Wiedervorlage zum 1. Januar 2046

Aussichten auf 175 Jahre IHK

Der Rückblick auf 150 Jahre ist vollbracht, die Gegenwart hat uns wieder – was ist mit der Zukunft in, sagen wir mal, einem Vierteljahrhundert? Wobei ich alle Leserinnen und Leser warnen muss: Im April 2020 war ich der festen Überzeugung, dass spätestens im September 2020 Corona uns nur noch als Biermarke begegnen würde. Na gut, der Vorteil einer Langfristprognose ist ja, dass sich in 25 Jahren niemand mehr an sie erinnert …
Eigentlich wollte ich jetzt mit einem Rückblick einsteigen, welche Prognosen im Jahr 1995 für die Zukunft gemacht wurden. Aber was soll ich sagen: Google findet kaum Interneteinträge aus dem Jahr 1995. Das war übrigens das Jahr, in dem ich meinen Professor bat, mir für meine Doktorarbeit einen Internetzugang zu genehmigen. Er schaute mich skeptisch an, und betonte, dass er den Begriff „Internet“ schon mal gehört habe, da allerdings wenig Perspektiven sehe. Aber wenn es denn dem Fortschritt der Wissenschaft diene – dann solle ich das mal machen, mit diesem Internet. Nun ja: Diejenigen Pflänzchen zu erkennen, aus denen mal ein großer Baum wird, das wäre große Prognosekunst.
Diese Kunst ist mir zu groß, gestatten Sie daher, dass ich mich darauf beschränke, wenige Trends fortzuschreiben, die uns ihrer Richtung und ihrer Stärke nach schon vertraut sind. Genau: Digitalisierung ist dafür das Musterbeispiel. Mein Eindruck ist, dass viele Innovationen erheblich länger brauchen als erwartet, uns dann aber mit Macht überrumpeln. Ein schönes Beispiel ist der Internethandel. Das Statistische Bundesamt vergleicht die Umsätze dort (inklusive des „alten“ Versandhandels) mit denen des Einzelhandels insgesamt. Jahrelang lief der Onlinehandel unter ferner liefen. Seit 2014 beschleunigt er und zieht in der Dynamik dem Einzelhandel insgesamt davon (siehe Grafik). Glauben Sie, dass sich dieser Trend noch einmal umkehrt? Ich nicht. Ich leite daraus ab: Das meiste, was sich heute online erledigen lässt, wird schon in wenigen Jahren nur noch online erledigt. Und noch eine ganze Menge mehr, an das wir heute noch gar nicht denken. Der große Vorteil: Die Digitalisierung bietet gerade kleinen, neu gegründeten Unternehmen viele Chancen, denn eine Geschäftsidee, Rechner und Internetverbindung genügen als Grundausstattung. Der Nachteil: Für den innerstädtischen Einzelhandel wird es noch schwerer als bisher – das wird unsere Städte verändern. Sie werden vielleicht nicht – wie oft gefürchtet – veröden. Aber sie werden anders aussehen als heute. Ich sehe nämlich ganz verschiedene Entwicklungen auf sie einwirken: Steigende Wohnungsnachfrage, neue Mobilität ohne eigenes Auto, Homeoffice, „Nähe“ als Merkmal für Nachhaltigkeit – all das könnte dazu beitragen, dass sich aus unseren Innenstädten attraktive Wohnquartiere entwickeln, die eine starke Nahversorgung ausdrücklich brauchen. Wer weiß: Vielleicht kommt der schmuddelige Gemüseladen besser aus der Krise als die schicke Boutique?
Einzelhandelsumsatz
Diese Trends beeinflussen schon jetzt die Stadtplanung. Sie gibt die Devise aus „Nachverdichtung nur entlang der Schiene“. Dahinter steht gleich ein ganzes Bündel von Überlegungen: Die Einwohnerzahl der Region wird weiter wachsen, der Bedarf an Wohnungen, Häuschen und, Häusern wird steigen, doch dieses Wachstum sollte möglichst nicht zu mehr „Landschaftsverbrauch“ vor den Toren unserer Kommunen führen. Daher „Nachverdichtung“ möglichst nah am Ortskern. Und zwar vor allem in jenen Kommunen, die an der Eisenbahn liegen, um nicht noch mehr Autos auf die Straße zu lassen.
Diese erst in Ansätzen erkennbare Entwicklung bietet für den Main-Kinzig- Kreis viele Chancen, denn unsere Anbindung an das Schienennetz wird sich über die nächsten Jahre hinweg deutlich verbessern. Die Nordmainische S-Bahn wird ab circa 2028 die Achse Frankfurt – Maintal – Hanau deutlich stärken. Mit ein bisschen Glück ist dann auch die Niddertalbahn, das altbekannte „Stockheimer Lieschen“ elektrifiziert und so ausgebaut, dass die Orte zwischen Niederdorfelden und Glauburg endlich von ihrer Nähe zu Frankfurt massiv profitieren werden. Mit gutem Willen und viel Geld könnte danach sogar die langfristig dringend benötigte „Regionaltangente Ost“ als neue Schienenverbindung zwischen dem Süden und dem Nordosten Frankfurts damit verknüpft werden. Für unsere IHK käme durch alle diese Projekte endlich eine Weiterentwicklung der Schienenwege zum Abschluss, für die wir seit Jahren gekämpft haben.
Gleichzeitig wäre das der Startschuss für einen noch weitergehenden Ausbau der Schienennetze: Glauburg-Stockheim in der Wetterau liegt nämlich auch an der „Lahn-Kinzig-Bahn“, ein Bähnchen, das aktuell im Schatten steht und ziemlich herunter ist. Aber sie verbindet die Wetterau mit einem Raum, der in den vergangenen Jahren immer bedeutender geworden ist für das Wirtschaftszentrum des Main-Kinzig- Kreises, dem Raum zwischen Langenselbold und Wächtersbach. Schon jetzt nehmen die Pendlerströme zwischen uns und der Wetterau immer mehr zu. Diesen Teilraum zu stärken und besser an die Schiene anzubinden, wird künftig die große Forderung unserer IHK in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren sein.
Außerdem gilt es, die Chancen zu nutzen, die der Ausbau der Schnellstrecke zwischen Hanau und Fulda mit sich bringt – neben den vielen Belastungen, die mit ihrem Bau verbunden sein werden. Es wird zwei neue Gleise für ICEs geben. Damit wird auf der bisherigen Strecke Platz gemacht, um den regionalen Schienenverkehr zu stärken. Sogar ein Fernbahnhalt in Gelnhausen erscheint möglich. Da so gut wie sicher ist, dass im Hanauer Hauptbahnhof ab 2030 deutlich mehr ICEs halten werden als bisher, hätte die Region dann sogar zwei überregional wichtige Bahnhöfe.
Denn schon heute zeichnet sich ab, dass nicht nur die Metropolregion Frankfurt RheinMain mit uns als ihrem östlichen Teil, sondern auch Fulda und seine Nachbarkommunen künftig eher noch an Wirtschaftskraft gewinnen. Da wir zwischen Hanau und Schlüchtern schon jetzt gut aufgestellt sind, dank vieler guter Unternehmen, gerade aus dem Mittelstand, wird das Kinzigtal von dieser Entwicklung profitieren.
Die Prognosen für den hessischen Spessart haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls verbessert. Durch Initiativen wie „Spessart regional“ und seit einigen Jahren auch durch die von Kreis und IHK gemeinsam finanzierte „Spessart Tourismus und Marketing GmbH“ gewinnt er an Selbstvertrauen und Bekanntheit: Auch außerhalb des Main-Kinzig-Kreises erkennen die Menschen, dass unser Spessart ein Kleinod der Naherholung ist. Wenn es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gelingt, die kleinen Pflänzchen der Hoffnung, die im Vogelsberg sprießen, weiter wachsen zu lassen, wird sich auch dieser letzte Teilraum unserer Region nach vorne entwickeln.
Aber all diese Entwicklungen, Entwicklungschancen und Entwicklungsmöglichkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir sie zwar beherzt, aber mit Augenmaß vorantreiben sollen: Eine attraktive Region ist mehr als ein Wirtschaftsraum, ist mehr als Straße, Schiene, Breitband – sie ist Heimat für die, die dort leben und leben wollen. Ihnen und uns eine starke Wirtschaft in einer schönen Region zu erhalten und beides für die Zukunft zu stärken, das ist eine Aufgabe, die weder Politik, Verwaltung oder IHK alleine bewältigen können. Oder mit den Worten unseres Präsidenten im Vorwort: „Gesellschaft, Wirtschaft und letztlich auch Geschichte werden nicht ‚gemacht‘, sie werden mitgestaltet – von uns. Darin lag die Verantwortung unserer Vorgängerinnen und Vorgänger, darin liegt unsere Verantwortung für unsere Zukunft. Nehmen wir sie an!“