Fuckup Night

Sie haben als Unternehmer Millionen an Investorengeldern akquiriert, Top-Mitarbeiter angeheuert und Auszeichnungen für ihre Ideen und Projekte gewonnen. Und trotzdem hat es am Ende nicht gereicht. Drei Unternehmer erzählten bei der Fuckup Night der IHK Schwaben von ihrem Scheitern, ihren Fehlern und den Lehren, die sie daraus gezogen haben.
Die Geschichte der Bionade liest sich ein bisschen wie ein modernes Märchen. Ein Braumeister aus der unterfränkischen Provinz tüftelt an einer Limo, mit der er die elterliche Brauerei vor der Pleite retten will. Am Ende kreiert er nicht nur eine Limo, sondern ein echtes Szenegetränk, das dem Familienunternehmen Millionenumsätze und ihm selbst den Titel des Unternehmer des Jahres beschert. Doch das Märchen an dieser Stelle nicht zu Ende. Leider. 
Der Braumeister Peter Kowalsky stand bei der Fuckup Night der IHK Schwaben auf der Bühne und erzählte offen und schonungslos. Natürlich auch von seinem märchenhaften Aufstieg. Aber ebenso von Fehlern, Versäumnissen, von echten Fuckups eben, die ihn und seine Familie am Ende um die Unternehmensanteile gebracht haben. Eine emotionale Geschichte. Eine Geschichte von Entscheidungen, die unter Zeitdruck und in Geldnot getroffen wurden, die er so heute nicht mehr treffen würde. „Ich habe meinen Frieden damit gefunden“, sagte Kowalsky. Und mehr noch: Er, der sich heute wieder an ein Start-up gewagt hat, hat aus dem Scheitern seine Lehren gezogen. „Fehler sind wichtig, um auf ein neue Ebene zu kommen“, sagte er.
Genau diese Botschaft wollte die IHK Schwaben mit der „Fuckup Night“ vermitteln. „Es geht uns um eine neue Fehlerkultur“, sagt Heide Becker, Leiterin des Beratungszentrums Recht und Betriebswirtschaft der IHK Schwaben. „Wir wollen, dass das Scheitern kein Stigma mehr ist.“ Gerade Gründern und Jung-Unternehmern müsse bewusst sein, dass das Scheitern zum unternehmerischen Risiko gehört. „Wichtig ist, dass man aus den Fehlern lernt“, so Becker. Die Botschaft kam an. Rund 400 Gäste waren zu der „Fuckup Night“ ins Augsburger Gaswerk gekommen.
Auch Joachim Sedlmeir lieferte mit seiner Geschichte reichlich Stoff zum Lernen. Er hatte mit seinem Fintech, das er 2012 gegründet hatte, bereits einige Höhen und Tiefen überwunden – doch immer hatte er an seinem Plan festgehalten. Selbst als der große Kunde abgesprungen war, als er sich mit seinem Co-Founder überworfen hatte oder die Hardware seines Produktes kaputt ging. Doch dann, als er kurz vor dem ganz großen Durchbruch war, half auch seine Entschlossenheit, sein Durchhaltevermögen nicht weiter. Sedlmeir war mit seinem Fintech in den Strudel der Wirecard-Insolvenz geraten. Über Nacht brach die Existenzgrundlage seines Unternehmens in sich zusammen. Er meldete Insolvenz an, musste Mitarbeiter entlassen und selbst zur Arbeitsagentur gehen. „Ich habe wieder ganz von vorne angefangen“, erzählte er. Auch er hat ein neues Start-up gegründet. Er will mit seiner Geschichte Mut machen „Gründen hat es in sich. Junge Leute, die sich daran wagen, brauchen Rückhalt“, so Sedlmeir.
Frank B. Sonder hat sein unternehmerisches Scheitern umdenken lassen. Auch er war mit großen Ideen und noch größeren Plänen angetreten, hat große Konzerne dafür begeistert. „Aber irgendwie sind wir nie über den Status der Idee hinausgekommen“, erinnert er sich. Was ist falsch gelaufen? „Manche Ideen braucht man einfach nicht“, sagt Sonder heute. Vielleicht hätte es geholfen, sich und die eigenen Pläne hin und wieder zu hinterfragen, das Timing, die Dimension, in der er gedacht habe. Heute sei er eben schlauer. Und genau darum gehe es ja.
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© IHK Schwaben

Speaker

Frank B. Sonder – Vordenker mit falschem Timing
Als im März 2019 nach über 14 Jahren die Firma foresee liquidiert wurde, war es nur einziges Wort, das Frank B. Sonder in der Einleitung seiner Vita zu ändern hatte. Das war es also. Die Erfolgsgeschichte. Denn danach klingt das, was er zu erzählen hat. Die hoch innovativen Produkte (die Microsoft und Samsung später bauten), die technischen Innovationen (die sich bei Apple wiederfanden), die kreativen Konzepte (die einen heute milde lächeln und “Das haben wir schon vor 10 Jahren gemacht” sagen lassen) und die zahlreichen weltweiten Vorzeigeprojekte (die eben das blieben). Mal eben für einen Pitch ohne Jetlag nach New York fliegen, in Florida (fast) den wichtigsten IBM Business Award abräumen, dem Scheich von Dubai schlecht frisiert gegenüberstehen und bei TED in Marrakesch vergessen zu trinken? Been there, done that. Für unterhaltsame Anekdoten und hoffentlich lehrreiche Einblicke ist das allemal gut. Er ist bescheiden geworden (klingt als ob es hier stehen müsste, allerdings war er das schon immer) und so ist er froh, wenn ihr von seinem Vortrag eine einzige Sache mitnehmt (nicht aufschreibt), die ihr auch 3 Wochen später noch jemandem weitererzählen mögt.
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© Frank B. Sonder
Peter Kowalsky – Bionade-Pionier in der Image-Falle
In Weihenstephan lernte er die Braukunst, in der elterlichen Diskothek entwickelte er ein Gespür dafür, was Kundenorientierung heißt, und während der langen Jahre, die es dauerte, bis Bionade zu einer Erfolgsgeschichte wurde, entwickelte er den nötigen Durchhaltewillen und Pragmatismus, den es eben auch braucht, um eine gute Idee am Markt erfolgreich zu platzieren.
Bis Anfang 2012 leitete Peter Kowalsky als geschäftsführender Gesellschafter die Bereiche Marketing, Vertrieb, PR sowie nachhaltige Entwicklung der Bionade GmbH.
Seit 2015 startet er Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter der INJU GmbH wieder durch.
Joachim Sedlmeir – Fintech-Gründer im Wirecard-Strudel
„Da arbeitest du ewig an etwas hin, es stellen sich immer wieder Hindernisse in den Weg – und dann bietet sich dir auf einmal eine Riesenchance. Ein mächtiger Marktplayer ist an deiner Idee interessiert. Du hast auf den unteren Ebenen schon Kontakte gehabt, aber ohne viel Erfolg. Auf einmal fügt sich eines ins andere, die oberen Etagen sind hoch interessiert. Das Unternehmen ist börsennotiert, untersteht mehrfachen Kontrollen, sogar der Aufsicht einer Bundesbehörde. Wenn von überall dort keine Zweifel zu vernehmen sind: Was könnte ich genauer, besser wissen als die? Und kaum bist du im Geschäft, fliegt der ganze Laden auf. Nicht wegen gescheiterter Geschäfte, sondern wegen Betrugs. Die Explosion zerstört nicht nur diesen Partner, sondern auch all deine Optionen, deine finanzielle Basis – und indirekt auch deinen Ruf.“ Das ist die Geschichte von dem Moment, als aus Joachim Sedlmeirs Start-up ein Fuck-up wurde. Er hat es aus den Radionachrichten erfahren, als er gerade auf dem Weg ins freie Wochenende war. Wie einer, der sich weigert, mit einem Plan B seinen Plan A in Frage zu stellen, das Ende seines Unternehmens umsetzt, das Gelernte verarbeitet und dann, warum auch nicht, wieder an den Start geht – das ist der Rest der Geschichte.