Wagner trifft...

Sinnliches Erleben - das geht nur lokal

Der lokale Einzelhandel: Persönliches Gespräch, Service vor Ort
Wir haben unseren lokalen Einzelhandel noch nie so vermisst wie im Lockdown. Jetzt bangen wir um unsere Innenstädte. Mit unserer neuen Serie „Wagner trifft...“ wollen wir Lust auf lokale Shoppingtouren machen, und mithelfen, den Fußgängerzonen nachhaltig wieder Leben einzuhauchen. Schließlich steht oder fällt mit dem Einzelhandel auch die Attraktivität unserer Innenstädte – und damit ein wichtiger „weicher“ Standortfaktor für die Gewinnung von Fach- und Führungskräften in der Industrie. „Wir wollen ein Spotlight auf den Einzelhandel richten und seine Leistungsstärke zeigen“, sagt Claudia Wagner, Leiterin des Referats Handel & Dienstleistungen bei der IHK Lahn-Dill. Für die LDW besucht sie Händler vor Ort, berichtet über die Vorteile des persönlichen Einkaufens und fragt nach neuen Konzepten für die Innenstädte. Zum Auftakt ist sie bei Jörg Palm zu Gast, Inhaber des gleichnamigen Juweliergeschäfts in der Wetzlarer Altstadt und Vorsitzender des Handelsausschusses der IHK Lahn-Dill.
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Ihr Ur-Ur-Ur-Großvater hat das Geschäft 1835 gegründet, Sie betreiben das Familienunternehmen nun in der sechsten Generation. In der Firmengeschichte haben Sie sicherlich viele Höhen und Tiefen erlebt. Wie kommen Sie bisher durch die angespannte Zeit in der Corona-Pandemie?
Herr Jörg Palm: Stimmt, meine Familie hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt, aber unser Geschäft war noch nie geschlossen. Selbst als mein Großvater in den Krieg ziehen musste, hatte meine Großmutter das Geschäft am Laufen gehalten. Die Situation jetzt ist in unserer Firmengeschichte beispiellos. Nach dem ersten Lockdown hatten wir nicht damit gerechnet, das Geschäft nochmals schließen zu müssen. Doch dann kam es besonders schlimm: Denn die Schließung im Dezember betraf die für uns besonders umsatzstarke Weihnachtszeit. Dieser Umsatz fehlt, und er wird immer fehlen. Und je länger so eine Geschäftsschließung dauert, umso länger wird auch das Band zu unseren Kunden. Parallel zu der Situation sinkt die Kaufkraft und der große Onlinehandel macht das Geschäft.

Sie sind ein so genannter Vollsortimenter unter den Juwelieren. Manche Ihrer Marken kennen wir nur aus Metropolregionen und Großstädten. Schön, dass es ein solches Angebot lokal gibt. Was bedeutet für Sie lokal einkaufen? Welche Vorteile haben Kunden, wenn sie vor Ort in die Geschäfte gehen?
Herr Jörg Palm: Ganz abgesehen davon, dass durch das Einkaufen im lokalen Einzelhandel auch die Gewerbesteuer vor Ort bleibt: Die persönliche Beratung und der Kontakt zum Kunden machen das lokale Einkaufen zu einem sinnlichen Erlebnis. Die Kunden können die Ware anfassen und ein persönliches Gespräch führen. Nicht zu vergessen ist auch die Betreuung im Anschluss an den Kauf. Sie ist manchmal noch wichtiger als die Beratung an sich. Bei uns können beispielsweise Reparaturen vor Ort durchgeführt werden, die Ware muss nicht eingeschickt werden. Diesen Service können so nur lokale Händler bieten.

Wir hören immer wieder, wie wichtig es für den stationären Handel ist, online sichtbar zu sein und die verschiedenen Einkaufskanäle miteinander zu verbinden. Sie haben eine moderne Homepage, mit der Sie nur noch einen Schritt weit von einem Online-Shop entfernt sind. Planen Sie aktuell diesen „Step“ noc h zu gehen, oder haben Sie sich bewusst dagegen entschieden?
Herr Jörg Palm: Wir sind schon seit Jahren dabei, einen hochwertigen Internetauftritt zu gestalten. Wir wollen damit Appetit machen, sich mit unserer Ware zu beschäftigen und die Kunden anregen, ins Geschäft zu kommen und die persönliche Beratung anzunehmen. Einen Onlineshop mit Versand und allen Auflagen rund um Widerrufsrecht, Versicherung und Retouren ist für uns als kleines Geschäft kaum zu handhaben. Außerdem: Unsere Beratung kann nicht durch einen Klick im Internet ersetzt werden.

 
Innenstädte verändern sich zunehmend, erst durch den wachsenden Online-Handel, jetzt durch die Corona-Pandemie. Wir halten Wetzlar für einen attraktiven Einzelhandelsstandort, den es zu erhalten gilt. Was müssen wir dafür tun?
Herr Jörg Palm: Wir müssen in den Innenstädten gute Rahmenbedingungen für ein Einkaufserlebnis schaffen, in dem Einzelhandel und Gastronomie für Wohlfühlcharakter sorgen können. Grundsätzlich stimmt in Wetzlar die Mischung aus großflächigem Einzelhandel mit Filialisten wie zum Beispiel im Forum und dem kleinteiligen Einzelhandel in der Altstadt. Hier bieten Händler individuell und mit Liebe zusammengestellte Produkte abseits des Mainstreams an. Wichtig ist, dass wir in der Altstadt nicht in eine Abwärtsspirale geraten: Dass die Fassaden der alten Gebäude so gut in Schuss sind, liegt größtenteils daran, dass die Ladeninhaber ihre Häuser erhalten. Doch: Sterben die Geschäfte, werden die Gebäude und damit das Bild der Innenstadt an Attraktivität verlieren.

Palm – ein Juwelier schreibt Geschichte
1835 gründete der Uhrmachermeister Louis Palm in der Krämerstraße in der Wetzlarer Altstadt ein Fachgeschäft für Uhren und Zubehör. Seine Uhren stellte der Gründer noch in der eigenen Werkstatt her. Eine Generation später – unter Theodor Palm - wurde das Sortiment ausgeweitet, und neben Uhren und Silberschmuck kamen auch Nähmaschinen und Fahrräder zum Verkauf. Als schließlich Carl Palm das Geschäft 1908 übernahm, galt das Uhren- und Schmuckgeschäft auch als erste Tankstelle der Stadt. Da Benzin oder Gasolin bei einem Uhrmacher zur Reinigung immer vorrätig waren, holten sich die ersten Autobesitzer in Wetzlar ihren Kraftstoff in der Krämerstraße ab.
Nach dem zweiten Weltkrieg kam die vierte Generation mit Robert und Gertrud Palm und erweiterte das Geschäft um die Nachbarhäuser. Als Roland Palm das Geschäft 1977 von seinen Eltern übernahm, galt der Juwelier bereits als eines der größten Fachgeschäfte der Branche in ganz Mittelhessen. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Seit 2005, zum 170. Geburtstag des Geschäfts, führt Jörg Martin Palm das Juweliergeschäft als so genannter Vollsortimenter in der sechsten Generation. Im Zeit + Design Studio in der Krämerstraße 7 werden rund um die erste „liegende“ und „begehbare“ Turmuhr, die den Mittelpunkt des Raumes bildet, hochwertige Zeitmesser und ausgefallene Schmuckstücke präsentiert. Eine eigene Uhrmacherwerkstatt rundet das Portfolio ab.
Einkaufen in Wetzlar – Zahlen und Fakten
Infos bei Stadtmarketing Wetzlar angefragt
IN der Stadt Wetzlar mit ihren knapp 53.000 Einwohnern sind 402 Einzelhandelsbetriebe, welche über eine Gesamtverkaufsfläche von 208.400 Quadratmeter verfügen, ansässig. (Quelle: Einzelhandels- und Zentrenkonzept der Stadt Wetzlar, April 2019) Darunter befinden sich kleinteilige, individuelle Fachgeschäfte in der Altstadt genauso wie großflächiger Einzelhandel mit dem Forum, dem Herkules-Center und dem Möbelhaus Ikea.
Damit gibt es in Wetzlar rund 3,8 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner  - zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt sind es 1,51 Verkaufsfläche pro Einwohner. Der Einzelhandelsumsatz in Wetzlar vor der Pandemie in 2019 betrug durchschnittlich 13.235 Euro pro Einwohner. Wetzlar hat jährlich wiederkehrende erfolgreiche Events, teils mit verkaufsoffenen Sonntagen, die insgesamt rund 200.000 Besucher anlocken: Autosalon, Brückenfest, Sommernachtsweinfest, Straßenmusikfestival (hat aufgrund Corona noch nicht stattfinden können, früher Frühlingserwachen), Live am Domplatz, Brückenfest & Brückenlauf, Wetzlarer Festspiele, Gallusmarkt, Ochsenfest (alle vier Jahre) und das Weihnachtsflair. Seit 2016 ist Wetzlar Fairtrade Stadt.
(Quellen: Quelle: MB Research 2020 / Einzelhandels- und Zentrenkonzept der Stadt Wetzlar, April 2019)