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„Es braucht spürbare Entlastung im Alltag“
Wie geht es der Tourismusbranche abseits der Zahlen? Und was muss getan werden, um sie finanziell zukunftsfähig aufzustellen? Antworten gibt Meike Zumbrock, Geschäftsführerin der Tourismus Niedersachsen GmbH (TMN).
Niedersachsen hat bei Gästen und Übernachtungen Rekordwerte erzielt. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Tourismusbetriebe ihre wirtschaftliche Lage und Zukunftsaussichten eher kritisch bewerten. Ist die Branche aktuell erfolgreicher, als sie sich selbst fühlt – oder verdecken die Rekordzahlen strukturelle Probleme?
Niedersachsen profitiert aktuell von einer sehr starken Nachfrage: Mit über 15,8 Millionen Gästen und rund 46,9 Millionen Übernachtungen wurde ein neuer Rekord erzielt und die Entwicklung setzt sich fort. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Ankünfte nochmals um 1,3 Prozent, die Übernachtungen um drei Prozent. Niedersachsen ist als Reiseziel so attraktiv wie nie zuvor. Aber Übernachtungszahlen sind ein Nachfrageindikator, kein Erfolgsausweis für die wirtschaftliche Lage der Betriebe. Was wir sehen: Viele Unternehmen kämpfen trotz guter Auslastung mit dauerhaft gestiegenen Kosten, zum Beispiel bei Energie, Lebensmitteln und Personal. Die Branche ist nachfrageseitig erfolgreich, fühlt sich wirtschaftlich aber weniger stabil. Das ist eine strukturelle Spannung, die wir ernst nehmen müssen. Das Entscheidende ist aber, dass die Nachfrage da ist. Das ist eine gute Ausgangsbasis und genau darauf wollen wir gemeinsam mit den Regionen und Betrieben aufbauen, um Niedersachsen als Tourismusland weiterzuentwickeln.
Unternehmen leiden unter den gestiegenen Kosten und berichten über eine höhere Preissensibilität vieler Gäste. Wie groß ist die Gefahr, dass das Wachstum bei den Übernachtungen wirtschaftlich an den Betrieben vorbeigeht?
Mehr Gäste und mehr Übernachtungen führen nicht automatisch zu mehr Wertschöpfung. Steigende Energie-, Personal- und Einkaufskosten auf der einen Seite, wachsende Preissensibilität der Gäste auf der anderen, das ist eine Situation, aus der man sich nicht allein durch Volumen befreien kann. Besonders spürbar ist das im saisonal geprägten, personalintensiven Gastgewerbe im ländlichen Raum, also genau dort, wo viele unserer touristischen Regionen liegen. Der Fachkräftemangel verschärft das Problem zusätzlich: Vorhandene Nachfrage kann teilweise schlicht nicht voll bedient werden. Das ist wirtschaftlich ein Doppelverlust. Was mich aber zuversichtlich stimmt: Die Branche zeigt eine hohe Anpassungsfähigkeit. Viele Betriebe investieren in Digitalisierung und neue Angebotsformen – und genau hier liegt ein wichtiger Hebel für mehr wirtschaftliche Stabilität. Die TMN kann dabei ein konkreter Partner sein. Wir helfen Betrieben, über unsere Projekte zum Beispiel im Qualitätsbereich gezielt die Gästezufriedenheit zu steigern.
Die Lüneburger Heide, das Elbtal und andere Regionen in Nordostniedersachsen profitieren von ihrer Attraktivität als Naherholungs- und Urlaubsdestination. Gleichzeitig klagen viele Akteure über Standortnachteile. Wie bewerten Sie das und was wird dagegen getan?
Das sind Regionen mit Markenkern, treuen Gästen und wachsender Nachfrage. Aber eben weil die Nachfrage wächst, werden strukturelle Engpässe sichtbarer: bei der Verkehrsinfrastruktur, beim Fachkräftemangel und bei bürokratischen Belastungen, die vor allem kleine und mittlere Betriebe spürbar treffen. Wir bündeln diese Themen, machen sie sichtbar und bringen sie in die richtigen Prozesse ein. Gleichzeitig arbeiten wir daran, Betriebe dort zu entlasten, wo wir direkt ansetzen können. Im Bereich Digitalisierung schaffen wir gemeinsame Lösungen, die Betriebe von administrativem Aufwand befreien und ihnen mehr Freiraum für das eigene unternehmerische Handeln geben, denn genau das ist die Stärke eines guten Gastgebers.
Die Nationale Tourismusstrategie setzt auf Bürokratieabbau, flexiblere Arbeitszeiten, KI und bessere Infrastruktur. Klingt eher nach Langstrecke als nach Sprint – helfen diese Maßnahmen den Tourismusbetrieben auch kurzfristig?
Die Nationale Tourismusstrategie setzt an den richtigen Punkten an. Das sind keine abstrakten Zukunftsthemen, das sind die Hebel, die Betriebe wirklich entlasten. Aber wer heute mit Personalmangel und Energiekosten kämpft, kann nicht auf Strategiepapiere warten. Entscheidend ist deshalb, dass die Strategie zügig in konkrete Maßnahmen überführt wird. Was kurzfristig wirkt, liegt aber oft näher: bessere digitale Sichtbarkeit, gezieltere Ansprache zahlungsbereiter Zielgruppen, Hilfestellungen zu Themen wie Qualität und Nachhaltigkeit in Betrieben, professionelles Marketing, die einzelne Betriebe allein nicht darstellen könnten. Genau das ist unser Beitrag als TMN.
Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Wo sehen Sie die größten Chancen für den Tourismus in Niedersachsen – und welche Rahmenbedingungen müssten sich verbessern, damit aus den Rekordzahlen wieder mehr Optimismus in den Betrieben entsteht?
Niedersachsen ist gut aufgestellt und zwar genau für die Trends, die den Reisemarkt gerade prägen: Naturerlebnisse, nachhaltiges Reisen, Authentizität, regionale Angebote und der Wunsch nach kurzen, flexiblen Auszeiten über das ganze Jahr. Diese Nachfrage können wir mit unserer touristischen Vielfalt wie kaum ein anderes Bundesland bedienen. Diese Kombination aus Natur, Aktivangeboten wie zum Beispiel Radfahren, Gesundheit, Kultur und Kulinarik ist in dieser Breite ein echter Wettbewerbsvorteil, den wir noch konsequenter ausspielen müssen. Damit aus den Rekordzahlen echter Optimismus in den Betrieben wird, braucht es drei Dinge: Planungssicherheit bei Kosten, eine funktionierende Infrastruktur und praktikable Regelungen, also spürbare Entlastung im Alltag. Wenn diese Rahmenbedingungen verbessert werden und gleichzeitig die Stärken unseres Reiselandes gezielt weiterentwickelt werden, dann haben wir beste Chancen nicht nur die Gästezahlen weiter zu steigern, sondern auch die wirtschaftliche Stimmung in der Branche nachhaltig zu drehen. Mit dem Niedersachsen Hub und der landesweiten KI-Plattform schaffen wir eine zentrale digitale Infrastruktur, die Daten sichtbar macht und den Aufwand für jeden Einzelnen reduziert. Mit unserem Framework für Internetseiten und praxisnahen Use Cases zum Thema Nachhaltigkeit geben wir Betrieben ein verlässliches Werkzeug an die Hand, um Angebote strukturiert weiterzuentwickeln, ohne das Rad jedes Mal neu erfinden zu müssen. Und über unser Qualitätsmanagement unterstützen wir Betriebe dabei, ihre Angebotsqualität gezielt zu steigern und sich im Wettbewerb besser zu positionieren. Wir nehmen den Regionen und Betrieben Komplexität ab, damit sie sich auf das konzentrieren können, was sie am besten können: gute Gastgeber sein.
Wie kann die Branche weiter wachsen? Und was müssen Politik, Kommunen und Betriebe jetzt tun, damit aus den Rekordzahlen eine nachhaltig erfolgreiche Entwicklung wird?
Die Antwort ist eindeutig: Qualität vor Quantität. Mit fast 47 Millionen Übernachtungen sind wir bereits ein sehr starker Volumenmarkt. Was wir brauchen ist eine Entwicklung, die die Wertschöpfung pro Gast erhöht, neue Saisonfenster öffnet und die touristischen Stärken der Regionen gezielt weiterentwickelt. Gesundheitstourismus, Natururlaub, Radreisen, Kulturerlebnisse – Niedersachsen hat in all diesen Segmenten echtes Potenzial, das noch nicht final ausgeschöpft ist.
Interview: Anne Klesse
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