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Auf den Spuren der Vergangenheit: In Memmingen unterwegs
Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr. Doch Zeugnisse jüdischen Lebens lassen sich finden. Im Stadtmuseum Memmingen kann man sich über jüdische Geschichte vom Mittelalter bis in die Jetztzeit informieren und auf dem Jüdischen Friedhof zeugen Grabsteine von der Vergangenheit.
Jüdischer Friedhof in Memmingen: Grabstein mit Platte für Isak Löb Rosenbaum, Sohn des Mosche Rosenbaum (1842-1898)
Im öffentlichen Raum weisen Stolpersteine, in den Boden eingelassen, auf das Haus oder die Wohnung hin, wo bis zur NS-Zeit eine jüdische Familie wohnte, die dann Verfolgung oder Exil erlebte.
Stolperstein für Benno Rosenbaum.. Zusammen mit seiner Frau gelang ihm die Flucht nach Uruguay. Den Verlust der Heimat verkraftete er nicht. | Copyright Christian Michelidis
Auch der digitale Raum bietet zuverlässige Informationen: Die Alemannia Judaica, eine Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden im Süddeutschen Raum, sammelt unter dem Stichwort “Memmingen” Dokumente, Zeitungsausschnitte und Fotos.
Wer weiter im Netz stöbert, wird auch Informationen zu Wilhelm Rosenbaum, seinem Cousin Benno (fälschlich wird er dort auch als Bruder bezeichnet) und weiteren Familienmitglieder finden: Unser Film, die Broschüre und die Informationsseiten der IHK, der Industrie- und Handelskammer Schwaben, gehen vor allem den Spuren Wilhelm Rosenbaums nach. Sein Lebensweg zeigt wie ein Spiegel die Zeitgeschichte im regionalen Raum.
Nach einer langen Phase der Zugangsbeschränkungen siedelten sich 1862 die ersten Juden in Memmingen an, auch die Brüder Isak und Wolf Rosenbaum, die aus einer angesehenen Rabbinerfamilie bei Würzburg Zellerau stammten, zogen wenig später zu. Sie erkannten die wirtschaftlichen Möglichkeiten: Wichtig für die erneute Niederlassung der Juden waren die gesetzlichen Erleichterungen und die Eisenbahnverbindung Ulm-Kempten mit den daraus entstehenden Möglichkeiten für den Handel.
Mit dem Anschluss an die Eisenbahnverbindung Ulm-Kempten in den 1860er-Jahren entwickelte sich Memmingen zu einem Eisenbahnknotenpunkt.
Auch die feine Gesellschaft fuhr mit der Bahn.
Was sagt der Aufrissplan des Bahnhofsgebäudes über dessen Bedeutung aus? | Copyright: Stadtarchiv Memmingen
Außerdem brachten die Rosenbaums eine attraktive Erfindung mit, die bestens ins Allgäu passte: die Produktion von koscherem Käse - wir werden am Beispiel der Käseherstellung klären, was koscherer Käse ist. Auch andere jüdische Unternehmen brachten die wirtschaftliche Entwicklung Memmingens voran. Die zweite Generation Rosenbaums baute eine Käsefabrik und eine großbürgerliche Villa. Schließlich gönnten sie sich auch Erholungsurlaube im böhmischen Marienbad.
Der Anteil der Juden im überwiegend evangelischen, aber auch katholischem Umfeld machten keine zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus, sehr viel höher lag bald der jüdische Anteil an Vermögen und Grundbesitz. Das hatte Folgen: Das Leben der Juden in Memmingen wurde von antisemitischen Tönen begleitet.
Zur Mitarbeit: Welche Gründe finden sich in den folgenden Texten für die Anerkennung jüdischen Lebens? Das Beispiel des Unternehmers Wilhelm Rosenbaum.
Die jüdische Gemeinde in Memmingen um 1900
Memmingen war eine protestantische Stadt, die auch die Katholiken weitgehend ausgrenzte, um 1900 kamen anteilsmäßig auf 11 Protestanten ein Katholik. Insgesamt hatte die Stadt knapp 11.000 Einwohner, darunter etwa 230 Juden. Die Juden hatten seit ihrer Ansiedlung in den 1860er so gut gewirtschaftet, dass sie zwischen 15 und 30 Prozent der Gemeindeumlagen, der direkten Steuern, aufbrachten. Ihr Wohlstand wuchs rascher als der der übrigen Memminger.
Anfangs fühlten sich die jüdischen Neubürger zugehörig, gründeten ihre eigenen Vereine, einige gehörten aber auch dem Geselligkeitsverein „Harmonie“ an. Ansonsten pflegten Katholiken, Protestanten und Juden ihre eigenen Geselligkeitskreise. Bereits 1872 hatte sich die jüdische Gemeinde gebildet, die Brüder Isak und Wolf Rosenbaum finanzierten wenig später eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad mit. Es diente der rituellen Reinigung. Schließlich errichtete die Gemeinde in Memmingen am Schweizerberg eine große Synagoge. Die Juden organisierten sich in Vereinen, es gab einen Jüdischen Männer- sowie einen Frauenbund, auch die Jugend organisierte sich.
Wilhelm Rosenbaum und sein Cousin Benno wurden erfolgreiche Käseunternehmer. Wilhelm baute ein repräsentatives Wohnhaus, man besaß Automobil mit Chauffeur und gönnte sich Erholung im böhmischen Kurort Marienbad. Doch nicht nur dort kippte die Stimmung gegen die Kurgäste, gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandte sie sich auch in Memmingen gegen die Zuwanderer. Die überwiegend protestantische Oberschicht der Stadt geriet unter Druck, da immer mehr katholische Arbeiter zuwanderten und der Aufstieg jüdischer Unternehmer ihre wirtschaftliche Vormachtstellung in Frage stellte. Das sorgte für Neid und Missgunst. In der Gesellschaft „Harmonie“ kam es 1895 zum ersten antisemitischen Eklat.
Zur Mitarbeit: Bauen im öffentlichen Raum: Was sagen die beiden Gebäude, Synagoge und jüdische Schule, über die gesellschaftliche Stellung der jüdischen Gemeinde in Memmingen? Welchen Eindruck vermittelt in diesem Zusammenhang der feierliche Einzug zur Einweihung?
Synagoge und jüdische Schule
Feierliche Einzug zur Einweihung der neuen Synagoge in Memmingen am 8. September 1909
Zeichen gesellschaftlicher Positionierung
Die zweite Generation der Rosenbaums profitierte vom gesellschaftlichen Aufstieg. Wilhelm Rosenbaums attraktive Villa lag in fußläufiger Entfernung zur Synagoge. Das war aus religiöser Sicht ein Privileg. Weshalb? (Nutze zur Beantwortung im Netz die Begriffe „Schabbat“ und „Melacha“.) Welche Wirkung kann repräsentatives privates Bauen haben, wenn es nur wenigen vorbehalten ist?
Die Villa Rosenbaum, Kaisergraben. Auf dem historischen Foto erkennt man links die Käsemanufaktur.
Das Automobil war um 1900 ein Luxusobjekt der Oberschicht: Interpretiere das Foto unter diesem Aspekt.
Willi Rosenbaum, der Fahrer, Susanne Rosenbaum, Tochter Alice
Auch Reisen war ein Privileg, das sich bevorzugt Vermögende leisten konnten. Welche Bedeutung hatten böhmische Bäder für die jüdische Gesellschaft: Mode, Gesundheit, Vergnügen.
Auf Kur. Wilhelm und Susanne Rosenbaum in Marienbad, 1914
Bademoden – die Rosenbaums. In der Mitte Wilhelm Rosenbaum
Über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren verwandelten sich die Kurorte im „westböhmischen Bäder-Dreieck“ während der Sommermonate zu Zentren jüdisch-europäischen Lebens: Juden aus allen Teilen der Habsburgermonarchie, aber auch aus Ländern Westeuropas fanden sich hier zusammen. Die relativ große Gruppe jüdischer Kurgäste war in ihrer Zusammensetzung aber nicht homogen, sondern setzte sich aus Menschen zusammen, die sich ihrer geographischen Herkunft nach, ihres sozialen und religiösen Hintergrunds evident unterschieden: „Es kamen Wohlhabende und Ärmere, Fromme und weniger Fromme, Orthodoxe, Reformierte, Liberale, Professoren, Kaufleute und Handwerker und - natürlich - Familien mit heiratsfähigen Töchtern. Nicht zuletzt lag das romantische Image der Bäder in ihrer Bedeutung als Heiratsmärkte... Einer der beliebtesten Orte, um Bekanntschaften in die Wege zu leiten, war der sorgsam ausgewählte Kurort, in dem man nicht nur viele jüdische potentielle Partner, sondern auch ausreichend romantische Plätze vorfand, die als Hintergrund für öffentliche, aber doch intime Treffen taugten. Um den Markt zu kontrollieren, gab es Heiratsvermittler, die sich auf Badeorte spezialisiert hatten, die von Juden frequentiert wurden.„
(Text stammt teilweise aus: Kirsten Serup-Bilfeldt, Eine sommerliche Kulturgeschichte jüdischen Lebens - Das Buch "Nächstes Jahr in Marienbad" erinnert an das verlorene Paradies der westböhmischen Kurbäder)
Eine antisemitische Bildpostkarte aus dem böhmischen Marienbad
Dazu eine Bildpostkarte aus Marienbad: Was auf den ersten Blick lustig erscheint, ist auf den zweiten antisemitisch. Kannst Du erklären warum?