Rheinhessens Rezepte für lebendige Innenstädte
Online-Konkurrenz und Kundenverhalten, Infrastruktur und Bürokratie – der stationäre Einzelhandel hat es wahrlich nicht leicht. Und findet doch, allen Unkenrufen zum Trotz, immer wieder Wege, sich neu zu erfinden. Auch und erst recht in Rheinhessen.
Die aktuelle Lage
Drei Viertel der Einzelhändler in Rheinland-Pfalz sehen einen negativen Einfluss auf ihr Unternehmen durch die zunehmende Regulierung. Zwei Drittel sehen ihr Geschäftsmodell durch große Online-Marktplätze wie Amazon oder Ebay sowie die asiatische Billig-Konkurrenz bedroht. Auch der Fachkräftemangel und die hohen Energiekosten setzen den Händlern zu, wie die IHK-ibi-Handelsstudie ergab.
Die Händler reagieren: Knapp die Hälfte betreibt einen Online-Shop, jeder vierte ist in den Sozialen Medien aktiv, zwei Drittel setzen explizit auf Nachhaltigkeit. Allerdings: Bei jedem zweiten steht binnen zehn Jahre die Nachfolge an, aber erst ein Drittel davon hat schon Regelungen getroffen.
Worms macht sich attraktiv
Der Handel kämpft überall in Deutschland mit enormen Herausforderungen, sagt Nina Macher, Geschäftsführerin im IHK-Dienstleistungszentrum Worms und bei der IHK verantwortlich für das Thema Handel: „Innenstädte, Demografie und Kaufverhalten verändern sich. Jetzt ist die Zeit für innovative Konzepte.“ Als Beispiel nennt sie die Initiative „Worms wird Wow“. Überhaupt sei die Nibelungenstadt, was Aktionen zur Unterstützung des Einzelhandels angeht, gern vorne mit dabei. Worms beteiligte sich zum Beispiel im September an den bundesweiten Aktionstagen Heimat shoppen. Und erstellte mit „Worms, morgen, übermorgen“ eine Ziel-Vision für die Innenstadt.
Mit 2,3 Millionen Euro Fördergeld vom Bund geht die klamme Stadt seither einem Bündel an konkret formulierten Zielen nach. Marketingkampagnen und Werbemittel sollen die Blicke auf Worms lenken, das City Hub wurde als neue Innenstadt-Zentrale etabliert, Veranstaltungen wie die Wormser Weinmeile oder Musik am Gammi ins Leben gerufen, Grünzimmer zur Steigerung der Aufenthaltsqualität installiert, Leerstände mit Kunst und mit kreativen Geschäftsideen gefüllt.
Worms will sich zeigen. Ein großer, beleuchteter Schriftzug malt den Stadtnamen auf den Ludwigsplatz, die historische Figur des Hagen prangt von einer Wandfläche. Messungen der Passantenfrequenz sollen zeigen, was wann los ist und wie gut funktioniert. „Wir haben gute Erfahrungen mit kostenfreiem Busverkehr gemacht“, sagt Macher. Es gab und gibt Workshops, und nun soll der Abschlussbericht aufzeigen, wie es weitergehen kann. „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Händler den Kopf in den Sand stecken“, blickt Macher über die Stadtgrenzen hinaus.
Mainz baut und staut
„Damit der Handel Umsatz macht, muss man für Frequenz sorgen“, wirbt auch die Mainzer Citymanagerin Sandra Klima für regelmäßige Aktionen. Und für schlüssig konzipierte Einkaufsquartiere: „Wenn man sich selbst nicht bewegt, passiert auch wenig. Die, die auch bei der Werbung alle Möglichkeiten ausschöpfen, machen Umsätze. Dazu gehört auch: Online eine gute Visitenkarte hinterlassen, im Geschäft Kundenfreundlichkeit und berechenbare Öffnungszeiten anbieten.“ Was kann die Stadt tun? „Schnell umsetzbare Dinge planen und nicht den 100. Workshop und noch eine Machbarkeitsstudie auflegen. Einverstanden, man muss mit einem Plan vorgehen. Aber oftmals wäre es auch sinnvoll, einfach anzufangen, beispielsweise beim Sanieren der öffentlichen Toiletten.“ Zum Jahreswechsel wird Wirth, der Kinderladen, nach mehr als einem Jahrhundert schließen. Ein Menetekel, wenn man mit Quartiersmanager Jan Sebastian spricht, dem Vorsitzenden des IHK-Handelsausschusses, der in vierter Generation den Juwelier Willenberg am Schillerplatz führt.
„Irgendwann muss reagiert werden“, sagt Sebastian. Die Verunsicherung im Einzelhandel ist groß. Der „allgemeine Blues“, der in den potenziellen Kunden steckt, die Kaufzurückhaltung, das hohe Sparvolumen, die überfälligen Maßnahmen in der Infrastruktur – vieles kommt zusammen. Infrastruktur, das ist das zweischneidige Schwert schlechthin gerade in Mainz. Die Maßnahmen zur Förderung des ÖPNV – Stichwort Straßenbahn – und zur Verschönerung des Erscheinungsbildes der Innenstadt werden begrüßt. Und doch ist, wie Citymanagerin Klima sagt, die Verkehrs- und Baustellensituation derzeit in der Transformation des Handels die größte Herausforderung. „Wir fordern hier schon lange ein Baustellenmanagement und vor allem -marketing.“
Die Seite der Einzelhändler steht mit der Stadtverwaltung im Austausch, IHK und Handwerkskammer haben sich unlängst direkt an Oberbürgermeister Nino Haase gewandt. Ihr Wunsch: Erreichbarkeiten aufzeigen, Parkanreize schaffen, Leitsysteme aufbauen, generell eine viel bessere Kommunikation. An den Baustellen ließe sich darstellen, wer gerade warum was genau baut, gern flankiert mit Kampagnen.
Das Thema Baustellen wird den Handel noch einige Jahre begleiten. „Da wäre es wichtig, den Händlern zu helfen“, sagt Klima. Diese seien aber auch selbst gefordert, etwa ihre Online-Präsenz zu steigern und Abholmöglichkeiten zu kommunizieren. Die Stadt brauche eine Plattform für Feedback. Und gerade in einer Landeshauptstadt, die sich in der Transformation befindet, sei es wichtig, den ÖPNV zu stärken, ehe Parkplätze abgeschafft und Straßen verengt würden.
„Im Umland überlegt man sich häufig, ob man in die größeren Städte überhaupt noch hineinfährt“, betont Jan Sebastian. „Die an sich positiv zu bewertenden Baumaßnahmen sind Brandbeschleuniger für die Problematik des stationären Ein zelhandels.“ Was kann der Handel selbst tun? „Er muss sich immer wieder anpassen. Doch der Ruf, einfach die Produkte im Internet anzubieten, greift zu kurz. Kein Einzelhändler hat die Chance, bei der Reichweite gegen die großen Player zu bestehen. Im Internet geht es oft nicht um Präsenz, sondern um den Preis.“
Auch die oftmals fehlende Nachfolge und damit das „natürliche Sterben des Einzelhandels“ problematisiert Sebastian. Es fehlten genügend Menschen mit dem notwendigen Mut – und es gebe viel zu viele bürokratische Anforderungen. Doch genug des Negativen. „Es gibt immer noch prosperierende Bereiche. In Mainz ist die Innenstadt weit gefasst, mit großer Fußgängerzone. So entstehen Nischenbereiche und schöne Entwicklungen.“ Sebastians Rat: „Der kleinere Einzelhandel kann mit den individuelleren Angeboten punkten, die im Netz nicht so einfach zu finden sind.“
Es gelte, sich von Sortimenten zu trennen, die auch andernorts leicht – und günstig – zu bekommen sind. „Aber beratungsintensive Produkte kann das Netz nicht bieten.“ Doch generell sei festzustellen, dass Mainz und Ingelheim Kaufkraft verlieren, während Alzey mit seiner hohen Zentralität punktet. „Alzey ist ein gutes Beispiel, dass Erreichbarkeit und Angebot so gut sein können, dass die Leute aus dem Umland gern kommen“, betont Sebastian.
Alzey hakt sich unter
Christof Schönenberger vom Verkehrsverein Alzey nimmt die Blumen gern an – und relativiert: „Bei der Kaufkraft-Kennziffer darf man sich nicht täuschen lassen, da geht es um das Verhältnis der Einkäufer zu den Anwohnern. Dazu trägt das sehr große Shoppingcenter vor der Stadt, das ehemalige Massa, erheblich bei, als einer der ersten großen Märkte überhaupt auf der grünen Wiese. Die Umsätze dort im Industriegebiet sind nicht vergleichbar mit denen, die in der Innenstadt erzielt werden.“
In Alzey fehle der ein oder andere Filialist – und Frequenzbringer – in der Innenstadt. Das geänderte Konsumentenverhalten mache auch hier viel Druck auf den Einzelhandel. „In Alzey haben wir ein stabiles Fundament mit relativ langer Tradition als Marktplatz und Einkaufsort für das Umland“, sagt Schönenberger, der selbst ein Modehaus in der City betreibt. „Aber auch wir merken, dass die Frequenz weniger wird. Bei Aktionen wird unser Mix aus Gastronomie und Geschäften weiterhin gut angenommen. Dieser Mix ist wichtig.“
Die Aktionen sind es, mit denen Alzey auffällt. Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es den Verkehrsverein. Schönenberger sieht eine starke Solidarität zwischen Geschäften, Büros, Restaurants und der Stadt. Ziel ist, präsent zu sein, ein Wir-Gefühl zu erzeugen. „Wenn wir als Marktplatz und Einkaufsort erhalten bleiben wollen, müssen wir gemeinsam auftreten.“ Verkaufsoffene Sonntage mit Begleitaktionen, Weihnachtslotterie, Christkindches- und Weihnachtsmarkt oder die Einkaufsnacht sind Beispiele. Aktionen des Stadtmarketings, etwa das Marktfrühstück, kommen hinzu. „Wir leben von der Vernetzung“, sagt Schönenberger.
Bingen hat viel Potenzial
„Natürlich hat es auch der Handel in Bingen aktuell nicht leicht“, sagt Tabarelli. Auch hier seien die allgemeine Verbraucherzurückhaltung und die Zunahme der Onlinekäufe spürbar. „Doch Bingen hat viel Potenzial.“ Tabarelli verweist auf die „charmante, mittelalterliche, abwechslungsreiche Straßenstruktur mit ihren im Sommer südlich anmutenden Plätzen“, die Vielzahl inhabergeführter Geschäfte, den „stetig wachsenden Tourismus und die wahrscheinlich schönste deutsche Rheinpromenade“. Infrastrukturell bieten die überregionale Straßen- und Bahnanbindung und die Lage am meistbefahrenen deutschen Radweg Standortvorteile. Besonders hebt Tabarelli die guten und preiswerten Parkmöglichkeiten hervor, mit Vier-Euro-Pauschale für 24 Stunden.
In all den Vorteilen, samt der Aufmerksamkeit, die die Bundesgartenschau auf Bingen lenken wird, sieht Tabarelli Potenziale, die es in der Außendarstellung zu kommunizieren gilt: „Wie zum Beispiel mehr Rheinufer-Touristen für einen Innenstadtbesuch motivieren oder das Hildegard-von-Bingen-Angebot zu verstärken. Entscheidende Basis bleibt die Attraktivität der Einkaufsstadt Bingen für die Region. Hier sind die Händler selbst mit ihrem Angebot und gemeinsamen Aktionen gefragt, wie auch die Stadt, damit die Kunden in einer sauberen, gepflegt anmutenden Atmosphäre das Shopping genießen können.“
Ingelheim plant mit Weitblick
Seine Stadt sieht Sven Kutzner, Vorsitzender des Gewerbevereins „Ingelheim aktiv“, vom Branchenmix her gut aufgestellt: „Der Einzelhandel braucht Frequenz, die schaffen wir durch eine Vielzahl Dienstleistungen. Wir haben kaum Leerstände und sind gesegnet durch unsere Parkplätze und unsere sehr gute Erreichbarkeit. Die Parkhäuser wurden mit Weitblick geplant, die Gebühren sind niedrig.“ Das alles führe dazu, dass der inhabergeführte Einzelhandel sich gegen die Ketten behaupten könne.
Kutzner hebt das Zusammenwirken mit der städtischen Wirtschaftsförderung hervor. Dass es der Stadt wirtschaftlich gut geht, bekämen auch die Kleinstunternehmen in Form von Fördermaßnahmen zu spüren. Der Bahnhof mitten im Zentrum sei ein Segen für die Händler. Nun soll das Thema Tourismus forciert werden, beispielsweise ab Frühjahr mit einer Kulturmeile von der Innenstadt aus. „Die Innenstadt zu beleben ohne ein touristisches Konzept, ist schwierig“, sagt Kutzner. „In der Fußgängerzone braucht es Verweilqualität, Schatten, Spielmöglichkeiten für Kinder.“ Auch hier sei man dran.
Der Gewerbeverein ziele darauf ab, den Veranstaltungskalender weiter zu füllen, Kultur und Kunst in die Stadt zu bekommen. Die 117 Mitgliedsunternehmen decken den Einzelhandel ziemlich gut ab. Das Zusammenwirken ist ein Schlüssel, sagt Kutzner. „Aber mehr Eigeninitiative wäre schön.“
TORBEN SCHRÖDER, FREIER JOURNALIST
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Telefon: 06721 9141-0
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