Indien und die EU
Starke Partnerschaft in volatilen Zeiten: Dieses Signal sendeten die Europäische Union (EU) und die Republik Indien im Januar 2026, als beide die politischen Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen erfolgreich abschlossen. Die Zusammenarbeit biete eine Reihe an wirtschaftlichen und politischen Vorteilen, erklärt die Hanauer Unternehmensberaterin Srita Heide. Gerade regionale Unternehmen können künftig vom Freihandel profitieren – wenn sie mit der richtigen Erwartungshaltung agieren.
Srita Heide.
Der Warenhandel zwischen der EU und Indien habe sich in den vergangenen zehn Jahren merklich gesteigert, berichtet Heide: „2025 erreichte er rund 118 Milliarden Euro, etwa 84 Prozent mehr als ein Jahrzehnt zuvor. Damit ist die EU Indiens drittgrößter Handelspartner; umgekehrt liegt Indien auf dem neunten Platz der Handelspartner der EU.“ Das angestrebte Freihandelsabkommen soll diese Entwicklung nun begünstigen, indem Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Warentransporte nach Indien abgeschafft oder reduziert wer-den. Dadurch könne eine mögliche Verdoppelung der Warenexporte der EU nach Indien bis 2032 erreicht werden, so die Unternehmensberaterin.
Neben der wirtschaftlichen Ebene wird auch die strategische Partnerschaft durch das Abkommen gestärkt, so die Hanauerin: „Europa versucht, seine wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu reduzieren. Indien wiederum möchte seine industrielle Basis ausbauen und stärker in globale Wertschöpfungsketten integriert werden. Damit entstehen strategische Interessen auf bei-den Seiten.“ Die Partnerschaft sei aus unterschiedlichen Gründen zukunfts-orientiert, ergänzt Heide: „Europa bringt Technologie, Kapital, industrielle Kompetenz, Marken, Standards und Know-how mit. Indien bringt Wachstum, Marktgröße, Talente, Kostenkompetenz, Digitalisierung und zunehmend eigene technologische Fähigkeiten ein.“ Gerade Deutschland könne hier als industrielle Brücke funktionieren.
In Indien werde das Abkommen als wichtiger strategischer Schritt bewertet, gibt die Expertin für internationale Beziehungen an. Dabei gehe es weniger um zusätzliche Exportmöglichkeiten als um den Zugang zum europäischen Hochwertmarkt oder die Möglichkeiten von Investitionen und Technologietransfer. „Besonders für mittelständische Unternehmen können dadurch neue Geschäftsmöglichkeiten und Potenziale für Kooperationen, gemein-
same Wertschöpfung und Innovation entstehen“, schätzt die Hanauerin. Die EU werde als großer, kaufkräftiger und relativ stabiler Markt bewertet. Das Abkommen werde außerdem als Chance bewertet, indische Hersteller und Dienstleister tiefer in globale Wertschöpfungsketten zu integrieren. Daraus entstehe ein neues Geschäftsmodell, stellt sie fest: „Nicht mehr nur ‚Europa exportiert nach Indien‘, sondern zunehmend ‚Europa und Indien produzieren, entwickeln und exportieren gemeinsam‘.“
Gleichzeitig achte die indische Regierung darauf, sensible Bereiche der eigenen Wirtschaft zu schützen, erklärt Heide: „Indien sieht das Abkommen als Öffnung – aber nicht als Liberalisierung um jeden Preis.“ Indien öffne den Markt dort, wo es die Chance gebe, dadurch etwas zu gewinnen. Für europäische Unternehmen sieht sie vor allem Chancen, wenn diese Know-how, Technologie und industrielle Fähigkeiten nach Indien bringen: „Das Abkommen senkt beispielsweise die Zölle auf Maschinen, Chemikalien, Medizintechnik und andere industrielle Produkte.“ Die deutsche Wirtschaft könne deshalb von der Entwicklung überproportional profitieren: „Allein deutsche Unternehmen exportieren bereits Waren im Wert von rund 16,3 Milliarden Euro jährlich nach Indien; Maschinen und mechanische Anlagen sind mit rund 4,6 Milliarden Euro die größte Kategorie.“
Hessen als „europäisches Gateway“ für Indien
Für Hessen bedeute das Abkommen eine strategische Standortchance als „europäisches Gateway“, beschreibt die Unternehmensberaterin – etwa durch den Finanzplatz Frankfurt sowie Kompetenzen in Sachen Logistik, Digitalisierung und Forschung. Für den Main-Kinzig-Kreis und Hanau nennt sie vor allem Potenziale in drei Bereichen: neue Absatzmärkte, strategische Partnerschaften und Fachkräfte. Das gelte insbesondere im Maschinenbau, in der Industrie, in der Chemie- und der Automobilbranche sowie bei technologischen Dienstleistungen. „Nicht zuletzt kann Indien als wichtiger Talent- und Fachkräftepool dazu beitragen, dem zunehmenden Fachkräftemangel in unserer Region zu begegnen. Entscheidend wird dabei sein, die konkreten Bedarfe unserer Unternehmen mit den vorhandenen Qualifikationen und Potenzialen in Indien gezielt zusammenzubringen“, erläutert die Expertin. Für die erfolgreiche wirtschaftliche Zusammenarbeit brauchte es ebenfalls ein kulturelles Verständnis füreinander, stellt Heide fest. Regionale Unter-nehmen müssten klare Ambitionen formulieren und die „Deutsche Erwartungshaltung“ zu Hause lassen. Indien sei kein zweites Europa, sondern ein eigener Staat, der durch und durch von Vielfalt geprägt sei. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien könne eine richtige Erfolgsgeschichte werden, so die Unternehmensberaterin. Die Basis dafür bleibt Offenheit und Zusammenarbeit – auf Augenhöhe.
Autor: Andreas Schellenberg
Veröffentlichung: Oktober 2026
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