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Die Gewinner der Zeitenwende
Hat die sicherheitspolitische Zeitenwende auch etwas mit meinem Unternehmen zu tun? Für viele Unternehmer ist die Antwort auf diese Frage längst nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn gefragt sind zunehmend Technologien und Dienstleistungen, die weit über die klassische Rüstungsindustrie hinausgehen. Um diese Potenziale sichtbar zu machen, soll der neue TechHUB SVI Nord Unternehmen, Wissenschaft und Bedarfsträger vernetzen. Ulrike Wielatt von der WTSH Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH, die den Aufbau des Projekts begleitet, erläutert, wo sie Chancen für Unternehmen im Norden sieht.
Die Bundesregierung investiert massiv in Sicherheit und Verteidigung. Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein?
Die sicherheitspolitische Zeitenwende eröffnet für Schleswig-Holstein erhebliche wirtschaftliche Chancen. Wir erleben derzeit, dass die Themen Sicherheit und Resilienz zu zentralen Innovations- und Investitionstreibern werden. Als nördlichstes Bundesland mit einer starken maritimen Wirtschaft, leistungsfähigen Hochschulen und einer innovativen mittelständischen Unternehmenslandschaft verfügt Schleswig-Holstein über hervorragende Voraussetzungen, von dieser Entwicklung zu profitieren.
Dabei geht es nicht allein um klassische Verteidigungsgüter. Gefragt sind zunehmend Technologien und Dienstleistungen, die zur Sicherheit kritischer Infrastrukturen, zur Digitalisierung, zur Logistik, zur Sensorik oder zur Cyberabwehr beitragen. Das eröffnet vielen Unternehmen neue Märkte und Wachstumsperspektiven.
Viele denken bei Bundeswehr-Aufträgen zuerst an klassische Rüstungsunternehmen. Welche Chancen haben auch Mittelständler außerhalb dieser Branche?
Die Wertschöpfungsketten im Sicherheits- und Verteidigungsbereich sind heute deutlich breiter als häufig angenommen. Ein Unternehmen muss keine Waffen herstellen, um Teil dieses Marktes zu werden. Viele mittelständische Betriebe verfügen über Kompetenzen in Bereichen wie Softwareentwicklung, Elektronik, Sensorik, Fertigungstechnik, Datenanalyse, Robotik oder Wartungsdienstleistungen – und wenn diese sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich angewendet werden können, sprechen wir auch gern von dual-use. Diese Leistungen werden entlang der gesamten Lieferkette benötigt. Häufig ergeben sich die größten Chancen sogar als Technologiepartner oder Zulieferer großer Systemanbieter.
Gerade für Mittelständler, die bislang wenig Berührungspunkte mit dem Sicherheits- und Verteidigungssektor hatten, kann der Einstieg eine Herausforderung sein. Der TechHUB SVI Nord unterstützt dabei, eigene Kompetenzen einzuordnen und Potenziale für den Einsatz im Sicherheits- und Verteidigungsbereich zu identifizieren. Durch den engen Austausch mit Bedarfsträgern können Unternehmen frühzeitig erkennen, wo ihre Technologien einen konkreten Mehrwert leisten können.
Welche Technologien und Kompetenzen sind derzeit besonders gefragt?
Die Bandbreite relevanter Technologien ist groß. Wir beobachten beispielsweise eine sehr starke Nachfrage in den Themenfeldern Künstliche Intelligenz, unbemannte/autonome Systeme oder Energieeffizienz. Besonders gefragt sind Lösungen, die bestehende Prozesse effizienter, sicherer und robuster machen.
Entscheidend ist dabei oft nicht die einzelne Technologie, sondern die Fähigkeit, verschiedene Technologien intelligent miteinander zu verbinden.
Welche Rolle spielen Themen wie maritime Wirtschaft, Sensorik, IT oder Logistik?
Diese Themen spielen eine Schlüsselrolle. Schleswig-Holstein verfügt in allen genannten Bereichen über besondere Stärken.
Gerade die maritime Dimension gewinnt angesichts der sicherheitspolitischen Lage im Ostsee- und Nordseeraum an Bedeutung. Sensorik und digitale Überwachungssysteme werden benötigt, um Räume, Infrastruktur und Verkehrswege zu schützen. IT und Cybersecurity sind inzwischen unverzichtbare Bestandteile moderner Sicherheitssysteme.
Auch die Logistik wird zunehmend zu einem strategischen Faktor. Resiliente Lieferketten, intelligente Lagerhaltung und digitale Steuerungssysteme sind für die Einsatzfähigkeit moderner Streitkräfte ebenso wichtig wie für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft – nicht nur in Schleswig-Holstein.
Was sind die größten Hürden für Unternehmen, die sich erstmals mit diesem Markt beschäftigen?
Die größte Hürde ist die Komplexität des Marktes – insbesondere für KMU, die noch nie Kontakt zu militärischen Akteuren haben. Vergabeverfahren, regulatorische Anforderungen, Sicherheitsbestimmungen und lange Beschaffungszyklen unterscheiden sich deutlich von vielen zivilen Märkten. Hinzu kommt eine gewisse Unsicherheit darüber, welche Produkte & Angebote wirklich relevant sind und wie der Einstieg gelingen kann.
Welche Bedeutung haben Dual-Use-Technologien, also Lösungen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können? Der TechHub SVI Nord soll genau solche Potenziale stärker erschließen.
Dual-Use-Technologien stehen sinnbildlich für einen grundlegenden Wandel der Innovationslandschaft. Zukunftsrelevante Technologien wie KI, Robotik, Sensorik oder Cybersecurity entstehen im zivilen Umfeld, besitzen aber zugleich Relevanz für militärische Nutzungen.
Der TechHUB SVI Nord setzt genau hier an: Wir identifizieren technologische Innovationen, vernetzen Akteure und unterstützen den Transfer zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und militärischen Anwendungsfeldern.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden fünf Jahren?
Europa wird seine technologische Souveränität stärken müssen. Das bedeutet mehr Investitionen in Forschung, Entwicklung und industrielle Fertigungskapazitäten. Unternehmen, die frühzeitig Kompetenzen aufbauen und strategische Partnerschaften eingehen, werden davon besonders profitieren. Gleichzeitig müssen wir auch die selbständige Verteidigungsfähigkeit Europas ausbauen.
Für Schleswig-Holstein sehe ich die Chance, sich als bedeutender Innovationsstandort für maritime Sicherheit, Verteidigungstechnologien und Dual-Use-Innovationen zu etablieren.
Was würden Sie einem Unternehmer sagen, der bisher glaubt: „Das Thema Bundeswehr hat mit meinem Unternehmen nichts zu tun“?
Ich würde ihm sagen: Schauen Sie genauer hin.
Viele Unternehmen verfügen bereits heute über Technologien, Produkte oder Dienstleistungen, die auch für den Sicherheits- und Verteidigungsbereich relevant sein können. Oft geht es nicht darum, das Geschäftsmodell vollständig zu verändern, sondern bestehende Kompetenzen auf neue Märkte zu übertragen.
Die Frage lautet deshalb weniger: „Hat mein Unternehmen etwas mit Verteidigung zu tun?“ Sondern vielmehr: „Welche meiner Kompetenzen können einen Beitrag zu Sicherheit, Resilienz und technologischer Souveränität leisten?“
Wer sich diese Frage stellt, entdeckt häufig neue Geschäftsmöglichkeiten, die er zuvor gar nicht in Betracht gezogen hat. Genau dabei möchten wir als Wirtschaftsförderung und mit dem TechHUB SVI Nord unterstützen. Sicherheit und Innovation sind keine Gegensätze – sie werden zunehmend zu gemeinsamen Treibern wirtschaftlicher Entwicklung.
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Dr. Sabine Schulz