KBA erteilt Genehmigung
Technische Hochschule Augsburg erhält bundesweite Erprobungsgenehmigung für autonomes Fahren
Am 6. Februar 2026 hat die Technische Hochschule Augsburg (THA) bekanntgegeben, dass das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) den Forschenden am Technologietransferzentrum (TTZ) Data Science und Autonome Systeme in Landsberg am Lech eine deutschlandweit gültige Erprobungsgenehmigung erteilt hat. Damit darf ein Level-4-System für autonomes Fahren auf öffentlichen Straßen bundesweit erprobt werden. Nach Angaben der THA ist sie damit die erste deutsche Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) mit einer solchen bundesweiten Genehmigung – und die zweite Hochschule in Deutschland insgesamt, die eine bundesweite Level-4-Genehmigung federführend erhält.
- Was bedeutet „Erprobungsgenehmigung“ in Deutschland – und warum ist Level 4 anspruchsvoll?
- Deutschlands besondere Rolle bei autonomem Fahren
- Internationaler Markt: Warum der globale Druck auf Tempo und Skalierung steigt
- Bedeutung für Automobilbranche und Zulieferer: Vom Fahrzeug zur Systemplattform
- Warum Tests und Forschung in Bayerisch-Schwaben wirtschaftlich relevant sind
- Ein Meilenstein mit Standortwirkung
Innensicht des autonomfahrenden Cab der THA. Auf dem Bildschirm sichtbar sind die Daten von den optischen Sensoren LiDAR (Light Detection And Ranging), die mit Laserlicht die Entfernung zu Objekten messen und so ein präzises 3D-Modell der Umgebung erstellen.
Das autonomfahrende Cab der THA. Auf dem Dach und an allen Seiten des Cabs sind LiDAR-Sensoren angebracht.
Prof. Dr. Dr. h.c. Gordon Thomas Rohrmair, Präsident der THA (Mitte), Prof. Dr.-Ing. Carsten Markgraf, wissenschaftlicher Leiter im Forschungsfeld autonome Systeme am TTZ Landsberg am Lech (2.v.r.), Marcus Zwick, Gründer und Gesellschafter der INYO Mobility GmbH (1.v.r.) sowie Samuel Leitenmaier, Promovend (links) und Julian Stähler, Geschäftsführer des TTZ Landsberg am Lech.
Was bedeutet „Erprobungsgenehmigung“ in Deutschland – und warum ist Level 4 anspruchsvoll?
In Deutschland werden Erprobungsgenehmigungen für automatisierte und autonome Fahrfunktionen durch das KBA erteilt. Für die Praxis heißt das: Entwickler bzw. Halter müssen ein umfangreiches Genehmigungsverfahren durchlaufen, bevor Systeme im öffentlichen Straßenverkehr getestet werden dürfen. Level-4-Systeme übernehmen die Fahraufgabe hochautomatisiert, typischerweise in festgelegten Betriebsbereichen. In der deutschen Systemlogik spielt außerdem die Technische Aufsicht und Überwachung eine wichtige Rolle: Für Level-4-Anwendungen ist in Deutschland (regelmäßig) eine technische Aufsicht vorgesehen, die das System überwacht und bei Problemen unterstützt.
Diese Genehmigung für die THA ist für Forschung und Transfer deshalb besonders relevant, weil sie Tests nicht nur auf Testgeländen oder in kommunal eng begrenzten Pilotbereichen ermöglicht, sondern die Erprobung grundsätzlich ohne örtliche Beschränkung auf einen einzigen Erprobungsbereich zulässt – selbstverständlich unter den in der Genehmigung definierten Einsatzbedingungen.
Deutschlands besondere Rolle bei autonomem Fahren
Deutschland hat im internationalen Vergleich früh einen eigenständigen Rechts- und Strategierahmen geschaffen, um automatisierte und autonome Mobilität in den Straßenverkehr zu bringen. Das Bundesministerium (BMDV, heute BMV) betont, dass der Act on Autonomous Driving den Rahmen für den Regelbetrieb autonomer Level-4-Fahrzeuge in bestimmten Einsatzbereichen schafft. In der (aktualisierten) Strategie für autonomes Fahren wird zudem explizit das Ziel beschrieben, Deutschlands Innovationsstatus im Bereich autonomer Mobilität zu stärken. Auch der Freistaat sieht im autonomen Fahren ein explizites Zukunftsfeld für Bayern und setzt hier strategische Schwerpunkte in den Regionen.
Vor diesem Hintergrund ist die THA-Genehmigung auch als Signal zu lesen: Nicht nur OEMs oder große Forschungsverbünde, sondern zunehmend auch anwendungsnahe Hochschulen können in Deutschland unter realen Bedingungen erproben – wenn Sicherheits-, Cybersecurity- und Nachweisanforderungen erfüllt werden.
Internationaler Markt: Warum der globale Druck auf Tempo und Skalierung steigt
International wird autonomes Fahren derzeit besonders stark durch Robotaxi- und Shuttle-Anwendungen getrieben. Ein Überblick der französischen Zeitung Le Monde beschreibt, dass der Markt global in eine neue Phase eingetreten ist, mit USA und China als Taktgebern und sehr hohen Investitionen über viele Jahre. Auch wirtschaftliche Erwartungen sind hoch: Die Financial Times verweist auf eine Goldman-Sachs-Einschätzung, nach der allein der Robotaxi-Markt bis 2030 weltweit über 25 Mrd. US-Dollar erreichen könne.
Bedeutung für Automobilbranche und Zulieferer: Vom Fahrzeug zur Systemplattform
Die Automobilindustrie ist in Deutschland weiterhin ein Schwergewicht: Der VDA weist u. a. eine Pkw-Produktion von rund 4,1 Mio. Fahrzeugen (2024) und eine Beschäftigung von rund 773.000 in der Branche aus. In der Transformation (Elektrifizierung, Software-Defined Vehicle, Automatisierung) stehen jedoch Wertschöpfung und Beschäftigung unter Druck – gerade bei Zulieferern. Umso wichtiger werden neue, technologiegetriebene Felder, in denen sich Kompetenzen aufbauen lassen, z.B. in Software, Sensordatenfusion, Functional Safety, Cybersecurity, Datenengineering und Validierung. Hier setzt der Vorteil einer anwendungsnahen Hochschule an: Sie kann Prototypen nicht nur entwickeln, sondern im Realverkehr validieren – also dort, wo Zulassungsfähigkeit, Robustheit und industrielle Skalierung entschieden werden.
Warum Tests und Forschung in Bayerisch-Schwaben wirtschaftlich relevant sind
Für Bayerisch-Schwaben ist die Automobil- und insbesondere die Zulieferindustrie ein wichtiger Faktor. Als exportorientierter Produktionsstandort ist sowohl die Kern-Automobilindustrie (WZ 29*) mit rund 17.000 Beschäftigten als auch die angrenzenden Zuliefererbranchen mit rund 37.000 Beschäftigten von zentraler Bedeutung, mit rückläufigen Tendenzen in den vergangenen Jahren. Das macht deutlich: Regionale Wettbewerbsfähigkeit hängt stark daran, neue Technologien in regionale Kompetenzen zu übersetzen. Welche Potenziale ergeben sich aus der Forschungskompetenz für den Wirtschaftsstandort Bayerisch-Schwaben.
Schnellerer Transfer in Zulieferketten: Wenn Testdaten, Sicherheitskonzepte und Validierungsnachweise in der Region entstehen, können Zulieferer (z. B. Elektronik/Software, Sensorik, Leichtbau, Fertigungstechnik) früher an marktfähigen Systemkomponenten mitarbeiten.
Neue Qualifikationsprofile: Level-4-Erprobung erzeugt Bedarf an Skills wie Safety-Engineering, Cybersecurity-Nachweisen, Echtzeit-Computing, Steuerung und Überwachung von IT-Systemen und fortlaufende Optimierung von Datenprozessen – Kompetenzen, die auch für andere Branchen digitaler Produktion relevant sind.
Anwendungsfälle im ländlichen Raum: Projekte, die autonome Shuttles oder On-Demand-Verkehre adressieren, sind wirtschaftlich interessant, weil sie Mobilität dort verbessern sollen, wo Personal fehlt oder Angebote schwer wirtschaftlich zu betreiben sind (dieser Anwendungsfokus wird auch in deutschen ÖPNV-Autonomieprojekten sichtbar).
Für die Region Augsburg und Landsberg bedeutet die bundesweite Genehmigung damit nicht nur Prestige, sondern potenziell einen Hebel, um F&E-Ausgaben, Industriekooperationen und Ausgründungen im Umfeld autonomer Systeme zu stärken – vorausgesetzt, es gelingt, Forschungsergebnisse in belastbare Partnerschaften mit Zulieferern, Flottenbetreibern, Kommunen und Prüfinstanzen zu überführen.
Gemeinsam mit dem Institut für Fahrassistenz und vernetzte Mobilität der Hochschule Kempten in Memmingen und dem dort entstehenden Kompetenzzentrum für Autonomes Fahren und Fahrassistenzsysteme wächst damit ein innovatives Forschungsfeld in Schwaben heran.
Ein Meilenstein mit Standortwirkung
Die bundesweite Level-4-Erprobungsgenehmigung für die THA ist ein klarer Meilenstein, weil sie Realverkehrstests eines hochautomatisierten Systems unter dem deutschen Rechtsrahmen und erstmalig für eine HAW ermöglicht. In einem global beschleunigten Marktumfeld (Robotaxi-Skalierung in USA/China, hohe Investitionen, große Markterwartungen) kann gerade regionale, anwendungsnahe Forschung dazu beitragen, dass Wertschöpfung und Kompetenzen in Deutschland bleiben. Für Bayerisch-Schwaben – mit der Bedeutung der Zulieferindustrie und dem Transformationsdruck – ist jede realitätsnahe Technologieplattform eine Chance, neue Geschäftsmodelle und Kompetenzen aufzubauen.
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