Kritische Infrastruktur besser schützen
„Sicherheit entsteht durch Vorbereitung – nicht erst im Ernstfall. Wir müssen unsere Verwundbarkeiten kennen, Zuständigkeiten klären und konkrete Vorbereitungen treffen.“ Mit diesen Worten eröffnete Andreas Kirschenmann, Präsident der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW), das zweite Sicherheitsforum Nordostniedersachsen im Kurhaus Bad Bevensen.
Von Cyberangriffen über Stromausfälle und gestörte Lieferketten bis hin zu möglichen Auswirkungen eines Verteidigungsfalls – wie Unternehmen unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig bleiben, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Die IHKLW brachte dafür gemeinsam mit dem Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastrukturen Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Bundeswehr, Feuerwehr und Infrastrukturunternehmen zusammen.
Den sicherheitspolitischen Blick auf die Verteidigung Deutschlands brachte der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Henning Otte, in das Forum ein. „Die sicherheitspolitische Lage ist so ernst wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Zeiten, in denen wir Frieden und Sicherheit als selbstverständlich betrachten konnten, sind vorbei. Um Aggressoren glaubwürdig abschrecken zu können, muss Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit stärken und zugleich militärische und zivile Verteidigung deutlich enger verzahnen. Dafür braucht es ausreichend Personal, modernes Material und krisenfeste Infrastruktur – aber ebenso eine enge Zusammenarbeit von Politik, Bundeswehr, Wirtschaft und Gesellschaft“, betonte Otte. „Mit dem Operationsplan Deutschland verfügt die Bundeswehr über eine wichtige Grundlage für die militärische Verteidigungsplanung; jetzt brauchen wir daneben einen zivilen Operationsplan Deutschland, der Zivilschutz, kritische Infrastruktur, Wirtschaft, Logistik und die Versorgung der Bevölkerung zusammenführt. Denn im Ernstfall entscheidet nicht allein die militärische Stärke, sondern das funktionierende Zusammenspiel von Bund, Ländern, Kommunen, Bundeswehr, Wirtschaft und Gesellschaft. Aus politischen Ankündigungen muss daher konkrete Handlungsfähigkeit werden – militärisch wie zivil. Nur gemeinsam sind wir stark.“
Dieses Zusammenspiel setzt auch voraus, dass Unternehmen ihre eigene Widerstandsfähigkeit im Krisenfall im Blick haben. Betriebliche Vorsorge reicht dabei weit über den Schutz von IT-Systemen hinaus: Auch Energieversorgung, Telekommunikation, Verkehrswege, Lieferanten und Personal können darüber entscheiden, ob ein Betrieb arbeitsfähig bleibt.
Wie das praktisch aussehen kann, diskutierten Dr. Rüdiger Kühl, Geschäftsführer der DE-VAU-GE Gesundkostwerk Deutschland GmbH und IHKLW-Vizepräsident, Uelzens Kreisbrandmeister André Pieper-Christensen und Oberstleutnant Gilles Seifert vom Landeskommando Niedersachsen. Im Fokus standen die Zusammenarbeit von Unternehmen und Gefahrenabwehr, klare Aufgaben im Krisenfall und die Frage, ob vereinbarte Strukturen auch unter Zeitdruck funktionieren.
Eine zweite Diskussionsrunde widmete sich den Abhängigkeiten kritischer Infrastruktur. Stromversorgung, Telekommunikation, Verkehr und Logistik hängen eng zusammen. Fällt ein Bereich aus, kann das weitere Bereiche treffen. Johannes Steger, Autor des Buches „Deutschland im Ernstfall“, Peter Richter, Konzernbevollmächtigter Nord der Telekom Deutschland GmbH, und IHKLW-Präsident Andreas Kirschenmann diskutierten darüber, wie Unternehmen trotz Störungen entscheidungs- und arbeitsfähig bleiben.
„Resilienz heißt nicht, jede Krise verhindern zu können“, sagte Kirschenmann. „Entscheidend ist, dass unsere Wirtschaft auch unter schwierigen Bedingungen verlässlich funktioniert. Dafür müssen Unternehmen ihre Abhängigkeiten kennen, Vorsorge treffen und auf belastbare Infrastruktur und verlässliche Partner bauen können.“
Weitere Impulse zu kritischer Infrastruktur sowie Bevölkerungs- und Katastrophenschutz gaben Dieter Rohrberg aus dem Niedersächsischen Innenministerium, der Erste Kreisrat des Landkreises Uelzen, Dr. Björn Hoppenstedt, und Johannes Steger.
„Die Durchhaltefähigkeit Deutschlands im Krisenfall hängt entscheidend davon ab, ob unsere kritische Infrastruktur funktionsfähig bleibt“, sagte IHKLW-Präsident Andreas Kirschenmann. „Dafür müssen wir ihren Schutz weiter verbessern. Gerade bei der Drohnenabwehr gibt es offene Fragen, die die Politik dringend klären muss.“
Eine zentrale Erkenntnis des Forums: Krisenfestigkeit braucht vorbereitete Strukturen und eingespielte Zusammenarbeit. Unternehmen, Behörden, Sicherheitsorganisationen und Infrastrukturbetreiber müssen wissen, was im Ernstfall zu tun ist – und mit wem. Weitere Informationen zu Sicherheitspolitik, Gesamtverteidigung, Vorsorge und Resilienz bündelt die IHKLW unter www.ihklw.de/sicherheitspolitik.
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Lüneburg, 2. Oktober 2026
