Wirtschaftsspiegel
Nr. 7038340
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Standort & Politik

„Wir müssen raus aus der Flächenfalle!”

Die Gewerbeflächennot wird zunehmend zum Bremsschuh der wirtschaftlichen Entwicklung im Ruhrgebiet, warnen die zentralen Wirtschaftsverbände der Region. Gemeinsam fordern sie auf dem erstmals ausgerichteten Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr konkrete Maßnahmen zur Förderung und zur Entbürokratisierung.
Die Versorgung des Ruhrgebiets mit entwicklungsfähigen Wirtschaftsflächen ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen für Industrie, Mittelstand und Handwerk in der Region, betonten Wirtschaftskammern und Wirtschaftsförderungsgesellschaften auf dem Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr 2026 am 22. April in Dortmund.
„Wir müssen raus aus der Flächenfälle. Wir brauchen unbedingt eine vorausschauende Flächenpolitik, damit sich Betriebe ansiedeln und wachsen können”, betonte Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der aktuell im Ruhrgebiet federführenden IHK zu Dortmund. „Gewerbeflächen sind seit Jahren die Jobmotoren im Ruhrgebiet, hier entsteht ein Großteil der neuen Arbeitsplätze. Umso dramatischer ist es, dass wir aktuell nur noch 468 Hektar restriktionsfrei vermarkten können. Das ist der Flächenverbrauch für gerade mal zweieinhalb Jahre“, sagte Jörg Kemna, Geschäftsführer der Business Metropole Ruhr GmbH. „Allen muss klar sein: Flächenentwicklung passiert nicht von heute auf morgen. Wenn wir heute die Weichen stellen, haben wir erst in einigen Jahren neue Flächenangebote für Unternehmen.“
Raum für wirtschaftliche Entwicklung in der Emscher-Lippe-Region ist knapp, zugleich gibt es große Potenziale bei Brachflächen.
Die Wirtschaftsförderungen, die Ruhr-IHKs sowie die Handwerkskammern und Kreishandwerkerschaften an der Ruhr begrüßten mehr als 140 hochkarätige Gäste aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zum Gipfel auf dem Wilopark, Hauptsitz des weltweit tätigen Wassertechnologiekonzerns Wilo, darunter die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, Dortmunds Oberbürgermeister Alexander Kalouti und RVR-Regionaldirektor Garrelt Duin. In ihrem Impulsvortrag betonte Ministerin Neubaur: „Im Ruhrgebiet nehmen die Menschen ihre Zukunft in die Hand – pragmatisch, bodenständig und mit echtem Gestaltungsanspruch. Um industrielle Stärke zu sichern und technologischen Vorsprung zu ermöglichen, brauchen Unternehmen Platz – Platz, um zu investieren, zu produzieren und Innovationen umzusetzen. Gemeinsam schaffen wir passende Wirtschaftsflächen. Als Land fördern wir die Instandsetzung von Brachflächen – so entsteht wichtiger Raum für nachhaltige Ansiedlungen, gute Arbeitsplätze und neue Chancen.“ Das geschehe im Zuge der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“.
Wie angespannt die aktuelle Lage ist, zeigt das gemeinsame Positionspapier, dass die Wirtschaftsvertreter Mona Neubaur übergaben. Rund 46 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten demnach auf Gewerbe- und Industrieflächen. Sechs von zehn Jobs sind dort in jüngerer Vergangenheit entstanden. Doch die Prognosen sind kritisch: Für Neuansiedlungen oder Erweiterungen wird der Raum immer knapper.

Dr. Jana Burchard, Geschäftsbereichsleiterin Branchen und Infrastruktur, IHK Nord Westfalen, stellte fest: „Der Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr kommt zur richtigen Zeit: Raum für wirtschaftliche Entwicklung in der Emscher-Lippe-Region ist knapp, zugleich gibt es große Potenziale bei Brachflächen.“ Diese zu aktivieren, sei mehr denn je der Schlüssel für ein Flächenwachstum, ohne weitere Freiräume zu verlieren. „Dafür brauchen die Kommunen noch deutlich mehr Unterstützung beim Flächenankauf, verlässliche Förderung und praxistaugliche Verfahren“, betonte die Planungsexpertin.

Flächenangebot im Ruhrgebiet für nur noch gut zwei Jahre

Die Engpässe im Ruhrgebiet sind dabei nicht nur auf fehlende Flächenausweisungen zurückzuführen. Das Positionspapier benennt mehrere konkrete Restriktionen: die mangelnde Verkaufsbereitschaft von Eigentümern (insgesamt 730 Hektar), den erheblichen Aufbereitungsbedarf (703 Hektar) insbesondere auf Brachflächen, die fehlende oder unzureichende Anbindung an das übergeordnete Verkehrsnetz (505 Hektar) sowie kostentreibende rechtliche Vorgaben unter anderem aus Bau-, Natur- oder Bodendenkmalrecht. Dies führt dazu, dass die Flächenpotenziale im Ruhrgebiet nur noch für etwa zweieinhalb Jahre reichen werden.
Exkurs: Flächenangebot Emscher-Lippe-Region
Das aktuell vorhandene Flächenangebot für Unternehmen in der Emscher-Lippe-Region ist sehr differenziert. Für Ansiedlungen bleiben potenziell 507 Hektar. Doch ein Großteil dieser Flächen ist mit Restriktionen belastet: 87 Prozent der gewerblichen Flächenpotenziale sind teilweise langfristig blockiert. Wirklich restriktionsfrei sind nur 64 Hektar. Damit reicht das Angebot von Flächen mit konkreter Entwicklungsperspektive bei gleichbleibendem Bedarf (rund 34 Hektar/Jahr), im Vergleich zum gesamten Ruhrgebiet, sogar nur noch für weniger als zwei Jahre.
Trotz der komplexen Ausgangslage gibt es auch positive Praxisbeispiele aus der Emscher-Lippe-Region. Mit Schlägel & Eisen wurden in Herten auf einem ehemaligen Zechengelände ca. 6 Hektar neue Gewerbeflächen für die Ansiedlung von Unternehmen entwickelt. Und auch zukünftig entstehen mit Freiheit Emscher in Bottrop und Essen, einem der größten Stadtentwicklungsprojekte in NRW, auf ehemaligen Bergbaustandorten 150 Hektar potenzieller Gewerbeflächen für wissensbasiertes Gewerbe und innovative Produktion. Beide Projekte zeigen, dass die Potenziale in der Emscher-Lippe-Region vorhanden sind, sie müssen aber von allen beteiligten Akteuren konsequent genutzt und gefördert werden.

Für die Wirtschaft im Ruhrgebiet ist zentral, dass nun konkrete Maßnahmen folgen. Das Positionspapier formuliert drei Stoßrichtungen:
  • erstens eine strukturierte Förderung der Aufbereitung von Brachflächen, die langfristige Planungssicherheit herstellt
  • zweitens die Anbindung der Potenzialflächen an das übergeordnete Straßennetz, etwa mit Mitteln aus dem Sondervermögen Infrastruktur und
  • drittens eine konsequente Entbürokratisierung kostentreibender Regelungen.
„Mit dem ersten Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr machen wir deutlich, dass die Region beim Thema Flächenversorgung an einem Wendepunkt steht. Das Ruhrgebiet braucht keine abstrakte Debatte, sondern konkrete Entscheidungen: mehr Tempo bei der Flächenaktivierung, verlässliche Förderstrukturen, bessere Erschließung und praxistauglichere Verfahren”, sagte Stefan Schreiber. Der erste Wirtschaftsflächengipfel.Ruhr war damit auch ein Auftakt für die längerfristige wirtschaftspolitische Verständigung aller Akteure in einer regionalen Allianz zur Aktivierung von Gewerbeflächen. Denn das Ruhrgebiet will wachsen, transformieren und investieren – und braucht dafür die notwendigen Rahmenbedingungen.

Weitere Stimmen:

Josef Hovenjürgen, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen:
„Ideen brauchen Platz zum Wachsen und Unternehmen brauchen Flächen für Ihre Betriebe. Gerade im Ruhrgebiet mit seiner historisch einmalig gewachsenen Siedlungsstruktur und seiner Begrenztheit der Flächen, die oftmals auch noch mit Restriktionen belegt sind, ist das Angebot verfügbarer und vermarktbarer Flächen überschaubar. Daher ist es wichtig, dass alle Akteure an einem Strang ziehen und in der Frage der Flächenmobilisierung eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Betriebe bringen Arbeit, Wertschöpfung und Wohlstand. Wir müssen Arbeit, Wohnen und die Bewahrung von ökologisch bedeutsamen Flächen klug und ausgewogen miteinander kombinieren. Wenn uns das gelingt, und wir in unseren Abläufen schneller werden, ist das ein echter Gewinn für die Region und das Land.“
Garrelt Duin, Regionaldirektor des Regionalverband Ruhr:
„Um der wirtschaftlichen Entwicklung zusätzliche Impulse zu geben, braucht das Ruhrgebiet schnelle, unbürokratische Zugänge zu Förderprogrammen von EU, Bund und Land. So können wir gemeinsam mit den Städten brachliegende Flächen reaktivieren. Der zweite Hebel zu mehr wirtschaftlicher Dynamik sind beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren. Das Ruhrgebiet steht als Modellregion für innovative Lösungen bereit. Denn auf den alten Industrieflächen liegen große Zukunftschancen für die Region.“
Fred Toplak, Bürgermeister Herten:
„Wir freuen uns, das ehemalige Zechengelände Schlägel & Eisen in Herten beim Wirtschaftsflächengipfel als gelungenes Praxisbeispiel vorstellen zu dürfen. Der heute vollständig erschlossene Standort bietet zahlreichen Handwerksbetrieben optimale Bedingungen und steht für eine bedarfsgerechte, effiziente Flächenentwicklung mit starker regionaler Wertschöpfung.”
Gernot Pahlen, Geschäftsführer Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft mbH:
„Freiheit Emscher sind 150 Hektar potenzieller Gewerbeflächen – ein seltener ‚Schatz‘, von dem nachhaltige Impulse für Wachstum und Wohlstand ausgehen. Um dieses Potenzial zu entfalten, gehen wir weit über die reine Flächenerschließung hinaus. Unterstützt vom Land und der EU entsteht mitten im Ruhrgebiet ein produktiver Stadtraum von morgen – klimagerecht, lebenswert und infrastrukturell gut angebunden.“