Startups für die Region

Das Herz sagt „mach!"

Die IHK hat letztes Jahr 6749 Menschen ­beraten, die sich selbständig machen. Eine Ausbildung bei der IHK scheint aber auch an sich ein tolles Sprungbrett in die Selbständigkeit zu sein. Mit Nelly Grandel ­können wir jedenfalls schon die zweite ehemalige Kollegin vorstellen, die ein Unternehmen gegründet hat.
Begonnen hat alles 2003, als die gebür­tige Esslingerin nach ihrem Realschul­abschluss eine Lehre zur Bürokauffrau begann. Danach arbeitete sie viele Jahre in unserer Außenwirtschaftsabteilung, dann in der IHK-Weiterbildung. Parallel absolvierte sie ihre eigene  Weiterbildung zur Wirtschaftsfachwirtin. „Danach hatte ich Lust, mal was Anderes zu machen“, erinnert Grandel. Bald fand sie eine gute Position in einer großen Anwaltskanzlei.

Nichts mehr beschwerdefrei essen können

Doch eines begleitete Grandel die ganze Zeit: ihre Lebensmittelunverträglich­keiten, die immer schlimmer wurden, sodass sie „nichts mehr beschwerdefrei essen konnte“. 2019 wurde ihr klar, etwas mussste sich in ihrem Leben ändern.  Sie suchte nach Lösungen und entdeckte Ayurveda, eine traditionelle indische Heilkunst. Volltreffer! Seither ging es mit ihrer Lebensqualität stetig bergauf.
Grandel beschloss, tiefer in die Materie einzusteigen. Ein Jahr lang ließ sie sich in ihrer Freizeit zur Ayurveda -Ernährungs- und Gesundheitsberaterin ausbilden. ­„Eigentlich habe ich das nur für mich gemacht, aber ich habe gesehen, wie kraftvoll das ist“, erzählt sie. Bald stand für die 37-Jährige fest: „Ich will mein Wissen weitergeben.“  Schon eine Woche nach bestandener Prüfung meldete sie darum bei der Stadt Fellbach ihr Gewerbe an. Schnell fand sie Kunden im Freundes- und Bekanntenkreis, doch noch lief alles neben ihrem eigentlichen Job.

Aus der Kanzlei in die Selbständigkeit

Die Idee, sich selbständig zu machen, ließ Grandel nicht mehr los – obwohl ihr wirklich jeder abgeraten hatte. Vom Partner bis zu ihrem Ausbildungsinstitut. „Aber mein Herz hat gesagt: mach!“, erzählt Grandel. Letzten November wagte sie dann den Sprung ins kalte Wasser, kündigte in der Kanzlei und machte Ayuny zu ihrem Beruf. Der Name steht für „Ayurveda mit ­Nelly“ und ist markenrechtlich geschützt.
Der Anfang war hart. Ständig fielen Ausgaben an, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Die größte Umstellung sei aber
gewesen „dass dir keiner sagt, was du tun darfst oder musst“. Um allen untenehmerischen Anforderungen gewachsen zu sein, hörte sie Podcasts, las Bücher und surfte im Internet: „Es ist wirklich toll, wie viele Informationen frei zugänglich zu haben sind“, staunt sie.
Und noch etwas überraschte Grandel, nämlich dass sie nicht weniger sondern mehr arbeitet als früher. „Ich habe ­sieben Rollen gleichzeitig“, erzählt sie und zählt auf: Beraterin, Communitymanagerin für  Social Media, Marketing- und Vertriebsfrau, Grafikdesignerin, Content-Createrin und Bloggerin, Buchhalterin und Unternehmensentwicklerin. Die kontinuierlichen fachlichen Fortbildungen nicht zu vergessen. „Da kommt ganz schön viel zusammen“, erzählt die Gründerin und strahlt trotzdem.  

Täglich postet Grandel dort Ayurveda-Tipps.

Seine Kunden finden Ayuny über den ­Internetauftritt, vor allem aber über ­Instagram. Täglich postet Grandel dort Ayurveda-Tipps. Was später ganz leicht und einfach aussieht, kostet sie jedes Mal  zwei bis drei Stunden Arbeit. Die Investition lohnt sich aber, wie die Klickrate zeigt. „Mit einem Post habe ich 22.500 Menschen erreicht. Das ist schon irre!“, berichtet sie.
Die Ayuny-Kunden kommen aus ganz Deutschland, denn die Beratungen finden zu 80 Prozent online statt. Meist wird eine drei- bis sechsmonatige regelmäßige ­Begleitung gebucht: „Erst dann sieht man ja Fortschritte“. Auch im Rahmen des ­Betrieb-­ lichen Gesundheitsmanagements war das junge Untenehmen schon aktiv und versorgte die Mitarbeiter mir gesunden ­Süßigkeiten und Nachtischen. Seit Herbst gibt es zudem einen Online-Wortshops, zu Themen wie „Entspannt durch den Alltag“.

Alle finden es jetzt cool

Grandels Herz hatte übrigens recht, schon jetzt kann sie von  ihren ­Einkünften leben. Alle, die ihr zunächst abgeraten hatten, finden das nun „cool“. Dabei ist Nelly Grandel noch längst nicht am Ziel. In den nächsten Jahren will sie größere ­Räume beziehen und Mitarbeiter einstellen, die sie bei ihren sieben Aufgaben unterstützen. Dann hat sie hoffentlich Zeit, sich ihren größten Traum zu erfüllen: „Ich möchte Ayurveda-Medizin studieren“.

Dr. Annja Maga, Redaktion Magazin Wirtschaft für Magazin 9-10.2022