Außenwirtschaft aktuell
Nr. 7059408
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MERCOSUR

Argentinien: Reformtempo ohne Beispiel in der Region

Die Rahmenbedingungen für das internationale Geschäft bleiben anspruchsvoll. Viele baden-württembergische Unternehmen berichten von zunehmenden Hürden, insbesondere durch bürokratische Anforderungen im Inland, einen sich abschwächenden US‑Markt sowie die tiefgreifende Transformation industrieller Strukturen. Entsprechend gedämpft sind die kurzfristigen Erwartungen im Auslandsgeschäft.
Gerade vor diesem Hintergrund rückt der langfristige Blick nach vorne in den Fokus. Um künftige Chancen nutzen zu können, ist es entscheidend, schon heute strategisch und nachhaltig international präsent zu sein. Dazu gehört auch, neue Märkte stärker in den Blick zu nehmen und vorhandene Kräfte zu bündeln.
Neue Absatzmärkte zu erschließen, ist ein zentrales Anliegen der europäischen Handelspolitik. Das EU‑Mercosur‑Abkommen soll daher wichtige Impulse und Perspektiven öffnen.
Im Vergleich zu den anderen Mercosur‑Staaten setzt Argentinien derzeit die meisten Reformmaßnahmen um. Glücklicherweise unterzeichnete das Land das EU‑Mercosur‑Abkommen im Januar 2026 und notifizierte die EU im Februar 2026 formell.
Veranstaltungshinweis:
“Lateinamerika-Briefing: Update Argentinien” (Webinar)
Termin: 1. Juli, 2026, 15.00-16:30 Uhr
Info und Anmeldung hier
Die eingeleiteten Reformen und Einsparungen schlagen sich sichtbar in den makroökonomischen Kennzahlen nieder: Die Inflation sank von über 200Prozent auf zuletzt rund 30Prozent pro Jahr. Zudem erzielte der Staat zwei Jahre in Folge Haushaltsüberschüsse als Ergebnis konsequenter Konsolidierungsmaßnahmen.
Diese verbesserten Fundamentaldaten sind insbesondere für Großinvestoren relevant. Entsprechend stellte eine argentinische Delegation diese Entwicklungen bei einer Reise in die USA, unter anderem in New York, heraus. Beworben wurde dabei das Investitionsförderinstrument RIGI (Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones), das Großinvestitionen durch steuerliche und regulatorische Anreize begünstigt und so auch kleineren Unternehmen helfen soll. Derzeit sind 13 Projekte in diesem Rahmen genehmigt.
Von den jüngsten Reformschritten profitieren nicht nur große Marktakteure, sondern auch kleinere und mittelständische Unternehmen. Besonders relevant für exportorientierte Unternehmen ist die Senkung bzw. Abschaffung der Exportzölle auf Industrieerzeugnisse, Produkte des verarbeitenden Gewerbes sowie insbesondere auf Bergbauerzeugnisse. Gerade im Rohstoff- und Bergbausektor verbessert dies die Kostenstruktur deutlich und erhöht die Attraktivität Argentiniens als Produktions‑ und Investitionsstandort.
Die Entlastung bei Exportabgaben wird von der argentinischen Regierung ausdrücklich als zusätzliches Argument für Investitionen in diesen Sektoren genannt. Neben den spürbaren Verbesserungen bei makroökonomischen Kennzahlen sollen dadurch gezielt neue Investitionen im Bergbau und in nachgelagerten Industrien angeregt werden.
Ergänzend wurden die Importverfahren vereinfacht. In vielen Branchen entfällt inzwischen die Pflicht zur vorherigen Einholung von Importlizenzen. Genehmigungspflichten bestehen weiterhin lediglich in sensiblen Bereichen, etwa bei medizinischen Produkten oder Dual‑Use‑Gütern. Zwar bleibt die Registrierung von Importeuren erforderlich, die Abwicklung der Einfuhren erfolgt jedoch in der Regel über das reguläre Zollanmeldeverfahren.
Das verarbeitende Gewerbe in Argentinien steht zunehmend unter Anpassungsdruck. Investitionen in die Modernisierung von Anlagen konnten in den vergangenen Jahren vielfach aufgrund anhaltender Devisenengpässe nicht oder nur eingeschränkt umgesetzt werden. Entsprechend niedrig fällt die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität aus, gemessen am Verhältnis von Produktionsleistung zu eingesetztem Input. Im Zeitraum 2024/25 konnte dieser Produktivitätsindikator zuletzt jedoch um 3,5Prozent gesteigert werden. Eine differenzierte Betrachtung ist erforderlich, um festzustellen, in welchen Branchen Modernisierungs- und Effizienzinvestitionen vorgenommen werden, da diese nicht in allen Wirtschaftszweigen gleichermaßen erfolgen. Die Lebensmittelbranche verfügt beispielsweise bereits über einen hohen technologischen Stand.
Die industriepolitische Öffnung hat zudem neue Marktbedingungen und internationale Wettbewerber hervorgebracht, an die sich die argentinische Industrie erst schrittweise anpassen muss. In diesem Kontext wurden bereits Produktionsstandorte geschlossen, darunter bei Unternehmen wie Whirlpool sowie in Teilen der Textilindustrie. Bei einigen dieser Schließungen erfolgte eine Umstellung des Geschäftsmodells von der Produktion hin zum Vertrieb.
Demgegenüber verzeichnete der Exportsektor im Agrarbereich zuletzt eine dynamische Entwicklung. Mit Blick auf das Mercosur‑Abkommen und den schrittweisen Abbau von Zöllen ist jedoch davon auszugehen, dass der Wettbewerbsdruck auf die Industrie insgesamt weiter zunehmen wird.
Insgesamt erhofft sich die argentinische Regierung, dass die aktuellen Reformen nicht nur den Rohstoffsektor stärken, sondern auch neue industrielle Wertschöpfung ermöglichen, insbesondere in nachgelagerten („Downstream‑“) Branchen. Der Aufbau dieser Wertschöpfungsketten erfordert erhebliche Investitionen. Zugleich besteht die Sorge, dass arbeitsintensive Industrien unter Druck geraten.
Zusätzlich wird in vielen Wirtschaftsbereichen zunehmend der US‑Dollar als Referenzwährung genutzt, wodurch ein schwacher argentinischer Peso bislang unterstützend für die Exporte gewirkt hatte.
Ein weiterer Aspekt betrifft das in den Wirtschaftswissenschaften als „Dutch Disease“ (holländische Krankheit) bezeichnete Phänomen. Es beschreibt die Situation, in der ein Land hohe Einnahmen aus dem Rohstoffsektor erzielt. Durch Maßnahmen wie die Abschaffung von Exportsteuern auf einen Großteil mineralischer Rohstoffe verfolgt die argentinische Regierung das Ziel, Investitionen und Exporte auszuweiten.
Diese erhöhten Rohstofferlöse können jedoch zu einer steigenden Nachfrage nach der Landeswährung führen und damit zu einer Aufwertung des Pesos. In der Folge verlieren andere Exportsektoren an Wettbewerbsfähigkeit, da ihre Produkte im internationalen Vergleich teurer werden. Dieser Effekt stellt insbesondere für das verarbeitende Gewerbe eine potenzielle Herausforderung dar.
In Argentinien besteht weiterhin erheblicher Handlungs- und Entwicklungsbedarf. Dies gilt auch für den Rohstoffsektor, dessen Potenziale sich nicht kurzfristig erschließen lassen. Gleichwohl bietet sich bereits jetzt die Möglichkeit, frühzeitig Kontakte zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen und eigene Technologien zu positionieren.
Von zentraler Bedeutung ist dabei der Austausch mit lokalen Branchenakteuren, insbesondere mit Ingenieuren, Projektentwicklern und Unternehmen vor Ort. Rohstoffprojekte sind in der Regel langfristig angelegt; die Entwicklungs- und Realisierungszeiträume können sich über mehrere Jahre erstrecken. Entsprechend müssen Technologieanbieter bereits in frühen Planungsphasen berücksichtigt werden. Vor diesem Hintergrund ergeben sich langfristige Chancen für Unternehmen, die sich frühzeitig im Markt positionieren.
Im Fokus stehen insbesondere Rohstoffe wie Lithium und Kupfer, aber auch die Erdöl‑ und Erdgasvorkommen in der Schieferformation Vaca Muerta. Begleitend sind umfangreiche Infrastrukturinvestitionen vorgesehen, etwa in erneuerbare Energien, den Ausbau von Windparks und Stromnetzen, Energiespeicherlösungen sowie in Hafen‑, Bahn‑, Wasser‑ und Stadtinfrastruktur. Auch im IT‑Bereich ist Argentinien gut aufgestellt. Gründe hierfür sind eine starke akademische Ausbildung insbesondere in den MINT‑Fächern, eine lange Tradition in Software‑ und IT‑Dienstleistungen sowie ein großes Angebot gut qualifizierter Fachkräfte.
Insgesamt eröffnet Argentinien trotz bestehender Risiken einem langfristig orientierten Engagement attraktive Perspektiven für Unternehmen, die frühzeitig Position beziehen und bereit sind, sich aktiv in die strukturelle Transformation des Landes einzubringen.
Dilara Baran, IHK Region Stuttgart
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