LEITLINIE IM DETAIL:

03 | Fachkräfte sichern und Potenziale stärken

Qualifizierte Fachkräfte sind die Grundlage für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und langfristiges Wachstum. Unternehmen aller Branchen stehen vor der Herausforderung, offene Stellen zu besetzen und gleichzeitig den steigenden Anforderungen durch Digitalisierung, Transformation und demographischen Wandel gerecht zu werden. Die duale Berufsausbildung ist dabei ein Garant für einen starken Wirtschaftsstandort und eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Damit das so bleibt, gilt es, auf neue Herausforderungen zu reagieren: Rund die Hälfte aller Ausbildungsbetriebe finden keine Auszubildenden und die Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss steigt. So auch im Oldenburger Land, wo junge Menschen zielgerichtet in rund 120 verschiedenen Berufen ausgebildet werden. Sie erlernen die betriebliche Praxis in den Ausbildungsbetrieben und den theoretischen Hintergrund in den Berufsbildenden Schulen. Um die Berufliche Bildung zukunftsfest zu gestalten, müssen alle Bildungsstufen zusammen gedacht werden. Notwendig sind vor allem: konsequente und talentorientierte Berufsorientierung, mehr Flexibilität im System und weniger Bürokratie.

3.1 Berufsorientierung verbessern und ausbauen

Viele Betriebe haben Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze zu besetzen. Geeignete Bewerberinnen und Bewerber fehlen; zugleich steigt die Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss. Unklare Berufsvorstellungen, sprachliche und persönliche Defizite sowie mangelnde Vorbereitung auf Ausbildungsanforderungen erschweren den Ausbildungsstart und erhöhen das Risiko von Abbrüchen.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Schulen müssen Ausbildungsstartkompetenz konsequent fördern. Jugendliche brauchen frühzeitige, praxisnahe und talentorientierte Berufsorientierung, um sich zwischen zahlreichen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten fundiert entscheiden zu können.
  • Praxiseinblicke und direkte Kontakte zu Betrieben verbessern, um Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt besser zusammenzubringen.
  • Berufliche Bildung über alle Bildungsstufen hinweg denken – mit mehr Flexibilität, weniger Bürokratie und einer gleichwertigen Darstellung beruflicher und akademischer Bildungswege.
  • Kooperationen zwischen Unternehmen und Schulen durch regelmäßige Praxiseinblicke verbindlicher machen. Eltern als wichtige Berufswahlbegleiter stärker einbeziehen.
  • Schulen müssen Grundkompetenzen, Zuverlässigkeit, Selbstorganisation, Berufswahlreife sowie digitale und kreative Problemlösungskompetenzen gezielt stärken.

3.2 Berufliche Ausbildung stärken

Die duale Ausbildung ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Fachkräftesicherung, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Sie stärkt den Wirtschaftsstandort und eröffnet jungen Menschen verlässliche Berufsperspektiven. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, KI, Transformation und demographischer Wandel die Anforderungen an Betriebe, Berufsschulen und Auszubildende. Ausbildung muss daher flexibler, moderner und anschlussfähiger werden, ohne Qualität, Verlässlichkeit und Chancengerechtigkeit zu gefährden.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Ausbildung flexibler gestalten und Ausbildungsmodelle stärker an betriebliche Realitäten, neue Technologien und unterschiedliche Lebenssituationen junger Menschen anpassen.
  • Junge Menschen müssen unabhängig von Herkunft, Wohnort oder finanziellen Voraussetzungen verlässlich eine Ausbildung beginnen und erfolgreich abschließen können.
  • Berufsschulen durch eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung sowie regelmäßige Fortbildungen für Lehrkräfte stärken, um eine moderne und hochwertige Ausbildung sicherzustellen.
  • Die Zusammenarbeit zwischen Ausbildungsbetrieben, Berufsschulen, Fachhochschulen, Universitäten und IHK weiterentwickeln, um Übergänge zu verbessern, Bildungsangebote abzustimmen und Ressourcen wirksam einzusetzen.
  • Schon in der Ausbildung die Bereitschaft zur beruflichen Weiterbildung stärken und so junge Menschen auf Veränderungen durch Digitalisierung, KI und neue Arbeitsprozesse vorbereiten.
  • Ausbildungsqualität gezielt fördern, durch Stärkung des IHK-Qualitätssiegels „TOP-Ausbildung“, um gute Ausbildungsbedingungen sichtbar zu machen und die Qualität der Ausbildung in den Betrieben weiter zu verbessern.

Wehrdienst darf nicht zur Ausbildungsbremse werden

Sicherheit und wirtschaftliche Zukunft gehören zusammen. Ein möglicher Wehrdienst darf nicht dazu führen, dass junge Menschen den Einstieg in Ausbildung verschieben oder ganz darauf verzichten. Die duale Ausbildung ist eine tragende Säule der Fachkräftesicherung. Betriebe brauchen qualifizierte Nachwuchskräfte. Wenn junge Menschen zunächst im Wehrdienst oder in ungelernter Beschäftigung mehr Geld verdienen, sinkt die Bereitschaft, später eine Ausbildung mit geringerer Vergütung zu beginnen. Schon heute zeigen Studien, dass ein relevanter Teil junger Menschen lieber direkt arbeiten möchte als eine Ausbildung oder ein Studium aufzunehmen. Langfristig fehlen beruflich qualifizierte Fachkräfte.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Ausbildung muss Vorrang vor Wehrdienst haben. • Wer einen Ausbildungsvertrag hat, soll die Ausbildung ohne Unterbrechung beginnen können.
  • Erst qualifizieren, dann verpflichten – die berufliche Bildung ist Grundlage für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherung.

3.3 Nachhaltiges Gründungsklima schaffen

Selbstständigkeit ist aktuell eine selten verfolgte Berufsperspektive und findet vermehrt im Nebenerwerb statt. Viele junge Menschen nehmen diese Möglichkeit kaum wahr – auch weil die Themen Unternehmertum und Wirtschaft im Bildungssystem zu wenig präsent sind. Bei den derzeitigen Arbeitsmarktchancen verlieren die Alternativen Gründung und Betriebsübernahme zusätzlich an Reiz, obwohl in einer steigenden Zahl von Unternehmen die Nachfolgefrage ungelöst ist. Gleichzeitig wird der demografische Wandel das Potenzial für Unternehmensgründungen weiter schrumpfen lassen. Im Ergebnis droht im schlimmsten Fall eine Ausdünnung des Mittelstands im Oldenburger Land.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Selbstständigkeit und Wirtschaft stärker in Lehrplänen von Schulen und Hochschulen verankern.
  • Regionale Start-up-Initiativen und Kooperationen mit Hochschulen gezielt ausbauen.
  • Wagniskapital für innovative Start-ups leichter zugänglich machen.
  • Start-ups, Gründerinnen und Gründer stärker mit dem Mittelstand vernetzen.

3.4 Fachkräfte sichern und gewinnen

Qualifizierte Fachkräfte sind entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Deshalb müssen alle Potenziale genutzt werden: Fachkräfte aus der Region, aus der EU und aus Drittstaaten ebenso wie Menschen mit Flucht- oder Zuwanderungsgeschichte. Gleichzeitig müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören bezahlbarer Wohnraum, faire Fachkräftegewinnung und eine gelebte Willkommenskultur. Besonders in Tourismus- und Saisonbranchen ist Beschäftigtenwohnen ein wichtiger Standortfaktor. Bestehende Beschäftigte müssen zudem durch gezielte Weiterbildungsangebote unterstützt werden, damit sie den Wandel in den Unternehmen aktiv mitgestalten können. Digitale Lösungen und Künstliche Intelligenz können helfen, Teams zu entlasten und Personalressourcen effizienter einzusetzen.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Potenziale zur Fachkräftegewinnung im Inland, in der EU und in Drittstaaten konsequenter erschließen – durch bessere Informationen, schnellere Verfahren und gezielte Unterstützung für Unternehmen und Beschäftigte.
  • Das Welcome & Business Center als zentrale regionale Anlaufstelle bekannter machen und weiter stärken.
  • Die Integration internationaler Fachkräfte sowie von Menschen mit Flucht- oder Zuwanderungsgeschichte erleichtern.
  • Anerkennungsverfahren, Aufenthaltsfragen und der Einstieg in Ausbildung und Arbeit verständlicher, schneller und praxisnäher gestalten.
  • Verlässliche Beratung zu rechtlichen Rahmenbedingungen, Verwaltungsabläufen sowie regionalen und nationalen Förder- und Unterstützungsprogrammen für Betriebe, um Mitarbeitende im Transformationsprozess der Unternehmen zu fördern.
  • Faire Migration sichern, indem bei der Fachkräftegewinnung mit Partnern gearbeitet wird, die transparente Standards einhalten.
  • Modelle für Beschäftigtenwohnen fördern, insbesondere in Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt sowie im Tourismus- und Saisongewerbe.
  • Künstliche Intelligenz und digitale Anwendungen stärker nutzen, um Personalgewinnung, Planung und Kommunikation effizienter zu gestalten.

3.5 Fachkräftebedarf und Wehrdienstmodelle abstimmen

In allen Bereichen, wie beispielsweise im Bereich IT-Security, der Energieversorgung oder der Verteidigungsindustrie steigt der Bedarf an spezialisierten Fachkräften, während sich gleichzeitig Debatten um neue Wehrdienst- oder Reservekonzepte direkt auf die Personalplanung und Fachkräftesicherung auswirken. Die Politik muss sicherstellen, dass sicherheitspolitische Ziele und betriebliche Anforderungen an ihre Personalressourcen in Einklang gebracht werden.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Wehrdienst/Reservekonzepte früh mit der Wirtschaft abstimmen und kritische Branchen schützen.
  • Qualifizierung in sicherheitsrelevanten Berufen und Technologien ausbauen.
  • Unternehmens- und branchenübergreifende Vernetzung von Qualifizierung und Mitarbeitenden.

3.6 Weiterbildung und Qualifizierung ausbauen

Die Geschwindigkeit der Transformation nimmt weiter zu. Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Technologien und effizientere Organisationsmodelle verändern Arbeitsprozesse und eröffnen neue Potenziale zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Für Unternehmen wird es daher wichtiger, Kompetenzen systematisch weiterzuentwickeln und Beschäftigte während des gesamten Erwerbslebens gezielt zu qualifizieren. Eine professionelle Personal- und Organisationsentwicklung ist die Grundlage für eine wirksame Weiterbildungsstrategie und zentraler Bestandteil betrieblicher Zukunftssicherung. Qualifikationswege, die eine duale Ausbildung mit anschließender höherer Berufsbildung verbinden, stellen eine gleichwertige und praxisnahe Alternative zum Hochschulstudium oder dualen Studium dar und stärken die Attraktivität der beruflichen Bildung.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Höhere Berufsbildung stärker in individuelle Karrierewege integrieren und als gleichwertige Alternative zum Studium sichtbarer machen.
  • Abschlüsse wie Bachelor Professional und Master Professional konsequenter in Wirtschaft und Öffentlichkeit bewerben.
  • Rechtlichen Voraussetzungen schaffen, um diese Abschlussbezeichnungen in allen geeigneten Fortbildungsabschlüssen der höheren Berufsbildung einheitlich zu nutzen.
  • Zugang zu passenden Weiterbildungsangeboten für Unter nehmen und Beschäftigte verbessern – durch flächendeckende, neutrale, qualitätsgesicherte Beratung und transparente Informationssysteme.
  • Weiterbildungsformate flexibler und stärker an den betrieblichen Bedarf anpassen.
  • Digitale Lernangebote, Blended Learning sowie kompakte modulare Formate ausbauen.
  • Präsenzformate dort stärken, wo soziale, kommunikative oder praktische Kompetenzen im Mittelpunkt stehen.
  • Lehrende und Bildungsanbieter gezielt qualifizieren, um moderne Lernformate didaktisch und technisch wirksam umzusetzen.
  • Kompakte und modulare Lernformate weiter ausgebaut werden, um Kompetenzen ohne längere Ausfallzeiten flexibel, praxisnah und passgenau zu vertiefen.

3.7 Innovationskraft fördern

Innovationen sind die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und wirtschaftliche Transformation. Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen durch künstliche Intelligenz, Fachkräftemangel, steigende Energie- und Rohstoff kosten sowie globale Krisen unter hohem Anpassungsdruck. Ein innovationsfreundliches Umfeld braucht technologieoffene Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, verständliche Förderstrukturen und einen starken Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Zukunftstechnologien wie KI, Quantentechnologien oder Datenräume entfalten ihren wirtschaftlichen Nutzen nur dann, wenn Unternehmen sie praxisnah einsetzen können. Innovationspolitik muss des halb konsequent auf Anwendungsorientierung, Technologietransfer und unternehmerische Freiräume ausgerichtet werden.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Wissenstransfer und Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft stärken.
  • Regionale Innovationsnetzwerke und Transferstrukturen sichtbarer machen und gezielt fördern.
  • Technologieoffene Rahmenbedingungen für Innovationen und Zukunftstechnologien schaffen.
  • Innovationsfreundliche Ausschreibungen und schnellere Markteinführung neuer Technologien ermöglichen.
  • Bessere Bedingungen für Wagniskapital und risikoreiche Innovationsvorhaben schaffen.
  • Steuerliche Forschungsförderung (Forschungszulagengesetz) weiter stärken und den Förderdschungel reduzieren.
  • Duale Forschung gezielt fördern und anwendungsorientierten Wissens- und Technologietransfer ausbauen.

3.8 Nachfolge erleichtern

Viele Unternehmen sind auf Nachfolgesuche, da immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer das Rentenalter erreichen. Die nächste Generation sieht die Nachfolge allerdings immer seltener als familiären Automatismus an. Daher müssen viele Unternehmen außerhalb der Familie eine Nachfolge finden. Das macht die Suche und das Zusammenbringen von Altinhabern und Interessenten schwierig. Ein besonders kritischer Punkt in Nachfolgeverhandlungen ist die Finanzierung des Kaufpreises.
DAS MUSS SICH ÄNDERN:
  • Unternehmen frühzeitig für Nachfolgeplanung sensibilisieren.
  • Übergaben und Unternehmensverkäufe praxisnah und bürokratiearm gestalten.
  • Bestandsschutz, etwa im Baurecht, rechtssicher auf Nachfolgende übertragen.
  • Nachfolge als gleichwertige Alternative zu Gründung und Anstellung bekannter machen.
  • Finanzierung von Unternehmensübernahmen erleichtern.