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Mexiko: Mehr als Nearshoring
Mexiko hat seinen Platz in der Weltwirtschaft vor allem als Produktionsstandort für den US-Markt gefunden. Doch diese Beschreibung greift inzwischen zu kurz. Das Land kann sich zukünftig auch zu einem attraktiven Konsummarkt entwickeln.
Industrieller Partner Baden-Württembergs
Dank umfangreicher Investitionen verfügen baden-württembergische Unternehmen über eine starke Präsenz in Mexiko. Deutsche Unternehmen sind insbesondere in der Automobil-, Zuliefer- und Maschinenbauindustrie präsent. Die Branchenstruktur Mexikos weist somit Parallelen zum Südwesten Deutschlands auf.
Für Baden-Württemberg bleibt Mexiko ein wichtiger Industrie- und Absatzpartner. Die BW-Exporte nach Mexiko gingen von 2,68 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 2,51 Milliarden Euro im Jahr 2025 zurück (−6,3 %) und verzeichneten im Zeitraum Januar bis Mai 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum einen weiteren Rückgang um 2,4 %. Aber die rückläufigen Werte sollten nicht überbewertet werden. Das starke Wachstum nach der Pandemie war wesentlich durch Nachholeffekte geprägt. Die rückläufigen Werte des Vorjahres sollten nicht überbewertet werden. Die Entwicklung entspricht dem aktuellen Trend im nordamerikanischen Markt und zeigt sich auch bei den deutschen Exporten in die USA. Das starke Wachstum nach der Pandemie war wesentlich durch Nachholeffekte geprägt. Trotz der jüngsten Abschwächung bleibt das Exportniveau 2025 hoch.
Die langfristigen Wachstumsraten unterstreichen die positive Entwicklung der baden-württembergischen Exporte nach Mexiko: Sie stiegen im Durchschnitt um 5,06 % (2002-2012), 8,46 % (2012-2022) und 7,64 % (2022-2025). Mexiko hat sich damit als einer der dynamischsten und verlässlichsten Handelspartner Baden-Württembergs in Lateinamerika etabliert. Zudem liegt das Exportvolumen Baden-Württembergs nach Mexiko im Jahr 2025 weiterhin über dem Exportvolumen in die Mercosur-Staaten zusammen.
Viele mexikanische Unternehmen verfügen zudem über erhebliches Modernisierungspotenzial. Der Übergang zu Industrie 4.0 und steigender Kostendruck erhöhen die Nachfrage nach Automatisierung, Software sowie effizienten Produktions- und Servicelösungen. Für baden-württembergische Maschinenbauer und spezialisierte Zulieferer bleibt Mexiko deshalb ein wichtiger Markt – unabhängig davon, ob die dort gefertigten Waren später in Mexiko oder in den USA verkauft werden.
USMCA: Unsicherheit bremst Investitionen
Trumps Kurs ist eindeutig: Es soll mehr Wertschöpfung im eigenen Land geben. Dieser Ansatz spiegelt einen breiteren Trend wider, der in vielen westlichen Wirtschaftsnationen zu beobachten ist: der Wertschöpfungsanteil im eigenen Land soll erhalten bleiben bzw. steigen.
Strengere Ursprungsregeln, höhere regionale Wertschöpfungsanteile und zusätzliche Mindestlohnvorgaben könnten die USA für künftige Investitionen attraktiver machen. Japanische Unternehmen sind in Mexiko vor allem in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, der Elektrotechnik und Zulieferbranchen präsent. Trotz einzelner Verlagerungen in die USA, etwa durch Toyota, bleibt Mexiko ein zentraler Produktionsstandort für Nordamerika. Die Investitionen sind weiterhin stark industriell geprägt: 2026 floss rund die Hälfte der japanischen Investitionen in die Fertigungsindustrie.
Die USA dürften bei künftigen Investitionsentscheidungen an Attraktivität gewinnen. Als größter Konsummarkt verfügen sie dabei über einen wichtigen Vorteil. Zusätzlichen Rückenwind könnten verschärfte USMCA-Regeln bringen: So könnten die Anforderungen des Labor Value Content (LVC) und ihre Anhebung zur Diskussion stellen. Derzeit müssen 40 bis 45 Prozent der Fahrzeugwertschöpfung durch Arbeitskräfte mit einem Stundenlohn von mindestens 16 US-Dollar erbracht werden.
Wie wahrscheinlich ist deshalb ein Abfluss von Investitionen aus Mexiko? Zu erwarten sind wohl mehrere Szenarien sowie ein defensiveres Investitionsverhalten: Unternehmen könnten neue Projekte aufschieben, zusätzliche Produktionsschritte in den USA ansiedeln oder bestehende mexikanische Standorte effizienter und stärker lokal ausrichten. Welche Strategie sie verfolgen, dürfte vom Ergebnis der USMCA-Überprüfung abhängen.
Zudem kann Mexiko gegensteuern. Die veränderte Dynamik zwischen den USA und Kanada könnte Mexiko zusätzliche Chancen eröffnen, Investitionen anzuziehen und seine Rolle als ergänzender Standort zu stärken. Gleichzeitig entwickelt sich das Land zunehmend zu einem eigenständigen Industriestandort. So baut Airbus seine Präsenz in Querétaro weiter aus und bezeichnet Mexiko als strategischen Partner. Langfristig wird auch entscheidend sein, die Standortbedingungen stetig zu verbessern und die Abhängigkeit von der Rolle als verlängerte Werkbank der USA zu verringern. Hier beginnt die zweite Geschichte Mexikos: der Wandel zum eigenständigen Absatz- und Investitionsmarkt.
Bandai Namco steht beispielhaft für Mexikos Potenzial als Konsumgütermarkt
Der japanische Hersteller Bandai Namco hat im August 2026 in Mexiko-Stadt seinen ersten Shop in Lateinamerika eröffnet und vertreibt dort unter anderem Sammelartikel zu Anime-Serien wie „Dragon Ball Z“. Die Eröffnung allein belegt keinen breiten Konsumboom, verweist aber auf das Potenzial urbaner, digital erreichbarer und markenaffiner Zielgruppen, die in der deutschen Mexiko-Debatte neben Automobilindustrie und Nearshoring bislang weniger im Fokus stehen.
Dieses Marktpotenzial wird durch die Entwicklung zentraler Wirtschaftsindikatoren gestützt: Nach Angaben der Weltbank stiegen die kaufkraftbereinigten privaten Konsumausgaben je Einwohner von rund 11.300 internationalen Dollar im Jahr 2020 auf 16.594 internationale Dollar 2025. Zugleich soll das nominale BIP pro Kopf laut GTAI von 13.741 US-Dollar 2025 auf 15.779 US-Dollar 2026 und 16.412 US-Dollar 2027 steigen, was gegenüber 2025 einem Zuwachs von rund 19 Prozent entspricht.
Die Größe des mexikanischen Marktes darf nicht über seine regionalen Unterschiede hinwegtäuschen. Kaufkraft, Handelsstrukturen und Konsumverhalten variieren erheblich. Für KMU erfordert der Markteintritt deshalb eine klare regionale und zielgruppenspezifische Ausrichtung sowie verlässliche lokale Vertriebs- und Servicepartner.
Neue Chancen durch das EU-Mexiko-Abkommen
Zusätzlichen Rückenwind bietet das modernisierte EU-Mexiko-Abkommen. Die Verhandlungen sind abgeschlossen. Das Interims-Handelsabkommen könnte noch in diesem Jahr angewendet werden.
Da die Zölle für viele industrielle Güter bereits weitgehend abgeschafft wurden, liegen die wesentlichen Neuerungen insbesondere in der Reduzierung nichttarifärer Handelshemmnisse, vereinfachten Ursprungsnachweisen und verbesserten Marktzugangsbedingungen für Unternehmen. Von weiterem Zollabbau könnten insbesondere die Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie die Lebensmittelverarbeitung profitieren.
Das Abkommen kann Marktchancen verbessern und Planung ermöglichen. Konkrete Vorteile entstehen, wenn die Regelungen angewendet werden. Besonders im Agrar- und Lebensmittelbereich sollen zahlreiche bislang hohe mexikanische Zölle entfallen. Auch Hersteller hochwertiger Konsumgüter und Anbieter konsumnaher Dienstleistungen erhalten bessere Voraussetzungen.
Für deutsche und baden-württembergische Unternehmen liegt die Chance darin, Mexiko nicht länger ausschließlich durch die amerikanische Brille zu betrachten.
Das modernisierte EU-Mexiko-Abkommen bietet die Möglichkeit, Geschäftsbeziehungen über etablierte Branchen wie Maschinenbau und Automobilindustrie hinaus breiter aufzustellen. Während industrielle Kernbranchen weiterhin prägend bleiben, eröffnet Mexiko insbesondere im Konsumgüterbereich zusätzliche Marktpotenziale.
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Dilara Baran