Wirtschaft fasst wieder Tritt

IHK-Konjunkturumfrage Herbst veröffentlicht

Die aktuelle IHK-Konjunkturumfrage zeigt: Die südhessische Wirtschaft ist wieder zurück. Vor allem Industrie und Dienstleister knüpfen an das Vorkrisenniveau an. Gleichzeitig gab es aus Sicht der Unternehmen noch nie so viele Abwärtsrisiken. Lieferengpässe lassen die Produktion in der Industrie ins Stocken geraten. Auch den Anstieg der Energiekosten verfolgen die Unternehmen mit Sorge. Die Gewinnung von Fachkräften gestaltet sich so schwierig wie nie. Mit Blick auf die Regierungsbildung in Berlin wünscht sich IHK-Präsident Martiné einen „massiven Investitions-Ruck bei privaten und öffentlichen Investitionen“.

Pressemeldung vom 21. Oktober 2021

Wirtschaft fasst wieder Tritt trotz vieler Risiken

Rund 1.000 Unternehmen aus der Region haben sich an der Herbstumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar beteiligt. IHK-Präsident Matthias Martiné fasst die zentralen Ergebnisse zusammen: „In den meisten Branchen laufen die Geschäfte gut. Wie in den beiden Vorumfragen ist die Industrie gut im Geschäft. Das gilt jetzt aber erstmals auch wieder für weite Teile der Dienstleister. Gastgewerbe und Einzelhandel haben aber weiter zu kämpfen.“ Die insgesamt positivere Stimmung zeigt sich im IHK-Geschäftsklimaindex, der gegenüber Frühsommer 2021 um 9,8 Punkte auf jetzt 112,2 Punkte gestiegen ist.
Aktuell beurteilen 39 Prozent aller Unternehmen in Südhessen ihre Lage als gut, 46 Prozent als befriedigend, 15 Prozent als schlecht. Gegenüber Frühsommer ist der Saldo aus zufriedenen und unzufriedenen Unternehmen um 20 Prozentpunkte gestiegen. „Der Wegfall der meisten Einschränkungen gibt den Unternehmen Luft zum Atmen“, sagt der IHK-Präsident. Beim Blick in die Zukunft sind die Unternehmen verhalten optimistisch. 19 Prozent rechnen mit einer Verbesserung der Situation, 18 Prozent sehen schlechtere Zeiten auf sich zukommen. 63 Prozent glauben, dass sie das aktuelle Niveau halten können. Damit bleibt der Erwartungssaldo konstant.

Investitionsklima weiterhin kritisch

Nach der coronabedingten Verschnaufpause zieht der Arbeitsmarkt wieder an, die südhessischen Unternehmen suchen Fachkräfte: 16 Prozent der Unternehmen wollen einstellen, zwölf Prozent möchten sich von Personal trennen. Damit verbessert sich der Saldo um acht Einheiten auf plus vier Prozentpunkte. Auch im Auslandsgeschäft sind die Unternehmen in Summe optimistisch. Kritisch beurteilt Martiné das Investitionsklima. So sind die investitionswilligen Unternehmen in der Minderheit, dieser Trend setzt sich seit zwei Jahren fort. Aktuell planen 22 Prozent der Unternehmen Mehrinvestitionen, 26 Prozent wollen Investitionen kürzen. „Eines ist klar: Die digitale und ökologische Transformation der Wirtschaft erfordert große Investitionssummen. Die Investitionsbremse muss sich endlich lösen. Hier ist auch die Politik in der Pflicht, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen“, so Martiné. Mit einem Blick auf die Sondierungsgespräche in Berlin mahnt der IHK-Präsident: „Die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt muss gut regiert werden. Klimaschutz geht nur mit den Unternehmen, nicht gegen sie. Wer ehrgeizige Umweltziele erreichen will, kommt an der Innovationskraft von Unternehmen nicht vorbei.“

Fachkräftemangel wieder größter Engpass

IHK-Konjunkturexperte Kühnl erläutert die Ergebnisse der Konjunkturumfrage
Konjunkturexperte Kühnl beim Pressegespräch © Markus Schmidt / IHK Darmstadt
Worin sehen Unternehmen das größte Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung? Erstmals seit zwei Jahren sehen die Unternehmen wieder die Gewinnung von Fachkräften als größtes Problem. Im Verlauf der Pandemie ist das Risiko zeitweise nach unten gerutscht. Vor allem beruflich Qualifizierte werden händeringend gesucht. „Viele Unternehmen setzen auf die duale Ausbildung und bieten Ausbildungsplätze an. Was fehlt sind genügend Bewerberinnen und Bewerber, weil sich immer mehr Schulabgänger für ein Studium entscheiden. Dieser Trend setzt sich leider auch dieses Jahr fort“, stellt Martiné fest.
Die Industrie hat noch ein weiteres großes Problem: Die Auftragsbücher sind voll, aber die Produktion stockt. Lieferengpässe bei Vorprodukten und Preissteigerungen bei Energie sind der Grund. 78 Prozent der Industrieunternehmen fühlen sich hiervon betroffen. „Die globalen Lieferketten stehen unter Druck. Das spürt jetzt auch der Verbraucher. Bis sich das wieder normalisiert, wird noch Zeit vergehen“, so der IHK-Präsident.

Digitaleres, schnelleres und flexibleres Deutschland

Insgesamt zeigen die Ergebnisse des Konjunkturberichtes für Martiné, „dass wir einen großen Schritt in Richtung Normalität gemacht haben. Eine Normalität, die wesentlich digitaler und nachhaltiger sein wird und die auf den demografischen Wandel eine gute Antwort finden muss“. Er sieht die neue Bundesregierung in der Pflicht, die richtigen politischen Entscheidungen zu treffen. „Um weltweit gesehen ein attraktiver Wirtschaftsstandort zu bleiben, brauchen wir ein deutlich digitaleres, schnelleres und flexibleres Deutschland“, so der IHK-Präsident. Er wünscht sich „günstige, stimulierende Rahmenbedingungen für Innovationen, um zukünftigen Wohlstand für uns alle in einer wettbewerbsintensiven Weltwirtschaft zu ermöglichen“. Dafür braucht es seiner Ansicht nach einen „massiven Investitions-Ruck bei privaten und öffentlichen Investitionen“.

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Dr.Peter Kühnl
Dr. Peter Kühnl
Bereich: Unternehmen und Standort
Themen: Wirtschaftspolitik, Konjunktur, Statistik