IHK-MAGAZIN
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80 Jahre zwischen Wandel und Wachstum

Als Schleswig-Holstein 1946 gegründet wird, fehlen Wohnraum, Rohstoffe und Arbeitsplätze. Die Wirtschaft muss fast bei null beginnen. 80 Jahre später entwickelt das Land KI-Lösungen, profitiert von erneuerbaren Energien und exportiert in die ganze Welt. Dazwischen liegen acht Jahrzehnte voller Umbrüche. Fünf Unternehmen zeigen, wie eng wirtschaftlicher Wandel und gesellschaftliche Entwicklung miteinander verbunden sind.

Als Mut zur wichtigsten Währung wird

Die ersten Nachkriegsjahre verlangen Unternehmern viel ab. Rohstoffe sind knapp, Kapital fehlt, bewährte Geschäftsmodelle brechen weg. Wer bestehen will, muss neu denken. Die Geschichten dieser fünf Unternehmen zeigen, dass oft nicht Maschinen oder Gebäude über die Zukunft entscheiden, sondern Wissen, Ideen und der Mut, alte Wege zu verlassen.
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Wie weit ein solcher Neuanfang gehen kann, beweist die WALTERWERK KIEL GmbH und Co. Kommanditgesellschaft. Firmengründer Prof. Hellmuth Walter steht nach dem Krieg vor einem Neuanfang. Statt auf die Entwicklung von Antriebssystemen für U-Boote setzt das Unternehmen künftig auf zivile Anwendungen. Die Ingenieure nutzen ihr technisches Know-how, um Brotbackmaschinen, Anlagen für die Glasverarbeitung und schließlich Waffelbackautomaten zu entwickeln. Aus Spezialwissen für die Rüstung wird Technik für den Alltag.
Auch bei der ZÖLLNER Holding GmbH wird Wissen zum Startkapital: Der Gründer kommt von der Kieler Germaniawerft und nutzt sein technisches Know-how, um ein Unternehmen zu gründen, das zunächst Prüfstände für Motoren und Typhonhörner für Schiffe baut. "Er ist, wie ich immer sage, aus dem Staub des Zweiten Weltkriegs heraus mit den Zeichnungen gekommen und hat dann die Firma Zöllner gegründet", beschreibt es der heutige Geschäftsführer Dr. Philipp Murmann.
Doch technisches Wissen allein reicht nicht aus. Wer bestehen will, muss daraus etwas Neues schaffen. Vielerorts wird das eigene Können zum Startkapital. So auch in Rellingen. Im Schlafzimmer seiner Wohnung richtet der Großvater von Claas Neuhoff eine kleine Werkstatt ein. "Das war mit Sicherheit etwas, das heute die wenigsten machen würden“, so Neuhoff. Sein Vater reparierte Uhren, dies sprach sich im Ort herum und er gewann erste Stammkunden. Aus den bescheidenen Anfängen entsteht ein Fachgeschäft für Schmuck und Augenoptik, Augenoptik und Juwelier Neuhoff.
Auf dem Land sieht der Alltag anders aus. Dort hält oft noch die Dorfschmiede die Wirtschaft am Laufen. Hier beginnt auch die Geschichte der Max Lorenz  KG Landtechnik - Gartengeräte - Baumaschinen. Die Familie beschlägt Hufe, repariert Gummistiefel und lötet Schroteimer.
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Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernahm Käte Ahlmann 1931 die Führung der 1827 gegründeten Carlshütte. © ACO Ahlmann SE & Co. KG.
Mut beweist auch Käte Ahlmann. Sie ist damals Geschäftsführerin der Gießerei Ahlmann Carlshütte in einer der schwersten Zeiten unseres Landes. Nur ein Jahr nach Kriegsende gründet sie gemeinsam mit ihrem Sohn Josef-Severin Ahlmann die Betonsparte der Carlshütte zu einem eigenständigen Unternehmen aus. Sie glauben an den Werkstoff und die Einsatzmöglichkeiten für die Zukunft und setzen auf Wachstum und neue Geschäftsfelder. Aus dieser Entscheidung entsteht der Grundstein für die ACO Ahlmann SE & Co. Kommanditgesellschaft. Zu dieser Zeit ist das Unternehmen fest in der Region verwurzelt. Dass daraus einmal ein Weltmarktführer für Umwelttechnologien werden würde, ahnt damals noch niemand.
Die Nachkriegsjahre schaffen die Grundlage für alles, was folgt. Aus Know-how, Handwerk und Unternehmergeist entstehen Betriebe, die weit länger Bestand haben werden als ihre Gründer ahnen.

Mehr Markt, mehr Maschinen, mehr Möglichkeiten

Mit dem Wirtschaftswunder wächst der Wohlstand. Die Menschen konsumieren mehr, Unternehmen investieren. Neue Technologien halten Einzug in Bereiche, die sich über Generationen kaum verändert haben.
Auf den Höfen zeigt sich das besonders deutlich. Traktoren verdrängen die Pferde, das Hufschmiedehandwerk verliert an Bedeutung. Die Familie Lorenz reagiert früh und wendet sich der Landtechnik zu und so wird aus der Dorfschmiede ein Partner moderner Agrarbetriebe.
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Bei Max Lorenz dreht sich seit Jahrzehnten alles um Technik für die Landwirtschaft. © IHK / Ferner
Der Aufschwung eröffnet zugleich neue Märkte. Walterwerk baut seine Spezialisierung auf Maschinen für die industrielle Waffelproduktion konsequent aus und liefert seine Anlagen bald weit über Schleswig-Holstein hinaus.
Auch die Anforderungen an Infrastruktur und Technik wachsen. ACO entwickelt dafür neue Lösungen und sorgt 1972 mit seinem Entwässerungssystem für das Münchner Olympiastadion für Aufmerksamkeit weit über die Landesgrenzen hinaus.
Das Wirtschaftswunder bringt damit nicht nur Wachstum. Es schafft Raum für Spezialisierung. Und so werden aus regionalen Betrieben Unternehmen, die auch jenseits Norddeutschlands gefragt sind.

Die Kunst, gefragt zu bleiben

Die Ölkrisen der 1970er-Jahre, die Werftenkrise und die zunehmende Globalisierung verschärfen den Wettbewerb. Gefragt sind Spezialisierung, technisches Know-how und die Fähigkeit, neue Märkte zu erschließen.
Auf den Höfen setzt sich die Technisierung fort. Die Betriebe wachsen, die Maschinen werden komplexer. Mit ihnen wächst die Max Lorenz KG. Statt Hufe zu beschlagen, hält das Unternehmen nun moderne Landmaschinen am Laufen.
ZÖLLNER löst sich derweil von der Herstellung von Motorenprüfständen und entwickelt die Signal- und Sicherheitstechnik für Schiffs- und Bahnindustrie konsequent weiter.
WALTERWERK setzt auf Spezialisierung und konzentriert sich auf Maschinen für die industrielle Waffelproduktion. Beide Unternehmen besetzen Nischen, die weit über Schleswig-Holstein hinaus gefragt sind.
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Die JUPITER gehört zu den leistungsstärksten Maschinen von WALTERWERK und steht für präzise Backtechnik „Made in Schleswig-Holstein“. © WALTERWERK KIEL GmbH und Co.KG
Während einige ihren Vorsprung durch Spezialisierung ausbauen, suchen andere neue Märkte. ACO richtet den Blick weit über die Landesgrenzen hinaus und entwickelt sich vom regionalen Hersteller zum international tätigen Unternehmen.
Erfolg entsteht in diesen Jahren immer seltener durch Größe allein. Entscheidend wird die Fähigkeit, ein klares Profil zu entwickeln, neue Kunden zu erreichen und dauerhaft gefragt zu bleiben.

Zukunftsmusik

Das Land ist heute Vorreiter der Energiewende und produziert mehr Strom aus erneuerbaren Energien, als es selbst verbraucht. Gleichzeitig eröffnen Künstliche Intelligenz und Digitalisierung neue Geschäftsfelder. Daneben bleiben die maritime Wirtschaft und spezialisierte Industrien wichtige Säulen des Standorts.
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Vom regionalen Familienbetrieb zum international gefragten Sicherheitsspezialisten: ZÖLLNER prägt seit 80 Jahren die Branche.
Die Frage, vor der Unternehmen stehen, hat sich jedoch kaum verändert: Wie lassen sich neue Technologien und gesellschaftliche Entwicklungen in wirtschaftlichen Erfolg übersetzen?
WALTERWERK setzt auf KI-gestützte Qualitätskontrolle, ACO auf nachhaltige Wasserlösungen, ZÖLLNER auf intelligente Sicherheitssysteme. Selbst in der Landwirtschaft bestimmen heute Software und Sensorik den Alltag. Doch bei aller Technik bleibt der Mensch ein entscheidender Faktor. "Eine KI kann niemals eine Brille zusammenbauen, und eine KI kann niemals den persönlichen Kontakt zum Menschen ersetzen“, ist sich Claas Neuhoff sicher.
Die vergangenen 80 Jahre erzählen nicht nur von wirtschaftlichem Wachstum. Sie erzählen von Unternehmerinnen und Unternehmern, die Chancen dort erkannt haben, wo andere vor allem Unsicherheit gesehen haben.