Zukunftsfähige Gewerbegebiete

Ideen für klimaangepasste Gewerbegebiete entwickelt

„Dies ist das Jahr der Extremwetterereignisse und wenn man einen Blick auf die Szenarien der Klimaveränderung wirft, werden wir zukünftig noch häufiger damit rechnen müssen. Auch in unserer Region kann Starkregen auftreten und zu massiven Problemen führen. Aber auch lange Trockenperioden bergen Risiken für einen Wirtschaftsstandort. Diese Extreme müssen daher eine stärkere Berücksichtigung bei der Standortentwicklung finden. Das zeigen die Arbeiten der Studenten sehr deutlich“, sagt Susanne Roncka, Referentin für Standortentwicklung, Bauleit- und Regionalplanung der IHK Darmstadt, zum Abschluss des Projekts „Zukunftsfähige Gewerbegebiete – Handlungsfeld Klimaresilienz“.

Gemeinsame Presseinformation der Industrie- und Handelskammer Darmstadt Rhein Main Neckar, der Hochschule Darmstadt und der Wirtschaftsinitiative „PERFORM Zukunftsregion FrankfurtRheinMain” vom 21. September 2021

Im Rahmen dieses Projekts nahmen Studierende im Studiengang „Umweltingenieurwesen - nachhaltige Siedlungsplanung“ der Hochschule Darmstadt seit April 2021 ausgewählte Gewerbegebiete in den Kommunen Alsbach-Hähnlein, Bickenbach, Groß-Gerau, Mörfelden-Walldorf, Mühltal, Münster, Pfungstadt und Riedstadt unter die Lupe. Hierbei wurden Bebauungsdichte, Nutzungsstruktur und Klimawerte untersucht und ausgewertet. Die Ergebnisse liegen nun vor, ergänzt um Vorschläge für jedes der untersuchten Gewerbegebiete (siehe unten). Bei einer digitalen Abschlussveranstaltung präsentierten vor Kurzem die Studierenden ihre Arbeiten mehr als 150 Vertreterinnen und Vertretern von Kommunen und Unternehmen.
„Der hohe Versieglungsgrad ist in Gewerbegebieten in Bezug auf Hitze und Starkregen ein Risiko mit Auswirkungen auch für umliegende Nutzungen. Für die Wirtschaft haben die Folgen der Klimaveränderung unter Umständen gravierende Auswirkungen, die sich in der sinkenden Produktivität der Mitarbeitenden aber auch in direkten finanziellen Einbußen darstellen können − beispielsweise, wenn Starkregen oder Hochwasser die Produktion gefährden“, stellt IHK-Expertin Roncka fest. Das Projekt soll einen Beitrag dazu leisten, die Gewerbegebiete in der Region für die Zukunft fit zu machen. „Einige Vorschläge der Studierenden zeigen, dass man auch im Kleinen auf dem einzelnen Grundstück oder am eigenen Gebäude schon sehr vieles umsetzen kann“, so Roncka weiter. Sie hofft, dass die Kommunen und Unternehmen nun gemeinsam eine Strategie zur Umsetzung der Vorschläge entwickeln werden.

Raum- und Flächenentwicklung bleibt große Herausforderung

„Für unsere Studierenden bedeutet das Projekt ‚Klimaresiliente Gewerbegebiete‘ eine einmalige Gelegenheit, im Feldexperiment Praxiserfahrung zu sammeln und sich mit ihren Ideen aktiv in die Weiterentwicklung der Region einzubringen“, sagt Prof. Dr. Birte Frommer, die an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwesen die Bereiche Raum- und Umweltmanagement vertritt. Sie sieht den erheblichen Flächenanspruch und den Kostendruck für die konkurrenzfähige Gewerbegebietsentwicklung in Widerspruch zu den notwendigen Klimaanpassungsmaßnahmen. Diesen Konflikt gelte es aufzulösen und beispielhaft Lösungsvorschläge zu machen. „Die Studierenden gehen in solchen Projekten oft mit weniger Scheuklappen an die Arbeit als erfahrene Planer und Ingenieure. Von diesem frischen Blick werden das Projekt und insbesondere die beteiligten Kommunen und Unternehmen profitieren“, so die Professorin.

Ergebnisse und Vorschläge der studentischen Arbeiten im Überblick

Alsbach-Hähnlein

Das Projektgebiet in Alsbach wurde einer SWOT-Analyse durch die Studierenden unterzogen. Der hohe Versiegelungsgrad stellt ein zunehmendes Risiko bei Hitze- und Starkregenereignissen dar. Im Gebiet besteht hohes Potential für die Installation von Solaranlagen, wie Berechnungen auf Basis des Solarkatasters beweisen. Die Fotovoltaik-Anlagen würden eine Aufheizung der Gebäude verhindern und die Gewinnung von erneuerbaren Energien trägt zum Klimaschutz bei.

Bickenbach

Für das Gewerbegebiet am westlichen Ortsrand von Bickenbach haben die Studierenden eine Konfliktkarte erstellt. Hauptproblem ist auch hier die Versiegelung, die teilweise über 80 Prozent der Grundstücksfläche umfasst. Es bestehen für das Gebiet zwar teilweise Bebauungspläne, die auch eine Begrünung und Baumsatzung enthalten. In der Bestandsaufnahme wurde jedoch sichtbar, dass eine große Anzahl von Begrünungsmaßnahmen nicht umgesetzt wurden oder nicht mehr vorhanden sind.

Groß-Gerau

Das Projektgebiet ist eines der älteren Gewerbegebiete in Südhessen mit einer heterogenen Nutzungsstruktur. Eine hohe Baumassendichte begünstigt Hitzeinseln, die sich bei Hitzeperioden ungünstig auf die Aufenthaltsqualität im Gebiet auswirken. Lösungen können hier Dach- und Fassadenbegrünungen darstellen. Diese bringen auch für das mittelbare Umfeld noch spürbar positive Auswirkungen mit. Mögliche Maßnahmen stellten die Studierenden in einem Maßnahmenvergleich dar und unterzogen sie einer Kosten-, Förderfähigkeit-, Machbarkeits- und Effektivitätsanalyse.

Mühltal

Auch das Untersuchungsgebiet in Mühltal wurde anhand einer SWOT-Analyse durch die Studierenden betrachtet. Ein Risiko stellt bei Starkregenereignissen die Überschwemmungsgefahr aufgrund der Topografie dar. Die Studierenden raten zu einem Wassermanagement. Wie können größere Wassermassen zurückgehalten oder zwischengespeichert werden? Eine Maßnahme könnte zum Beispiel sein, Parkplätze tiefer zu legen, damit sie sich bei Überschwemmung füllen und so die Gebäude und das restliche Gebiet vor einer Überflutung schützen. Positiv ist hervorzuheben, dass schon gute Ansätze wie helle Dachgestaltung und Fotovoltaikanlagen vorhanden sind.

Mörfelden-Walldorf

Mörfelden-Walldorf hat sich als „Klimakommune“ bereits auf den Weg gemacht, Maßnahmen zur Klimaanpassung im untersuchten Gewerbegebiet umzusetzen. Ein Bebauungsplan befindet sich derzeit in der Bearbeitung, der viele Ansätze hinsichtlich Dach- und Fassadenbegrünung enthält. Das scheint auch dringend geboten, wie Aufnahmen mit einer Wärmekamera zeigen. Die Studierenden schlagen beispielsweise vor, die Dach- und Fassadenfarbe mit einer hohen Albedo festzusetzen, damit sich die Flächen weniger aufheizen. Eine bessere Verkehrsanbindung und die Schaffung von Grünflächen sind weitere Vorschläge.

Pfungstadt

Zwei Gruppen untersuchten das Industrie- und Gewerbegebiet in Pfungstadts Norden. Auch hier sind viele ältere Gewerbebauten, die eine hohe Versiegelung, wenig Grün und sehr viel Potenzial für Anpassungsmaßnahmen haben. Die Studierenden haben in ihren Ausarbeitungen darauf Wert gelegt, dass die Maßnahmen auch im Bestand − ohne massiven Eingriff in die Bausubstanz − umsetzbar sind. So empfehlen sie Dach- und Fassadenfarben mit einer hohen Albedo zu streichen, wenn sich die Flächen nicht für Begrünung und/oder Fotovoltaik eignen. Die Anbindung des Gebietes mit einem Fahrradweg könnte dem Klimaschutz beitragen, weil dann nicht mehr so viele Parkplätze benötigt werden.

Riedstadt Wolfskehlen

Das Gebiet am westlichen Ortsrand von Riedstadt Wolfskehlen ist eines der neueren Gewerbegebiete. Es verfügt über eine gute Verkehrsanbindung und einen eher geringen Versiegelungsgrad. Als problematisch bewerten die Studierenden die Gefahr von Hochwasser und die mangelnde Versickerungsfähigkeit des Bodens. Daher empfehlen die Studierenden ein Regenwassermanagement mittels Regenrückhaltebecken und mehr Baumanpflanzungen. Auch Dachflächen sollten begrünt werden, da dies die Kanalisation entlaste. Im neuen Bebauungsplan für das Gebiet sind viele der Vorschläge schon enthalten.

Weitere Informationen sowie die Ergebnispräsentationen zum Projekt „Zukunftsfähige Gewerbegebiete“ finden Sie hier.
Ansprechpartnerin für das Projekt „Zukunftsfähige Gewerbegebiete“: Susanne Roncka, Referentin für Standortentwicklung, Bauleit- und Regionalplanung der IHK Darmstadt, Tel.: 06151 871-1223, E-Mail: susanne.roncka@darmstadt.ihk.de
Über PERFORM

„PERFORM Zukunftsregion FrankfurtRheinMain“ ist eine Initiative der Wirtschaftskammern der Metropolregion FrankfurtRheinMain. Mitglieder von PERFORM sind die IHK Frankfurt am Main, die IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, die IHK Aschaffenburg, die IHK für Rheinhessen, die IHK Gießen-Friedberg, die IHK Limburg sowie die IHK Wiesbaden. Unter dem Dach von PERFORM nehmen die Wirtschaftskammern die drängenden Themen der regionalen Wirtschaft auf und bearbeiten gemeinsame Projekte, beispielsweise zu Digitalisierung, Flächenentwicklung, Fachkräfteentwicklung, Gründung, Innovation sowie Mobilität und Verkehr.

Ins Leben gerufen wurde die Initiative 2016 und 2020 in eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) überführt. PERFORM ist im engen Austausch mit weiteren Partnern der Region, beispielsweise dem Länderübergreifenden Strategieforum FrankfurtRheinMain.

Alle weiteren Details können Sie hier nachlesen: www.perform-frankfurtrheinmain.de

Kontakt

Dr.Meike Weber
Dr. Meike Weber
Bereich: Unternehmen und Standort
Themen: Vorbereitung Präsident, Schnittstelle Regionalpolitik, PERFORM Zukunftsregion FrankfurtRheinMain
Susanne Roncka
Susanne Roncka
Bereich: Unternehmen und Standort
Themen: Standortentwicklung, Bauleit- und Regionalplanung, Branchenbetreuung Immobilienwirtschaft