Wirtschaftsspiegel
Nr. 6999218
5 min Lesezeit
Acht Menschen auf dem Innovationfestival TECH.LAND Xperience
IHK Nord Westfalen

Ein guter Tag für die Technologie-Souveränität

Vier Bühnen, 1.250 Teilnehmende, ungezählte gute Gespräche und neu geknüpfte Kontakte: Das Innovations-Festival TECH.LAND Xperience im MCC Halle Münsterland war ein Event, das in der niederländisch-deutschen Grenzregion lange nachhallen wird.
Den Auftakt zum fulminanten Tagesprogramm gab Lars Baumgürtel, Präsident der IHK Nord Westfalen: Wir bringen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an diesem Meeting-Point zusammen, das ist einzigartig, tauchen Sie ein in diese Welt!“, hieß er die Teilnehmenden herzlich willkommen. Genau darum ging es in den darauffolgenden Stunden: Mitzuwirken an der Entwicklung einer europäischen Technologiewelt, die resilienter ist gegen geopolitische Spannungen und weitgehend unabhängig von Unternehmen, die in den USA oder in China ansässig sind. „Die Zeiten sind für uns alle gefährlich geworden“: Um punkt 11.00 Uhr hatte die deutsch-US-amerikanische Politologin Cathryn Clüver Ashbrook diesen Satz ausformuliert, und so lieferte das Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz, als wäre er bestellt, den passenden Soundtrack. Das Warnsystem für Krisen- und Katastrophenfälle schlug Probealarm, durchdringende Sirenen-Töne aus mehreren hundert Smartphones erfüllten den Saal. Aufgerüttelt hatte zuvor schon Clüvers Beschreibung der aktuellen globalen geopolitischen und ökonomischen Situation, in der sich Europa und somit auch die TECH.LAND-Initiative positionieren muss. Clüver ist als Expertin für transatlantische Außen- und Handelspolitik bei der Bertelsmann-Stiftung tätig und legte entsprechend den Fokus auf die Ziele, die sich die Administration der USA offenbar gesetzt hat. Am Beispiel der Bestrebungen des Pentagon, KI zu militarisieren, machte Clüver Ashbrook deutlich: Es gehe darum, eine neue, unregulierte Welt zu erschaffen. Das spiegele sich unter anderem in der nationalen Cyberstrategie der USA wider. Clüver Ashbrook zufolge wollen die USA auch Europa auf diesen Kurs bringen und dazu bewegen, seine technologischen Regularien über Bord zu werfen. Die USA, warnte die Wissenschaftlerin, könnten Tec-Tools nutzen, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. Es gehe darum, die Demokratien in Europa zu torpedieren und auseinanderzureißen. Auch China allerdings habe längst die High-Tech-Infrastruktur als einen Weg entdeckt, die Welt zu kontrollieren. In dieser bedrohlichen Lage liegt, laut Clüver
Ashbrook, eine große Chance: Der Standort Europa könne lernen, autonom und eigenverantwortlich zu handeln. Das allerdings müsse sehr schnell geschehen. So gelte es beispielsweise, zügig die Abhängigkeiten von US-basierten Cloud-Systemen abzubauen und eigene zuverlässige Rechenkapazitäten aufzubauen und darüber hinaus die Rahmenbedingungen für Innovationen zu verbessern. „Es muss in Europa mehr Agilität ins System, damit es funktioniert“, betonte Clüver Ashbrook. Dass die Niederlande und Deutschland eine gemeinsame High-Tech-Strategie entwickelt haben, sei ein guter Schritt. TECH.LAND könne vor diesem Hintergrund als eine Modell-Region gesehen werden, die mit grenzüberschreitender Zusammenarbeit und Innovationskraft die Wettbewerbsfähigkeit Europas auf den Weltmärkten stärkt.

Resilienz durch eigene Rechen-Power

Dass sich in Europa Rechen-Power in größter Dimension und damit zugleich neue Geschäftsbereiche aufbauen lassen, hat die Digitalsparte der in Neckarsulm ansässige Schwarz Gruppe mit ihren Data-Centern und ihren Lösungen in den Bereichen Cloud, Cyber-Security und KI bereits gezeigt. Sebastian Mader, Division Head Cross Sales, verriet die Strategie des Unternehmens: „Nicht nur über technologische Souveränität sprechen, sondern sie auch aufbauen“. Natürlich sei es erforderlich, viel Geld in die Hand zu nehmen. Die Schwarz-Gruppe investiert zurzeit elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum im brandenburgischen Spreewald. Viel spricht dafür, dass auch vom Innovations-Festival TECH.LAND Xperience Impulse für technologische Unabhängigkeit ausgehen, denn es hat die Akteure zusammengebracht, die in bestimmten Schwerpunktbranchen gemeinsam Projekte anschieben können: junge und etablierte Unternehmen Forschungseinrichtungen, Verwaltung und Politik aus Deutschland und den Niederlanden sowie internationale Investoren.
Hochkarätig besetzt waren die Vorträge und Diskussionsrunden auf den Bühnen. So betonte etwa NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, dass Initiativen wie TECH.LAND zur Handlungsfähigkeit und Resilienz des Standortes Europa beitragen. Zum Kreis der Speaker und Diskussionsteilnehmenden zählten unter anderem Helga Witjes (Wirtschaftsministerin der Provinz Gelderland), Tilman Fuchs (Oberbürgermeister der Stadt Münster), Willemijn von der Toorn (Konsulin und Leiterin der Wirtschaftsabteilung beim niederländischen Generalkonsulat in Düsseldorf), Dr. Eduard Hüffer (Generalkonsul der Niederlande in Münster) Maria-Variana Michalun, Leiterin des OECD-Teams für
Regierungsführung und strategische Planung sowie Johann Wessels, Rektor der Universtät Münster und Vinod Subramaniam, Präsident der Universität Twente. „Hier ist soviel in Bewegung, hier laufen so viele Gespräche – ein Event mit solcher Resonanz hätte ich vor vier Jahren nicht für möglich gehalten“, zeigte sich Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, mit dem Verlauf der Veranstaltung hochzufrieden. Damals hatte er, gemeinsam mit Victor-Jan Leurs, Geschäftsführer Twente Board, die TECH.LAND-Idee entwickelt. Die Aufbruchstimmung des Innovationsfestivals würde Jaeckel gerne auf den gesamten Standort Deutschland übertragen, denn er sieht hier die Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit noch nicht auf optimalem Level. Bestimmte Regularien müssten reduziert, zudem müsse Handlungsgeschwindigkeit aufgebaut werden. So hake es beispielsweise noch immer bei der Fachkräfteeinwanderung. Optimal indes verlief das gesamte Technologie-Event: „1.250 Teilnehmende bei der ersten Ausgabe von TECH.LAND Xperience, das ist herausragend“, zog Lars Baumgürtel nach der Veranstaltung Bilanz. Bereits jetzt steht fest: Eine weitere Folge des Festivals ist in Planung. „Sie wird in den Niederlanden stattfinden“, verriet Liane van der Veen, Geschäftsleiterin der Wirtschaftsförderung Oost NL.