Gründe für Beschaffungsprobleme

Aktuelle Rohstoffknappheit hat mehrere Ursachen

Die angespannte Situation auf dem Rohstoffmarkt bereitet den Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe in Südhessen Sorgen. Die Preisanstiege und die Engpässe wirken sich zunehmend auf die Geschäfte aus - schuld daran ist aber nicht nur Corona. Das kam bei einer gemeinsamen Sitzung der IHK-Ausschüsse für Außenwirtschaft sowie Industrie, Forschung und Innovation deutlich zum Ausdruck.

Pressemeldung vom 30. Juli 2021

Das Stimmungsbild in der gemeinsamen Sitzung in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar war eindeutig: Immer mehr Industriebetriebe aus Südhessen haben Probleme, Rohstoffe oder Vorprodukte zu beschaffen. Längere Lieferzeiten und höhere Preise sind die Folgen, zum Teil berichteten Unternehmen bei der Veranstaltung von abgesprungenen Kunden, andere mussten die Produktion drosseln. In Kombination mit den steigenden Energiepreisen wird vor allem für das produzierende Gewerbe der Anpassungsdruck enorm. „Das gilt für kleine Unternehmen genauso wie für Mittelstand und Konzerne“, stellt Daniel Theobald, Leiter des Geschäftsbereichs Unternehmen und Standort der IHK, fest.
In der gemeinsamen Ausschusssitzung, an der rund 40 Unternehmen teilnahmen, wurde aber auch deutlich, dass die Coronapandemie mit ihren weltweiten Folgen nicht allein dafür verantwortlich ist. Ein weiterer Faktor waren extreme Klimaereignisse, etwa Schneestürme, die zu Produktionsausfällen in Nordamerika führten oder große Brände, die Chipfabriken betrafen und damit den weltweiten Halbleitermarkt stellenweise lahmlegten. „Unsere Unternehmen berichten von teils um mehrere Monate verzögerten Lieferungen und von bis zu 40 Prozent höheren Einkaufskosten“, so Theobald.

Lieferketten sind noch gestört

Auch die Logistik läuft längst nicht wie vor der Pandemie. Die Lieferketten im globalen Handel sind immer noch gestört. „Container befinden sind nach wie vor nicht in ausreichender Zahl dort, wo sie benötigt werden. Zum Teil müssen zwölf Wochen einkalkuliert werden, um einen leeren Container auf den Hof zu bekommen“, berichtet der IHK-Experte aus der Ausschusssitzung. Das hat zur Folge, dass sich die Logistikkosten verdoppelt, teils verdreifacht haben. „Bei Containerlieferungen mit geringeren Warenwerten gehen bei Transport aktuell mitunter 50 Prozent der Kosten für die Logistik drauf. In diesen Fällen müssen die Unternehmen sehr gut mit ihren Kunden kommunizieren und die Preisanpassungen erklären. Das setzt gegenseitiges Verständnis voraus“, sagt Theobald. Das Gute: In vielen Fällen berichten Unternehmen, dass genau dieses Verständnis vorhanden ist - gerade bei langjährigen Geschäftsbeziehungen. Es gibt aber auch Betriebe, die nahezu keine Einschränkungen haben, weil sie in erster Linie mit heimischen Lieferanten zusammenarbeiten und in der Regel nicht aus dem produzierenden Gewerbe kommen.

Entspannung erst Ende des Jahres erwartet

Mit einer Entspannung in der weltweiten Logistik rechnen die meisten Unternehmen aus beiden IHK-Ausschüssen erst Ende des Jahres. Die generell herausfordernde Situation könnte dagegen noch länger andauern. Neben der zunehmenden Abschottung von Märkten liegt das vor allem an den Reisebeschränkungen wegen der Coronapandemie. Unternehmen müssen sich zum Teil um neue Lieferquellen bemühen. „Neue Geschäftsbeziehungen auf Augenhöhe lassen sich aber nicht über virtuelle Meetings aufbauen. Sowas entsteht vor Ort, persönlich im direkten Kontakt“, fasst Theobald die Lage zusammen.

Statements von IHK-Mitgliedsbetrieben zur aktuellen Rohstoffknappheit

Thorsten Muntermann, CEO von koziol »ideas for friends GmbH, Erbach 

„Alle Räder stehen still, wenn die Logistik es so will. Ganz so weit ist es noch nicht, aber tatsächlich gibt es aktuell aufgrund der weltweiten logistischen Probleme und natürlich auch der reduzierten Produktion von Kunststoff-Rohstoffen, eine in den letzten 40 Jahren nicht erlebte Rohstoff-Knappheit. Selbst im Voraus bezahlte Ware wird unter dem Vorwand von force majeure nicht geliefert. Sicherheit gibt es gar nicht und die Preise sind zwischen 20 und 100 Prozent gestiegen. Die Tendenz ist, dass es weiterhin Verknappung von Kunststoff-Rohstoffen und steigende Preise für die nächsten zwölf Monate geben wird.“

Harald Lochmann, Geschäftsführer (COO) / Managing Director, Erlenbacher Backwaren GmbH, Groß-Gerau

„Das Hauptproblem sind die Verschiebungen am Rohstoffmarkt. Viele Produzenten für den Handel haben große Mengen an Rohstoffen unter Kontrakt, die zurzeit nicht unbedingt benötigt werden. Gleichzeitig fragen Lebensmittelproduzenten für den Außer-Haus-Markt aktuell zusätzliche Mengen an, was zu einer allgemeinen Verknappung und deutlich längeren Lieferzeiten führt. Höhere Sicherheitsbestände und größere Planungstreue in der Produktion könnten Abhilfe schaffen. Ansonsten wären weitere Preiserhöhungen und steigender Kostendruck die Folge.“

Jens Otto, Geschäftsführer OTTO Cosmetic GmbH, Groß-Rohrheim

„Bei uns ist die Situation durchaus angespannter als in den letzten zwei Quartalen 2020. Vor allem beim PE- und PP-Granulat für unsere Kunststoffflaschen und Kappen müssen wir wesentlich langfristiger planen. Aber auch unsere Rohstoffe für die Herstellung der Seifen und Duschen bedürfen einer etwas längerfristigen Planung. Was uns deutlich mehr zu schaffen macht, sind die Rohstoffpreise, die momentan durch die Decke gehen. Hier stehen wir jetzt vor der Entscheidung, Preiserhöhungen weitergeben zu müssen.

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Dr.Daniel Theobald
Dr. Daniel Theobald
Geschäftsbereichsleiter
Bereich: Unternehmen und Standort