Wirtschaftsspiegel
Nr. 6983146
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Baustelle: Das ehemalige Bahnbetriebswerk in Gelsenkirchen-Bismarck
Wir investieren

Investition mit Zugkraft

Mehr als 40 Jahre lag das Bahnbetriebswerk in Gelsenkirchen-Bismarck brach, dann hat der spanische Konzern CAF das Gelände erworben, um es für sein Rail-Service-Geschäft zu reaktivieren. Jetzt werden hier Weichen für die nachhaltige Mobilität in Deutschland gestellt.
Wer produziert 76 batterie-elektrische Triebfahrzeuge für Bahnen des Niederrhein-Münsterland-Netzes und hält sie instand? Der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) sowie der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) hatten gemeinsam ausgeschrieben, und die Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles S.A. (CAF) erhielt den Zuschlag. „Deutschland ist für CAF ein strategischer Markt und daher im besonderen Fokus der Geschäftsführung in Spanien“, erklärt Marcus Brüning, Geschäftsführer der in München und Berlin ansässigen Konzerntochter CAF Deutschland GmbH. Nach bereits gelungenem Markteintritt nämlich will sich der weltweit tätige Hersteller von Schienenfahrzeugen hier langfristig etablieren. Der Vertrag mit VRR und NWL passt perfekt zu diesem Ziel: „CAF wird, neben der Herstellung und Lieferung der neuen Züge, auch die Wartung und Instandhaltung der Fahrzeuge für mehr als 30 Jahre übernehmen“, berichtet Brüning. Gute Perspektiven also für das Unternehmen – und für zwei Wirtschaftsstandorte in Nord-Westfalen, denn die langfristig gesicherte Nutzung hat CAF bewogen, eigene Werkstätten in Gelsenkirchen und Neubeckum aufzubauen.

Ausstattung mit Traktionsbatterien

Seit 1917 entwickelt und fertigt das in Beasain ansässige Unternehmen Schienenfahrzeuge, die im Personenverkehr zum Einsatz kommen – von der U-Bahn bis zum Hochgeschwindigkeitszug. Somit wird das 100 Jahre alte Bahnbetriebswerk in Gelsenkirchen-Bismarck von einem Traditionsunternehmen reaktiviert. Das neue Nutzungskonzept indes ist zukunftsweisend, denn hier wird Technik instandgehalten, die zur Dekarbonisierung beiträgt. „Die Fahrzeuge können auch auf Streckenabschnitten ohne Oberleitung fahren, da sie zusätzlich mit Traktionsbatterien ausgestattet sind“, erklärt Brüning. Aufgeladen wird unterwegs: Auf den elektrifizierten Strecken entnehmen die Fahrzeuge Strom aus der Oberleitung sowie über Ladesäulen – Elektranten mit 400 V und 63 oder 125 A – oder aus Oberleitungsinselanlagen (OLIA) an den Endpunkten der Strecke. Somit könne der Dieselbetrieb sukzessive ersetzt werden. Elektro- und Batteriebetrieb:
Marcus Brüning
„Stillstand fühlt sich sicher an, ist er aber nicht“, findet Marcus Brüning, CEO der CAF Deutschland GmbH. © CAF Deutschland GmbH
Es werden im Zuge der Mobilitätswende weitere Aufgabenträger des ÖPNV und SPNV auf diesen Zug aufspringen, ist Brüning sicher. Deshalb schätzt er die langfristigen Chancen, die im deutschen Markt liegen, höher ein, als die Risiken einer temporären Wirtschaftskrise. Der Umfang der Investitionsprojekte zeigt, dass CAF es ernst meint mit seinem Engagement. In Gelsenkirchen bebaut das Unternehmen ca. 6.700 Quadratmeter der mehr als 90.000 Quadratmeter großen Grundstücksfläche. Hier entsteht eine Werkstatt unter anderem mit Verwaltungsgebäude, einer Halle für die Unterflurradsatzdrehanlage, einer weiteren zur Fahrzeugwäsche, einem Technikgebäude für die Abwasseraufbereitung, zudem neue Schieneninfrastruktur. Bis Anfang 2027 soll der Neubau fertiggestellt werden.

Dreistelliger Millionenbetrag

In Neubeckum ist gerade der Grundstein gelegt worden. CAF reaktiviert ein mehr als 12.000 Quadratmeter großes Bahngelände der Westfälischen Landeseisenbahn. Auch hier soll auf 6.700 Quadratmeter Infrastruktur zur Instandhaltung entstehen. In Gelsenkirchen investiert CAF den Löwenanteil – eine hohe zweistellige Millionensumme. „Nehmen wir das Vorhaben in Neubeckum sowie eine weitere geplante Investition in Infrastruktur hinzu, werden wir einen dreistelligen Millionenbetrag in NRW erreichen“, sagt Brüning. Da CAF Deutschland circa 50 neue Dauerarbeitsplätze schafft, erhält das Unternehmen im Rahmen des Regionalen Wirtschaftsförderungsprogramm RWP einen Investitionszuschuss. „Die IHK hat mit einer Stellungnahme an die NRW.BANK zum erfolgreichen Bescheid unseres Antrags beigetragen“, erzählt Brüning, der bei den Investitionen nicht nur auf die Rendite blickt, sondern zugleich auf den strategischen Gewinn. „Mit den Werkstätten erhält CAF ein Gesicht in Deutschland, und wir rücken näher an die potenziellen Kunden, die jetzt sehen können, wie CAF tickt und arbeitet“, erläutert er. Deshalb habe das Unternehmen auch die überbordende Bürokratie bei den Baugenehmigungsverfahren in Kauf genommen, die solche Investitionen in Deutschland allerdings stark erschweren würden. Jetzt aber hat CAF, mit der Genehmigung für künftige Bauvorhaben, freie Fahrt für Folgeaufträge. „Stillstand fühlt sich sicher an, ist er aber nicht“, betont Brüning. Wer heute nicht investiere, habe sich dennoch entscheiden: für eine langsamere Entwicklung als Markt.