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Startup: Das Traumauto am Handgelenk

Startup Straphouse aus Esslingen fertigt Uhrarmbänder aus ausgedienten Autositzen.
Wer die Gründer von Straphouse besucht, sollte Zeit für die Parkplatzsuche mitbringen. Die Beutau in Esslingen ist ein altes Handwerkerviertel mit schmalen Kopfsteinpflasterstraßen und vielen „Parken verboten“-Schildern. Schade dass man das Auto nicht einfach mit hineinnehmen kann!
Der Gedanke hat die drei Gründer zu einem Werbeslogan für ihre junges Unternehmen inspiriert: „Ihr Auto muss draußen warten, ihre Uhr nicht“, wie Mert Yildirim erzählt. Straphouse arbeitet nämlich ausgedientes Autoleder zu Uhrarmbändern um.


Freundschaft aus Kindergartentagen

Zusammen mit Leon Frädrich und Norman Knapp gründete Yildirim die Straphouse.  Frädrich Knapp Yildirim GbR. Die drei verbindet nicht nur eine Freundschaft, die bis in Kindergarten und Schule zurückreicht, sondern auch die Leidenschaft für coole Autos und teure Uhren. Die Idee, wie sie beides in einer Geschäftsidee zusammenbringen können, kam ihnen im Frühjahr 2021 auf der Esslinger Burg: „Uhren können wir nicht, aber wie wärs mit Zubehör?“
Schon zwei Wochen später hatten sie die ersten BMW-Ledersitze auf Ebay ersteigert und bei Yildirim auf dem Dachboden aufgetrennt und zugeschnitten. Klingt einfach, doch es erfordert viele Studen Arbeit, Nähte zu trennen, Beschichtungen und Unterfütterung zu lösen. Auch muss das dicke Leder gespalten werden, weil es sonst nicht anschmiegsam genug ist.
Eine Ledernäherin in Göppingen stellte die Prototypen her. „Da wussten wir, es geht“, erinnert sich Knapp. Doch für eine Serienfertigung musste eine industrielle Lösung gefunden werden.
Ein vielversprechender Betrieb fand sich im Bayerischen Wald, wie das Trio nach einiger Recherche herausfand: „Eine gute SEO haben die nicht“, grinst Frädrich. ­Haben sie vielleicht auch gar nicht ­nötig, denn der Familienbetrieb produziert die Armbänder für viele große Uhrenhersteller. Waren dem Betrieb die Strap­house-Stückzahlen nicht zu klein? „Der Nachhaltig­keitsgedanke hat den Chef überzeugt“, berichtet Knapp. Schließlich würde das Leder sonst weggeworfen.

Ein Sitz ergibt zwischen 30 und 50 Uhrarmbändern

Inzwischen ist Straphouse nicht mehr auf das Ersteigern ausgedienter Sitze angewiesen, denn ein Sattler aus der Umgebung liefert das gewünschte Leder. Das macht sich auf der Kostenseite deutlich bemerkbar: „Ebay, das ging auf Dauer ins Geld“, sagt Frädrich. Schließlich gibt jeder Sitz nur zwischen 30 und 50 Bänder her.
Wer normalerweise für 20 Euro im Kaufhaus ein Armband kauft, wird bei Preisen von über 150 Euro trotzdem staunen. Allerdings sind das eben handgemachte Unikate. Sie zu nähen erfordert 75 Arbeitsschritte. Dabei sind die Vorarbeiten wie das Suchen, Auslösen, Reinigen und Desinfizieren sowie das Zuschneiden des Leders noch gar nicht mitgerechnet. „Würden wir unseren Stunden­lohn noch drauflegen, würde es sich gar nicht lohnen“, rechnet Yildirim vor.
Braucht man heute überhaupt noch eine Armbanduhr? Schließlich schauen die Menschen doch ohnehin im Minutentakt auf ihr Handy? „Doch gerade“, antwortet ­Frädrich, „für viele Männer ist es der einzige Schmuck, den sie tragen wollen. ­Außerdem ist eine teure Uhr ein Statussymbol und ein Statement, das viel über den Träger aussagt.“ Und neuerdings feiern ja auch die Smartwatches ihren Siegeszug am Handgelenk. Deshalb wird jedem Strap auf Wunsch ein Apple-Adapter beigelegt.

Die Armbänder sollen auch bei Juwelieren zu haben sein

Beworben werden die Produkte hauptsächlich über Instagram. Zukünftig sollen sie auch bei Juwelieren zu haben sein. ­Erste Gespräche verliefen viel­versprechend. Auch die Zusammenarbeit mit Automarken ist angedacht.
Wie ist der zeitliche Aufwand für das Start­up? Yildirim und Knapp studieren noch, der eine Internationales Business Management in Stuttgart, der andere ist angehender Wirtschaftsingenieur. Frädrich arbeitet ­bereits nach Abschluss seines Wirtschaftspsychologiestudiums in der Immobilienbranche. „Wir treffen uns zweimal die Woche für mehrere Stunden abends und beraten, was ansteht“, erzählt Yildirim.
Zum Beispiel eine preisgünstigere Linie für Kunden, die nicht für Autos entflammt sind, sondern die der Nachhaltigkeits­gedanke überzeugt. Aber auch für Auto­enthusiasten gibt es weitere Ideen, zum Beispiel Uhrenhalter aus alten Motor­teilen. Dann kann man noch mehr von ­seinem Auto mit in die Wohnung nehmen.
Dr. Annja Maga für Magazin Wirtschaft 11-12.2022, Rubrik “Menschen und Ideen”