Nachhaltig aus der industriellen Misere?
Die Lage der ohnehin angeschlagenen Industrie hat sich in Relation zur Herbstumfrage spürbar verbessert. Ein Anstieg des Lageindikators um 7 Punkte nährt die Hoffnung auf ein Ende der seit drei Jahren andauernden Abwärtsspirale. Mit nun –5 Punkten bleibt die Stimmung zwar weiterhin im negativen Bereich, liegt aber näher an einem stabilisierten Niveau als noch im Vorjahr. Von einer soliden Ausgangsposition wie vor dem Ukraine-Krieg ist die Branche jedoch weiterhin weit entfernt. Nach wie vor setzt die schwache Inlandsnachfrage Unternehmen unter Druck. Auch die Belastung durch Zölle und Zusatzzölle auf Stahl und Aluminium hält an und erschwert die Wettbewerbsfähigkeit auf dem US-Markt. Auf der Suche nach alternativen Absatzmärkten sehen sich exportorientierte Unternehmen sowohl innerhalb Europas als auch auf Drittmärkten zunehmend einem verschärften Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Insbesondere stark subventionierte Produkte aus China gewinnen in diesen Märkten an Bedeutung und verschlechtern die Wettbewerbsposition heimischer Anbieter spürbar. Steigende CO₂‑Kosten und wachsende Arbeitskosten verschärfen die Standortnachteile und hemmen dringend benötigte Investitionen.
Trotz dieser strukturellen Herausforderungen hat sich die Grundstimmung aufgehellt: Der Anteil der Unternehmen, die ihre wirtschaftliche Lage als schlecht bewerten, ist um mehr als 5 Prozentpunkte auf 27 Prozent gesunken. Parallel dazu nahm der Anteil der Betriebe, die ihre Lage als gut einschätzen, um zwei Prozentpunkte auf rund 22 Prozent zu.
Die schwarz-rote Koalition bleibt der Industrie weiterhin große Reformen schuldig. Die Beschlüsse des Entlastungskabinetts zum Bürokratieabbau erreichen die Unternehmen noch nicht, eine schnelle Umsetzung notwendig. Die Einschätzung der aktuellen Wirtschaftspolitik als Geschäftsrisiko konnte aber leicht auf 39 Prozent sinken. Dennoch haben mehr Unternehmen einen positiven Ausblick auf das kommende Jahr als einen negativen, der Erwartungsindikator verharrt steigt auf +4 Punkte und liegt wieder über 0. 22 Prozent der Industrieunternehmen blickt optimistisch auf die kommenden zwölf Monate – weniger als ein Fünftel bleibt pessimistisch.
Den durchwachsenen Erwartungen liegen Risiken zur wirtschaftlichen Entwicklung zugrunde, welche sich gegenüber dem Vorjahr kaum verändert haben. Die Inlandsnachfrage gerät nicht in Schwung und beunruhigt über 70 Prozent der Befragten. In Verbindung mit hohen Standortkosten stellt dies eine immense Belastung für Betriebe dar. Arbeitskosten (63 Prozent) und Energiepreise (45 Prozent) bleiben prominente Investitionshemmnisse. Geopolitische Spannungen (54 Prozent) und eine schwache Auslandsnachfrage (45 Prozent) gefährden insbesondere die exportorientierten Unternehmen.
Schwache Nachfragen lassen die derzeitige Tendenz der Auftragseingänge weiterhin fallen, wenn auch deutlich schwächer als in der vorigen Umfrage (-5 statt -21 Punkte). Insgesamt ist hier seit Herbst 2023 ein langsamer Aufwärtstrend erkennbar.
Bei der Kapazitätsauslastung herrscht hingegen Stagnation. Mit einer Auslastung von 77 Prozent ist die Industrie etwa 4 Prozentpunkte unter dem langfristigen Mittel und damit unter ihrem Potenzial. Vor dem Hintergrund niedriger Eigenkapitalausstattung, anhaltend hoher Standortkosten sowie einer schwachen Nachfrage bleibt die Investitionsneigung im Inland gedämpft. Dies verdeutlicht die zurückhaltende Einschätzung der Unternehmen hinsichtlich der Nachhaltigkeit des konjunkturellen Aufschwungs zum Jahresbeginn. Der Investitionsindikator liegt bei –10 Punkten und damit rund 14 Punkte unter dem Durchschnittswert der letzten Jahre. Kapazitätserweiterungen sind weiterhin die Ausnahme – lediglich 16 Prozent der investierenden Unternehmen verfolgen dieses Ziel. Stattdessen dominieren Motive wie Ersatzbedarf (69 Prozent) sowie rationalisierende, kostensenkende Maßnahmen (52 Prozent).
Angesichts der hohen Arbeitskosten ist davon auszugehen, dass viele Betriebe in den kommenden Monaten durch Personalabbau oder das Ausbleiben von Nachbesetzungen versuchen werden, die Nachhaltigkeit ihrer Produktion zu sichern. Ein Drittel der Unternehmen rechnet im Jahresverlauf mit sinkenden Beschäftigtenzahlen, während weniger als 10 Prozent eine Erweiterung ihrer Belegschaft planen. Der Stellenabbau wird unsere Industrie voraussichtlich auch 2026 begleiten.
Die Lage der Automotive-Branche verbessert sich klar um 19 Punkte auf –9, kann die Krise aber nicht abschütteln. Nicht mehr allzu verheerend sehen die Umsätze aus: Der Umsatzindikator springt von –49 auf -15 Punkte und zeigt damit sowohl im Inland als auch im Ausland eine spürbare Erholung. Zuletzt waren die Auslandsumsätze noch massiv eingebrochen. Und auch die Auftragseingänge kehren liegen nun 34 Punkte über der Herbstumfrage – bei -3. Nur noch 22 Prozent melden einen Rückgang – im Herbst waren es noch 46. Hoffnung auf Besserung liefern die Erwartungshaltungen. 23 Prozent der Betriebe rechnen mit besseren Geschäften, nur noch jedes 10 mit einer Verschlechterung dieser. Ein Blick auf die Geschäftsrisiken zeigt: alte Probleme der Branche bleiben bestehen. Im baden‑württembergischen Fahrzeugbau rücken kostenbezogene Standortfaktoren zunehmend in den Fokus der Risikobewertung, da sie Wettbewerbsnachteile darstellen. Geopolitische Spannungen (von 62 Prozent angegeben) lösen die Inlandsnachfrage (55 Prozent) als wichtigstes Einzelrisiko ab. Ein zentraler Belastungsfaktor stellen die Arbeitskosten dar, welche 59 Prozent der Fahrzeugbauer und Zulieferer als Risiko nennen.
Auch die Wirtschaftspolitik wird von mehr als der Hälfte der Automobilhersteller als Risiko wahrgenommen. Steigende CO₂- Preise und ausbleibende Reformen sorgen hier für Unmut. Für Unternehmen mit hohem Gas-, Öl- oder Kraftstoffverbrauch wird die Produktion deutlich teurer. Die Auslandsnachfrage wird noch von knapp 50 Prozent als Risiko gesehen, 15 Prozent weniger als im Herbst. Diese Probleme sorgen insbesondere auf dem chinesischen Markt, der auf eigene Produkte setzt, wie auf dem durch Zölle beeinträchtigten US-amerikanischen Markt für sinkende Absatzzahlen. Der europäische Markt wird währenddessen zunehmend wichtiger, was auch die Exportindikatoren zeigen. Die Exportindikatoren zeigen nur für die Eurozone positive Erwartungen, während für den Rest der Welt Zurückhaltung dominiert. Der guten Lage zum Trotz sind die Beschäftigungspläne weiterhin negativ. Der Indikator steigt deutlich um 16Punkte auf –40, doch 46 Prozent der Unternehmen erwarten weiterhin sinkende Beschäftigtenzahlen – ein Trend, der die Branche bereits seit dem Vorjahr begleitet.
Die Metallindustrie verharrt bei leicht verbesserter Geschäftslage im negativen Bereich (-19 Punkte). Der für 2027 angekündigte und rückwirkend geltende Industriestrompreis scheint noch nicht in trockenen Tüchern und wird möglicherweise vielen mittelständischen Unternehmen nicht helfen. Zudem hält die Belastung durch US-Zölle auf Stahl und Aluminium an. Gleichzeitig gewinnt auch der heimische Markt als Risikofaktor an Bedeutung. Der zunehmende Wettbewerbsdruck durch Anbieter aus China belastet den Inlandsabsatz spürbar. Günstige Importwaren – teils zu sehr niedrigen Preisen – verschärfen den Konkurrenzdruck auf dem europäischen Markt und wirken sich dämpfend auf die Absatzmöglichkeiten der heimischen Unternehmen aus. Entsprechend bewerten 76 Prozent der Unternehmen die Inlandsnachfrage als zentrales Risiko für die eigene Geschäftsentwicklung. Nur 17 Prozent der Betriebe rechnen im kommenden Jahr mit steigenden Geschäften. Umsatz‑ und Exporterwartungen bleiben überwiegend negativ, mit Ausnahme des südamerikanischen Marktes, der leichte Hoffnungssignale sendet. Investitionen werden in der Branche voraussichtlich weiter zurückgehen. An Kapazitätserweiterung denken lediglich 11 Prozent derer, die überhaupt investieren. Expansion spielt keine Rolle.
Die positiven Erwartungen aus dem Herbst bestätigen sich zu Jahresbeginn in einer spürbaren Verbesserung der Geschäftslage der Elektrotechnik. Der Lageindikator der Elektrotechnik steigt um 12 Punkte auf +10 und zeigt damit eine robuste Entwicklung. Rückläufige Inlandsumsätze können durch steigende Auslandsumsätze kompensiert werden und lassen die Unternehmen besser als im Vorjahr dastehen. Um 20 auf +15 Punkte steigt dort die Tendenz bei den Auftragseingängen – ein klares Signal, dass hier mit einem anhaltenden Aufschwung zu rechnen ist. Die Geschäftserwartungen bestätigen dies und steigen auf +17 Punkte. Gefährlich wird der Branche die schwache Inlandsnachfrage (68 Prozent Nennungen) und die geopolitischen Spannungen (67 Prozent), welche das gute Auslandsgeschäft riskieren. Dennoch rechnen 38 Prozent mit steigenden Exporten, während nur 4 Prozent einen Rückgang erwarten; das Exportsaldo steigt um 19 Punkte. Besonders auffällig: die Elektrotechnik sieht hierbei in allen Absatzmärkten positive Tendenzen. Trotz dieser positiven Lage wird auch hier von abnehmenden Beschäftigtenzahlen ausgegangen, was den industriellen Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg belasten wird.
US-Zusatzzölle auf viele Warengruppen, eine geringe Inlandsnachfrage und anhaltende geopolitische Spannungen lassen den Maschinenbau im neuen Jahr nur wenig aufatmen. Der Lageindikator verbessert sich nur leicht auf –14 Punkte. Der Umsatzindikator steigt um 10 Punkte auf –17 – ein Wert, der zeigt, dass viele Betriebe schlechter dastehen als noch im Vorjahr. Besonders problematisch ist der Inlandsmarkt: Bei mehr als der Hälfte der Unternehmen sind die Umsätze rückläufig. Die Auftragseingangstendenz ist im Vergleich zum Herbst weniger kritisch, aber noch immer fallend (-7 statt -25 Punkte). Die Erwartungen wandeln sich aber in den positiven Bereich. Geringe Aufträge und hohe Arbeitskosten lassen 36 Prozent dieser Branche mit einer Abnahme der Beschäftigtenzahl im Laufe des Jahres rechnen. Steigende Exporte werden neben Asien und Südamerika nun auch in der Eurozone erwartet.
Auch wenn er zuletzt ins Stocken geraten ist, bleibt der Export für die baden-württembergische Industrie als Motor unverzichtbar. Die im Herbst noch ausgeprägte Skepsis hat sich zum Jahresbeginn leicht reduziert, doch die Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd. Geopolitische Spannungen und bestehende Zölle prägen das Auslandsgeschäft weiter. Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz aus China: Dank staatlicher Subventionen erzielte das Land einen Handelsüberschuss in Rekordhöhe und drängt mit preislich attraktiven Produkten verstärkt auf internationale Märkte – in Amerika, Europa und Asien gleichermaßen. Diese preisgetriebene Wettbewerbsverzerrung setzt viele Industrieunternehmen in Baden‑Württemberg zusätzlich unter Druck und erschwert das Exportgeschäft auf allen wichtigen Absatzmärkten. Die Exporterwartungen für die USA haben sich gegenüber der vorherigen Umfrage deutlich verbessert und liegen 20 Punkte höher, verbleiben aber mit –4 Punkten im negativen Bereich. Damit wird sichtbar, dass die Zollpolitik der Trump‑Administration weiterhin langfristige Belastungen erzeugt. Auch die Unsicherheit durch wechselnde Zollsätze ist nicht vorbei; die bestehenden Abgaben wirken fort und mindern die Umsätze deutscher Industrieprodukte am US-Markt. Zukünftige Exporte am chinesischen Markt werden mit –6 Punkten als fallend verortet, da der chinesische Markt zunehmend auf eigene, günstigere Produkte setzt. Positive Signale kommen hingegen aus anderen Regionen. Die Einschätzungen für Asien (ohne China) und Süd‑ und Mittelamerika verbessern sich erneut und liegen nun bei +11 beziehungsweise +10 Punkten. Die Wanderung hin zu neuen Märkten abseits von den USA und China beginnt sich zu verstärken. Ins Positive haben sich die Exporterwartungen in die Eurozone (-3 auf +6) und die übrige EU (-8 auf +6) gewandelt. Damit gewinnt der europäische Markt wieder an Bedeutung als verlässlicher Absatzraum – ein Trend, der Unternehmen kurzfristig stabile Perspektiven bietet.
