Wie eine Smartwatch fürs Pflegebett
Das Start-up MimoSense hat eine Sensortechnik entwickelt, die wie eine digitale Haut funktioniert. Mögliche Anwendungen gibt es viele. Doch der Schwerpunkt liegt auf dem Gesundheitssektor, wo die Entwicklung ein Gamechanger werden könnte.
Das Pflegebett steht in einem Arbeitsraum eines Gebäudes der TU Darmstadt im Stadtzentrum. Das Start-up MimoSense entwickelt und testet dort seine ultradünne Sensorfolie. Sie verleiht Objekten einen Tastsinn, weil sie Druck, Vibrationen und feinste Bewegungen erfasst – gleichzeitig und in Echtzeit. Omar Ben Dali, CTO und einer der beiden Gründer, zeigt, wie empfindlich die Sensoren sind. Mit der Hand erzeugt er einen Luftzug rund 30 Zentimeter über dem Sensor und sofort schlägt die Kurve auf dem Kontrollmonitor aus. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig – sie reichen von der Robotik über Industrie und Automobile bis hin zum Gesundheitswesen. Und genau auf diesen Bereich hat sich das Unternehmen konzentriert.
Unsere Sensoren funktionieren ähnlich, wie wenn man den Puls mit der Hand misst – aber ohne direkten Hauptkontakt.
„Wir merken, dass bei Healthcare der Bedarf besteht und der Sensor wirklich konkrete Probleme löst“, sagt Romol Chadda, CEO und zweiter MimoSense-Gründer. „Wir haben damit einen Schlüssel zur Erfassung von Vital-Parametern. Unsere Sensoren funktionieren ähnlich, wie wenn man den Puls mit der Hand misst. Man übt Druck aus und spürt die Vibration der Arterie.“
Zwei physikalische Prinzipien vereint
Das Innovative an den Sensoren von MimoSense ist, dass sie die zwei physikalischen Prinzipien Druck und Vibration vereinen. „Der Sensor kann nahtlos in bestimmte Objekte integriert werden, braucht keinen direkten Hautkontakt und macht diese Objekte dann quasi zu einer Smartwatch“, erklärt Chadda. Wie zum Beispiel das Pflegebett, das im Arbeitsraum an der TU steht. Weil die Sensoren um ein Vielfaches sensibler sind als die bestehende Standardtechnik, reicht es, sie unter den Füßen des Betts zu integrieren und man kann trotzdem über die Vibrationen Herz aktivität oder Atmung erfassen. Das könnte den hohen Dokumentationsaufwand für Pflegekräfte deutlich senken. Zudem liefern die Sensoren Daten über die Liegeposition der Patienten und können helfen, dem Wundliegen vorzubeugen. Zudem können Sie Alarm auslösen, wenn ein Patient das Bett verlässt, und so Stürzen vorbeugen.
„Aber die Empfindlichkeit allein reicht nicht aus“, stellt Ben Dali klar. Dann würde man nämlich zu viele Daten erhalten, wie Störfaktoren, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Hier kommt die Messtechnik insbesondere der multimodalen Kraftmessung ins Spiel. Und das ist die Schnittmenge der beiden Ingenieure, die schließlich zur Gründung von MimoSense führte.
Am Anfang war die „rennende Kiste“
Chadda, der in Afghanistan als Angehöriger der hinduistischen Minderheit geboren wurde, kam 1999 nach Deutschland. Ben Dali kam zwölf Jahre später aus Tunesien. Beide studierten an der TU Darmstadt Elektrotechnik im gleichen Jahrgang. Doch erst im fünften Semester lernten sie sich in einem gemeinsamen Projektseminar kennen. „Das war die rennende Kiste“, sagt Ben Dali schmunzelnd. Die Aufgabe bestand darin, in Gruppen einen Antrieb für eine Holzkiste zu entwickeln. Am Ende gab es ein Rennen, bei dem Ben Dalis Team gewann.
Von links: die beiden Gründer Romol Chadda und Omar Ben Dali.
Im weiteren Studium hatten beide unterschiedliche Schwerpunkte. Chadda fokussierte sich mehr auf Kraftmesstechnik, Ben Dali auf Materialien. Doch zum Ende der Promotion saßen beide im gleichen Büro und überlegten, ob sie diese beiden Welten nicht zusammenbringen könnten. Aus diesem Ansatz entstand erst ein Patent und im Mai 2024 kam es zur Ausgründung. Gefördert wurden sie dabei durch den EXIST-Forschungstransfer, mit dem Forschung in erfolgreiche Start-ups überführt werden soll.
Neben den beiden Gründern arbeiten derzeit vier Werkstudenten bei MimoSense. Im Jahr 2026 wollen die Gründer expandieren. Dazu streben sie eine Folgeförderung beim EXIST-Programm an, um das Produkt zur Marktreife zu entwickeln. Einen Schub könnte dabei auch der Gewinn des Hessischen Gründerpreises darstellen. „Das hat uns Aufmerksamkeit verschafft. Wir sind danach von verschiedenen Seiten angesprochen worden“, sagt Chadda.
Kernkompetenz als Deep-Tech-Sensorik-Start-up
Rund 40 Development Kits, bestehend aus Sensor, Elektronik und Auslesesoftware, wurden bereits an Unternehmen und Forschungsinstitute verkauft. Die Serienproduktion erfolgt extern bei einem Unternehmen aus dem Automobilbereich in Deutschland. Dieser Partner könnte die Sensoren in sehr großen Stückzahlen herstellen, während MimoSense das geistige Eigentum am Sensordesign und der Technologie behält.
MimoSense fokussiert sich zunächst auf den privaten und ambulanten Pflegemarkt, da dort keine aufwendigen medizinischen Zertifizierungen notwendig sind. Langfristig streben Chadda und Ben Dali die Zusammenarbeit mit Integrationspartnern an. Diese sollen die MimoSense-Sensoren in ihre Produkte integrieren und die Verantwortung für etwaige medizinische Zertifizierungen übernehmen – wie zum Beispiel Hersteller von Pflegebetten. „Unser Ziel ist es, dass wir uns zunächst weiter auf unsere Kernkompetenz als Deep-Tech-Sensorik-Start-up konzentrieren“, betont Chadda.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 2/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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