IHKplus. Das Magazin
Nr. 7216140
IHKplus 3.2026 | Weitblick

Going Circular: Polycare gewinnt mit kreislauffähigem Bausystem

Ein Bindemittel, das klassischen Portlandzement ersetzt, und Wandelemente, die nach dem Rückbau erneut eingesetzt werden können: Mit diesem Ansatz hat die Polycare Research Technology GmbH mit ihrem CEO Andreas Kunsmann den ersten Platz beim bundesweiten Wettbewerb Going Circular gewonnen.
And the winner is: Polycare Research Technology GmbH aus Suhl! Ihr CEO, Andreas Kunsmann, nahm den ersten Preis des Wettbewerbs Going Circular beim Circular Economy Forum entgegen. Denn in der IHK Köln ging es einen ganzen Tag lang um Kreislaufwirtschaft und die Verbindung von Ökologie und Ökonomie. Kunsmanns Idee zielt auf eine Bauwirtschaft, in der Materialien länger genutzt werden und Gebäude nach ihrer Nutzung nicht zu Abfall werden. Damit stehen geringere Emissionen beim Bauen und die Wiederverwendung von Bauteilen im Mittelpunkt.

Weniger CO2, längere Nutzung

Polycare verfolgt das Ziel, die Bauwirtschaft konsequent in Richtung Kreislaufwirtschaft weiterzuentwickeln. Dafür hat das Unternehmen ein Bindemittel entwickelt, das klassischen Portlandzement ersetzt und den CO2-Ausstoß deutlich reduziert. Der Ansatz setzt bei einem Material an, dessen Herstellung weltweit rund 7 - 8 % der CO2-Emissionen verursacht.
Andreas Kunsmann am MIkrofon
Wenn Zement ein Land wäre, wäre es der drittgrößte CO2-Emittent.
Andreas Kunsmann, CEO der Polycare Research Technology GmbH aus Suhl
Bei der Herstellung wird Kalk gebrannt. CO2 entsteht dabei auch durch den chemischen Prozess selbst. Dieser sei deshalb sehr schwer zu dekarbonisieren.
Mit einem anderen Bindemittel allein ist es für Kunsmann jedoch nicht getan. Ebenso wichtig ist, was mit einem Gebäude nach seiner Nutzung geschieht. Soll Bauen nachhaltig sein, müssen die eingesetzten Systeme so konstruiert sein, dass sie nach dem Gebrauch nicht zu Abfall werden. Polycare hat dafür ein Wandsystem entwickelt, das sich zerstörungsfrei zurückbauen lässt. Die Elemente werden weder verklebt noch vermörtelt, sondern trocken gefügt und vorgespannt. Nach dem Rückbau können sie direkt wiederverwendet werden. So bleiben Bauelemente im Einsatz, statt nach einmaliger Nutzung zu Abfall zu werden. Die Wiederverwendung hat nach Kunsmanns Einschätzung einen fünf- bis zehnfach höheren Wert als Recycling oder Downcycling. Wer das erkennt, könne auch in der Immobilienwirtschaft entscheidende Vorteile erzielen. Entsprechende Geschäftsmodelle werden derzeit entwickelt und getestet. Der Gedanke dahinter: Je länger die Bauteile ihren Wert behalten, desto stärker wird die Wiederverwendung auch zu einer wirtschaftlichen Frage.

Innovation wird bereits erfolgreich in der Praxis getestet

Für die Jury war entscheidend, dass Polycare seine Innovation bereits erfolgreich in die Praxis bringt und mit bestehenden Betonwerken skalieren kann. In der Jury saßen:
  • IHK-Präsidentin Dr. Nicole Grünewald
  • Prof. Dr. Marc Bettzüge, Leiter des EWI-Instituts
  • Peter Zens, Mitglied der IHK-Vollversammlung
  • Janine Steeger, Direktorin Ecosign
  • Thomas Reinke, Redaktionsleiter WDR Landesstudio Köln
  • Annette Gödderts, Leitung :metabolon
  • Ulrike Franzke, Vorständin StEB Köln
Die Möglichkeit, vorhandene Betonwerke einzubeziehen, war für die Bewertung ebenso wichtig wie der Nachweis, dass das Konzept bereits funktioniert. Auch für Dr. Uwe Vetterlein, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, gab die praktische Umsetzung den Ausschlag: "Es ist nicht bloß eine Idee, sondern eine Idee, die tatsächlich bereits umgesetzt wurde, die funktioniert und mit der man offensichtlich auch schon beginnt, Geld zu verdienen."

Ein langer Weg für neue Bausysteme

Der erste Platz bei Going Circular würdigt damit einen Ansatz, der Material und spätere Nutzung des Gebäudes gemeinsam betrachtet. Für Kunsmann zählt neben einem guten Start dabei vor allem Ausdauer. Deshalb rät er allen innovationsfreudigen Unternehmerinnen und Unternehmern: "Unter fünf Jahren sollte man ein solches Projekt aus meiner Sicht gar nicht erst angehen." Den Wandel, den er für die Bauwirtschaft anstrebt, vergleicht er mit dem Wechsel vom Verbrennungsmotor zur Elektrifizierung in der Automobilindustrie. Dabei geht es um eine Technologie, die grundsätzlich anders funktioniert. Dieser Vergleich macht deutlich, wie grundlegend Kunsmann die Veränderung der Bauwirtschaft sieht. Es geht für ihn um mehr als die Anpassung eines einzelnen Baustoffs: Auch die Konstruktion und der spätere Rückbau müssen von Anfang an mitgedacht werden.
Bis kreislauffähige Systeme zum Baustellenalltag gehören, sind jedoch Hürden zu überwinden. Die Bauwirtschaft ist stark normiert; Sicherheit, Haftung, Statik, Brand- und Schallschutz stellen hohe Anforderungen an Materialien und Konstruktionen. Die geltenden Normen stammen aus einer weitgehend linear organisierten Wirtschaft. Unternehmen müssen deshalb prüfen, wo sich ihre Lösungen innerhalb der bestehenden Vorgaben bewegen können und wo sie bewusst davon abweichen. Langfristig braucht es laut Kunsmann neue Normen, die kreislauffähiges Bauen besser unterstützen.
Anderen Unternehmerinnen und Unternehmern rät der Preisträger zu Beharrlichkeit und einer Portion Unbefangenheit: "Optimistisch und zielstrebig bleiben und sich nicht zu sehr von dem vielen Drumherum ablenken lassen." Gerade wegen der langen Innovationszyklen in der Baubranche komme es darauf an, an den eigenen Weg zu glauben und ihn gemeinsam mit dem Team konsequent weiterzugehen.

Preisverleihung beim Circular Economy Forum

Beim Circular Economy Forum der IHK kommen regelmäßig Menschen aus verschiedenen Branchen, um über Kreislaufwirtschaft zu sprechen und neue Ideen zu hören. Exkursionen, Workshops und Fachvorträge zeigten, wie Unternehmen wirtschaftlich arbeiten und zugleich die Natur schonen können. Zur Begrüßung sagte IHK-Präsidentin Dr. Nicole Grünewald: "Wir sind uns in der IHK einig, dass Ökonomie und Ökologie zusammengedacht werden müssen."
Wetter- und Klimaexperte Frank Böttcher sprach über die Folgen zunehmender Hitze für Unternehmen. Sie müssten Anforderungen an die Kühlung von Gebäuden und Lagern sowie den Umgang mit Mitarbeitenden bei großer Hitze schon jetzt mitbedenken. Klimaanpassung sei in Deutschland ein Riesengeschäftsmodell. Einen politischen Impuls gab Wibke Brems MdL, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag.
Wibke Brems am Mikrofon
Kreislaufwirtschaft ist moderne Wirtschafts- und Industriepolitik, zunehmend auch Sicherheitspolitik. Denn jedes Material, was wir im Kreislauf halten können, macht uns unabhängiger.
Wibke Brems MdL, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag
Polycares ausgezeichneter Ansatz zeigt, wie diese Frage beim Bauen konkret wird: mit weniger CO2 beim Material und Bauelementen, die erneut eingesetzt werden können.
Der Wettbewerb
Kreislaufwirtschaft ist Wirtschaft der Zukunft! Beim bundesweiten Wettbewerb Going Circular zeichnet die IHK Köln daher Unternehmen aus, die sich in besonderem Maße und gerne auch mit innovativen Ideen für die Kreislaufwirtschaft, Ressourceneffizienz und zirkuläre Wertschöpfung einsetzen.

Ob Start-up, etablierter Mittelstand oder Konzern: Beim Wettbewerb Going Circular können alle Unternehmen mit innovativen Produkten, Dienstleistungen oder Geschäftsmodellen rund um die Kreislaufwirtschaft teilnehmen. Wir suchen Ideen aus diesen Bereichen:
  • Product to Product – Verlängerung der Lebensdauer
    Verlängerung der Lebensdauer von Maschinen und Anlagen durch wesentliche Neuentwicklungen, Anpassungen oder Änderungen bei Wartung, Reparatur, Überholung oder Ersatz.
  • Product as a service – Service statt Besitz
    Umstellung von Produkt- auf Leistungsverkauf oder innovative Mietund Leasingmodelle. Produktivität, Lebenszeit und Weiterverwertbarkeit der Produkte werden wesentlich gesteigert.
  • Product from waste – vom Abfall zum Produkt
    Neuartige Aufwertung von Abfällen zu neuen Produkten oder Materialien.
  • Circular product design – Ökodesign
    Neu- oder Umgestaltung von Produkten für erleichterte Wartung, Reparatur, Wiederverwendung, Recycling, Verwendung als anderes Produkt oder Abfallminimierung.
  • Enabling solutions – Lösungen anbieten
    Erhöhung der Ressourcenproduktivität durch nachhaltig sinnvolle Effizienzsteigerung, Systemlaufzeitverlängerung, mehrere Verwendungszyklen oder Abfallreduktion in Systemen.
Jetzt bei Going Circular bewerben!

Viel Erfolg!
Unternehmensservice
Interessenvertretung