Die Rosenbaums

Verfolgung, Exil und Erinnerung

Die 1920er Jahre waren wirtschaftlich eine höchst schwierige Zeit. Auch nach dem Ende der Inflation 1924 stagnierte die Industrie. Etliche Firmen gingen bankrott. Die Weltwirtschaftskrise erreichte Memmingen 1930/31 und machte den Memminger Unternehmen sehr zu schaffen: Es gab Entlassungen, Schließungen, Bankrotte. 1931 musste die Mechanische Bindfadenfabrik schließen, auch die jüdischen Firmen Günzburger und Gutmann lagen weitgehend still. Gegen die Firma von Wilhelm Rosenbaum schwebten Pfändungsprozesse, da er Zinsen für Kredite nicht bezahlen konnte.
Während der NS-Zeit brachen für Juden und andere Verfolgte alle rechtlichen Schutzdämme. Die rechtsradikalen Attacken der 1920er Jahre erschienen dafür wie ein Probelauf. Diese Maßnahmen zerstörten auch die Existenz der Familie Rosenbaum.
Als pädagogische Begleitung zum IHK-Film über die Familie Rosenbaum könnten Schüler eine oder mehrere Erinnerungsstelen konzipieren, deren Text-Bildfeld im Maßstab 1:1 auf einer Papierbahn als Collage aufgebracht wird. Dabei lernt man, umfängliche oder schwierige Zusammenhänge auf einem begrenzten Raum darzustellen. Das kann als Modell dafür dienen, der Erinnerung an die jüdische Geschichte im eigenen Ort eine Form zu geben. Das Ergebnis lässt sich gut in einer Ausstellung zeigen oder vielleicht sogar als Vorbild für eine Umsetzung im öffentlichen Raum anbieten.
Das Schicksal der Familie Rosenbaum legt folgende Themen nahe:
  • Memmingen in der NS-Zeit – eine Stadt wandelt ihr Gesicht.
  • Maßnahmen gegen Juden – der alltägliche Schrecken.
  • „Unwertes Leben“ – der Weg von Bertha Rosenbaum.
  • Leben im Exil – auf der Suche nach einer neuen Identität.
  • Erinnern und Mahnen – das Beispiel Memmingen.
Einige technische Angaben zu den Stelen: Das Text-Bildfeld kann die Maße 0.60 m x 1,10 m haben. Die Texte werden mit 20 Punkt gedruckt, sie sollten 1500 Anschläge nicht überschreiten. Es ist Standard, die Texte auch ins Englische zu übersetzen. Es gibt vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten, etwa mit einem großen Kopfbild zu arbeiten. Bei mehreren Stelen sollte eine gemeinsame Gestaltungslinie erkennbar sein. Natürlich ist es auch denkbar, die Inhalte der Stelen gezielt auf Jugendliche auszurichten und dafür die richtigen sprachlichen Mittel zu finden.

Memmingen in der NS-Zeit – eine Stadt wandelt ihr Gesicht

© CS-Medien
Anfang März 1933 wehte die Hakenkreuzfahne auch am Memminger Rathaus. Die Stadt wandelte ihr Gesicht. Die Veränderungen lassen sich anhand von Fotos anschaulich demonstrieren und beschreiben:
Fahnenhissung am Rathaus war eine Demonstration der Macht. Die neue Politik zog mit Hitlerbild und Hakenkreuz auch in die Ratsstuben ein: Vor dem Schreibtisch des Memminger Bürgermeisters lag ein Perserteppich aus dem arisierten Besitz der Familie Rosenbaum.
Plätze verloren ihre ursprüngliche Funktion und veränderten sich. Öffentliche Räume wurden optisch und akustisch besetzt, die Presse gleichgeschaltet.
Auch das traditionelle Erntedankfest erschien in einem neuen Gewand.

Maßnahmen gegen Juden – der alltägliche Schrecken

Wieder galten nach 1933 die ersten Attacken Wilhelm Rosenbaum, wieder wurde an ihm ein Exempel statuiert.
Am Tag vor dem 1. April 1933, dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, wurden Wilhelm Rosenbaum und andere jüdische Kaufleute verhaftet, „in Schutzhaft“ genommen, hieß das. Vor den Memminger jüdischen Geschäften standen Posten mit Gewehr.
Rosenbaum war bis zum 29.5.1933 im Landgerichtsgefängnis inhaftiert. Da Frau und Tochter erfahren hatten, dass er nach Dachau geschickt werden sollte, bedrängten sie Bürgermeister Berndl, seine Entlassung zu befürworten, was er schließlich widerwillig tat, mit der Begründung, dass sonst Arbeitsplätze verloren gingen.
Als man in Memmingen von Rosenbaums Entlassung hörte, versammelte sich wieder eine Menschenmenge vor seiner Villa und schrie: Heraus mit dem Käseschieber und Schieber gehören nach Dachau. An die Wand der Synagoge wurde mit Teer geschmiert: „Jude Rosenbaum und Knecht Berndl nach Dachau!“ Die Menge schlug Fensterscheiben ein, brach Zaunlatten aus dem Zaun und stieß schlimmste Drohungen gegen Rosenbaum aus. Bald flogen Steine. Ein Stein landete auf dem Kopfkissen der jüngsten Rosenbaum-Tochter, die jedoch dort nicht schlief. Er wäre wohl tödlich gewesen. Rosenbaum kam nicht zurück, da ihn der Bezirksamtmann schriftlich kühl darauf hinwies, wenn er nach Memmingen zurückkehre, werde er wegen der Volksstimmung sofort wieder in Schutzhaft genommen. Es blieb ihm nur die Flucht ins Ausland.
Als Rosenbaum 1933 im Gefängnis saß, kündigte die Sparkasse mit einem Schlag alle Kredite mit der Begründung, er sei überschuldet. Ende Dezember 1933 wurden Villa und Käselager zwangsversteigert, die Stadtsparkasse erwarb das Anwesen für 65.000 Mark. Dieses Vorgehen war keineswegs „normal“, denn gleichzeitig verhinderte die Stadtsparkasse, dass ein ähnlich verschuldetes Unternehmen eines NSDAP-Mitglieds versteigert wurde. Bürgermeister Heinrich Berndl als Mitglied des Sparkassenvorstands hatte auch in den folgenden Jahren ein waches Auge darauf, welche jüdischen Anwesen für die Stadt interessant und verwertbar waren. 1934 vermietete die Stadt Memmingen die Villa von Wilhelm Rosenbaum an eine Tarnorganisation der Reichswehr.
Doch die Hetzjagd gegen die Juden ging weiter. Der traditionelle Faschingszug bot Gelegenheit für rassistischen Spott und Häme.
Im November 1938 wurden in der Pogromnacht die jüdischen Synagogen geschändet, so auch Memmingen. Das Gotteshaus, der Stolz der jüdischen Gemeinde, wurde abgebrochen. Stadtbewohner, auch Lehrer mit ihren Schülern, beteiligten sich, andere schauten zu, niemand widersetzte sich.
Abriss der Synagoge_1
Mitläufer – Mittäter: Abriss der Synagoge, 1938 | Copyright: Stadtarchiv Memmingen
Der „Allgäuer Beobachter“ kommentierte am 11. November 1938 den Abriss mit den Worten, „daß die Herrschaft der Juden in Memmingen ein für allemal vorbei ist“.
Die erste große Deportation von München nach Kaunas im November 1941 war der Beginn von weiteren 39 Transporten in den Osten . Jakob Harburger und Anna Herz etwa standen auf der Deportationsliste nach Kaunas, Martin Laupheimer wurde im April 1942 nach Piaski deportiert und ermordet. Drei Namen von 88 ermordeten Juden aus Memmingen, 67 wanderten noch rechtzeitig aus.
Doch das Reichssicherheitshauptamt, vorgesetzte Dienststelle aller Gestapostellen erweiterte den Kreis der zu Deportierenden: Nun sollte die Gestapo auch geschiedene jüdische Ehepartner deportieren, die bisher durch die Ehe mit einem „arischen“ Ehepartner geschützt gewesen waren. Das Schreiben vom 7. Januar 1944 verdeutlicht, unter welchen Bedingungen, solche Verhaftungen zu geschehen hatten. Landrat und örtliche Polizei waren Teil der Aktion.
Schreiben der Münchner Gestapo
Deportation: Schreiben der Münchner Gestapo vom 7. Januar 1944 | Copyright: Stadtarchiv Memmingen
Die Deportationen erfüllten noch einen anderen Zweck: Die Aneignung und Beraubung jüdischen Vermögens.

„Unwertes Leben“ – der Weg von Bertha Rosenbaum

Bei Bertha Weill, geborene Rosenbaum, einer Schwester Wilhelm Rosenbaums, diagnostizierten die Ärzte nach ihrer Scheidung 1912 eine manisch-depressive Erkrankung. Man behandelte sie in verschiedenen Krankenhäusern, 1940 wurde sie Opfer der Euthanasieverbrechen. Im Nationalsozialismus stigmatisierte man Menschen mit physischen oder psychischen Erkrankungen als „unwert“ und ermordete sie in eigens eingerichteten Tötungsanstalten. Den Euthanasieverbrechen – das altgriechische Wort „Euthanasie“ bedeutet eigentlich „schöner Tod“ und diente als Begriff zur Verschleierung der Verbrechen – fielen im Reichsgebiet 250 000 Menschen zum Opfer. Die erhaltenen Fotos und Dokumente zu Bertha Weill ermöglichen, ihren Weg nachzuvollziehen, und legen einiges zu „Pflegeeinrichtungen“, verantwortlichen Ärzten und Heil- und Pflegeanstalten bis zur Ermordung offen: die Pflegeanstalten Kaufbeuren und Eglfing-Haar, die Irrenanstalt Cholm II, polnisch Chelm. Cholm II war allerdings eine Tarnadresse, die Morde wurden in der Tötungsanstalt Hadamar in Mittelhessen vollzogen. Tarnen und Täuschen waren Teil der Strategie der Euthanasieverbrechen.
Berta Weill
Von links: Bertha Weill (1878-1940), geb. Rosenbaum, eine Schwester Wilhelms, Gertrud Rosenbaum (1910-1986), Hilde Rosenbaum (1915-2011), Alice Rosenbaum (1918- 2012), Wilhelm und Susanne Rosenbaum | Copyright: Raya Hoffmann
Das Familienfoto, aufgenommen um 1922, zeigt Bertha Weill, geborene Rosenbaum, mit ihren Nichten, der kleinen Alice auf dem Schoss des Vaters, Schwägerin und Bruder Wilhelm. Die psychische Erkrankung hatte Spuren hinterlassen. 1929 schrieb Bertha an ihre etwa elfjährige Nichte Alice aus Paris eine schicke Fotopostkarte, die sie in guter Verfassung zeigt.
Fotokarte von Bertha Weill_1
Fotokarte von Bertha Weill_2
Fotokarte von Bertha Weill, Schwester Wilhelm Rosenbaums, an ihre Nichte Alice, Paris, 18.12.1929 | Copyright: Archiv Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren
1934 setzten die Nationalsozialisten ihre erbbiologischen und rassenhygienischen Pläne, die bereits zwei Jahrzehnte die Diskussion in der Wissenschaft prägten, in die Tat um, etwa die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ oder die „radikale Ausmerzung alles Minderwertigen“. Die Sterilisation von „Erbkranken“, „Schwachsinnigen“, aber auch Menschen mit psychischen Erkrankungen galt als eine sinnvolle rassenhygienische Maßnahme. Bertha entging dieser Maßnahme, da sie als „fortpflanzungsunfähig“ eingestuft wurde. Das Schreiben unterzeichnete Dr. Valentin Faltlhauser.
Unfruchtbarmachung
1934 entging Bertha Weill der sogenannten „Unfruchtbarmachung“. Arzt: Dr. Valentin Faltlhauser
Faltlhauser war seit 1929 Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und verantwortete als Arzt den Vollzug. Sorgenvolle Nachfragen von Angehörigen, hier ein Schreiben ihres Sohnes Richard, bei der Klinikdirektion über den Gesundheitszustand gingen ins Leere, denn die Vorbereitungen zur Deportation in eine Tötungsanstalt waren nur noch eine Frage der Zeit.
Brief_Richard Weill
Sohn Richard Weill erkundigt sich in einem an die Direktion der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren nach dem Befinden seiner Mutter.
Benno Rosenbaum erhielt auf seine Anfrage von Dr. Faltlhauser die Nachricht, Bertha Weill sei in die Nervenheilanstalt Eglfing-Haar verlegt worden.
Brief_Benno Rosenbaum
Auch Benno Rosenbaum erkundigte sich am 28.11.1940 bei Direktor Dr. Faltlhauser nach dem Verbleib von Bertha Weill.
Dies bedeutete nichts anderes als eine Zwischenstation in den Tod. Hier leitete Dr. Hermann Pfannmüller die Anstalt, 1930 stellvertretender Direktor in Kaufbeuren unter Valentin Faltlhauser.
Dr. Pfannmüller hatte die Tötungsempfehlung von mehreren Tausend Kranken zu verantworten: Auch Bertha Weill fiel seiner Begutachtung zum Opfer. Das Schreiben ihres Vormunds Dagobert Weinberg, wohl vom 4. Februar 1941, belegt, dass Bertha in der „Irrenanstalt Chelm“ gestorben ist.
Brief_Dagobert Weinberg
Dagobert Israel Weinberg, Vormund der erkrankten, inzwischen ermordeten Bertha Weill, bittet, den kleinen Besitz Berthas zu verkaufen und das Geld auf ihr Konto zu überweisen.
Die Patienten dort waren bereits ein Jahr vorher brutal ermordet worden. Die späte Information hatte den Zweck, dass von den Angehörigen über den Tod hinaus Verpflegungskosten kassiert werden konnten, schreibt der Euthanasieforscher Michael von Cranach. Zudem ließ man die Angehörigen im Unklaren über das Schicksal ihrer kranken Angehörigen, um die Morde zu verschleiern.
Faltlhauser machte als Psychiater NS-Karriere: Er gründete eine Ortsgruppe der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ und war Beisitzer beim „Erbgesundheitsgericht“ in Kempten, das auf der Grundlage willfähriger psychiatrischer Gutachten über Zwangssterilisationen entschied. Faltlhauser wurde in den Reichsauschuss berufen, der Kinder-Euthanasie vorbereitete. Hier war Faltlhauser ab 1940 als T4- Gutachter tätig. Die Bezeichnung „Aktion T4“ war der Tarnname der Zentraldienststelle T4 in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, wo über die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung entschieden wurde.
Im Jahr 2014 erinnerte die Stadt Memmingen mit der Benennung einer Straße an Bertha Weill.
Wilhelm Rosenbaum verlor eine noch eine weitere Schwester: Alma Adler, wie sie nach ihrer Heirat hieß, konnte von München nach Prag emigrieren, wurde von dort jedoch über Lodz nach Auschwitz deportiert. Nur dem Bruder Moritz gelang die Emigration nach Palästina. Die Verfolgungen der Juden waren selten Einzelschicksale, sondern zumeist Familienschicksale.

Leben im Exil – auf der Suche nach einer neuen Identität

Die Erarbeitung dieser Stele bietet nicht nur Gelegenheit, die schwierigen Wege ins Exil kennenzulernen, sondern sie kann Grundlage sein für Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, die selbst einen Migrationshintergrund haben: Sie können erzählen, wie schwierig das Ankommen ist, das Erlernen der neuen Sprache, das Finden von Freunden. Sie wissen aus Erfahrung, wie unterschiedlich der Prozess in der ersten und zweiten Generation verläuft. Die Wege der Familie Rosenbaum, insbesondere der Töchter Getrud, Hilde und Alice sowie einiger anderer Memminger Juden, bieten anschauliche Beispiele.
In den ersten beiden Jahren nach der Machtübernahme verließen drei Familien Memmingen, berichtete die Schülerin Dorothee Linn, Absolventin des Ernst-Reisinger-Gymnasiums in Schondorf, die bereits Ende der 1960er Jahre eine vorbildliche Arbeit zu diesem Thema vorlegte: Die Emigrationszahlen verdeutlichen die Notwendigkeit auszuwandern. Gab es vor der Reichspogromnacht von 1938 noch 68 Glaubensjuden in Memmingen, so war es nach dem Ereignis gerade noch einmal die Hälfte. Nach 1939 gelang noch 20 Juden der Weg ins Exil.
Für Auswanderung wurde Juden eine ganze Reihe von Sondersteuern auferlegt, die einer Enteignung gleichkamen. Dazu zählten die sogenannte Reichsfluchtsteuer, nach 1938 die Judenvermögensabgabe als „Sühneleistung“ für den Novemberpogrom oder hohe Abgaben bei Geldtransfers und auf Umzugsgut. Nach der Reichspogromnacht kontrollierte der Staat alle jüdischen Vermögenswerte, Finanzamt, Reichspost und Geheime Staatspolizei trieben die Sondersteuern ein. Nach 1941 ermöglichte eine Auswanderungssperre die Flucht nur noch in Ausnahmefällen. Ein kaum zu beschreibender psychischer Druck begleitete die Emigrationswilligen. Zugleich erschwerten viele Länder die Einwanderung, beschränkten Arbeitsmöglichkeiten oder internierten die Neuankömmlinge.
Der Sohn einer Auswanderungsfamilie, der der Weg über die Schweiz nach Palästina gelungen war, schreibt im Rückblick über seine dortige Einbürgerung im September 1938:
„Die persönlichen Erlebnisse, die ich als eingesessener [Memminger] Bürger empfunden habe, haben durchaus genügt, meine Auswanderung, - und dies zu unserem Glück – zu betreiben. Ich muss es mir versagen, den mühe- und sorgenvollen Weg der wirtschaftlichen Fußfassung in einem Land mit fremder Sprache, Gebräuchen und klimatischen Bedingungen zu schildern. Es war ein jahrelanger zäher Kampf, der sich in meinem geschwächten Gesundheitszustand abzeichnet. Aufgewogen wurde dies durch ein Gefühl, als geschätzter und gleichberechtigter Bürger am Aufbau der neuen Heimat mitarbeiten zu können. Dieses Wissen gibt mir Genugtuung und Seelenfrieden, und die Erinnerung an die gewesen Heimat erscheint ferne in verschwommenem Licht und Schatten.“
Die Verfolgung der Juden riss Familien auseinander und zerstreute sie oft über die ganze Welt. Die Familie Rosenbaum aber hatte ein gemeinsames Ziel, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen: Palästina.
Wilhelm Rosenbaum verdankte es letztlich seinen Töchtern, dass er nach zweieinhalbmonatiger Schutzhaft in Dachau nicht mehr nach Memmingen zurückkehrte, denn seine Tochter Gertrud schrieb ihm auf Hebräisch „Flieh!“. Wilhelm und Susanne Rosenbaum ließen alles hinter sich und kamen über die Grenze nach Holland, wo sie in den folgenden Jahren in bitterer Armut lebten; erst 1936 konnten sie nach Palästina entkommen.
Die drei Töchter flohen ebenfalls nach Palästina, ins Land ihrer Hoffnung.
Die jüngste Tochter, Alice Rosenbaum, war bereits unmittelbar nach der Machtübernahme als damals Fünfzehnjährige nach Berlin umgezogen und mit einer zionistischen Jugendbewegung – Ziel war die Gründung eines Staates, in dem die Juden sicher leben können – nach Palästina emigriert. Noch auf dem Schiff gab sie sich den Namen Elisheva.
Alice Rosenbaum
Memminger Jüdin, Emigrantin, Psychologin, Alice Rosenbaum, verh. Elisheva Ramon (1918-1912), um 1933 | Copyright: Stadtmuseum Memmingen
Das ist deshalb von Bedeutung, weil sie auf dem Wege zu einer neuen Identität mit der äußeren Grenze auch eine innere überschritt. Auch Schwester Hilde gab sich nach der Auswanderung einen neuen Namen und nannte sich Channah. Beide ergriffen den Beruf einer Kindergärtnerin, denn da fand sich immer Arbeit: Elisheva „verdiente sich durch schwere Arbeit in Haushaltungen das Geld zum Studium, lernte nachmittags und abends im Seminar zwei Jahre, machte dann ihr Examen als Kindergärtnerin“, heißt es in einem Brief der dritten Schwester Gertrud. Nach dem Krieg studierte sie Psychologie in den USA und gründete in Israel einen Musterkindergarten. Channah lebte 52 Jahre in einem Kibbuz bei Gaza. Unter Kibbuz versteht man eine ländliche Siedlung, in der im Kollektiv mit gemeinsamem Eigentum und Land gearbeitet wird. „Die Arbeit in den Orangenplantagen war hart. Fünf Jahre lang musste jeder Tropfen Wasser mit einem Lastwagen von Gaza geholt werden.“ Erst nach zehn Jahren bekamen sie und ihr Mann eigenes Land.
Gertrud Rosenbaum, die sich Tamar Trude nannte, die älteste Schwester, war am längsten in Deutschland geblieben. Sie hatte Haus und Betrieb der Firma Rosenbaum aufgelöst und stieß dann ebenfalls zu den Schwestern in Palästina. Für Vater Wilhelm, der weder hebräisch, noch arabisch oder englisch sprach, es aber trotzdem verstand, sich als Immobilienhändler durchzuschlagen, war es eine Überlebensfrage, die Familie um sich zu haben.
Eines der seltenen Fotos aus dem Exil zeigt ihn als ältesten Teilnehmer der Eröffnungszeremonie der Makkabiade im Jahre 1953, der vierten jüdischen Olympiade. Im selben Jahr verunglückte Wilhelm beim Schwimmen im Meer.
Doch die Integration in ein fremdes Land glückte keineswegs immer: Benno Rosenbaum, Wilhelms Cousin, und seine Frau Martha konnten noch im Oktober 1941 nach Montevideo entkommen.
Dort nahm sich Benno Rosenbaum 1944 das Leben. Es heißt, er habe die Trennung von seiner Heimat Memmingen nicht verkraftet.
Die erste und die zweite Generation der Ausgewanderten lebte in unterschiedlichen Gefühlswelten, mit den Jahren vergrößerte sich der Abstand zur alten Heimat. Eine Stimme aus der ersten Generation klang so: „Der November 1938 hat all meine Gefühle für Deutschland und für meine Heimatstadt [Memmingen] geändert; was einmal Liebe und Sehnsucht war, ist in blanken Haß umgeschlagen. Was Deutschland meiner Familie angetan hat, kann und will ich nicht vergessen. […] Deutschland hat versucht, das Unrecht wiedergutzumachen. Geld kann Leid nicht lindern und Geld kann Geschehenes nicht auslöschen.“
Die zweite und dritte Generation hatte im Exil eine neue Identität gefunden. Bezüge zur alten Heimat mussten erst geschaffen werden. Eli, Hildes jüngster Sohn, sagte 1995 während eines Besuches in Memmingen: „Wir haben weder die Liebe zu Deutschland als Heimatland geerbt, noch zur deutschen Kultur und Sprache, die wir nicht beherrschen, doch wir fühlen, dass es unsere Aufgabe ist zu versuchen, eine neue Brücke zu bauen zwischen uns und der jungen Generation in Deutschland.“

Rückerstattung und Wiedergutmachung – ein Exkurs

Wiedergutmachung war ein Teil des Programms der Bundesrepublik, nationalsozialistisches Unrecht auszugleichen, Vermögensgegenstände zurückzuerstatten und verfolgte Personen zu entschädigen. Doch Gerechtigkeit war nicht herzustellen, Recht und Gesetz ließen zu viele Fragen offen: So gingen Wilhelm Rosenbaum und seine Familie nach 1945 bei der Restitution weitgehend leer aus; ein Gericht befand, es habe sich bei der Zwangsversteigerung um einen regulären Vorgang gehandelt, der nichts mit Rosenbaums Verfolgung zu tun hatte. Ein klares Fehlurteil. Ein kleiner menschlicher Lichtblick: Gertrud Rosenbaum erhielt die Holzkisten mit Wertgegenständen, die sie 1934 bei einem Milchlieferanten untergestellt hatte, in den 1950er Jahren unbeschädigt zurück.
Dann gab es da noch 17 „wertvolle Perserteppiche“, die Bürgermeister Berndl nach der Reichspogromnacht 1938 beschlagnahmen ließ. Nach 1945 konnte sich Martha Gimpel-Rosenbaum, Benno Rosenbaums Witwe, dank guter Dokumentation Objekte zurückholen, so auch 16 der 17 Teppiche. Einen Teppich, so der ehemalige Bürgermeister Berndl 1950 im Wiedergutmachungsverfahren, hätten die Amerikaner 1945 mitgenommen. 1962 lag dieser Teppich wieder im Büro das alten und neuen Memminger Oberbürgermeisters Berndl.
Zur Mitarbeit:
Die Berichte über das Exil während der NS-Zeit können dazu anregen, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund über ihre Erfahrungen berichten: Über die Unterschiede zwischen erster und zweiter Generation, über Probleme der Aufnahme oder der Ablehnung, über die Frage, was Heimat bedeutet.

Gedenken und Erinnern in Memmingen

Die Stadt Memmingen, ihre Bürger, die Schülerinnen und Schüler des Vöhlin-Gymnasiums erinnern auf vielfältige Weise an die jüdische Vergangenheit. Dafür einige Beispiele: Eine Gedenkstätte bewahrt die ermordeten Juden im Gedächtnis, 150 Stolpersteine an 42 Standorten verweisen auf die ehemaligen jüdischen Bewohner, Metallbänder zeigen den Standort der abgerissenen Synagoge an. Eine Wandcollage im Vöhlin-Gymnasium mahnt: „Sie waren alle unsere Nachbarn.“
Die Erinnerung lebendig zu halten, ist notwendiger denn je, denn der Antisemitismus ist allgegenwärtig: Mutwillige Zerstörung, persönliche Drohungen, Zugewinne der AfD im Stadtrat zeigen, wie gefährdet demokratische Gemeinschaft ist.
Vier Schülerinnen des Vöhlin-Gymnasiums beenden den Film zum Schicksal der Familie Rosenbaum mit einem Appell.
Zur Mitarbeit:
Welche Botschaften vermitteln die vier Abiturientinnen des Vöhlin-Gymnasiums? Was kannst Du in Deiner Schule unternehmen, das „Nie wieder“ einzulösen?
© CS-Medien
„Was ich persönlich besonders inspirierend an der Geschichte finde, ist, dass man immer Kraft schöpfen kann auch aus den dunklen Seiten im Leben und man sich immer dafür einsetzen kann, dass anderen so etwas nie wieder widerfahren muss.“ (Carlotta)
„Wenn man anmerkt, was für eine große Rolle Ausgrenzung und Diskriminierung auch in unserer heutigen Zeit schon spielen, ist es umso wichtiger, dass wir uns darauf konzentrieren, was genau hier vor so langer Zeit passiert ist, wo wir hier stehen, und dass genau so etwas niemandem mehr passieren muss.“ (Lisa)
„Im heutigen weltpolitischen Klima ist es meiner Meinung nach wichtiger denn je, auf Schicksale wie dies der Rosenbaums aufmerksam zu machen, vor allem wenn antisemitische Zugriffe wieder stärker zunehmen. Schicksale wie die hier, die direkt in unserer Nachbarschaft passiert sind, können da natürlich helfen, das greifbarer zu machen.“ (Enid)
„Ich finde, dass es Hoffnung macht, dass wir an einem Ort, an dem einer Familie so viel Leid und Unrecht zugefügt wurde, wir jetzt über Geschichte und Demokratie lernen können, um zu verhindern, dass so etwas wieder geschieht.“ (Paulina)