Hinschauen statt Wegsehen
Warum psychische Gesundheit in der Ausbildung mehr Aufmerksamkeit braucht
Angststörungen, Depressionen oder akute Krisen – psychische Belastungen bei jungen Erwachsenen nehmen zu. Doch woran erkennen Ausbilder, dass ein Azubi Hilfe braucht, und wo endet die eigene Verantwortung? Wir haben darüber mit Dr. med. Oliver Dodt gesprochen. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Würdezentrum in Frankfurt a. M. und bringt über 20 Jahre Erfahrung in der Begleitung von Menschen in Krisensituationen mit. Als zertifizierter „Mental Health First Aid-Instruktor“ (MHFA) bildet er zudem „Ersthelfer für psychische Gesundheit“ aus, um Sprachlosigkeit in Betrieben abzubauen und Krisen früher erkennbar zu machen.
Begleitet seit über 20 Jahren Menschen in Krisensituationen: Dr. med. Oliver Dodt.
Herr Dr. Dodt, Sie bilden unter anderem Ersthelfer für psychische Gesundheit aus. Das Konzept stammt ursprünglich aus Australien und ist mittlerweile in 29 Ländern verbreitet. Warum braucht es diese Form der Ersten Hilfe gerade jetzt so dringend?
Dr. med. Oliver Dodt: Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet, doch oft fehlt das Wissen, wie man im ersten Moment reagiert. Weltweit haben bereits acht Millionen Menschen diesen Kurs absolviert, in Deutschland sind es seit 2019 etwa 65.000. Unser Ziel ist es, Laien sprachfähig zu machen. Wir bieten Kurse für Erwachsene an, aber seit einem Jahr auch verstärkt den Jugend-Kurs. Dieser ist zwei Stunden länger, weil wir dort zusätzlich auf Themen wie Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten eingehen, die in dieser Altersgruppe eine enorme Rolle spielen. In beiden Kursen geht es darum, Symptome wie Depressionen, Psychosen oder Suchterkrankungen rechtzeitig zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.
Sie beobachten die Lage als Mediziner und Therapeut sehr genau. Haben die psychischen Belastungen bei jungen Menschen in letzter Zeit zugenommen?
Bei Kindern und Jugendlichen lässt sich klar belegen, dass seit der Corona-Pandemie die Raten an Angsterkrankungen und Essstörungen gestiegen sind. Bei Erwachsenen ist die Datenlage nicht ganz so eindeutig, die gefühlte Ängstlichkeit hat in der gesamten Gesellschaft zugenommen. Was ich jedoch kritisch beobachte, ist ein sprachliches Phänomen: psychologische Fachbegriffe wie „depressiv“, „getriggert“ werden heute oft inflationär im Alltag benutzt. Das klingt erst einmal nach Offenheit, birgt aber die Gefahr, dass wir echte Erkrankungen bagatellisieren. Wenn Fachbegriffe verharmlost werden, werden Menschen, die wirklich schwer leiden, oft weniger ernst genommen.
Oft hört man von Unternehmern den Vorwurf, die neue Generation sei weniger belastbar als früher. Was entgegnen Sie darauf?
Das ist ein schwieriges Pauschalurteil. In meiner Praxis sehe ich naturgemäß die Menschen, die bereits erkrankt sind. Aber man muss ehrlich sein: Meine Generation und ältere haben oft Dinge einfach „ertragen“ und „geschluckt“, was rückblickend nicht gesund war. Junge Leute heute äußern sich eher, wenn es ihnen nicht gut geht, und ziehen Grenzen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reflexion. Zudem ist Belastbarkeit hochgradig individuell. Es gibt heute sehr leistungsbereite junge Menschen, aber auch solche, die ohne entsprechende Förderung schneller an ihre Grenzen stoßen. Wir sollten den individuellen Fall betrachten, statt eine ganze Generation abzustempeln.
Kommen wir zur Praxis im Betrieb: Ausbilder sind keine Psychologen. Welche Verhaltensänderungen im Arbeitsalltag sollten sie dennoch kennen?
Es gibt Anzeichen, aber keine 100-prozentige Gewissheit. Klassische Signale sind sozialer Rückzug, mangelnde Konzentration, eine plötzliche Verunsicherung oder ein verstärkter Konsum von Suchtmitteln wie Tabak oder Alkohol. Das Wichtigste ist jedoch der Vergleich mit der „Ausgangssituation“. Ein Ausbilder sollte wissen: Wie war dieser junge Mensch vorher? Wenn ein zuvor selbstbewusster Azubi plötzlich bei kleinster Kritik komplett aus der Bahn geworfen wird, ist das natürlich ein Signal. Ein vertrauensvolles Verhältnis ist die Basis, um diese Veränderung überhaupt zu bemerken.
Wenn man eine solche Veränderung wahrnimmt: Wie sieht der ideale erste Schritt aus?
Ein Gespräch auf Augenhöhe. Bitte nicht zwischen Tür und Angel, sondern in einem geschützten Rahmen mit ausreichend Zeit. Was ich mir zudem von Betrieben wünsche: Vorbilder. Wenn Führungskräfte offenlegen, dass auch sie Fehler machen oder wie sie mit Stress umgehen, nimmt das den Jugendlichen den enormen Perfektionsdruck. Es hilft, wenn psychische Gesundheit kein Tabuthema ist, sondern aktiv im Unternehmen kommuniziert wird.
Was kann der Ausbilder dem Jugendlichen konkret an die Hand geben?
Vorbereitung ist alles. Ausbilder sollten Hilfsangebote wie krisenchat.de oder den Sozialpsychiatrischen Dienst bereits „in der Schublade“ haben. Der Sozialpsychiatrische Dienst der Gesundheitsämter berät übrigens auch anonym im Vorfeld: Man kann dort anrufen, die Situation schildern und sich Tipps für das Gespräch holen. Im Gespräch selbst kann man dann anbieten: „Sollen wir da mal zusammen anonym anrufen?“ Das senkt die Hemmschwelle enorm.
Wo muss man als Ausbilder sagen: Hier endet meine Zuständigkeit?
Spätestens bei Eigen- oder Fremdgefährdung muss professionelle Hilfe her. Das ist eine heikle Situation, besonders bei Minderjährigen. Wenn eine akute Gefährdung vorliegt, tritt der Datenschutz hinter den Lebensschutz zurück. Hier muss man dann auch die Eltern einbeziehen und gegebenenfalls eine Einweisung in eine Klinik koordinieren. Das ist für Laien extrem schwer, weshalb ein betriebliches Notfallkonzept so wichtig ist: Wer wird informiert? Wie kommunizieren wir?
Zum Schluss: Die moderne Welt bietet unendliche Möglichkeiten, aber auch unendlichen Leistungsdruck. Was ist Ihr persönlicher Rat an die Ausbilder?
Wir sollten Druck rausnehmen. Soziale Medien wirken oft wie ein Verstärker für Menschen, die ohnehin schon an sich zweifeln. Ich sage oft: Keine Erfahrung ist umsonst. Ich war früher Notarzt – das hat auf den ersten Blick wenig mit meiner heutigen Arbeit zu tun, aber es hat meinen Erfahrungsschatz enorm bereichert. Wir sollten den jungen Leuten vermitteln, dass auch Umwege im Lebenslauf wertvoll sind. Prophylaxe durch Bildung, Entspannungstechniken im Betrieb und ein klares Notfallkonzept sind die besten Werkzeuge, um eine gesunde Ausbildungskultur zu schaffen.
Autorin: Janina Schulz
Veröffentlichung: Juli 2026
Veröffentlichung: Juli 2026
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