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Nachfolge im Härtetest: von Ablehnung zu Leidenschaft
Es ist eine Welt der exakten Maße, der geplanten Prozesse und der technischen Perfektion. Mittendrin steht Tanja Hengst, Inhaberin der Hengst Technik GmbH in Wölfersheim. Sie kennt diese Welt seit ihrer Kindheit. Und doch ist ihr eigener Weg an die Spitze des väterlichen Unternehmens alles andere als geradlinig und nach Plan verlaufen.
Tanja Hengst wächst zwischen Konstruktionsbüro im Keller und CNC-Fräsmaschine in der heimischen Garage auf. Als sie neun Jahre alt ist, gründet ihr Vater Raimund Hengst im Jahr 1991 das Unternehmen, das Dreh- und Frästeile herstellt. Er fördert auch früh ihre Leidenschaft für Technik. „Mein Vater hat immer gesagt: ‚Du kannst das, du darfst das'", erinnert sich Tanja Hengst. Nach der Schule absolviert sie eine Ausbildung zur Industriemechanikerin in einem Wetterauer Unternehmen, anschließend macht sie das Fachabitur und studiert Maschinenbau. Doch der direkte Weg in den väterlichen Betrieb war für sie keine Option. „Ich habe es abgelehnt", sagt sie heute offen und erzählt von dem inneren Antrieb, sich zunächst ein eigenes berufliches Fundament zu schaffen. „Ich wollte es mir selbst beweisen und gucken, wie weit ich in anderen Unternehmen komme, wie andere Leute mich sehen, und nicht nur als Tochter gelten, die jetzt den Betrieb übernimmt." Die Entscheidung führte sie in einen Großkonzern und ins Ausland, unter anderem nach China – Erfahrungen, die ihren Horizont erweiterten.
Plötzlich in voller Verantwortung
Das Umdenken begann 2018. Nach der Geburt ihrer Zwillinge und während der Elternzeit entschied sie sich, dem Werben ihres Vaters nachzugeben und stundenweise im Unternehmen mitzuarbeiten. Doch das Leben hatte einen anderen Plan. Als ihr Vater plötzlich erkrankte, fand sich Tanja Hengst von einem Tag auf den anderen in der vollen Verantwortung wieder. „Er hatte mich erst mal wieder in der Fertigung eingebunden, mir im Büro noch nichts gezeigt. Und plötzlich stehe ich hier und muss alles machen – von der Auftragsabwicklung über die Buchhaltung bis zum Vertrieb." Wenige Monate später verstarb ihr Vater. Es war eine Zeit der Trauer, aber auch eine immense Herausforderung.
Plan B als Sicherheit und Bremse
Die Produktion der hochpräzisen Teile erfordert Konzentration.
Die Rückkehr ins Familienunternehmen war ein Prozess, der von Zweifeln und einem Sicherheitsnetz geprägt war. In der turbulenten Anfangszeit, geprägt von der Krankheit des Vaters und der eigenen Doppelbelastung als junge Mutter, war da mental immer noch eine Hintertür. Lange Zeit habe sie gedacht: „Ich habe ja immer noch einen Plan B", gesteht sie. „Meine alte Abteilung hätte mich jederzeit gern wieder genommen. Das tat mir gut und gab mir Sicherheit." Doch dieser Plan B sei gleichzeitig auch eine Bremse gewesen. Erst als sie für sich die Entscheidung getroffen habe, diese Option gedanklich loszulassen, habe sie sich voll und ganz auf ihre neue Rolle einlassen können. „Ich glaube, solange immer noch die Möglichkeit besteht, zu flüchten, ist man nicht hundertprozentig dabei", reflektiert Hengst. Heute brauche sie das Auffangnetz nicht mehr. Die Entscheidung, in eine neue Maschine zu investieren und das Unternehmen aktiv weiterzuentwickeln, sei der beste Beweis dafür. „Mittlerweile sage ich: Ja, ich will, dass das hier weitergeht. Da merke ich einfach, dass ich jetzt richtig im Unternehmen angekommen bin."
Gründerpreis als Motor für Reflektion und Sichtbarkeit
Dazu beigetragen habe auch die Teilnahme am Hessischen Gründerpreis 2025, wie sie selbst sagt. Auch wenn es nicht für den ersten Platz gereicht habe, sei der Wettbewerb für sie ein voller Erfolg gewesen. „Ich habe so viel mitgenommen: Kontakte, Kooperationen mit Start-ups und einen ganz neuen ‚Machergeist'. Schon das Ausfüllen der Teilnahmeunterlagen hat mir geholfen, da ich dabei vieles reflektiert habe", erzählt Hengst. Vor allem aber hätten der Preis und ihre dadurch begonnene Aktivität auf einer Social-Media-Plattform eines bewirkt: Sichtbarkeit. Plötzlich sei das kleine Unternehmen mit drei Mitarbeitern aus dem mittelhessischen Wölfersheim-Berstadt auf dem Radar von potenziellen Kunden und Partnern gewesen.
„Dieser Schritt in die Sichtbarkeit hat extrem viel ausgelöst. Heute kontaktieren uns die Interessenten von sich aus – das ist ein Luxus."
sagt sie. Dieser Erfolg ist für sie kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis eines aktiven Netzwerkens und des Muts, sich als Chefin zu zeigen und für ihr Unternehmen zu werben.
Präzision und persönliche Nähe
Die Hengst Technik GmbH ist spezialisiert auf die Fertigung hochpräziser Dreh- und Frästeile in Klein- und Mittelserien sowie den Prototypenbau. Ein zweites Standbein ist die Konstruktion von Lehren und Vorrichtungen – also von Hilfsmitteln, die in der Produktion für reibungslose Abläufe sorgen. Viele Kunden nutzen dabei beide Leistungen: Die Vorrichtungen werden gemeinsam entwickelt und anschließend auch im Unternehmen gefertigt. Die Kunden kämen aus den unterschiedlichsten Branchen, von der Energiewirtschaft über die Scannertechnik bis hin zum Sportgerätebau im Golfsport, erläutert Hengst. In der Energiewirtschaft unterstützt das Unternehmen beispielsweise bei der Entwicklung und Fertigung von Montagevorrichtungen, die Arbeitsabläufe sicherer und reproduzierbarer machen. In der Scannertechnik tragen die präzise gefertigten Bauteile dazu bei, dass hochgenaue Geräte entstehen können, bei denen kleinste Bewegungen exakt gesteuert werden müssen. Diese breite Aufstellung bringe dem Unternehmen Sicherheit, wenn es einer einzelnen Branche mal nicht so gut gehe. Was alle Kunden schätzen würden, seien die regionale Nähe und der persönliche Kontakt. „Ich interessiere mich für das Produkt des Kunden und schaue mir an, wo unsere Teile eingesetzt werden", erklärt Hengst. „Die persönliche Nähe, die Möglichkeit, auch mal schnell mit dem Auto rüberzufahren, um etwas zu besprechen, ist ein riesiger Vorteil und sorgt oft für ein besseres Verständnis."
Mädchen für Technik begeistern
Mit Leidenschaft engagiert sie sich auch beim „Girls' Day". Sie möchte Mädchen und jungen Frauen die Angst vor der Technik nehmen. „Es geht nicht darum, sie jetzt alle für eine Ausbildung zur Industriemechanikerin zu bewegen. Mir würde es schon reichen, wenn sie sich später als Einkäuferin in einem Maschinenbauunternehmen trauen, sich das Produkt genau anzuschauen, weil sie verstehen, worum es geht." Bei Hengst Technik gibt es aktuell noch keine Auszubildenden. Der Grund ist schnell gefunden: „Ich habe selbst eine so gute und vielfältige Ausbildung erhalten. Das würde ich in Zukunft gern auch bei uns ermöglichen. Aber aktuell können wir das mit der geringen Mitarbeiterzahl und den vorhandenen Maschinen noch nicht gewährleisten", erklärt Hengst.
Mit fünf Achsen in die Zukunft
Die größte Herausforderung für das Unternehmen sei aktuell im Grunde eine erfreuliche: das hohe Auftragsvolumen. Um dem Wachstum gerecht zu werden und die Effizienz zu steigern, stehe eine große Investition in eine neue Fünf-Achs-Fräsmaschine an. „Bei einer Drei-Achs-Maschine, wie wir sie aktuell haben, muss ich ein Teil häufiger drehen und neu einspannen. Mit der Fünf-Achs-Maschine können wir Zeit und manuelle Handgriffe sparen", erklärt Hengst. Die Investition sei auch ein klares Bekenntnis zum Unternehmen, das sie vor wenigen Jahren so noch nicht abgelegt hätte. Jetzt schaut sie nach vorn: Ihre Vision sei ein kleines und gesundes Wachstum. Mehr Automatisierung, vielleicht durch Robotertechnik für eine „zweite Schicht ohne Personal" und eine personelle Aufstellung, die Sicherheit für alle schaffe. „Man darf nicht unersetzlich sein", lautet ihr Credo. Und ganz leise denke sie auch über ein eigenes Produkt, von der Entwicklung bis zum Verkauf, nach. „Ich fahre die Fühler schon mal aus", sagt sie lachend.
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Ann-Kathrin Oberst
Stand: 24.03.2026