4 min
Lesezeit
Kino ohne Popcorn ist wie Business ohne Idee
Popcorn riecht nach Kino. Nicht nach Titel oder Genre. Während Filme heute jederzeit digital verfügbar sind, bleibt das Erlebnis an den Ort gebunden. Für Matthias Ehr und Dennis Jahnke, Inhaber des STUDIO Filmtheaters Kiel, ist klar: Zukunftsfähig ist nicht das Produkt allein, sondern das, was es umgibt. Wer seinen „Popcornmoment“ kennt, kann auch im digitalen Wettbewerb bestehen.
Matthias Ehr (links) und Dennis Jahnke (rechts) haben das STUDIO Filmtheater in der Kieler Innenstadt 2009 übernommen.
Tanzabende, Lesungen, Anime-Veranstaltungen: All das erwartet Besucher, die ins STUDIO Filmtheater Kiel kommen. In gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre oder in einem der drei Kinosäle. „Kino definiert sich nicht mehr nur über das, was auf der Leinwand läuft“, ist sich Geschäftsführer Matthias Ehr sicher. Entscheidend ist das Drumherum. Popcorn steht hier für all das, was der Markt nicht kopieren kann: Atmosphäre, Rituale, Erwartung.
Als die beiden Geschäftsführer das STUDIO Filmtheater 2009 übernommen haben, sah Kino noch anders aus. Filmrollen aus 35‑Millimeter‑Material bestimmten den Alltag, Programmplanung war Handwerk, Digitalisierung gerade erst in den Startlöchern. Streaming spielte kaum eine Rolle, Veranstaltungen jenseits des Films waren die Ausnahme. Seitdem hat sich nicht nur die Technik radikal verändert, sondern auch das Selbstverständnis: Aus einem klassischen Programmkino ist ein vielseitiger Kultur‑ und Begegnungsort geworden.
Das STUDIO reagiert damit auf veränderte Sehgewohnheiten und darauf, dass Kino heute mehr sein muss als eine Leinwand in einem dunklen Saal. „Kino definiert sich heute nicht mehr nur über die Filme, die gezeigt werden. Der Ort selbst rückt in den Vordergrund“, erklärt Matthias Ehr. „Uns ist wichtig, dass die Gäste im schlimmsten Fall nach Hause gehen und sagen: Der Film war nix, aber der Abend war schön“, ergänzt Dennis Jahnke. Ganz bewusst haben sich die beiden Geschäftsführer dafür entschieden einiges anders zu machen als ihr Vorgänger. Offen für neue Ideen zu sein und mit der Zeit zu gehen. „Viele Format-Ideen kommen mittlerweile einfach zu uns. Wir haben ein stabiles Netzwerk aufgebaut und probieren immer wieder neue Formate aus. Wichtig ist dabei die eigenen Interessen nicht in den Vordergrund zu stellen“, erklärt Matthias Ehr.
Wirtschaft zwischen Idealismus und Realität
Kino ist Kultur. Kino ist aber auch Kalkulation. Dazwischen bewegt sich der Alltag im STUDIO Filmtheater Kiel. Der Anspruch, ein vielfältiges Programm jenseits des Mainstreams zu zeigen, kollidiert regelmäßig mit der Frage nach Tragfähigkeit. Arthouse allein reicht nicht. „Wenn wir ausschließlich Filme mit Tiefgang und künstlerischem Anspruch zeigen, könnten wir das wirtschaftlich nicht tragen“, sagt Matthias Ehr und benennt damit offen eine Realität, über die in der Kulturbranche selten gesprochen wird.
Rund 52 Prozent der Eintrittseinnahmen gehen direkt an den Filmverleih. „Das, wovon wir leben, sind Popcorn, Nachos und Getränke“, erklärt Dennis Jahnke und lacht. Was banal klingt, ist in Wahrheit Teil einer exakt austarierten Mischkalkulation. Blockbuster und große Namen sorgen für Auslastung und finanzielle Stabilität, kleinere Produktionen profitieren davon mit. „James Bond finanziert bei uns den französischen Film“, fasst Jahnke das Prinzip zusammen. Idealismus ja, aber nicht ohne ökonomischen Realismus. Gerade diese Balance macht es möglich, das STUDIO als Ort für Film, Begegnung und kulturelle Vielfalt zu erhalten.
Kein Drehbuch für Publikumserfolg
Planung beginnt im STUDIO selten mit Zahlenkolonnen, Hochrechnungen oder Zielgruppenprofilen aus dem Lehrbuch. Stattdessen entstehen Entscheidungen aus Erfahrung und direktem Austausch. „Eine funktionierende Kristallkugel hat leider noch niemand erfunden“, sagt Matthias Ehr. Für die beiden Geschäftsführer ist Kino kein Produkt, das sich über Marktanalysen steuern lässt, sondern ein lebendiger Ort, der sich ständig im Dialog verändert.
Mails werden selbst beantwortet, Gespräche vor und nach den Vorstellungen gehören dazu, Rückmeldungen werden ernst genommen. „Wir kennen unsere Zielgruppe so gut, weil wir selbst sehr nah dran sind. Wir beantworten die Mails selbst, führen die Gespräche, hören zu“, erklärt Dennis Jahnke. Auch wenn Jahnke und Ehr ein gutes Gespür für die Themen und Formate entwickelt haben, wissen sie vorher nie zu hundert Prozent, ob ein Film oder ein Programmpunkt durch die Decke geht oder floppt.
Besonders sichtbar wird das bei der Arbeit mit Nischen. Was statistisch oft zu klein wirkt, entfaltet im richtigen Kontext eine überraschende Kraft. Anime-Abende, Sonderreihen oder thematische Veranstaltungen ziehen nicht zufällig Publikum an, sondern weil sie sich mit dem Thema und der Location identifizieren. „Mit einem gezielten Nischenprogramm und guter Ansprache kann aus einer kleinen Zielgruppe plötzlich ein ausverkaufter Saal werden“, betont Matthias Ehr. Entscheidend sei dabei weniger die Reichweite als die Relevanz.
Film ab!
Kontakt
Sophie Blady