IHK-MAGAZIN
Nr. 7082526
4 min Lesezeit
Generationswechsel im Familienunternehmen

Wenn die nächste Generation in den Startlöchern steht

Kurz vor Elmshorn liegt Sibirien. Keine Kälte, keine dichten Nadelwälder und keine endlosen Weiten – aber weit genug draußen, dass die Elmshorner die Gegend einst genauso nannten. Heute fahren Gäste für Hochzeiten, Familienfeiern und Firmenfeste nach Sibirien, um gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen.
Empfangen werden sie von Juniorchef Claas Röbe-Oltmanns. Schon als Kind ist er hier ein und ausgegangen, wenn Gäste in einem der drei Festsäle Taufe, Hochzeit oder Geburtstag gefeiert haben. Einige von ihnen kommen noch heute. „Und feiern inzwischen ihre goldene Hochzeit“, sagt Röbe-Oltmanns. Heute führt er selbst über das Gelände. Durch helle Festsäle, über Terrassen, vorbei an Blumenbeeten und alten Bäumen. Von jedem Raum geht es in der Gaststätte Sibirien GmbH direkt nach draußen. Jede Gesellschaft hat ihren eigenen Bereich im Garten. Und überall fällt irgendwann der Blick auf den See.

126 Jahre Familiengeschichte

„Das war die Stube meines Urgroßvaters. Der hat seine Möbel nach oben geräumt und mit Gastronomie angefangen.“ Erklärt Röbe-Oltmanns und zeigt in einen festlich eingedeckten Saal mit roten Samtstühlen und prunkvoller Deckenbeleuchtung. Schon bald werden hier die ersten Gäste eintrudeln. Gleichzeitig füllt sich das Foyer mit einer Hochzeitsgesellschaft, die schon zum Sektempfang im Garten erwartet wird.
Dass mehrere Feiern gleichzeitig stattfinden, gehört in Sibirien zum Alltag. Möglich macht das die besondere Struktur des Hauses: Drei Säle, separate Außenbereiche und ein Betrieb, der sich seit Jahrzehnten ausschließlich auf Veranstaltungen konzentriert.
Ein Modell wie dieses ist in der Gastronomie eher die Ausnahme. Viele Betriebe leben vom Tagesgeschäft, von spontanen Gästen. Hier dagegen ist fast alles planbar. Ein Vorteil, der sich besonders dann zeigt, wenn es unsicher wird.

Wie organisiert man das Unvorhersehbare?

Man muss alle Arbeitsmodelle anbieten, sonst funktioniert das nicht.
Rund 40 Mitarbeitende sind im Einsatz – festangestellt, in Teilzeit oder als Aushilfe. „Man muss alle Arbeitsmodelle anbieten, sonst funktioniert das nicht“, sagt Röbe-Oltmanns. Gearbeitet wird nach Bedarf, geplant wird digital: Über eine App geben Mitarbeitende ihre Verfügbarkeiten an, markieren Wunschzeiten oder Sperrtage. Daraus entsteht der Dienstplan – zugeschnitten auf Veranstaltungen, die oft Monate im Voraus feststehen.
Das gibt Planungssicherheit, auch in einer Branche, die sonst stark vom Tagesgeschäft lebt. „Ich weiß bereits Monate im Voraus, wieviel Gäste kommen“, so Claas Röbe-Oltmanns. Gleichzeitig muss er sich auf Ausfälle und spontane Absagen einstellen. Wird ein Gast krank, müssen wir die Veranstaltung verschieben. Das kommt schon mal vor und müsse vom Team getragen werden. Die Erwartung: Flexibilität in beide Richtungen. Dafür bietet der Betrieb Verlässlichkeit und einen Tariflohn, der laut Röbe-Oltmanns über dem Mindestlohn liegt.
Dass das funktioniert, zeigt sich auch daran, dass Personalmangel hier kein Thema ist. Während viele Gastronomiebetriebe händeringend suchen, sieht Röbe-Oltmanns sein Modell im Vorteil: planbare Abläufe, langfristige Bindung – und ein Geschäft, das seit Generationen auf Wiederkehr setzt.

Was trägt ein Familienunternehmen?

Die Antwort steckt im Miteinander: Türen stehen offen, Gäste werden wie Nachbarn begrüßt. Hinter dem Tresen, in der Küche, im Büro – alle arbeiten für dieselbe Idee. Die Großmutter lebt noch immer auf dem Gelände, nur wenige Schritte entfernt. Mutter Anette Thormählen und Tante Heike Thormählen führen das Haus als Geschäftsführerinnen. Gemeinsam organisieren sie Küche, Service und Veranstaltungen. Doch die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Claas Röbe-Oltmanns ist als Juniorchef bereits eingestiegen und wird das Haus mit seinem Cousin Jan-Ole Villwock in die nächste Generation führen.
Besonders sichtbar wird das über neue Ideen wie das weihnachtliche Lichterminigolf und digitale Abläufe in der Mitarbeiterplanung. Gleichzeitig bleibt vieles auf Kontinuität ausgelegt. Entscheidungen werden mit Blick auf Jahre getroffen – und auf Beziehungen zu Gästen, die oft über Generationen hinweg bestehen.
Solche Strukturen gelten als einer der Gründe, warum Familienunternehmen Krisen oft anders abfedern als rein fremdfinanzierte Betriebe. Besitz, gewachsene Beziehungen und die Möglichkeit, langfristig zu denken, schaffen Spielräume, die anderen fehlen.