Die Rosenbaums

Die Rosenbaum-Krawalle

Vorgeschichte

In Memmingen gab es bereits seit 1919 eine systematische Hetze gegen Juden: 1920 fanden sich an den Hauswänden jüdischer Familien antisemitische Parolen. Es bestand hier eine Ortsgruppe des zutiefst antisemitischen „Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbunds“, eine Gründung des Alldeutschen Verbandes, der großen Zulauf hatte. Propagandaredner kamen nach Memmingen und hielten Hetzreden. Der Krieg war verloren gegangen, die Revolution von 1918/19 hatte die Monarchie beendet. Bald hieß es: Die Juden seien schuld, sie hätten die Revolution gemacht! Inflation, Teuerung und Lebensmittelknappheit bestimmten den Alltag; die Löhne stiegen nicht mit den Preisen, die Menschen hungerten. Die Schuldzuweisungen des Schutz- und Trutzbundes stießen auf offene Ohren. Dem Bund gehörten u.a. Wilhelm Schwarz an, späterer Kreisleiter der NSDAP, Eduard Hail, später SA-Führer in Memmingen. Besonders aktiv war auch Dr. Rudolf Sicius, betreuender Arzt in der Waisenanstalt, später NSDAP-Gaubeauftragter des Rassenpolitischen Amts in Memmingen.
Es waren offenbar in Memmingen viele Gerüchte über Wilhelm Rosenbaum im Umlauf, er sei ein Schieber, Schleichhändler, Wucherer und behandle seine Leute schlecht. Er war jedenfalls unbeliebt und wurde mehrfach anonym denunziert. Seine große Käsefabrik, seine attraktive Villa und sein Lebensstil erweckten Neid. Am 11. Juli 1921 fand in Memmingen eine große Demonstration gegen den Preiswucher statt. Die Linken nutzten das, um gegen die Regierung Kahr, die Rechten, um gegen Juden Stimmung zu machen. Dr. Sicius und seine Unterstützer bereiteten für den 6. August einen Pogrom gegen Rosenbaum vor. Die Zeitungen berichteten ausführlich über Pogrom und Gerichtsprozess. Aus den Artikeln lassen sich die Vorgänge rekonstruieren.
Zur Mitarbeit
Die Berichte bieten die Möglichkeit, den Prozess mit verteilten Rollen nachzuspielen. Der vorsitzende Richter und der Staatsanwalt stehen für die Anklage, Zeugen treten auf. Die Prozessbeteiligten können die Zitate vorlesen oder mit eigenen Worten vortragen. Der Richter ruft die Zeugen auf. Zeitungsausrufer und Berichterstatter umrahmen und kommentieren die Verhandlung. Die Texte sind leicht bearbeitet, man kann sie natürlich auch bearbeiten und kürzen.
Es gibt viele Mosaiksteine, die als Brandbeschleuniger des Pogroms und wenige, die entschärfend wirkten. Arbeite solche Elemente in einer Vorbesprechung heraus: z.B. Drahtzieher Sicius, Mitmacheffekte, Übertragung von Gefühlen auf andere, es gibt aber auch die Bereitschaft zu verhandeln. Kläre den Begriff „Haberfeldtreiben“ und „Pranger“.
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Zur Entstehung eines Pogroms – eine Gerichtsverhandlung
Zur Rollenverteilung:
Zeitungsausrufer und 2 Berichterstatter zu Beginn und am Ende (1 und 2, 3 und 4, 17)
  • Vorsitzender Richter (seine Aufgabe: Organisation des Ablaufs, Zeugenaufrufe, Urteilsverkündung)
  • Staatsanwalt (Text 1, 13, 15,18)
  • Polizist (Text 9, 11, 12)
  • Angeklagte (Text 12,17, 20)
  • Rosenbaum äußert sich (Text 8, 9, 12, 14)
  • Zeugen (Engelbert Rauch: Text 2. Bürgermeister Fritz Braun: Text 3, 17. Erich Stöhr: Text 4. Leonhard Schenk: Text 5. Remigius Beck: Text 6. Johann Linse: Text 7. Max Abröll: Text 8. Jakob Mohring Texte 12 und 14. Michael Hausch: Text 14. Dr. Sicius: 16, 18)
II Der Pogrom –zwei Zeitungsberichte:
  1. Zeitungsausrufer: „Memminger Volksblatt! Extrablatt! Memminger Volksblatt! Schwere Ausschreitungen. Rosenbaum im Gefängnis! Extrablatt! Schwere Ausschreitungen!
  2. Berichterstatter 1:
„Nach dem Memminger „Volksblatt“ kam es Samstagabend zu schweren Ausschreitungen. Eine große Menge zog vor das Haus des bekannten Käsefabrikanten Wilhelm Rosenbaum und verlangte, daß er die Milch nicht mehr nach auswärts, sondern für die Stadt liefere und zwar zu einem wesentlich niedrigeren Preis. Zugleich stellten die Demonstranten die Forderung auf Zahlung von einer halben Million Mark für die Armenkasse der Stadt. Die Leute ergingen sich in Schmährufen, und selbst der Bürgermeister, der vor der Villa erschien, konnte die Menge nicht beruhigen. Inzwischen war der Staatsanwalt aufgefordert worden, gegen Rosenbaum einen Haftbefehlt zu erlassen. Als der Haftbefehlt eintraf, wurde Rosenbaum herausgeholt, in großem Zuge durch die ganze Stadt geführt und schrecklich zugerichtet ins Gefängnis gebracht. Die Schutzleute mussten alles aufbieten, dass Rosenbaum nicht erschlagen wurde. (Man wird zu diesem ungeheuren Bericht nähere Einzelheiten abwarten müssen.)“
  1. Zeitungsausrufer: Memminger Volksblatt! Große Demonstration: Ist Rosenbaum ein Preistreiber? Extrablatt! Große Demonstration in Memmingen.
Artikel_Israelit-09-1921
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit„ 16. 9.1921: „Der Käse-Pogrom in Memmingen“
Remigius Beck, Taglöhner, Eduard Hail, Eisenhändler, Kaspar Huith, Taglöhner, Johann Linse, Taglöhner, Leonhard Schenk, Hoteldiener, und Hail, Eduard, sollen sich besonders an den Drohrufen beteiligt haben. Gegen 8 Uhr kam Jakob Mohring, Schneidermeister und kommunistischer Stadtrat, der nunmehr die Führung nahm. Er erklärte: `Ich hole ihn heraus; er muss an den Marktplatz geführt werden.´ Dort sollten ihm seine Preistreibereien vorgehalten werden. Jakob Mohring erlaubte der Menge, Rosenbaum anzuspucken. Der Schreiner Michael Hausch sprang auf Rosenbaum los mit den Worten: `Schlagt ihn tot den Lumpen!´“
Text 1 Staatsanwalt: „Im Anschluss an die Teuerungsbewegung ist eine andere Bewegung hervorgegangen. Nicht aus der Bevölkerung heraus, sondern von einem Menschen allein, von Dr. Sicius…Seit Dr. Sicius die Sache in die Hand nahm, bekam sie eine bestimmte Form. Da ist die Saat aufgegangen, die Dr. Sicius gesät hat. Sicius wichtigster Helfer war der Eisenwarenhändler Eduard Hail.
Nach einer anonymen Denunziation hatte man bei Rosenbaum einen Sack Mehl und Butter gefunden, die er nicht in den Handel gebracht hatte. Rudolf Sicius ließ in den Fabriken und im Bürgertum verbreiten, man werde sich am Samstag, den 6. August 1921, vor der Villa Rosenbaum treffen, werde ihn herausholen und ihm eine Tafel umhängen: `Ich bin der größte Schieber in Memmingen´. Dann werde man ihn zum Marktplatz schleppen, zur `blauen Saul´, dem früheren Pranger der Stadt.
Die Demonstration trug ganz offensichtlich judenfeindlichen Charakter..“
Text 2
Richter: „Ich rufe den Zeugen Engelbert Rauch, Arbeiter.“
Rauch: „Ich traf Donnerstag mit Sicius zusammen. Er teilte mir die genaue Stunde der Demonstration mit.“
Text 3
Richter: „Ich rufe den Zeugen Bürgermeister Fritz Braun.“
Braun: „Ich beauftragte die Schutzmannschaft, Rosenbaum zu verständigen und befahl ein größeres Aufgebot der Schutzmannschaft nachmittags zur Villa Rosenbaum. Halb sechs Uhr erhielt ich die Nachricht von der Schutzmannschaft, dass eine große Menschenmenge bei Rosenbaum demonstriert. Die Menge war aufs äußerste erregt; es erklangen Rufe wie: `Raus muss er´!“.
4
Richter: „Hören wir den Angeklagten Erich Stöhr.“
Stöhr: „Also, ich habe mitgetan, weil ich hier unbekannt bin. Als ich immer die Rufe hörte: `Raus, raus`, ist mir die Geduld ausgegangen, weil keiner etwas gemacht hat, um die Rufe zu verwirklichen. Deshalb bin ich als erster auf das Gitter geklettert. Am Umzug habe ich mich beteiligt.“
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Richter: „Beschuldigter Leonhard Schenk.“
Schenk: „Herr Vorsitzender, ich habe beim Roten Ochsen von der Demonstration erfahren. Ich war zwar dann bei der Rosenbaumvilla, aber „sternhagel besoffen, sowas von besoffen. Ich weiss nicht mehr, was ich getan habe. Kann ich jetzt gehen?“
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Richter: „Sie dürfen sich wieder setzen. Angeklagter Remigius Beck.“
Beck: „Ich habe sofort mitgetan, als ich von der Demonstration erfuhr, weil ich ein scharfes Vorgehen gegen Schieber begrüße.“
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Richter: „Johann Linse, vortreten!“
Linse: „Ich wollte sagen, ich bin nur zufällig zur Demonstration gekommen und habe mitgeschrien, weil die anderen geschrien haben.“
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Richter: „Zeuge Max Abröll, Handelsmann.“
Abröll: „Ich habe im Wirtshaus zum Hecht erfahren, dass die Rosenbaumvilla gestürmt werden soll. Ich bin dann hingegangen und mit einer Kommission in die Villa geschoben worden.“
Richter: „Der Zeuge hatte Rosenbaum gebeten, zur Menge zu sprechen.“
Richter: „Zeuge Rosenbaum.“
Rosenbaum: „Ich bin nicht mitgegangen, sondern habe ihm die Magazinschlüssel angeboten und gesagt, ich überlasse das Käselager den Arbeitern. Und dann habe ich noch gesagt: Aber lasst mich und meine Familie endlich in Ruhe!“
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Richter: „Herr Gendarm, was haben Sie zu sagen?“
Gendarm: „Eine dreiköpfige Deputation, die wegen Butterzurückhaltens von Rosenbaum Aufklärung erhielt, einigte sich mit Rosenbaum nach längerer Debatte. Als aber die Deputation den Sachverhalt der harrenden Menge klarlegen wollte, wurde sie niedergebrüllt.“
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Richter: „Elias Huith, Fuhrknecht der Schiffbrauerei, was haben Sie zu sagen?“
Huith: „Ich hörte, wie Bürgermeister Braun zu den Leuten sagte, sie sollen heimgehen, sollen vernünftig und keine Narren sein und sich nicht gebärden wie Tiere. Sie würden sich durch solches Vorgehen strafbar machen.“
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Gendarm: „Ich möchte noch bemerken: Um 7 Uhr abends wurde die Lage immer bedrohlicher. Einige junge Burschen versuchten bereits über den Zaun zu klettern, um in die Wohnung zu gelangen. Die Menge wuchs immer mehr an. Ihr Toben nahm zu.“
Richter [zum Gendarm]: „Wie ging es weiter?“
Gendarm: „Hail organisierte mit falschen Behauptungen einen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr.“
Richter: „Rosenbaum, was gibt es zu sagen?“
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Rosenbaum: „Es wurde befürchtet, dass ich mit dem Auto meines anwesenden Bruders in der Nacht entfliehen würde und dadurch das gegen mich schwebende Verfahren wegen Schleichhandel, Preistreiberei usw. verdunkelt werde. Gegen acht Uhr nahmen mich dann zwei Wachtmeister fest und führten mich hinaus.“
Gendarm: „Die Menge wurde immer ungeduldiger und verlangte immer stürmischer Einlass in die Villa. Das geringe Aufgebot der Schutzmannschaft wäre zum Schlusse der Volksmasse gegenüber machtlos gewesen.“
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Staatsanwalt: „Stadtrat Mohring stellte sich nun an die Spitze der Menge, verlangte Eintritt in die Villa, der ihm auch nicht verwehrt wurde. Er erklärte nun Rosenbaum, dass er mit auf den Marktplatz ziehen müsse. Rosenbaum wurde aber inzwischen von zwei Wachtmeistern verhaftet, die ihn dann durch die Zellerbachstraße abtransportierten. Eine riesige Menschenmenge folgte dem Transport, Verwünschungen gegen Rosenbaum ausstoßend. Ein fürchterliches Gejohle begleitete nun den Zug. Es ging durch die Kempterstraße. Bei der Schranne sprangen plötzlich drei junge Leute mit großen Kuhglocken aus einem Haus. Freudig rufen die Leute: `Läutet nur recht kräftig mit den Glocken!´, reißen den Jugendlichen die Glocken aus den Händen, um selbst zu läuten. Eduard Hail, der Schlosser Karl Pöppel und der Handlungsgehilfe Erich Stöhr schlossen sich mit je einer Kuhglocke dem Zug in der Kramerstraße an. Durch ihr heftiges Läuten wurde neuerliche Aufregung in die Menge gebracht.“
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Richter: „Hausch, Michael, treten sie vor und reden Sie laut.“
Hausch: „Ich wollte der Demonstration nur als Zuschauer beiwohnen, Herr Vorsitzender. Ich habe mich am Krawall und am Zug bis zum Kemptertor beteiligt, bin aber keineswegs tätig vorgegangen.“
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Staatsanwalt: „Die Führung des Landfriedensbruches hatte Stadtrat Mohring übernommen. Er hat sich an die Spitze des Zuges gestellt, hat die Losung ausgegeben und hat befohlen, was erlaubt und was nicht erlaubt sei. Beim Wirtshaus Zum Rad wird dann auf Rosenbaum eingeprügelt, es reißt ihm jemand Krawatte und Kragen herunter, er verliert den Hut. Die Polizisten können nur mit größter Mühe verhindern, dass ihnen Rosenbaum entrissen und erschlagen wird. Sicius hat es nach berühmtem Muster vorgezogen, von der Ferne, vom Fenster des Nachbarhauses aus, wie von einer Theaterloge, die Vorgänge mit einer großen Befriedigung zu beobachten - und hat dann den Zug begleitet.“
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Richter: „Angeklagter, Dr. Sicius. Was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung?“
Sicius: „Ich versichere, es sollte nur ein öffentliches Beispiel statuiert werden, ohne jede körperliche Belästigung des Rosenbaum. Im Volk war die Meinung verbreitet, daß seitens der Behörde nicht scharf und nicht schnell genug vorgegangen werde.“
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Richter: „Bürgermeister Braun, was gibt´s noch?“
Braun:„ Ich sage ausdrücklich: Ich beschuldigte die Presse keiner korrekten Haltung in dieser Sache. Vorher ist geschrieben worden: `An die Wand mit den Wucherern und Schiebern, auf zur Selbsthilfe´ und nachher sind die Leute, die dies gemacht haben, von der Presse scharf verurteilt worden.“
Zeitungsausrufer dazwischen: „Also, wir haben in unserem Blatte nie zur Selbsthilfe aufgefordert.“
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Staatsanwalt: „Es handelte sich um die gegen Lebensmittelschieber gerichteten Krawalle, die die Antisemiten geschickt auf jüdische Geschäftsleute abzulenken verstanden.“
Richter: „Angeklagter Dr. Sicius“.
Sicius: „Jawohl, ich habe den Juden an den Pranger stellen wollen. Die Volksstimmung ist sozusagen reif dazu gewesen, zum Mittel der Selbsthilfe zu greifen.“
Richter: „Ist von Rosenbaum mehr bekannt gewesen sei, als dass neun Zentner Butter beschlagnahmt wurden?“
Sicius: „Nein, aber in der Stadt hat man allerlei gemunkelt.“
Richter: „Hiermit ist die Verhandlung beendet.“
Das Urteil vor dem Volksgericht
Berichterstatter 1: „Rosenbaum wurde vor dem Volksgericht Memmingen zu fünf Wochen Gefängnis und 3.000 Mark Strafe für das Horten der Butter verurteilt. - Sachverständige sprachen von „Nachlässigkeit“ und von Handlungen, die 90% der Händler ebenso gemacht hatten.- 1923 hatte Rosenbaum seine Strafe noch nicht abgesessen, daraufhin musste er vier Wochen ins Gefängnis – seine Strafe wurde nicht erlassen.
Die Anstifter des Pogroms wie Sicius kamen deutlich besser weg: Sie erhielten einen Monat Gefängnis auf Bewährung wegen Landfriedensbruchs, später umgewandelt in eine Geldstrafe. Der ebenfalls beteiligte (kommunistische!) Stadtrat Jakob Mohring wurde durch die Regierung unehrenhaft entlassen. Der Großteil der Beteiligten blieb ohne Strafe.“
Berichterstatter 2: „Im Prozess wurden auch rechte Netzwerke sichtbar. Sicius ließ sich von Willibald von Zezschwitz verteidigen. Zezschwitz ist Antisemit, Mitglied der NSDAP und Vorsitzenden des Münchner Schutz- und Trutzbundes. Zezschwitz hat auch mehrfach Adolf Hitler verteidigt.“
Berichterstatter 1:
„Die Drahtzieher von 1921 tauchten nach 1933 wieder in der NSDAP auf. Die Vossische Zeitung nannte den Memminger Vorgang ein `Probeprogrömchen.´“
Zeitungsausrufer: „Extrablatt! Rosenbaum verurteilt! Stadtrat Mohring entlassen! Volksblatt! Extrablatt! Extrablatt!
Berichterstatter 1:
„München, 14. August. Indes ersieht man aus den ausführlichen Berichten in der bayerischen Presse, um was es sich bei Überfall in Memmingen letzten Endes handelte. Es spielten sich vor dem Hause des jüdischen Großhändlers stürmische Szenen ab, die rein antisemitischen Charakter hatten …und sie fanden ihre Fortsetzung, nachdem der Bedrohte in Schutzhaft genommen war, auch an und in anderen jüdischen Häusern, deren Bewohner nicht das Mindeste mit Lebensmitteln zu tun haben.
Aus all dem ergibt sich: Es ging nicht um Milch- und Käse, was die die Menge in Memmingen auf die Straße vor das Haus trieb. Die Vorgänge waren gut organisiert und von langer Hand durch antisemitische Drahtzieher, die heute bis auf das letzte bayerische Dorf ihre unheilvolle Wirkung ausüben, gut vorbereitet.
Berichterstatter 2: „Der Regierung Kahr in München, die in unerschöpflicher Toleranz in den letzten Jahren in Presse und Vortragssaal, sogar auf Katheder und Kanzel ein Kesseltreiben gegen die Juden duldet, wie man es früher in deutschen Landen kaum gekannt hat, sollte doch dieser Fall in Memmingen sehr zu denken geben.“
Artikel_Allgemeine-Zeitung-Judentum-08-1921
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. August 1921: Augsburg, 13. August (1921).
Zur Mitarbeit: Geht es nach der Einschätzung dieses Zeitungsberichts, lösen sich alle Verdachtsmomente gegen Rosenbaum in Luft auf. Was war dann das Motiv, wenn kein Wirtschaftsvergehen vorlag? Erläutere die Hintergründe. Wie hätte dann eine Urteilsbegründung lauten müssen?