führungsthema. Unternehmen müssen in der Lage sein, auch unter Krisenbedingungen handlungsfähig zu bleiben und Entscheidungen zu treffen. Resilienz wird daher zunehmend als strategischer Erfolgsfaktor verstanden. Krisenstabsübungen unter möglichst realistischen Bedingungen sollten regelmäßig stattfinden, um die Resilienz weiterzuentwickeln. Die ASW-BW unterstützt ihre Mitglieder, indem sie aktuelle Lageinformationen bündelt, den Austausch mit Sicherheitsbehörden fördert und praxisnahe Weiterbildungsangebote zu Krisenmanagement und Resilienzstärkung bereitstellt.
Was brauchen Unternehmen, um auch in länger anhaltenden Krisen handlungsfähig zu bleiben?
Entscheidend sind die Fähigkeit zur frühzeitigen Risikoerkennung, Szenarioplanung und schnelle, faktenbasierte Entscheidungsfindung. Agile Strukturen und Cyberresilienz spielen dabei eine zentrale Rolle. Ebenso wichtig sind stabile Lieferketten, finanzielle Robustheit und eine Unternehmenskultur, die Eigenverantwortung, Lernfähigkeit und offene Kommunikation fördert.
Wie kann die zivil-militärische Zusammenarbeit, kurz ZMZ, weiterentwickelt werden, ohne staatliche und private Aufgaben zu vermischen?
Die ZMZ sollte sich klar auf Koordination, Resilienzsteigerung und insbesondere Informationsaustausch und offene Kommunikation konzentrieren. Hoheitliche Aufgaben müssen beim Staat verbleiben, während Unternehmen für ihre eigene Sicherheits- und Krisenvorsorge verantwortlich bleiben. Sinnvoll sind Lageinformationen, Frühwarnungen sowie gemeinsame Risikoanalysen und strategische Übungen. Dies aber stets bei klar getrennten Verantwortlichkeiten und transparenten rechtlichen Rahmenbedingungen.
Welche Chancen eröffnet die ZMZ für die industrielle Basis Baden-Württembergs?
Für einen stark exportorientierten Industriestandort wie Baden-Württemberg bietet die ZMZ vor allem mehr Planungssicherheit. Ein verbesserter Informationsaustausch hilft Unternehmen, schneller auf Krisen, Lieferkettenstörungen oder hybride Bedrohungen zu reagieren. Gleichzeitig stärkt die Vernetzung von Industrie und staatlichen Akteuren die Resilienz des Standorts insgesamt.