Neues, Altbekanntes, ein schwerer Rückschlag und manche Lichtblicke
Ab und an hilft ein Blick zurück, um die eigene Position besser verorten zu können. Was hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor einer Generation im Main-Kinzig-Kreis wirtschaftlich getan? Wie hat die IHK an diesen Veränderungen mitgewirkt, sie angestoßen oder begleitet? Hier ein kursorischer Rückblick auf das, was die IHK in den vergangenen 30 Jahren umgetrieben hat.
Auf ihm spiegeln sich zwar neue Entwicklungen gemeinhin zeitverzögert wider, aber dafür sind die Zahlen recht gut dokumentiert. Das macht den Arbeitsmarkt zu einem fast perfekten Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Mitte 1989 waren laut amtlicher Statistik im Hanauer Arbeitsamt 7.552 Menschen arbeitslos gemeldet. Diese Zahl sank bis Mitte 1991 auf 7.281, um danach dramatisch auf 16.998 im Jahr 1997 zu wachsen. Dieser markante Anstieg war deutlich stärker als in anderen hessischen oder westdeutschen Regionen – und er spiegelt sich auch in den Beschäftigtenzahlen für das verarbeitende Gewerbe wider.
Was war geschehen? Schritt für Schritt wurde das sogenannte „Hanauer Atomdorf“ von Ministerpräsident Hans Eichel (1991 bis 1999) und Umweltminister Joschka Fischer mattgesetzt. Das politisch gewollte Aus hatte Folgen: Damals wanderten mehrere Tausend Industriearbeitsplätze entweder ins nahe Unterfranken ab oder gingen ganz verloren. Das 30 Jahre lang bestehende Netzwerk aus Materialwissenschaft, Industrie, Technik und Forschung zerbrach. Die Wirtschaft in und um Hanau herum verlor deswegen auch viele Zuliefererfirmen – nicht alle schafften es, sich mit neuen Produkten auf dem Markt zu behaupten.
Die IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern versuchte unter ihren Präsidenten Dr. Horst Bauer (1982 bis 1994) und Walter Behning (1994 bis 2002) sowie ihren Hauptgeschäftsführern Dr. Friedrich Grasmeher (1972 bis 1992) und Hartwig Rohde (1992 bis 2012), die Vergrämung und Zerschlagung des wirtschaftlich tragfähigen Netzwerks zu verhindern. Es ging ihnen darum, den industriellen Kern zu bewahren und die Unternehmen zu unterstützen. Es gab deswegen viele Gespräche mit der Politik, zahlreiche Briefe wurden verfasst und Pressekonferenzen abgehalten. Die Vollversammlung traf entsprechende Beschlüsse. Festredner, die der Politik ins Gewissen redeten, wurden aufgeboten – letztlich war das alles vergebens.
Eine Anekdote am Rande: Im Zusammenhang mit der Rettung der Atomwirtschaft im Westen des Landkreises unterstrich die IHK schon in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren die Notwendigkeit, dass die CO2- Emissionen unbedingt verringert werden müssen. Der Klimaschädling Kohlendioxid war schon damals bekannt, und die IHK schlug vor, mit mehr Atomenergie den Klimawandel zu stoppen. …
und seit 2005
Beginnend schon vor dem Jahr 1990 hatten die geburtenstarken Jahrgänge in ganz Deutschland die Zugänge zum Arbeitsmarkt so sehr verstopft, dass an massenhaften Frühverrentungen kein sozialverträglicher Weg mehr vorbeiführte. Wenige Jahre später, um 2004 und 2005, wurde es Zeit für eine politische Wende. Seitdem sorgen die Hartz-Gesetze für einen fundamentalen Wandel auf dem Arbeitsmarkt. Es entstanden unter anderem die Optionskommunen, die ihre Langzeitarbeitslosen in Eigenregie betreuten und nicht über die neuen Agenturen für Arbeit verwalten ließen. Die IHK unter ihrem Präsidenten Dr. Walter Ebbinghaus (2002 bis 2009) setzte sich gleich von Beginn der Diskussionen an massiv für die Einrichtung dieser Optionskommunen ein – um mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt auch jenseits der Arbeitnehmerüberlassung zu erlauben. Letztlich gelang dieser Erfolg zusammen mit dem Main-Kinzig-Kreis, der sich bei diesem Thema deutschlandweit profilierte.
Ab 2005 begannen die Arbeitslosenzahlen auch im Main-Kinzig-Kreis langsam zu sinken. In diesem Wendejahr wurden im Durchschnitt 17.808 Arbeitslose erfasst – 2019 waren es bei deutlich gewachsener Bevölkerungszahl nur noch 9.349 – seit 2018 ist in vielen Städten und Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis die Vollbeschäftigung zum Greifen nahe.
Die Wirtschaftskrise ab 2008 verzögerte die Gesundung des Arbeitsmarktes kurz, weshalb erst ab etwa 2014 der Fachkräftemangel die Unternehmen im Landkreis immer stärker zu beschäftigen begann. Seitdem gilt der Mangel an Fachkräften meist als das größte Konjunkturrisiko – trotz steigenden Renteneintrittsalters, mehr Einpendlern und erheblicher Zuwanderung. Über das Online- Tool www.fachkraefte-hessen.de informiert die IHK seit Jahren Branchen genau über das Arbeitsangebot. Erst die Energiewende, die im Zuge der Mobilitätswende einsetzende Krise der Automobilzulieferer ab 2019 und die Coronavirus- Pandemie im Frühjahr 2020 ändern die Lage – die IHK beobachtet diese Entwicklungen sehr sorgfältig.
Die IHK ist allen Unternehmen sehr dankbar, die frühzeitig ihre Ausbildungsanstrengungen erhöhten, um dem Fachkräftemangel mit langem Atem entgegenzuwirken. In all diesen Jahren hat die IHK es geschafft, die Unternehmen in ihren Ausbildungsanstrengungen erfolgreich zu begleiten. Mit Berufsmessen, Urkunden, Aufklebern und anderen Aktionen, wie „Unternehmer in die Schulen“ der Wirtschaftsjunioren, wurden die Ausbildungsbetriebe und die Auszubildenden miteinander in Kontakt gebracht. Damit erweist sich die duale Ausbildung als eines der besten Instrumente gegen den Fachkräftemangel (siehe obige Grafik). Auch bei der Integration von Menschen, die zu uns geflohen sind, unterstützt die IHK seit 2015. IHK-Präsident Dr. Nobert Reichhold (seit 2009) konnte auf diesem Gebiet Maßstäbe setzen.
Den Standort gut verkaufen
Unternehmen existieren nicht im luftleeren Raum. Die lokalen Rahmenbedingungen sind mit entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Es geht dabei nicht nur um die Höhe der Gewerbe- und Grundsteuern. Der Alters- und Kompetenzmix in der Bevölkerung und die Verkehrsanbindung sind ebenfalls wichtig, wie auch die Entfernung zur Metropolregion Frankfurt- RheinMain. Der ländliche Raum bietet seine eigenen Standortvorteile – der Main-Kinzig-Kreis wartet mit vielen Standorten und mit vielen, unterschiedlichen Vorteilen auf. Die IHK hat seit 1990 die Unternehmen und die lokale Politik dabei unterstützt, diese Vorteile bewusst zu machen und zu stärken.
Die Ausgangslage ist nicht ungewöhnlich: Der Osten von Metropolregionen hat es in Europa bekanntlich immer etwas schwerer – die vorherrschenden Westwinde und die einst rauchenden Schlote zementierten schon im 19. Jahrhundert die Verhältnisse. Große Banken, Versicherungen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und vergleichbare Einrichtungen finden sich deswegen bis heute eher selten im Osten der Metropolen. Im Main-Kinzig- Kreis hatten sich stattdessen eher Branchen wie Industrie, Logistik oder auch Großhandel niedergelassen.
Hinzu kam im Bezirk der IHK Hanau- Gelnhausen-Schlüchtern noch, dass vor 30 Jahren die US-Army ein maßgeblicher Wirtschaftsfaktor war. Zehntausende Soldaten und ihre Familien waren hier stationiert. Die Stadt Hanau war einer der größten Stützpunkte der US-Armee in Europa. Der Truppenabzug änderte alles: Allein in Hanau waren zuerst nach 1991 und endgültig ab 2008 weit über 340 Hektar einer neuen Verwendung zuzuführen. Große militärisch genutzte Anlagen in Schöneck, Gelnhausen sowie Erlensee / Bruchköbel kamen noch hinzu. Riesige Gebäudekomplexe drohten zu veröden, ein Zusammenbruch des Immobilienmarkts war nicht ausgeschlossen, eine Abwärtsspirale hätte massive Imageschäden zur Folge haben können.
Es kam anders, besser – dank einer energischen und vorausschauenden Politik auf kommunaler Ebene und im Kreis. Die IHK unterstützte die Konversion mit Ideen, Gutachten und Kontakten, mit der Landesgartenschau 2002 in Hanau, die die IHK mit initiierte, oder dem Arbeitskreis „Konversion“ unter IHK-Präsident Dr. Norbert Reichhold. Parallel dazu entstanden unter anderem Untersuchungen zu Kommunalsteuern, zur Lange der Industrie und des Handels sowie zur Logistik.
Die verschiedenen IHK-Aktivitäten tragen seit Jahren Früchte: Die Wirtschaft im Main-Kinzig-Kreis schlägt sich im Hessenvergleich sehr wacker, die Arbeitslosenzahlen liegen seit Jahren wieder deutlich unterhalb des Landesdurchschnitts und die zuletzt wieder kräftig angestiegenen Zuwanderungen – ein Bevölkerungsplus von rund 15.000 Menschen seit dem Jahr 2000 auf nunmehr über 420.000 Menschen (siehe Grafik oben) – sowie die engen Pendlerverflechtungen mit Frankfurt- RheinMain sprechen für sich. Das gilt auch für die im Trend deutlich überdurchschnittlich gestiegenen Gewerbesteuereinnahmen in den Städten und Gemeinden.
Im Wettbewerb behaupten
Darüber darf man sich im ganzen Landkreis freuen, darauf darf sich aber niemand ausruhen, denn andere, benachbarte Regionen holen im Wettbewerb um Einwohner, Fachkräfte, Unternehmensansiedlungen auf: Standortpolitik braucht einen langen Atem, um über Jahrzehnte immer wieder neue Impulse und alte Stärken miteinander zu verbinden. Das ist nicht die Stärke der Betriebs-, sondern der Volkswirtschaft – und damit der IHK. Die nimmt sich auch heikler Fragen an: Nach sorgfältigem Abwägen zwischen durchaus erkennbaren Vorteilen und nicht von der Hand zu weisenden Mehrkosten lehnte die Vollversammlung der IHK im März 2020 die Planung von Stadt und Kreis zur Kreisfreiheit Hanaus ab.
Der Aufschwung im IHK-Bezirk wurde sehr erleichtert, weil ab 2012 fast der gesamte ländliche Raum im Main-Kinzig- Kreis mit Breitband-Internet versorgt wird – in Gewerbegebieten kann außerdem künftig jedes Gebäude Glasfaseranschlüsse haben. Die IHK unterstützte beide Vorhaben mit aller Kraft. Seit sieben Jahren sorgen zudem die IHK-Standortumfragen dafür, dass Rathäuser besser einschätzen können, wo die Unternehmen der Schuh drückt und was dagegen zu tun ist. Die IHK nimmt dabei ihre Rolle als kritischer Partner der Politik ernst und erstellt zum Beispiel aus den Umfrageergebnissen keine Rangliste der besten oder schlechtesten Kommunen. Denn dafür sind die einzelnen Kommunen viel zu unterschiedlich. Stattdessen engagiert sich die IHK für den Dialog zwischen lokaler Politik und ansässigen Unternehmen – immer in der Überzeugung, dass miteinander sprechen viel mehr bringt als übereinander reden. Neue Gewerbegebiete, bessere Verkehrsanbindungen wie der Ausbau der Nordmainischen S-Bahn, die Elektrifizierung der Niddertalbahn – liebevoll Stockheimer Lieschen genannt – neue Baugebiete oder auch IHK-Zertifikate als „Ausgezeichnete Wohnorte“ fallen nicht vom Himmel, sondern brauchen langen Atem zur Verwirklichung. Dass mehr Einwohner und Beschäftigte dank besserer Verkehrsanbindung zu mehr Wohlstand führen, ist genauso richtig wie die Erkenntnis, dass damit die Umwelt belastet wird. Wie zweischneidig das Schwert des Wirtschaftswachstums ist, zeigen die Kfz-Zulassungszahlen, die mindestens für die vielen Unternehmen der Zulieferindustrie eine starke Stütze sind.
Mittlerweile ist ein Imagewandel gelungen – stets ein schwieriges Unterfangen. Der Main-Kinzig-Kreis wird heute zunehmend als attraktiver, optimal erreichbarer Standort mitten im Herzen Deutschlands und Europas wahrgenommen. Ab 2021 soll die Spessart Tourismus und Marketing GmbH mithilfe der vielen erfolgreichen weichen Standortfaktoren „Marketing für die Region“ machen und dabei auf das schon in der Tourismusförderung Erreichte aufbauen. Es versteht sich von selbst, dass sich die IHK gemäß eines Beschlusses der Vollversammlung an diesem Projekt nicht nur aktiv beteiligt. Sie hatte es schon bei der Gründung der GmbH angestrebt.
Die Unternehmen begleiten
Der Main-Kinzig-Kreis hat sich in den vergangenen 30 Jahren gemausert – auch weil die hier ansässigen Unternehmen früh auf die Globalisierung gesetzt haben. Angesichts vieler kleiner Unternehmen ist das besonders beeindruckend. Wie die Diagramme zu den Exporten auf dieser Doppelseite unten zeigen, brachte die Einführung des Euro ab 1999 / 2002 einen Internationalisierungsschub. Erst in jüngerer Zeit rückten China und die USA sowie viele andere Staaten in den Fokus der Wirtschaft im Main-Main-Kinzig- Kreis. Die Folge: Der Anteil der exportierten Güter steigt seit vielen Jahren regelmäßig – weit stärker als im hessischen oder südhessischen Vergleich. Unsere IHK kann dank ihres Netzwerks in Südhessen viele und vor allem hilfreiche Informationen zu fremden Märkten vermitteln. Auch das ist ein Standortfaktor.
Weil das Vermitteln von Wissen immer wichtiger wird, hat die IHK ihr Angebot an Seminaren und Weiterbildungslehrgängen in den vergangenen 30 Jahren stark ausgeweitet. Als die Corona-Krise die etablierten Formen der Wissensvermittlung stark durcheinanderbrachte, konnte die IHK bereits auf solide Erfahrungen mit Webinaren zurückschauen. Das half. Die wachsende Zahl professioneller Weiterbildungsanbieter in der Region erleichterte es der IHK, sich aus diesem Markt weitgehend zurückzuziehen, um sich auf die hoheitlichen Prüfungen rings um die Weiterbildung zu beschränken. Die IHK-Hilfen für die Unternehmen umfassen darüber hinaus ein weites Feld – von Fachvorträgen über Seminare und kurze Schulungen bis hin zur Beratung über duale Studiengänge.
Die Folgen der deutschen Einheit, die europäische Integration, der europäische Binnenmarkt, der Brexit, aber auch neue Gesetze, der Abbau von zu viel Bürokratie, der Siegeszug von Internet und Digitalisierung, der technische Fortschritt, die Energie- und Umweltpolitik, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Pflege und Familie oder auch die Beratungen rund um die Unternehmensnachfolge – auf weit über 70 Fachgebieten ist die IHK aktuell tätig. In vielen Fällen informiert die IHK gemeinsam mit ihren Schwesterkammern. Sie ist Teil eines weltweiten Netzwerks mit 79 IHKs und 92 AHKs an 140 Standorten weltweit.
Nach wie vor erfüllt die IHK Hanau-Gelnhausen- Schlüchtern ihren gesetzlichen Auftrag, „das Gesamtinteresse der ihnen zugehörigen Gewerbetreibenden ihres Bezirks wahrzunehmen“ und „für die Förderung der gewerblichen Wirtschaft zu wirken“. An dieser Aufgabenbeschreibung hat sich im Kern seit Gründung der IHK im Jahr 1871 nichts geändert.