Die besondere Geschichte

Stuttgart sticht Barcelona aus

Wenn das mal keine besondere Geschichte ist: Zwei Tech-Freaks studieren am ­Karls­ruher KIT Wirtschaftsingenieurwesen. Dann ­ziehen sie nach Barcelona, um ihren Master in Sachen künstliche Intelligenz draufzusatteln. Als sie sich daraufhin selbstständig machen wollen, ­recherchieren sie, welches der ideale Standort dafür sein könnte. Das Ergebnis: Stuttgart!

Umzug nach Barcelona

Aber der Reihe nach: Anna Loerzer und Raji Sarhi, sie aus Landau, er aus Feuerbach, studieren ihr Traumfach. Ein Hochschul-Gründerwettbewerb bringt sie auf die Idee zu ihrem ersten Unternehmen: eine Plattform, die Mitbewohner und WGs „matchen“ soll, vergleichbar AirBnb. Die Idee funktioniert, nur bei der Monetarisierung hakt es. Als ein spanischer Wett­bewerber mit einem millionenschweren Startkapital nach Deutschland expandiert, stellen sie ihre Expertise zur Verfügung und heuern im Gegenzug als Berater an. Sie ziehen nach Barcelona, arbeiten und studieren dort.
Doch Covid bringt das Geschäft zum ­Erliegen. „Danach haben wir alle zwei ­Wochen eine neue Geschäftsidee ausprobiert. Unsere GbR gab es ja noch“, erzählt Anna Loerzer. Die zündende Idee kam, als ihr Netzwerken wieder einmal zu einem Stapel Visiten­karten führte: „Wieso sind die eigentlich noch aus Papier?“ fragte sich das Duo.
Arbeiten ist in Stuttgart super

Startupperin Anna Loerzer

So ganz neu ist das Thema zumindest für Loerzer übrigens nicht: Als Kind lebte sie in Japan: „Da haben wir schon im Kindergarten unsere erste Visitenkarte designt“, erzählt sie. Dort gab es auch Computer­kurse für die ganz Kleinen - vielleicht der Startschuss für ihre Tech-Begeisterung.
Gemeinsam stellte das Duo eine Software auf die Beine, mit der die Kontaktdaten per QR-Code oder per NFC auf das Handy übertragen werden. Man muss nur seine Visitenkarte an das Handy des Besuchers halten und schwupp: Die kompletten ­Kontaktdaten einschließlich Ort und Zeit des Kennenlernens finden sich in der Kontakte-App des Gast-Handys. Wobei die Karte natürlich ein ganz anderes Innen­leben  hat als ihre Papier-Schwestern. Und überhaupt ist sie nur eine Konzession an alte Gewohnheiten: die Datenübertragung funktioniert auch von einem Smartphone zu anderen.
A propos Datenübertragung: Schon einmal ein wichtiger Punkt, warum die Wahl für die Gründung von Lemontaps auf einen deutschen Standort fiel. Die Existenz der Datenschutzgrundverordnung ist für die Kunden nämlich die Voraussetzung dafür, dass sie ein solches System überhaupt anschaffen. „Noch sitzen wir bei Verkaufs­verhand­lungen meist dem betrieblichen ­Daten- schutzbeauftragten gegenüber. Deshalb sind wir dabei, das System offiziell vom TÜV ISO-zertifizieren zu lassen“, berichtet Sarhi.

Baden-Württemberg ist für Gründer viel attraktiver als Berlin

Aber wieso zog es die Lemontaps-­Gründer gerade nach Stuttgart? „Wir hätten auch nach Berlin gehen können, aber ­Baden- Württemberg war für uns viel ­attraktiver wegen der tollen Gründerprogramme wie Preeseed“, erklärt Sarhi. Mindestens ebenso wichtig sei aber, dass hier so viele Mittelständler zu Hause sind: „In Berlin gibt es viele Startups aber wenig Corporates. Hier gibt es dagegen viele ­Unternehmen, aber als Tec-Startup ist man etwas ­Besonderes“, hat Loerzer festgestellt.
Nach wie vor sind beide begeistert von ihrer Standortwahl: „Arbeiten in Stuttgart ist super“, findet Loerzer, „die Vernetzung in die Geschäftswelt ist cool, weil die Leute es spannend finden, mit uns zu arbeiten und uns gern weiterempfehlen“. Und die regionale Gründerszene sei zwar kleiner als anderswo, dafür aber bestens vernetzt.
Bereits mehr als 2000 Kunden arbeiten mit der Lemontaps-Karte, vom kleinen Selbständigen bis zur LBS. Zunächst kamen die Kunden über Anzeigen bei Instagram. Inzwischen finden die meisten das Startup über Google oder über Empfehlungen.

50 bis 100 Bewerbungen pro Stelle

Momentan läuft die nächste Finanzierungs-­runde. Wenn es klappt, sollen zu den derzeit vier Entwicklern neue Kollegen hinzu- kommen, vor allem für die Themen Marketing und Vertrieb. Trotz Fachkräftemangels dürfte das kein Problem sein: „Wir sind eine coole Company“, lächelt Loerzer, „auf jede unserer Stellenausschreibungen haben wir bisher zwischen 50 und 100 Bewerbungen bekommen.“
Und das Ziel? „Wir wollen das Google für Kontakte werden und Menschen ­ver­-
binden“, sagt Sarhi. In fünf Jahren soll ­Lemontaps weltweiter Marktführer bei den digitalen Visitenkarten sein. „Wir trauen uns alles zu“, ergänzt seine Team-Partnerin selbstbewusst. Die Chancen stehen gut, dass der Firmensitz dann immer noch Stuttgart ist.
Dr. Annja Maga, Redakteurin Magazin Wirtschaft für Ausgabe 7-8.2022