Zwischen Lingen und dem Ruhrgebiet entsteht ein neues Wasserstoffnetz, das Produktionsstandorte im Emsland mit industriellen Abnehmern in Nordrhein-Westfalen verbindet. Verantwortlich sind unter anderem die Fernleitungsnetzbetreiber Nowega aus Münster und Thyssengas aus Dortmund.
Einer der ersten Schilderpfähle markiert die Wasserstoffleitung der Nowega, mit der in Lingen der Elektrolysestandort an das Wasserstoffnetz angebunden ist.
Der Großteil des Netzes liegt seit langer Zeit bereit. Es handelt sich weitgehend um bestehende Erdgasleitungen, die für einen Wasserstofftransport umgestellt werden. Diese Infrastruktur verläuft weitgehend unsichtbar. An der Oberfläche weisen lediglich Markierungen auf den Verlauf der Wasserstofftrassen hin.
Von Lingen bis ins Ruhrgebiet
Bei dem Vorhaben handelt es sich um eines der ersten Projekte der GET H2-Initiative: Es soll grünen Wasserstoff in Regionen bringen, die ihn für energieintensive Produktionsprozesse benötigen.
Die Initiative ist breit angelegt. Rund 50 Partner aus Industrie, Energieerzeugung, Importwirtschaft, Mittelstand, Netzbetrieb und auch einige Kommunen sind beteiligt. Viele der GET-H2-Projekte erhalten Fördermittel aus dem IPCEI-Programm von Bund und Ländern.
Von der initialen Verbindung der Nowega zwischen Lingen und dem Ruhrgebiet ausgehend soll das Netz weiterwachsen. So erschließt Thyssengas unter anderem die Anbindung an die Niederlande.
„Der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft hört nicht an der deutschen Grenze auf. Der grenzüberschreitende Netzaufbau und damit auch die Anbindung der Importrouten ist ein zentraler Bestandteil“, sagt Isabelle Bahlo, Projektleiterin bei Thyssengas. Bei steigendem Bedarf reicht die inländische Produktion nicht aus, daher sind Importe wichtig für die Versorgungssicherheit. „Unsere Infrastruktur ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für die industrielle Transformation“, so Bahlo.
Nowega und Thyssengas stellen das Projekt am 12. März 2025 auf der TECH.LAND Xperience in Münster vor. Auf der Bühne: Impulsvortrag zum GET H2 Nukleus. Panel-Diskussion: mit Industrieunternehmen, darunter Dr. Caroline Foyer-Clitheroe, Director der Janinhoff GmbH & Co. KG aus Münster. Ansprechpartner: Christian Schräder (Nowega), Isabelle Bahlo (Thyssengas). Die Unternehmen Nowega und Thyssengas werden mit einem Stand auf dem Innovationsfestival TECH.LAND Xperience dabei sein.
Bestehende Leitungen statt Neubau
Nowega setzt dabei vor allem auf die Nachnutzung bestehender Erdgasleitungen: „Mit mehr als 90% Bestandsinfrastruktur, leisten wir unseren Beitrag möglichst effizient“, erklärt Christian Schräder, Head of Business Development bei der Nowega. Ein Teil der Leitungen wird bereits mit Wasserstoff betrieben. „Ein Teil unserer Leitungen ist sogar schon betriebsbereit und steht mit Wasserstoff im niedrigen Druckbereich kurz vor der weiteren Befüllung auf Betriebsdruck“, fügt Schräder hinzu.
Die H2!Academy ist Teil der Initiative H2!Raum Mittelstand Ruhr 2030 und wird im Programm „T!Raum“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Partner sind die Westfälische Hochschule und das Fraunhofer IEG. Ziel ist es, für das nördliche Ruhrgebiet praxisnahe Weiterbildungsangebote rund um Wasserstoff zu entwickeln. Grundlage ist eine Unternehmensumfrage, mit der Qualifizierungsbedarfe ermittelt und in Rahmenlehrpläne überführt werden. Die IHK Nord Westfalen begleitet das Projekt mit dem Auftrag, Fachkräfte im nördlichen Ruhrgebiet fit für die Wasserstofftransformation zu machen.
Zeitpläne und Abnehmer
Thyssengas plant, die Bauarbeiten bis Ende 2027 abzuschließen. Zu den potenziellen Abnehmern entlang der Leitung zählen große Industrieunternehmen wie ThyssenKrupp Steel und Evonik, die einen besonders hohen und kontinuierlichen Wasserstoffbedarf haben. Isabelle Bahlo ist zuversichtlich: „Der Zeitplan ist ambitioniert, aber umsetzbar“ – vor allem, weil es sich um die Umstellung. Von Bestandsleitungen handle.
Ein weiterer Referenzpunkt ist das Jahr 2030. Dann soll ein Liefervertrag zwischen RWE Generation in Lingen und der Total-Raffinerie in Leuna wirksam werden. „Das gesamte Netz muss sich bis dahin so entwickeln, dass unter anderem auch dieser Transport funktioniert“, sagt Schräder.
Möglich machen soll dies das deutschlandweite H2-Kernnetz, welches 2024 durch die Bundesnetzagentur genehmigt wurde. Thyssengas und Nowega leisten ihren Anteil für ebendies Zukunftsbild einer nationalen H2-Infrastruktur zu 2032 mit mehr als 9.000 km Leitungen.
Entwicklung einer grenzüberschreitenden Wasserstoff-Transportinfrastruktur zwischen den Niederlanden und Deutschland (v.l.n.r.): Helmie Botter, Direktorin Wasserstofftransport bei Gasunie, Dr. Thomas Gößmann, Mitglied der Geschäftsführung bei Thyssengas, Dr. Thomas Becker, kaufmännischer Geschäftsführer bei Thyssengas.
Anschluss für den Mittelstand
Neben Großabnehmern richtet sich das Projekt auch an mittelständische Unternehmen und Verteilnetzbetreiber wie Stadtwerke. Diese können sich über sogenannte T-Stücke – Abzweige von der Hauptleitung – die Möglichkeit zum Anschluss sichern. Unternehmen können sich diese Anschlüsse bereits vor einer endgültigen Investitionsentscheidung sichern. „Sobald die Leitung in Betrieb ist und mit Wasserstoff befüllt wird, ist der Einbau von T-Stücken deutlich teurer“, sagt Bahlo. „Wir sind bereits mit sehr vielen Kunden im Austausch.“
Nowega hat im März 2025 in Nordhorn die Umstellung der Leitung zwischen Lingen und Bad Bentheim auf Wasserstoff vorgestellt. Im Bild (v.l.): Dennis Hoeveler (Nowega), Frank Heunemann (Nowega), Sopna Sury (RWE Generation), Detlef Brüggemeyer (OGE) und Frank Doods (Land Niedersachsen).
Wasserstoff ist einer der Schlüssel zur Dekarbonisierung der Industrie und anderer Branchen. Die mehr als 50 GET H2 Partner setzen Projekte entlang der H2-Wertschöpfungskette um: von Elektrolyse, Import, Transport und Speicherung bis zur Anwendung. Eine Übersicht über die einzelnen H2-Projekte bietet die GET H2-Website.
GET H2 umfasst mehrere Teilprojekte, von denen insbesondere folgende explizit im Rahmen von IPCEI Hy2Infra gefördert werden bzw. für IPCEI-Förderung vorgesehen sind:
Beispiele für IPCEI-geförderte GET-H2-Bausteine
300-MW-Elektrolyseanlage in Lingen (RWE „GET_H2_Nukleus – Wasserstofferzeugungsanlage“, IPCEI-ID DE34)
Wasserstofftransportprojekt GET_H2_Thyssengas: Bau und Betrieb von ca. 73 km H₂-Leitungen (Neubau und Umwidmung) in Niedersachsen und NRW.
Wasserstofftransportprojekt GET_H2_OGE (Open Grid Europe): rund 85 km H₂-Leitungen (Neubau und Umwidmung) in Niedersachsen und NRW.
Wasserstofftransportprojekt GET_H2_Nowega: rund 158 km H₂-Leitungen (Neubau und Umwidmung) in Niedersachsen und NRW.
Erfolge und offene Fragen
Aus Sicht der Netzbetreiber ist der Wasserstoffhochlauf in Deutschland bereits sichtbar. Schräder verweist auf erste Fortschritte: Bundesweit sind 2025 rund 520 Kilometer bestehender Leitungen für den Transport von Wasserstoff technisch vorbereitet worden oder bereits in Betriebsbereitschaft gegangen. Erste Lieferverträge wurden geschlossen.
Gleichzeitig bleibt der weitere Ausbau auf Unterstützung angewiesen. Entscheidend ist ein stabiler Markt mit verlässlichen Preisen. „Wir hoffen, dass wir mit der Bereitstellung der Infrastruktur Planbarkeit in die Business Cases bringen können“, sagt Schräder.
Wo Unternehmen ins Gespräch kommen: die TECH.LAND Xperience
Am 12. März 2025 stellen Nowega und Thyssengas das Projekt in Münster vor. Bei der TECH.LAND Xperience in der Halle Münsterland sind beide Unternehmen mit einem Stand vertreten. Die Veranstaltung wird von einem Netzwerk institutionellen Partnern aus Deutschland und den Niederlanden getragen.
Auf der GREEN TECH STAGE sind Panel-Diskussionen zum Thema Wasserstoff geplant, etwa zur grenzüberschreitenden Infrastruktur und zu Erfahrungen regionaler Unternehmen. Weitere Informationen auf der Website der TECH.LAND Xperience.