Erneuerbare Energien
Die Energiewende ist eines der größten Transformationsprojekte unserer Zeit. Deutschland hat sich mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2045 ambitionierte Vorgaben gesetzt, noch vor dem Ziel der EU 2050. Die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) unterstützt dieses Ziel – gleichzeitig fordert sie realistische, wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, damit die Energiewende technologisch machbar, wirtschaftlich tragfähig und versorgungssicher gelingt.
EE als Herzstück der Energiewende – aber kein Selbstläufer
Wind- und Solarenergie sind tragende Säulen der Energiewende, besonders in Norddeutschland und speziell in Niedersachsen. Doch mit ihrer wachsenden Bedeutung nimmt auch die Verantwortung zu, Stabilität und Belastbarkeit des Stromsystems zu sichern. Der Systemwechsel von kontinuierlichen fossilen Großkraftwerken (z.B. Gaskraftwerke, Kohlekraftwerke) zu volatilen, dezentralen EE-Anlagen ist technisch komplex – besonders bei gleichzeitiger stark steigender Stromnachfrage aufgrund von wachsender Elektrifizierung, etwa durch E-Mobilität, Wärmepumpen und Industrieprozesse.
Laut Studien kann sich der Stromverbrauch bis 2045 auf bis zu 1.450 TWh pro Jahr mehr als verdoppeln. Damit wächst der Druck auf Netze, Speicher und Steuerungstechnologien. Bereits heute führen Stromunterbrechungen zu erheblichen Kosten in der Wirtschaft – von Produktionsausfällen bis zu Schäden an Maschinen.
Ein zentrales Problem des bestehenden Stromsystems ist auch der zunehmende Transportengpass zwischen Nord und Süd. Besonders in Norddeutschland, wo große Mengen an Windstrom erzeugt werden, fehlen oft die Leitungen, um diese Energie dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird – vor allem in den Industriezentren Süddeutschlands.
In solchen Situationen greifen Netzbetreiber zum sogenannten Engpassmanagement. Das umfasst Maßnahmen wie:
- Redispatch: Umleitung der Stromerzeugung – z. B. Drosselung von Kraftwerken im Norden, Hochfahren im Süden.
- Abregelung von Wind- oder Solaranlagen, wenn das Netz überlastet ist.
- Umschaltung von Stromflüssen durch technische Netzmaßnahmen.
Diese Eingriffe sichern zwar kurzfristig die Netzstabilität, sind aber mit hohen Kosten und Ertragseinbußen verbunden – die letztlich über Netzentgelte auf die Verbraucher und Unternehmen umgelegt werden. Der zunehmende Bedarf an Engpassmanagement ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Netzausbau dem EE-Zubau nicht hinterherkommt.
DIHK- und IHKLW-Position: Energiewende im Realitätscheck
Die IHKLW folgt in ihren wirtschaftspolitischen Positionen sowie der Resolution „Zuverlässige und international wettbewerbsfähige Stromversorgung sichern“ den Leitlinien der DIHK. Diese fordern eine marktwirtschaftlich geprägte, technologieoffene und wirtschaftlich tragfähige Energiepolitik. Wichtige Kernaussagen:
- Versorgungssicherheit vor Geschwindigkeit: Konventionelle Kraftwerke dürfen nur dann abgeschaltet werden, wenn verlässliche Alternativen vorhanden sind (z. B. Speicher, steuerbare EE, H2-ready-Kraftwerke).
- Investitionen in Netz- und Speicherinfrastruktur sind zwingend notwendig – insbesondere zur Beseitigung des Nord-Süd-Gefälles im Stromtransport.
- Förderung von Eigenstromproduktion durch Unternehmen und erleichterte Genehmigungen für PV-Anlagen auf Gewerbeflächen.
- Projektfreundliche Verwaltungen: Verwaltungsprozesse müssen sich an Projektzeitpläne anpassen, nicht umgekehrt.
- Strompartnerschaft+: Unternehmen, die über PPAs grünen Strom beziehen, sollen durch Investitionszuschüsse und Netzentgeltbefreiung bei Wasserstoffproduktion oder Speichernutzung unterstützt werden.
Resilienz durch Vielfalt – der Energiemix zählt
Die IHKLW fordert eine Energiestrategie, die nicht einseitig auf einzelne Technologien setzt, sondern auch neue Chancen nutzt: z. B. Geothermie (alle Arten), Wasserstoff, klimaneutrale Gaskraftwerke (H2-ready) oder CCS (Carbon Capture and Storage). Eine kluge Kombination aus Grundlast und flexiblen Kapazitäten ist entscheidend, um Preisschwankungen volatiler EE zu glätten und auch in Extremwetterlagen (z. B. Dunkelflaute im Winter) Versorgungssicherheit zu garantieren.
Auch auf europäischer Ebene müssen neue Leitungen und Grenzkuppelkapazitäten geschaffen werden, um den Stromhandel effizienter zu gestalten und nationale Überkapazitäten auszugleichen.
Unser Fazit: Energiewende braucht Verlässlichkeit
Die IHKLW begrüßt die Transformation zur Klimaneutralität – aber nicht als rein politisches Ziel, sondern als wirtschaftlich tragfähigen Prozess, der auf Realität, Technologie und Marktlogik basiert.
Die Voraussetzungen dafür:
- Ein belastbares Stromsystem, das auch bei Dunkelflaute oder Extremwetter stabil bleibt.
- Schnellerer Netzausbau, fair verteilt, ohne regionale Benachteiligung (z. B. höhere Netzentgelte im Norden).
- Förderung von Speichertechnologien und smarter Netzsteuerung auf Angebots- und Nachfrageseite (Smart Meter).
- Ein stärkerer Fokus auf Investitionssicherheit, Planungsbeschleunigung und Versorgungssolidität.
Nur so wird die Energiewende zum echten Standortvorteil für unsere Region.
EE-Monitor schafft Transparenz
Zur objektiven Bewertung des EE-Ausbaus empfiehlt die IHKLW das Online-Tool: EE-Monitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung
Dieses Tool visualisiert, wie stark Erneuerbare Energien regional bereits ausgebaut wurden – differenziert nach Energieart, Bundesland und Zeitraum. Für Unternehmen, Kommunen und Planer bietet es eine wertvolle Entscheidungsgrundlage.
