Wirtschaftsspiegel
Nr. 6929016
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Standort & Politik

Gemeinsam mehr Sicherheit schaffen

Das Bahnhofsviertel in Münster könnte bald dank einer guten Idee sicherer werden: Ein Security-Service soll im Auftrag der ansässigen Unternehmen seine Runden drehen. Die Kosten würden geteilt.
Vor und hinter dem Hauptbahnhof in Münster überkommt Passanten manchmal ein mulmiges Gefühl. Das ist in der Stadt seit langem bekannt. Im Oktober 2024 hat die Verwaltung eine Beschlussvorlage in den Rat eingebracht, um die Situation zu verbessern – ein komplexer Katalog von Maßnahmen und Hilfsangeboten, von denen viele bereits umgesetzt werden. Doch bleibt die Sicherheitslage aus Sicht der ansässigen Unternehmen angespannt. „Die Angsträume haben sich ausgeweitet“, sagt Uta Deutschländer, Geschäftsführerin der Alexianer AGIL GmbH und Vorsitzende der Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Bahnhofsviertel Münster e.V. „Zum einen ist durch einen Neubau ein alter Treffpunkt von alkoholabhängigen Menschen weggefallen, zum andern haben sich die Szenen mit der Zunahme synthetischer Drogen aufgesplittet“, berichtet sie.
Die Quintessenz der Beobachtungen der ISG-Mitglieder: Das Areal bietet den dunklen Seiten des urbanen Lebens zu viele Räume. Deutschländer spricht vom vermüllten und mit Exkrementen verunreinigten Hamburger Tunnel, von Hauseingängen und Hinterhöfen, von Umschlagplätzen für Drogen. Dazu komme das steigende Aggressionspotenzial in einigen Szenen, das auf den Konsum der neuen Drogen zurückzuführen sei. „Es gibt Leute, die gehen in ein Hotel, nehmen etwas vom Buffet und verschwinden wieder“, erzählt die ISG-Vorsitzende, die auch in einem ansässigen Inklusionsbetrieb der Alexianer AGIL ähnliche Situationen erlebt hat. Zwar sei die Polizei immer schnell vor Ort, der Aggressor habe aber bei Ankunft schon das Weite gesucht. „Seit Alexandra Dorndorf als Präsidentin im Amt ist, engagiert sich die Polizei in Münster sehr für die Befriedung des Quartiers“, betont die Unternehmerin und verweist auf Verstärkung der Streifen, Videoüberwachung, Workshops und die Teilnahme von Polizei und Ordnungsamt an den „Runden Tischen“, die sich beidseits des Bahnhofs konstituiert haben. Doch stehe auch fest: Die Sicherheitsbehörden können nicht alles regeln. Es sei an der Zeit, dass sie von den ansässigen Unternehmen mehr unterstützt werden. Einen Quartiersdienst zur Meldung von Missständen hat die ISG bereits aus eigener Kraft auf die Beine gestellt. Der Dienst geht zum Beispiel gegen das Fahrradchaos am Bahnhof vor. Finanziell nicht zu stemmen war bisher ein professioneller Security-Service.

Präsenz und Prävention

„Ein Doorman kostet bis zu 7.000 Euro im Monat“, weiß Rainer Grüntgens, Geschäftsführer des Sicherheitsdienstes AEGIS Protect GmbH & Co. KG. Das sei für viele kleinere Geschäfte nicht tragbar, die aber denselben ansteigenden Sicherheitsbedarf hätten, wie die größeren. „Wir sind ja schon länger im Bahnhofsviertel tätig, also nah am Geschehen, und sehen die Entwicklung dort“, sagt Grüntgens, der ein Modell entwickelt hat, das Sicherheit im Bahnhofsviertel bezahlbar und für alle Seiten rentabel machen soll. Die Kernpunkte des Konzepts:
  • Ansässige Unternehmen finanzieren im Kollektiv eine City-Streife
  • Die Streife – zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes – patrouilliert von 11.00 bis 23.00 Uhr mit festen und variablen Kontrollpunkten.
  • Die Streife steht Passanten, Anwohnern, Geschäftsinhabern und Touristen als Ansprechpartner zur Verfügung.
  • Sie interveniert früh und deeskalierend bei kleineren Störungen und Konflikten.
  • Sie dokumentiert Auffälligkeiten und Vorfälle und berichtet an Polizei und Ordnungsamt.
  • Sie reagiert sofort, wenn ein Unternehmen Alarm schlägt.
In keinem Fall, unterstreicht Grüntgens, würde sein Unternehmen hoheitliche Aufgaben übernehmen. Der rechtliche Rahmen beschränke auf sich auf das Jedermannsrecht, darunter die vorläufige Festnahme nach StPO § 127. „Es geht darum, im Falle einer Straftat wie Hausfriedensbruch, die Person festzuhalten, damit die Polizei ihre Arbeit machen kann“, erklärt Grüntgens. Ohnehin kooperiere AEGIS schon bei einigen Aufträgen mit den Sicherheitsbehörden. Der Security-Experte geht davon aus, dass diese nicht mehr so oft anrücken müssen, wenn die AEGIS-Streife ihre Runden dreht: „Sicherheit ist auch Präventivsache, unsere Präsenz wird potenzielle Straftäter abschrecken“, sagt Grüntgens. Doch will er auch den Kosten den Schrecken nehmen, die für die Streife anfallen: Bei 100 Teilnehmenden fiele monatlich ein Betrag im niedrigen dreistelligen Bereich an.

Ein Standort, viele in Verantwortung

Aktuell bündeln AEGIS und die ISG die Nachfrage. Rund 60 Firmen und Eigentümer kommen für eine Beteiligung an dem Sicherheitskonzept in Frage, darunter auch das GOP Varieté Münster. Direktor Hamid R. Reghat hatte bereits für einen Zeitraum von sechs Wochen zwei Doorman engagiert, um eine bestimmte Person am Eingang des Theaters zu verweisen. Der Mann hatte mehrfach im Foyer Gästen das Bierglas aus der Hand gerissen und es ausgetrunken. Die Präsenz des Sicherheitsdienstes habe die gewünschte Wirkung erzielt, berichtet Reghat. „Ich denke, es muss grundsätzlich etwas geschehen, nicht nur im Sicherheitsbereich“, sagt Reghat, der hier nicht allein die öffentliche Hand in Verantwortung sieht. Auch die Privatwirtschaft müsse helfen, die Stadt sauber und attraktiv zu halten. Kerstin Südmersen, Geschäftsführerin der AREO Holding GmbH, sieht es genauso. Das Unternehmen hat Liegenschaften am Berliner Platz. „Wir reinigen oft über unsere Eigentumsgrenzen hinaus, solange keine hoheitlichen Aufgaben berührt werden“, sagt Südmersen. Allerdings habe sich über mangelnde Sauberkeit noch niemand beschwert. „Wir können nicht immer sagen, die Stadt soll alles regeln, denn wir profitieren als Investor vom Standort, und müssen etwas zurückgeben“, betont die Unternehmerin, die deshalb auch am Konzept zur Neugestaltung des Berliner Platzes mitwirkt. Die Idee, mit einer städtebaulichen Entwicklung die Sicherheitslage im Quartier zu verbessern, ist bereits Bestandteil der Beschlussvorlage von 2024 und ist in 2025 mit einer Absichtserklärung der Stadt und weiteren Beteiligten untermauert worden. Vorgesehen sind unter anderem ein Hotel- und Dienstleistungsstandort und eine neue Polizeiwache. Doch können diese Pläne die akuten Probleme nicht lösen. „Als Eigentümer wollen wir unsere Mieter – Handels- und Dienstleistungsunternehmen – ja schon jetzt schützen“, erklärt Hendrik Reichmann, bei AREO der Experte für den Berliner Platz. Für ihn ist ein ständig präsenter Sicherheitsdienst ein Standortargument. Reichmann sieht die Chance, dass die City-Streife sogar Impulse für Neuansiedlungen geben und die Abwärtsspirale des Viertels stoppen kann. Dass somit ein Problem nicht grundsätzlich gelöst, sondern nur verdrängt wird, dass also ein strahlendes Bahnhofsviertel anderenorts Schatten werfen würde, ist Südmersen und Reichmann klar. „Wir müssen, gemeinsam mit den Akteuren der Stadt, den Menschen Hilfe anbieten“, ist Südmersen überzeugt. Vieles sei bereits unternommen worden, fügt sie hinzu und verweist beispielhaft auf die Arbeit des Drogenhilfezentrums INDRO.

Aufgabenverteilung abgestimmt

Auch Norbert Vechtel, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Münster, betont, dass die Entwicklung am Bahnhof viele Facetten hat. Es gehe auch um Verarmungstendenzen und Suchtproblematiken. „Unser Einsatzfeld beschränkt sich auf die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten in den Bereichen Sicherheit und Sauberkeit und ist begrenzt durch die Zuständigkeit der Polizei, die übernimmt, wenn der Anfangsverdacht einer Straftat besteht“, erklärt Vechtel und fügt an: „Ein privater Sicherheitsdienst, der mitwirken will, und sich an die Rahmenbedingungen hält, ist willkommen.“ Auch Alexandra Dorndorf, Polizeipräsidentin in Münster, begrüßt den Ansatz der ISG. „Ein gezielt eingesetzter privater Sicherheitsdienst kann dort, wo es um den Schutz von Privateigentum wie Hotels oder Gewerbeimmobilien gerade in den Abend- und Nachtstunden geht, einen Beitrag für mehr Sicherheit leisten“, erklärt sie. Ohnehin steht die Polizei im regelmäßigen Austausch mit der ISG und weiteren Akteuren. Sie hat eigens das „Gemeinsame Informationszentrum“ (GIZ) ins Leben gerufen, um
Lagebilder zu besprechen und Maßnahmen zu vereinbaren. „So machen wir die Wege kurz und heben Synergien“, erklärt die Polizeipräsidentin und fügt an: „Dieser Ansatz funktioniert, hat aber Luft nach oben, da wollen wir ran“. Dorndorf weist darauf hin, dass die Polizei den Kontrolldruck in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat. So war das Bahnhofviertel allein im ersten Halbjahr 2025 Schauplatz von knapp 5.000 polizeilichen Maßnahmen, darunter Identitätsfeststellungen, Durchsuchungen, Platzverweise und Strafanzeigen. Somit hat sich die Zahl gegenüber dem Vergleichszeitraum 2024 mehr als verdoppelt. Dazu setzt die Behörde weitere Instrumente ein, unter anderem verdeckte Maßnahmen, strategische Fahndungen und Razzien sowie eine Waffen- und Messerverbotszone. Dennoch ist die Zahl der Körperverletzungsdelikte angestiegen. „Die Arbeit an einem solchen Kriminalitätsschwerpunkt ist eine Daueraufgabe, deshalb geht Sicherheit hier nur gemeinsam“, betont Dorndorf – ein Statement, dass sich auf die Idee einer kollektiv finanzierten City-Streife gut übertragen lässt.