“Gutes Ausbildungsmarketing ist zentral”
Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft erklärt im Interview, was die Generation Z von ihren Vorgängern abhebt, wie auch kleine Mittelständler beim Fachkräftenachwuchs punkten können – und auf welchen Kanälen man ihn am besten erreicht.
Dirk Werner, Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln.
IHK: Herr Werner, dass Ältere schon mal die Nase rümpfen, wenn es um die Jüngeren im Unternehmen geht, das ist nicht neu. Warum aber wird die Generation Z, also die 1995 bis 2010 Geborenen, bei Älteren deutlich kritischer gesehen als die Generation zuvor?
Dirk Werner: Ich glaube, das war schon immer so, dass die jüngere Generation von den Älteren kritisch betrachtet wird. Wenn wir uns die belastbaren Studien zur Generationenforschung anschauen, so zeigt sich, dass die Unterschiede innerhalb jeder Generation deutlich größer sind als die zwischen den Generationen. Die Gen Z ist also gar nicht so extrem anders. Was jedoch als Unterschied bleibt, ist, dass die junge Generation einen höheren Qualitätsanspruch an die eigene Freizeit hat. Die Arbeit wird eher um die Freizeit herum gestaltet und nicht umgekehrt. Das ist ein neuer Aspekt, der früher nicht so intensiv zu sehen war.
IHK: Was fällt noch auf?
Dirk Werner: Wir haben viel mehr Auszubildende, die über 20 Jahre alt sind, weil immer mehr nach der Schule erst einmal jobben und sich orientieren oder eine Phase als NEETs einlegen. Damit sind die gemeint, die sich »not in Education, Employment or Training« befinden. Viele wollen sich möglichst lange alles offenhalten und dann die perfekte Entscheidung treffen. Die wenigsten setzen ein Jahr vorher ihre Unterschrift unter einen Ausbildungsvertrag. Viele, die erst einmal reisen, jobben oder sich orientieren, schlagen dann kurz vor Ausbildungsbeginn auf. Das sind manchmal tolle Talente. Unternehmen müssen daher flexibler als früher bei der Aufnahme von Auszubildenden sein.
IHK: Was hat die Gen Z geprägt?
Dirk Werner: Die junge Generation ist stärker von Krisen geprägt, weil es immer mehr davon gibt. Hinzu kommt der Corona- Effekt, als Schulen geschlossen wurden und von einem Tag auf den anderen das Soziale weggebrochen ist. Das hat doch relativ viele junge Menschen aus der Bahn geworfen, sodass wir einen großen Anstieg an psychischen Erkrankungen und psychischen Problemen verzeichnen. Fast ein Drittel der jungen Generation leidet darunter; dies ist ein Anstieg von 50 Prozent. Ebenso hat sich seit Corona die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage junger Menschen um 50 Prozent erhöht.
Unsere Studie hat gezeigt, dass bei den Wünschen ein gutes Betriebsklima an erster Stelle steht. Man möchte sich wohlfühlen.Dirk Werner
IHK: Faul, schlecht ausgebildet, hohe Lohnerwartung: alles nur Vorurteile? Oder ist da schon auch was dran?
Dirk Werner: Arbeitsmarktdaten belegen, dass die junge Generation sogar im Durchschnitt ein bisschen mehr arbeitet als die Generation 20 Jahre davor bei ihrem Berufseinstieg. Faul ist also nicht der Fall. Was Unternehmen jedoch oft empfinden, ist, dass die Erwartungen junger Menschen an Ausbildung und Arbeitsleben zugenommen haben. Aber das gilt für viele Ältere auch. Das ist ein Phänomen quer durch die gesamte Gesellschaft. Die Lokführer haben letztes Jahr das Land lahmgelegt wegen der Viertagewoche. Was aber stimmt: Die Leistungsfähigkeit der jungen Leute hat tendenziell abgenommen. Dafür gibt es wissenschaftliche Belege wie den IQB-Bildungstrend, der besagt, dass wir in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt anderthalb Schuljahre an Leistungsniveau verloren haben.
IHK: Nach welchen Kriterien suchen junge Leute nach ihrem Ausbildungsplatz?
Dirk Werner: Unsere Studie hat gezeigt, dass bei den Wünschen ein gutes Betriebsklima an erster Stelle steht. Man möchte sich wohlfühlen. Schon an zweiter Stelle folgt eine gute Bezahlung nach der Ausbildung, danach kommen spannende Aufgaben in der Ausbildung und gute Übernahmechancen nach der Ausbildung. Das Kriterium mit dem geringsten Zuspruch, aber immerhin noch von zwei Dritteln der Befragten angegeben, ist Nachhaltigkeit des Unternehmens.
IHK: Womit kann ich denn als Arbeitgeber – vor allem als Mittelständler mit eher kleinem Budget – bei den jungen Leuten punkten?
Dirk Werner: Sie können mit einem guten Betriebsklima punkten, das familiär ist. In dem die einzelne Person gesehen wird und man sich individuell um die Bedürfnisse kümmert, die junge Menschen haben. Das geht im Mittelstand eben nicht bürokratisch, sondern sehr nah am Menschen und mit sehr vielen individuellen Lösungen. Kleine Unternehmen sind auch offener für Jugendliche mit Förderbedarf, denen sie auf dem Weg zum Ausbildungserfolg mit unglaublich viel Herzblut helfen. Meistens können sie nur geringere Gehaltsaussichten als Großunternehmen bieten, daher sollten sie darüber sprechen, welche anderen Leistungen und Benefits sie haben. Bei ihnen können Azubis früher Verantwortung übernehmen, sich später selbstständig machen oder sie können auch mal den Firmenwagen übers Wochenende ausleihen. Kleine Unternehmen können sich individueller auf ihre Azubis einstellen.
Das Praktikum ist nach wie vor der beste Kanal, um junge Menschen für die Ausbildung zu begeistern.Dirk Werner
IHK: Wie erreichen Unternehmen überhaupt die Jüngeren? Zieht das gute alte Praktikum noch?
Dirk Werner: Unbedingt. Das Praktikum ist nach wie vor der beste Kanal, um junge Menschen für die Ausbildung zu begeistern und um die zu rekrutieren, die tatsächlich Interesse am Unternehmen und am Ausbildungsberuf haben. Sie bekommen eine Vorstellung davon, was in der Ausbildung auf sie zukommen könnte, und erleben praktische Einblicke.
IHK: Welche Formate der Berufsorientierung und des Ausbildungsmarketings sind noch sinnvoll?
Dirk Werner: Unternehmen können Karrierewebsites betreiben oder Social Media bespielen, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Sie können ihre eigenen Azubis als Ausbildungsbotschafter in die Schule schicken oder sich auf Messen präsentieren. Am Anfang sollten sie sich überlegen, welche Schulabgänger von welcher Schule in der Region das größte Potenzial bieten. Und dann gezielt die Kanäle und Mittel dafür bespielen. Das kann auch noch ein Zettel am schwarzen Brett sein, etwa in Haupt- oder Realschulen.
IHK: Stichwort Social Media: Welche Kanäle nutzt die Generation Z bei der Ausbildungssuche – und wieso gibt es eine Diskrepanz zum Sendeverhalten der Unternehmen?
Dirk Werner: Unsere Befragung hat gezeigt, dass junge Menschen vor allem auf Instagram und auf YouTube gezielt nach Ausbildung suchen. Instagram wird von Unternehmen schon ganz gut bespielt, was auch daran liegt, dass dieser Kanal parallel zu Facebook ausgespielt werden kann. In Facebook schauen aber junge Menschen kaum rein. Trotzdem kann es hilfreich sein, weil vielleicht die Eltern, die Lehrkräfte oder die Berufsberater da noch unterwegs sind. WhatsApp wird auch schon rege genutzt mit steigender Tendenz. TikTok ist stark nachgefragt bei jungen Menschen, aber Unternehmen bespielen diesen Kanal bislang erst selten. Kleinstunternehmen müssen sich entscheiden, welcher Kanal sinnvoll ist. Alle Kanäle zu bespielen, wäre sicherlich ein zu großer Aufwand.
IHK: Falle ich denn als Unternehmen komplett hinten runter, wenn ich mich dem Thema Social Media vollständig verschließe?
Dirk Werner: Generell wird diese Sichtbarkeit immer wichtiger. Es geht aber auch anders. Unternehmen, die ein gutes persönliches Netzwerk haben, die in der Region bekannt sind, die Schulkooperationen regelmäßig pflegen, bei denen kann das auch in zehn Jahren ohne Social Media funktionieren. Entscheidend ist ja nicht, dass ich lustige Videos mache, sondern dass junge Leute sich interessieren und bei mir bewerben. Dazu braucht es vor allem Substanz beim Angebot und das persönliche Kennenlernen. Wenn die Ausbildung im Betrieb gut läuft und eine gute Qualität mit Perspektiven vorhanden ist, überzeugt das.
IHK: In den nächsten Jahren kommt die Generation Alpha nach, die ab 2010 Geborenen. Was kommt da auf die Unternehmen zu?
Dirk Werner: Es sieht so aus, als würden die Themen, die wir bei Gen Z besprechen, wahrscheinlich sogar noch ein bisschen stärker akzentuiert werden. Die Generation Alpha war noch stärker von Corona betroffen, die Schulleistungen sind noch mal nach unten gegangen. Das heißt, das Thema Förderbedarf, das Mitnehmen wird größer. Deswegen kann ich Unternehmen nur raten, wenn sie Personen in die Ausbildung nehmen, bei denen sie ein Fragezeichen haben, dass sie eine Förderung von Anfang an mitdenken. Es gibt gute Förderprogramme der Arbeitsagenturen.
IHK: Generell gefragt: Was muss ich tun, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein für die Generationen Z und Alpha?
Dirk Werner: Gutes Ausbildungsmarketing ist zentral. Ich muss belastbare Signale senden und erreichen, dass die jungen Menschen wirklich Lust haben, zu mir zu kommen. Das fängt beim Erstkontakt an. Es folgt idealerweise das Kennenlernen in der Praxis, dann das Preboarding. Ich kann zum Beispiel die kommenden Azubis schon mal ihre Arbeitskleidung anprobieren lassen oder sie mit ihren Eltern zur Betriebsfeier einladen. Wichtig ist auch das Onboarding, also die erste Woche, so zu gestalten, dass die Auszubildenden sich wirklich willkommen fühlen, damit die Probezeit gelingt. Dann kann man eher das Ziel erreichen, Fachkräfte zu gewinnen, die treu und lange im Unternehmen bleiben. Das ist nach wie vor der beste Kanal zur Fachkräftesicherung.
Zur Person
Dirk Werner ist Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Er war maßgeblich an der Veröffentlichung der Studie “Vom Mismatch zum Match: Wie sich Jugendliche und Unternehmen auf dem Ausbildungsmarkt suchen und finden (können)” beteiligt, die als kombinierte Jugend- und Unternehmensbefragung zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2024 herausgegeben wurde. Auf die Studie wird in diesem Interview eingegangen.
Die komplette Studie ist abrufbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de (im Suchfeld “Mismatch” eingeben).
Dirk Werner ist Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Er war maßgeblich an der Veröffentlichung der Studie “Vom Mismatch zum Match: Wie sich Jugendliche und Unternehmen auf dem Ausbildungsmarkt suchen und finden (können)” beteiligt, die als kombinierte Jugend- und Unternehmensbefragung zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2024 herausgegeben wurde. Auf die Studie wird in diesem Interview eingegangen.
Die komplette Studie ist abrufbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de (im Suchfeld “Mismatch” eingeben).
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 4/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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