Die Rosenbaums

Judenfeindliche Stimmung in Memmingen und in Bayern

In den ersten Jahren ihrer Niederlassung in Memmingen lebten sich die jüdischen Neubürger gut ein. So gehörte zum Beispiel Wolf Rosenbaum in den 1870ern als Mitglied der angesehenen Gesellschaft „Harmonie“ an, in der sich die Memminger Oberschicht traf. Ansonsten war das Vereinswesen weitgehend konfessionell organisiert, Katholiken und Protestanten pflegten ihre eigenen Geselligkeitskreise.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kippte die Stimmung gegen die Zuwanderer. Die überwiegend protestantische Oberschicht der Stadt geriet unter Druck, vor allem da der Aufstieg jüdischer Unternehmer ihre wirtschaftliche Vormachtstellung in Frage stellte. In der Gesellschaft „Harmonie“ kam es 1895 zum ersten antisemitischen Eklat, die jüdischen Mitglieder verließen die Gesellschaft.
„In hiesiger Stadt scheint eine antisemitische Stimmung im Gang zu sein“, zitierte die Zeitschrift "Der Israelit" einen Artikel aus der Augsburger Postzeitung. Die feindliche Stimmung schlug sich in Aktionen nieder. Die Polizei registrierte antisemitische Schmierereien an den Häusern jüdischer Familien.
Um 1900 ließen sich Ortsgruppen antisemitischer Vereinigungen in Memmingen nieder wie der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband. Er gab bekannt, keine jüdischen Mitglieder aufzunehmen. Dagegen protestierten der Bankier Albrecht Gerstle, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, und der Redakteur des Memminger Volksblatts: Der Kaufmannsstand weise doch viele Israeliten als seine Angehörigen auf, die ihre Bediensteten oft sehr gut behandeln und bezahlen, hieß es. 1924 gehörten in Memmingen bereits 129 Gehilfenmitglieder und 13 Lehrlinge diesem Verband an.
Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband wandte sich gegen das „jüdische Großkapital“, also besonders vermögende Juden, und zugleich gegen die vermeintlich antinationale Sozialdemokratie. In den 1920er Jahren schloss sich der Handlungsgehilfenverband mit weiteren Verbänden zusammen, arbeitete mit den Nationalsozialisten zusammen. Schließlich vertrat er 40 Prozent der organisierten Angestellten. Nach der Machtübernahme 1933 wurde er wie alle anderen Vereine und die Gewerkschaften aufgelöst und ging in der nationalsozialistischen DAF, der Deutschen Arbeitsfront, auf.
1907 wurde bei einem Streik in der Käseproduktion Wilhelm Rosenbaum als „Saujud“ beschimpft. Die Streikenden hatten verbesserte Arbeitsbedingungen, Erhöhung des Stundenlohns und einen Tarifvertrag geforderte. Doch die Memminger „Käsebarone“ Wilhelm und Benno Rosenbaum zeigten sich unnachgiebig. Damit machten sie sich unbeliebt.
1913 schließlich gab es im geselligen Verein der „Harmonie“ einen weiteren antisemitischen Eklat, ein hoher Justizbeamter wurde nicht aufgenommen, weil er Jude war.

Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit

Bei Kriegsausbruch 1914 war Wilhelm Rosenbaum zunächst Heereslieferant. Über alle Wirtschaftsgüter, so auch über Lebensmittel, wurde die Zwangswirtschaft verhängt. Doch Wilhelm hielt sich nicht an Preisfestsetzungen. Nach einem Prozess 1916 durfte er zunächst keine Milchfirma mehr führen. Das Verbot wurde aber 1917 aufgehoben. Er lieferte nun seine Milch auf Anweisung der Landesfettstelle nach Nürnberg. In Memmingen gingen immer wieder üble Gerüchte um: Wilhelm Rosenbaum behandle seine Arbeiter schlecht. Er habe Milch gepantscht, also mit Wasser gestreckt. Er sei ein Schieber. Bei den Arbeitern war Rosenbaum nicht beliebt, doch die Bürger wählten ihn 1919 zum Laienrichter des Volksgerichts.
Am Ende des Ersten Weltkrieges verschärfte sich die Situation: Juden wurden für die Niederlage, für wirtschaftliche Not, für Wucherpreise verantwortlich gemacht. Rechte Kräfte machten mit Plakaten mobil. Juden galten als die Sündenböcke, gegen die sich Wut und Enttäuschung richteten. Der Krieg ging verloren, die Revolution von 1918/19 beendete die Monarchie. Bald hieß es: „Die Juden sind schuld, sie haben die Revolution gemacht!“
Inflation, Teuerung und Lebensmittelknappheit bestimmten den Alltag; die Löhne stiegen nicht mit den Preisen, die Menschen hungerten. Seit 1919 kam es landesweit zu Lebensmittelunruhen.
Doch Judenfeindschaft war Teil des Konzepts der Rechten: Die bayerische Regierung unter Gustav von Kahr grenzte sich vom Rest des Reiches ab. Ziel war es, die „Ordnungszelle Bayern“ zu schaffen, ein politisch rechtsgerichtetes Bollwerk, in dem Ruhe und Ordnung herrscht. Schriftsteller wie Bert Brecht und weitere kluge Köpfe verließen München und arbeiteten in Berlin, der vielgelesene Autor Ludwig Thoma verfasste im „Miesbacher Anzeiger“ unter Pseudonym, einem Decknamen, antisemitische und antisozialistische Hetzartikel. Gustav von Kahr nahm Schieber und Wucherer aufs Korn, die als „jüdisch“ denunziert wurden, außerdem zuwandernde Ostjuden, die angeblich an den Teuerungen schuld waren. Die politische Stimmung war aufgeheizt.
Hier ein kurzer Bericht zur Einführung:
Jakob Feibelmann aus Memmingen war 1933 im Konzentrationslager Dachau in „Schutzhaft“, danach erhielt er „dauernd weiter Drohbriefe, mehrere hundert, an manchen Tagen drei“, schreibt Feibelmann im Rückblick. Während der NS-Gewaltherrschaft blieb ihm keine andere Wahl, als die Hassbotschaften zu ertragen und zu negieren.
Der Täter blieb anonym. Er gab nur von sich preis, dass er bereits vor 1933 der NSDAP angehörte, SA-Mitglied und ein fanatischer Unterstützer der nationalsozialistischen Bewegung war. Alle Schreiben wurden per Post verschickt; bemerkenswert ist, dass es in Memmingen nur ein Postamt gab; die Schreiben mussten damals abgestempelt werden. Beim Austragen der Post konnten die Postboten jede Postkarte mitlesen. „Man habe sich dauernd bedroht und in ständiger Lebensgefahr gefühlt, derart, dass ein längeres Verbleiben für uns in Deutschland unmöglich wurde“, beschreibt die Ehefrau rückblickend das Klima der Angst.
Tochter Amira berichtete von anderen Mädchen aus ihrer Klasse, die sie ignorierten und ausgrenzten, und von Lehrern und Lehrerinnen, die sie ständig beschimpften und bestraften, ohne dass sie sich je irgendetwas zuschulden kommen ließ.
Feibelmann sammelte die anonymen Schreiben und nahm sie am 17. April 1934, dem Tag seiner Emigration nach Palestina mit. So blieb wenigstens ein Teil dieser Zeugnisse blinden Hasses erhalten. Weder Feibelmann noch seine Frau kehrten jemals nach Deutschland zurück. Feibelmann starb 1972 in Israel.
Zur Mitarbeit:
Für das Thema „judenfeindliche Stimmung“ bietet sich Gruppenarbeit an.
Gruppe 1 befasst sich mit den Anfängen des Antisemitismus und dem Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband in Memmingen.
Artikel_Augsburger Postzeitung
Artikel aus der Augsburger Postzeitung, 1900
Auf der werbenden Bildpostkarte vertritt der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband soziale Anliegen. Was macht diesen Handlungsgehilfenverband so gefährlich? Zu klären sind darüber hinaus Begriffe wie Schieber, Wucherer, Gewerkschaft, Angestellter u.a..
Gruppe 2 bespricht zwei staatliche Schreiben.
Schreiben des Innenministeriums vom 05.10.1920: Antisemitische Bewegung
Wie versucht eine staatliche Einrichtung wie das Kultusministerium antisemitischer Propaganda zu begegnen? Zeige an diesem Beispiel, dass die Weimarer Republik anfangs auch „wehrhaft“ war.
Schreiben des Innenministeriums vom 5. Oktober 1920_1
Schreiben des Innenministeriums vom 5. Oktober 1920 _2
Schreiben des Kultusministeriums vom 01.09.1922: Antisemitische Propaganda
Welche Maßnahmen empfiehlt das Kultusministerium für die Schulen? Haltet Ihr sie für ausreichend oder für ergänzungswürdig? Beachtet, dass zwischen den beiden Schreiben die Rosenbaumkrawalle von 1921 lagen. (vgl. nächstes Kapitel). Muss Unterricht heute „neutral“ oder „politisch ausgewogen“ sein?
Schreiben des Kultusministeriums vom 1. September 1922_1
Schreiben des Kultusministeriums vom 1. September 1922_2
Gruppe 3 setzt sich mit Plakaten der Weimarer Republik auseinander.
Plakat des Landespolizeiamtes Berlin: „Nieder mit den Blutsaugern“: Wozu wird die Bevölkerung aufgerufen? Weshalb ist dieser Aufruf politisch schwierig einzuordnen? Ist er nun antisemitisch oder stärkt er das Vertrauen in den Rechtsstaat?
Plakat des Landespolizeiamtes Berlin
Plakat des Landespolizeiamtes Berlin: Nieder mit den Blutsaugern unseres Volkes! Gehörst Du auch dazu? Kennst Du einen Schleichhändler, Wucherer oder Schieber? - März 1920 | Copyright Bundesarchiv 002-006-060
Plakat der KPD: „Hinab mit dem Geschmeiß“. Die KPD, die kommunistische Partei, wurde am 30.12.1918 gegründet. Gegen wen wendet sich die KPD auf dem Plakat? Kannst Du die eine oder andere Figur identifizieren?
Wahlplakat_KPD
Wahlplakat der kommunistischen Partei, ohne Jahr | Copyright: DHM
Plakat des Völkischen Blocks, ein Wahlbündnis der extremen Rechten, u. der Nationalsozialisten: „Kopf- und Handarbeiter wählt Völkischen Block“. Welche Vorurteile bedient das Plakat? Kläre die Begriffe „völkisch“, „Kopf- und Handarbeiter“.
Wahlplakat_Der Drahtzieher
Wahlplakat: „Der Drahtzieher“ | Copyright: Museum digital
Plakat der SPD: „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten“. Welches gesellschaftliche Anliegen vertritt die sozialdemokratische Partei? Was unterscheidet dieses Plakat von den anderen?
Wahlplakat_SPD
Wahlplakat der SPD | Copyright: SPD Burbach
Gruppe 4 befasst sich auf der Grundlage des Geschichtsbuches mit Problemen der Kriegswirtschaft und den Folgen des Kriegs. Inwieweit haben diese Probleme auch Wilhelm Rosenbaum betroffen? (u.a. Text 2) Klärt knapp Begriffe wie Kriegswirtschaft, Inflation, Ordnungszelle, Revolution
Gruppe 5 nimmt sich die antisemitische Hetze nach 1933 am Beispiel des Memminger Bürgers Jakob Feibelmanns vor.
Postkarte mit Hakenkreuz
Anonyme Postkarte mit Hakenkreuz, Adressiert an Jakob Feibelmann: „Solch gefährliche Juden wie Sie, Jude Feibelmann gehören nicht nur von der politischen Polizei überwacht, sondern unbedingt in Sicherheitsverwahrung. | Copyright: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben
Fragen zur Diskussion:
Mit welchen Mitteln und Behauptungen arbeitet der Täter in diesen Postkarten? Welche Formen der Ausgrenzung aus der Gesellschaft erleben Feibelmann und seine Familie? Vergleiche damit aus Euren persönlichen Erfahrungen heutige Ausgrenzung, Diffamierung oder auch Hassbotschaften im Netz. Kläre Begriffe wie Sicherheitsverwahrung („Schutzhaft“), SA (Abkürzung für Sturmabteilung), Exil, Palestina