Gesicht zeigen für Europa
Rheinhessen liegt im Herzen Europas – und wirtschaftlich mitten im Binnenmarkt. Während Handelskonflikte weltweit zunehmen, gewinnt der europäische Raum als verlässlicher Partner weiter an Bedeutung. Die EU muss sich reformieren. Doch sie bleibt einer der größten Standortvorteile der Region.
Europa beginnt vor der eigenen Haustür. Für Rheinhessens Wirtschaft ist der Kontinent Absatzmarkt, Produktionsraum und Sicherheitsnetz zugleich. Seit Jahren liegt die Exportquote bei über 50 Prozent – und ein Großteil davon geht in europäische Länder. Doch die globalen Spielregeln verändern sich rasant. Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und neue Zollbarrieren sorgen für Unsicherheit. „Unsere Empfehlung lautet, sich breiter aufzustellen – mit einem klaren Blick auf Europa“, sagt Karina Szwede, Hauptgeschäftsführerin der IHK für Rheinhessen. Der Binnenmarkt wird damit mehr und mehr zum strategischen Anker in bewegten Zeiten.
Ein Blick in die Zahlen des Statistischen Landesamtes zeigt, wie eng Rheinland-Pfalz wirtschaftlich mit Europa verflochten ist. Seit Jahren erwirtschaften die Unternehmen mehr als zwei Drittel ihrer Exporte auf dem Kontinent. 2014 gingen von insgesamt 48 Milliarden Euro Ausfuhrvolumen knapp 33 Milliarden in europäische Länder. Zehn Jahre später waren es bereits 39 von 56 Milliarden Euro. Allein auf die EU-Staaten entfallen konstant 58 bis 60 Prozent der Exporte. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen Frankreich und die USA. Großbritannien hingegen ist seit dem Brexit vom dritten auf den achten Platz zurückgefallen. Die Ausfuhren sanken seit 2019 um knapp eine Milliarde auf 2,3 Milliarden Euro, die Einfuhren sogar noch deutlicher – von 1,24 auf 0,81 Milliarden Euro. Ute Lachmayer, Referentin International bei der IHK Rheinhessen, spricht von „einschneidenden Auswirkungen“. Gleichzeitig ist der Exportüberschuss des Landes in den vergangenen zehn Jahren geschrumpft. Während 2014 Waren im Wert von 32 Milliarden Euro importiert wurden, waren es 2024 bereits über 43 Milliarden. China verlor zuletzt bei den Ausfuhren an Bedeutung und rutschte auf Rang zehn ab, ist jedoch inzwischen wichtigste Bezugsquelle für Importe. Insgesamt stammen weiterhin mehr als 60 Prozent der Einfuhren aus EU-Staaten – insbesondere aus den Niederlanden, Frankreich und Belgien. In volatilen Zeiten, so Lachmayer, rücken für viele Unternehmen Lieferanten in Europa wieder stärker in den Fokus.
„Größter Binnenmarkt der Welt“
„Die EU – mit dem größten Binnenmarkt der Welt – ist ein hervorragendes Konstrukt“, stellt Karina Szwede fest. „Aber sie verspielt auch Chancen und bremst sich oft selbst aus.“ Die IHK-Hauptgeschäftsführerin denkt zum einen an den Binnenmarkt als „Herzstück der EU“ mit freiem Waren- und Kapitalverkehr, aber auch an Barrieren wie die komplizierte Arbeitnehmerentsendung in Zusammenhang mit der Erbringung von Dienstleistungen. „Die Regelungen sind immer noch sehr bürokratisch und national gedacht. Das erzeugt bei den Unternehmen hohe Kosten und rechtliche Unsicherheit. Zudem drohen Straftatbestände“, betont Szwede. Und regt an, „Dienstleistung noch viel freier zu denken“. Bei der EU-Lieferkettenrichtlinie und der Nachhaltigkeitsberichterstattung hoffe die Wirtschaft auf weitere Verschlankung. Industrie, Pharmazie und Maschinenbau sind Treiber des Exportwachstums, ebenso Dienstleistungen. Hier sieht Szwede noch große Potenziale, wenn die grenzüberschreitende Erbringung erleichtert würde.
„Definitiv schlechter“ ohne die EU
Wie stark die europäischen Rahmenbedingungen im Alltag der Unternehmen wirken, zeigt ein Blick nach Mainz: Die Franz Ludwig Gesellschaft für Meß- und Regeltechnik produziert Sensoren, die die Feuchtigkeit in verschiedenen Bauformen messen und in unterschiedlichen Industrien eingesetzt werden, wie Managing Director Manfred Ludwig erklärt. Das Credo: 40 Jahre Made in Germany. Die Warenlieferanten sitzen meist in Rheinland-Pfalz, Keramiken kommen aus Japan.
Allein 60 Prozent der Umsätze resultieren aus dem Export innerhalb Europas. Hinzu kommen Nordamerika, Afrika, Asien. „Der Inlandsabsatz ist in den letzten Jahren schlechter geworden“, stellt Manfred Ludwig fest. „Wir hängen an der Baubranche.“ Diversifizieren? „Haben wir immer schon gemacht.“ Märkte mit hoher Industrialisierung und westlichem Standard stehen im Fokus. „Von Europa allein könnten wir nicht leben“, sagt Ludwig, „und Europa allein als Binnenmarkt würde auch nicht überleben. Der Maschinenbau war mal deutsche Kernkompetenz. Inzwischen bekommen Sie hochwertige Betonmischanlagen aus China oder der Türkei für die Hälfte. Die EU müsste sich reformieren, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden.“
Zum Glück, betont der Unternehmer, ist im europäischen Markt vieles deutlich einfacher geworden, die gemeinsame Währung, die Arbeitsfreizügigkeit etwa. „Aber es ist auch nicht alles einfacher“, blickt Ludwig auf Regularien wie die Lieferkettenregelung oder das Verbrenner-Aus. „Von solchen Dingen profitieren nur andere Länder. Und wir Deutschen setzen oberlehrerhaft noch einen drauf. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht bedeutungslos werden. Es wäre wichtig, Prozesse zu vereinfachen, auch politisch.“ Doch seinem Unternehmen ginge es „definitiv schlechter“ ohne die EU.
„Gift für den Binnenmarkt“
Zwischen Bürokratiefrust und Standortvorteil liegt die wirtschaftliche Realität Europas. Wie stark der Binnenmarkt tatsächlich trägt, zeigt der Blick auf die Zahlen. Markus Kuger, Volkswirt für die DACH-Region beim Beratungsunternehmen Coface, stellt fest: „Der innereuropäische Handel ist immer wichtiger geworden.“ Auch bei den deutschen Exporten zeigt sich dieser Trend: Von Januar bis November 2025 legten
sie nach dem Rückgang im Vorjahr wieder um 0,9 Prozent zu. Besonders deutlich war das Plus im Handel mit EU-Partnern – hier stiegen die Ausfuhren um vier Prozent. Ganz anders das Bild bei Drittstaaten: Die Exporte in die USA und nach China gingen spürbar zurück, Russland verlor auf ohnehin niedrigem Niveau weiter an Bedeutung. „Der Inner-EU-Handel prägt den deutschen Außenhandel“, resümiert Kuger.
sie nach dem Rückgang im Vorjahr wieder um 0,9 Prozent zu. Besonders deutlich war das Plus im Handel mit EU-Partnern – hier stiegen die Ausfuhren um vier Prozent. Ganz anders das Bild bei Drittstaaten: Die Exporte in die USA und nach China gingen spürbar zurück, Russland verlor auf ohnehin niedrigem Niveau weiter an Bedeutung. „Der Inner-EU-Handel prägt den deutschen Außenhandel“, resümiert Kuger.
Trotz seines Mankos namens Bürokratie biete der Binnenmarkt große Vorteile, über die regionale und kulturelle Nähe hinaus, die schon immer den Handel erleichtert hat. Global betrachtet habe Europa als Investitionsziel aber deutlich an Attraktivität eingebüßt. „Es dauert in der EU immer länger, Regularien einander anzupassen. Das ist Gift für den europäischen Binnenmarkt.“ Auch steigende Produktionskosten und hohe
Energiepreise setzen die Wettbewerbsfähigkeit der EU unter Druck. China gewinnt an Boden, während der internationale Handel insgesamt an Tempo verliert. „Slowbalization“ nennt Kuger diesen Trend. Handelshemmnisse nehmen zu, Freihandel sei politisch kaum noch durchsetzbar – und große Reformschritte auf EU-Ebene seien vorerst nicht zu erwarten.
Energiepreise setzen die Wettbewerbsfähigkeit der EU unter Druck. China gewinnt an Boden, während der internationale Handel insgesamt an Tempo verliert. „Slowbalization“ nennt Kuger diesen Trend. Handelshemmnisse nehmen zu, Freihandel sei politisch kaum noch durchsetzbar – und große Reformschritte auf EU-Ebene seien vorerst nicht zu erwarten.
Lieferketten im Blick behalten
Was diese Entwicklung für einzelne Unternehmen bedeutet, zeigt der Blick nach Nieder-Olm. Die Evobeam GmbH produziert Vakuumanlagen für hochpräzise Prozesse in der Automobil- und Luftfahrtindustrie. 80 Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen im Export – jeweils zur Hälfte innerhalb und außerhalb der EU. Die meisten Komponenten stammen aus einem Umkreis von 200 Kilometern. „Da sind wir sicher,
dass die Lieferketten funktionieren“, sagt Managing Director Alexander Weil. Gerade in der Pandemie habe sich dieser regionale Fokus als Vorteil erwiesen.
dass die Lieferketten funktionieren“, sagt Managing Director Alexander Weil. Gerade in der Pandemie habe sich dieser regionale Fokus als Vorteil erwiesen.
Während die Bedeutung der Automobilindustrie in den letzten Jahren stark nachgelassen habe, werden Luft- und Raumfahrt sowie der Energiesektor für die Rheinhessen immer bedeutsamer. Den freien Handel im EU-Binnenmarkt schätzt man bei Evobeam, auch wenn es noch immer Schwierigkeiten bei der Harmonisierung gebe. Weil denkt da an die A1-Bescheinigung für Mitarbeiter, die im Ausland arbeiten. „Aber insgesamt bietet die EU erhebliche Vorteile.“
Der Unternehmer rechnet mit weiteren Vereinfachungen. „Das größte Problem sehe ich im begrenzten Wachstum. Unsere Wachstumsmärkte sehen wir auch eher in Indien, Brasilien, Malaysia, Singapur und Korea, da tut sich deutlich mehr.“ Entsprechend wichtig wäre den Nieder-Olmern die Rücknahme weiterer Handelsbeschränkungen. „In Südamerika und Indien erwarten wir im Spitzentechnologiebereich ein
starkes Wachstum, anders als innerhalb Europas.“
starkes Wachstum, anders als innerhalb Europas.“
Im Umgang mit den US-Zöllen agiert Evobeam flexibel: Zusätzliche Kosten werden marktgerecht weitergegeben. Bei der Erschließung neuer Zielmärkte setzt das Unternehmen bewusst auf Referenzprojekte, um Vertrauen aufzubauen und langfristige Partnerschaften zu entwickeln. Zugleich prüft man genau, in welchen Anwendungen die eigene Technologie zum Einsatz kommt. Denn mit dem Boom in der Luft- und Raumfahrt wächst auch die Bedeutung des Verteidigungssektors. Verantwortungsvolle Auswahl und klare Werte spielen dabei eine zentrale Rolle – ein Anspruch, der sich im europäischen Marktumfeld gut abbilden lässt.
„Wir tragen Ihre Anliegen weiter“
Wie groß der Wunsch nach verlässlichen und wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen ist, zeigte sich zuletzt auch auf europäischer Ebene. Beim Europäischen Parlament der Unternehmen in Brüssel forderten 700 Unternehmerinnen und Unternehmer aus ganz Europa eine Trendwende in der EU-Wirtschaftspolitik. Ihre zentralen Anliegen: weniger Bürokratie, weniger Binnenmarkt-Barrieren und wettbewerbsfähige Energiepreise. Viele Unternehmen fühlen sich angesichts geopolitischer Risiken bislang nicht ausreichend unterstützt. Hier setzt die Industrie- und Handelskammer an. Sie engagiert sich für bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, wie Karina Szwede betont. Das Team International organisiert Webinare und Veranstaltungen, informiert zu internationalen Märkten, Zollfragen sowie Ein- und Ausfuhr. „Wir stehen
an der Seite der Unternehmen“, unterstreicht die Hauptgeschäftsführerin.
an der Seite der Unternehmen“, unterstreicht die Hauptgeschäftsführerin.
Mit dem IHK-Bürokratiemelder wurde zudem ein Instrument geschaffen, über das Betriebe ihre Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge einbringen können. Die IHK bündelt diese Rückmeldungen und trägt sie auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene vor. Auch im Ausschuss International und im Expertenkreis Zoll stehen Unternehmen im direkten Austausch – ebenso wie über den engen Kontakt zum eigenen Dachverband in Brüssel und zu den Auslandshandelskammern. „Am besten, Sie treten mit uns in Kontakt“, wirbt Szwede. „Wir bündeln die Anliegen und tragen sie weiter.“
TORBEN SCHRÖDER, FREIER JOURNALIST
ihk.de/rheinhessen/international
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Telefon: 06721 9141-0
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