Pressemitteilung 10. Juli 2026

IHK-Umfrage: Mehr als jeder vierte Arbeitstag geht für Bürokratie verloren

Ergebnisse zeigen großen Handlungsdruck: Reformbemühungen müssen im Unternehmensalltag ankommen

Der Abbau von Bürokratie steht auf der politischen Agenda der Landesregierung – und die Erwartungen der Unternehmen sind hoch. Eine aktuelle Umfrage der IHK Region Stuttgart zeigt, warum jetzt aus guten Absichten spürbare Entlastungen werden müssen: Die Betriebe wenden im Durchschnitt 27 Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Prozesse auf. Die Ergebnisse zeigen zudem: Knapp ein Viertel dieses Aufwandes halten die Befragten für entbehrlich.
„Die Unternehmen nehmen die aktuellen Bemühungen um den Bürokratieabbau mit großer Hoffnung wahr. Jetzt kommt es darauf an, dass daraus schnell konkrete Verbesserungen im betrieblichen Alltag entstehen“, sagt IHK-Präsident Claus Paal. „Wenn mehr als ein Viertel der Arbeitszeit in Formulare, Nachweise und Dokumentationspflichten fließt, fehlt diese Zeit für Innovation, Kunden und Wertschöpfung. Bürokratieabbau muss deshalb messbar und für die Betriebe spürbar werden.“ Im Vorfeld des Bürokratieabbaukongresses der IHK Region Stuttgart mit Finanzminister Dr. Daniel Bayaz, dem Parlamentarischen Staatssekretär Philipp Amthor und EU-Kabinettschef Michael Hager am 13. Juli 2026 appelliert die IHK an die Politik, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen und die Betriebe wirksam zu entlasten.
Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich: Bürokratie bindet erhebliche Ressourcen in den Unternehmen – und aus Sicht der Wirtschaft kommt der angekündigte Bürokratieabbau bislang kaum im Alltag an.

Besonders betroffen sind Bauwirtschaft und Finanzbranche

Besonders hoch ist der Anteil der für bürokratische Prozesse aufgewendeten Arbeitszeit in der Bauwirtschaft (29 Prozent) sowie bei Finanzdienstleistungen und Kreditinstituten (37 Prozent). Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass Bürokratie längst kein Problem einzelner Branchen oder Unternehmensgrößen mehr ist. Kleine Betriebe bewerten die Belastung ähnlich hoch wie große Unternehmen. Zwar gelten für sie teilweise Ausnahmeregelungen, in der Praxis werden sie jedoch häufig über die Anforderungen ihrer Auftraggeber in Berichts- und Dokumentationspflichten eingebunden – ein sogenannter „Trickle-Down-Effekt“.
Auch im Vergleich mit den vergangenen Jahren verschärft sich die Situation aus Sicht der Befragten weiter. Branchenübergreifend wird die bürokratische Belastung heute höher eingeschätzt als noch vor zwei oder fünf Jahren. Auf einer Skala von eins bis zehn bewerten die Betriebe die Bürokratiebelastung heute mit 7, vor zwei Jahren lag der Wert bei 5,9, vor fünf Jahren bei 4,7. Besonders kritisch fällt die Bewertung in den Bereichen Bauwirtschaft, Industrie, Gütertransport und Verkehr sowie Finanzdienstleistungen aus.

Deutschland verliert im europäischen Vergleich

Dass Bürokratie auch einfacher funktionieren kann, zeigen die Erfahrungen vieler international tätiger Unternehmen. Mehr als 60 Prozent der Betriebe mit Standorten in anderen EU-Mitgliedstaaten bewerten die bürokratische Belastung dort als geringer als in Deutschland. Dies betrifft unter anderem Berichts- und Dokumentationspflichten, Genehmigungsverfahren, Datenschutz, steuerliche Anforderungen sowie Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und Lieferkettensorgfalt. „Unsere Unternehmen sehen jeden Tag, dass Verwaltungsverfahren auch einfacher funktionieren können. Das sollte Ansporn sein, erfolgreiche Lösungen aus anderen europäischen Ländern konsequent aufzugreifen“, so der IHK-Präsident. „Deutschland darf sich beim Bürokratieabbau nicht mit dem Mittelfeld zufriedengeben. Wir müssen wieder zu den effizientesten Wirtschaftsstandorten Europas gehören.“

Kaum Fortschritte – und kleine Ausnahmen

Trotz zahlreicher politischer Initiativen kommt der Bürokratieabbau aus Sicht der Unternehmen bislang nur langsam voran. So schätzen die Befragten über alle Themenfelder hinweg, dass vom erwünschten Abbau der Bürokratie in den vergangenen zwei Jahren nicht einmal zehn Prozent des Weges zurückgelegt worden sind. Positiv hervorgehoben werden mit zwölf Prozent ausländerrechtliche Verfahren und die Fachkräfteeinwanderung. Hier spielt unter anderem die Arbeit der Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften eine Rolle, ergänzt durch die Zusammenarbeit der IHK Region Stuttgart mit den lokalen Ausländerbehörden.
Deutlich kritischer bewerten die Befragten dagegen lange Verfahrensdauern, fehlende digitale Schnittstellen, uneinheitliche Verwaltungsverfahren sowie umfangreiche Berichts- und Dokumentationspflichten. In der Bauwirtschaft werden erste Fortschritte bei der Digitalisierung von Baugenehmigungen zwar wahrgenommen, insgesamt fällt die Bewertung der Branche jedoch weiterhin unterdurchschnittlich aus.

Klare Vorschläge aus der Praxis

Die Unternehmen machen zugleich deutlich, welche Maßnahmen aus ihrer Sicht die größte Wirkung entfalten würden. Mehr als 70 Prozent erwarten von einer konsequenten Vereinfachung der Verfahren eine spürbare Entlastung. Ganz oben auf der Wunschliste stehen der Abbau von Nachweis- und Dokumentationspflichten, eine durchgängige Digitalisierung ohne Medienbrüche, einheitliche Verfahren nach dem „Once-Only-Prinzip“ sowie schnellere und verlässlichere Entscheidungen der Verwaltung.
„Die Unternehmen haben sehr klar benannt, wo sie Entlastung brauchen. Jetzt gilt es, dieses Wissen in konkrete Reformen zu übersetzen“, sagt Paal. „Der eingeschlagene Weg der Landesregierung stimmt. Berichtspflichten sollten künftig die Ausnahme sein und nicht der Regelfall. Jetzt kommt es darauf an, dass das Entlastungsgesetz seinem Namen gerecht wird. Aus einem Entlastungspaket darf kein neues Bürokratiegesetz werden. Wichtig ist auch, bürokratieschaffende Stellen kritisch zu prüfen, sonst wir der Kampf gegen überbordende Bürokratie nie gewonnen werden.“

Zur Umfrage

An der Umfrage haben sich mehr als 800 Unternehmen in der Region Stuttgart beteiligt. In der Befragung schildern sie sowohl ihre Einschätzung der Bürokratiebelastung als auch konkrete Beispiele aus ihrem Unternehmensalltag.
Das komplette Programm zum Bürokratieabbaukongress finden Sie hier: Einfach machen. Von der Akte zur Aktion – IHK Region Stuttgart