Wirtschaftsmagazin
Nr. 7007206
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Ein Netz für die Zukunft: Wie die junge Generation ein Traditionsunternehmen neu knüpft

Lea Baumbach wollte weg aus dem Ländlichen. Heute führt sie die Netzfabrik Rudolf Baumbach in Lauterbach in dritter Generation in die Zukunft. Und sie ist glücklich, dass sie diese Entscheidung getroffen und trotzdem ihre Freiheit hat.
Frankfurt, das duale Studium, die große Stadt – der Plan für die Zukunft stand für Lea Baumbach eigentlich fest. Weg aus dem heimatlichen Vogelsbergkreis, rein ins pulsierende Leben. Doch dann stellten ihre Eltern ihr die Frage, die alles veränderte: Ob sie sich vorstellen könne, die Netzfabrik Rudolf Baumbach GmbH zu übernehmen. Das Unternehmen, 1954 vom Großvater gegründet, sei nun bereit für die dritte Generation. Statt nach Frankfurt führte der Weg also zurück nach Lauterbach.

Anstatt in die Stadt in den Chefsessel

Ein Netz für - Lea Baumbah
Mit Leidenschaft entwickelt Lea Baumbach eigene Produkte, seit einiger Zeit auch im Lifestyle-Bereich. © Ann-Kathrin Oberst / IHK GiFb
„Das war tatsächlich eher eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus", erinnert sich Lea Baumbach an den Moment, der ihre Karriere prägte. 2018 stieg sie in den Betrieb ein, zunächst an der Seite ihres Vaters. Das Unternehmen stellt textile Netze her – von Ablage- und Gepäcknetzen über Schutz- und Sicherheitsnetze bis hin zu Netztaschen. Sechs Jahre arbeitete Lea mit ihrem Vater zusammen, bevor er sich 2024 vollständig aus dem operativen Geschäft zurückzog. Was sie vorfand, war ein Unternehmen mit viel Potenzial, aber auch mit dem Staub der Jahrzehnte. „Da war noch ganz viel veraltet. Keine Digitalisierung, die Dokumentation war nicht so gut, auch das Thema Führung fand ich nicht ganz so ausgereift." Für die junge Frau, die nicht aus der Textilbranche kam, war es ein Sprung ins kalte Wasser. Produktion, Mitarbeiterführung, neue Prozesse – die Herausforderungen waren immens. Es gab auch Zweifel, Momente, in denen sie ihre Entscheidung hinterfragte. Doch sie blieb dran, angetrieben von der Vision, das Unternehmen zu ihrem eigenen zu machen und zu zeigen, wie modern und zukunftsfähig eine Nachfolge sein kann: „Nachfolge ist nicht Verwalten, sondern vielmehr Gestalten."

Ordner raus, Server rein

Lea Baumbachs erste Mission: die Digitalisierung. Stapelweise Ordner seien abgeschafft, ein Server aufgebaut und ein komplett neues Artikelnummernsystem erstellt worden, um die Prozesse vom Faden bis zum fertigen Netz nachvollziehbar und steuerbar zu machen, erzählt sie. Doch die Veränderungen betrafen auch andere Bereiche. Sie habe eine neue Führungskultur etabliert – mit regelmäßigen Mitarbeitergesprächen und einem offenen Austausch. „Früher wurde erst miteinander gesprochen, wenn es gebrannt hat. Ich finde es schöner, wenn Kleinigkeiten direkt angesprochen werden, sowohl von Mitarbeiterseite als auch von mir", erklärt sie. Dabei habe sie auch schwierige Entscheidungen nicht gescheut, etwa als sie konsequent gegen aufkeimendes Mobbing im Team vorgegangen sei. Ihr Führungsstil basiere auf Vertrauen, eine Haltung, die anfangs auch für Reibung mit der älteren Generation gesorgt habe. „Insgesamt hat mich mein Vater immer unterstützt und mich machen lassen. Natürlich kam nicht alles gut an. Mein Vater war zunächst zum Beispiel nicht davon überzeugt, dass ich freiere Arbeitszeitmodelle einführte", erzählt sie schmunzelnd. Doch sie habe sich durchgesetzt, überzeugt davon, dass Verantwortung und Freiheit Hand in Hand gehen. „Wenn ich meinen Mitarbeitern nicht vertrauen kann, wenn ich nicht da bin, dann habe ich die falschen Leute an meiner Seite. Heute kann ich beides vereinen: Das Unternehmen führen und trotzdem mal ein paar Tage am Stück in meiner Wohnung in Frankfurt verbringen, die Großstadt genießen und von dort arbeiten."

Ausgezeichnete Nachfolge: Der Hessische Gründerpreis

Die Anerkennung für ihren Mut ließ nicht lange auf sich warten. Auf Anregung der regionalen Wirtschaftsförderung bewarb sich Lea Baumbach 2025 für den Hessischen Gründerpreis – und gewann in der Kategorie „Zukunftsfähige Nachfolge". Der Sieg sei nicht nur eine öffentliche Bestätigung, sondern auch das Ergebnis eines intensiven Prozesses gewesen, der sie selbst noch einmal habe wachsen lassen. „Man beschäftigt sich noch mal ganz neu mit dem, was man eigentlich geschaffen hat", beschreibt Lea Baumbach die Vorbereitung auf die entscheidende Präsentation vor der Jury. Es war ein Erfolg, den sie gemeinsam mit ihrem Team gefeiert habe, das online mitgefiebert und bei der Vorbereitung geholfen habe. Der Preis habe nicht nur wertvolle Kontakte und mediale Aufmerksamkeit gebracht, sondern vor allem ihre erfolgreiche Transformation eines Traditionsbetriebs ins Rampenlicht gerückt.

Zwischen alten Maschinen und Künstlicher Intelligenz

Leas Großvater hatte die Netzfabrik Rudolf Baumbach gegründet. Was 1954 mit gehäkelter Babybekleidung in Heimarbeit begann, entwickelte sich nach einer Anfrage für ein Laufstallnetz zu einem Spezialisten für technische Netze aller Art. Heute finden sich die Produkte aus Lauterbach zum Beispiel in Passagierflugzeugen, in Wohnmobilen oder Autos als Ausfallschutz, als nachhaltige Spielzeugbeutel oder als Tornetze in Sporthallen. Aber auch Lifestyle-Artikel wie Netztaschen oder Tischläufer umfasst das Sortiment – ebenso nachhaltige, hochspezialisierte Produkte, wie Netze aus Basaltgarn, die mikroplastikfrei sind und in der Fischerei eingesetzt werden. Die Stärke des zwölfköpfigen Teams liege in der Flexibilität und der Fähigkeit, auch kleine, spezifische Chargen zu produzieren, erklärt Lea Baumbach. Möglich machten das teils jahrzehntealte Wirkmaschinen, die das Unternehmen selbst warten könne und somit völlig autark sei. Doch auf der Tradition ruht sich Lea Baumbach nicht aus. Die nächsten Schritte sind bereits geplant: ein komplettes Rebranding mit neuer Webseite und neuem Online-Shop steht bevor. Zudem prüfe sie – gemeinsam mit einem Unternehmen aus der Region – den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, um selbst die alten Maschinen über Sensoren und Videotechnik zu digitalisieren und Produktionsabläufe zu optimieren, erläutert sie. Um dem Fachkräftemangel in der speziellen Nische proaktiv zu begegnen, plane das Unternehmen ab diesem Jahr zudem erstmals, selbst auszubilden – zum Produktionsmechaniker Textil oder Maschinen- und Anlagenführer Textil.

Ein Appell an die nächste Generation

Ein Netz - Stenglein
Nicht nur feste, sondern auch elastische Netze können auf den Maschinen produziert werden, erklärt die Produktionsleiterin Christina Stenglein. © Ann-Kathrin Oberst / IHK GiFb
Besonders wichtig ist Lea Baumbach, eine Lanze für das Thema Unternehmensnachfolge zu brechen. „Ich glaube, viele kommen gar nicht auf die Idee, ein Unternehmen zu übernehmen. Oder zweifeln daran, ob sie es machen sollen oder nicht. Aber es ist eine tolle Chance", sagt sie mit Nachdruck. Sie will das verstaubte Bild des Unternehmertums entkräften, das oft mit „selbst und ständig" gleichgesetzt werde. „Man kann sich das Unternehmertum so gestalten, wie man es möchte. Ich kann mich dafür aufopfern und vielleicht daran kaputtgehen. Oder ich kann schauen, dass ich gute Leute habe und einstelle und mich dann mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehe und strategisch arbeite." Ihr Weg zeige, dass Nachfolge Durchhaltevermögen erfordere, aber am Ende mit enormer Gestaltungsfreiheit belohnt werde, betont sie. Es sei die Chance, Arbeitsplätze zu sichern, ein Unternehmen zu modernisieren und eine eigene Vision zu verwirklichen. Eine Chance, die man ergreifen sollte, ist sich Lea Baumbach sicher – auch wenn es anfangs nicht ihr Plan war.
Stand: 24.03.2026