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Nr. 7208998
Konjunkturumfrage Herbst 2026

Bessere Geschäfte, fehlende Perspektive

Die wirtschaftliche Lage in Südhessen verbessert sich, ohne dass allerdings die Wachstumsschwelle überschritten wird. Zwar laufen die Geschäfte besser als im Frühsommer und die Erwartungen hellen sich auf, doch den Unternehmen fehlt eine langfristige Perspektive. So lauten die zentralen Erkenntnisse der Konjunkturumfrage der IHK Darmstadt im Herbst.
Robert Lippmann
Robert Lippmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Darmstadt Rhein Main Neckar.
Die südhessische Wirtschaft kann die Rezession fürs Erste hinter sich lassen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar, für die sie rund 900 Unternehmen aus der Region befragt hat. Industrie, Einzelhandel und Dienstleister konnten in den letzten Monaten Boden gut machen. „Die Mittel aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz kommen zunehmend in der Wirtschaft an“, erläutert Robert Lippmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Darmstadt. Neben der verbesserten Lage sind auch die Erwartungen an die kommenden Monate etwas positiver. Eine langfristige Wachstumsperspektive gibt es noch nicht. An der Nachhaltigkeit des Aufschwungs bestehen Zweifel.

Geschäftsklimaindex weiter unter Wachstumsschwelle

Der IHK-Geschäftsklimaindex fasst Lage und Erwartung der Unternehmen zusammen. Gegenüber Frühsommer 2026 klettert der Index um neun Punkte. Er beträgt aktuell 91 Punkte. Ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen 23 Prozent der befragten Unternehmen als gut, 47 Prozent als befriedigend, 30 Prozent als schlecht. Gegenüber Frühsommer gewinnt der Lagesaldo sieben Punkte. Er liegt jetzt bei minus sieben Prozentpunkten. „Bei den Dienstleistern und in der Industrie läuft es besser als zuletzt”, sagt Dr. Peter Kühnl, Konjunkturexperte der IHK Darmstadt. „Vor allem die Industrie profitiert von Investitionen der öffentlichen Hand im Zusammenhang mit den Sondervermögen.”
Peter Kühnl beim Pressegespräch
Die leichte Verbesserung der Geschäftserwartung ist keine Trendwende. Es bestehen noch zu viele Standortrisiken, die die Zukunftserwartungen der Unternehmen belasten.
Dr. Peter Kühnl, IHK-Konjunkturexperte
Die Erwartungen an die Zukunft haben sich gebessert, bleiben aber verhalten. Nur 13 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verbesserung der Situation, 63 Prozent glauben, dass es so bleibt, wie es ist. Jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) befürchtet eine weitere Verschlechterung. Damit klettert der Erwartungssaldo um elf Prozentpunkte. Mit minus elf Prozentpunkten bleibt er aber im roten Bereich. „Die leichte Verbesserung der Geschäftserwartung ist keine Trendwende. Es bestehen noch zu viele Standortrisiken, die die Zukunftserwartungen der Unternehmen belasten“, sagt Kühnl.
Als größtes Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sehen die Unternehmen unverändert die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. 66 Prozent der Unternehmen sind dieser Meinung, zwei Prozentpunkte mehr als im Frühsommer. „Von der mangelnden Verlässlichkeit der Bundesregierung und dem Reformstau sind die Unternehmen enttäuscht”, ordnet Robert Lippmann ein. Gleichauf mit dem Risiko schlechter Rahmenbedingungen liegt die Belastung der Unternehmen durch hohe Energiekosten (66 Prozent der Nennungen, plus vier Prozentpunkte). Durch den Irankrieg sind die Öl- und Gaspreise deutlich gestiegen. Als drittgrößtes Risiko sehen Betriebe die Entwicklung der Arbeitskosten (58 Prozent der Nennungen, plus sechs Punkte). Hier gibt der geplante Aufbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge Anlass zur Sorge, die auch durch Beiträge der Arbeitgeber finanziert werden soll. Die Entwicklung der Inlandsnachfrage haben 57 Prozent der Unternehmen auf dem Risikozettel. Gegenüber Frühsommer hat dieses Risiko aus Unternehmersicht an Bedeutung verloren (minus vier Prozentpunkte). Ein Grund hierfür dürfte sein, dass Betriebe weitere Nachfrageimpulse durch die Sondervermögen erwarten.
Mit Investitionen halten sich die Unternehmen weiter zurück. Rund jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) will mehr investieren, fast jedes dritte (32 Prozent) muss kürzen. Zwar legt der Saldo der Investitionspläne um zehn Prozentpunkte zu. Mit minus sechs Prozentpunkten liegt der Saldo jedoch weiter im Negativbereich, was auf Verunsicherung schließen lässt. Im Auslandsgeschäft läuft es schlechter als zuletzt, vor allem die Absätze in China und den USA gehen zurück. Die mageren Zukunftsaussichten schlagen auch auf die Beschäftigungspläne durch. Nur sechs Prozent der südhessischen Unternehmen planen Neueinstellungen, rund jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) sieht sich gezwungen, Personal abzubauen.

Wachstumsimpulse benötigt

Angesichts der Risiken und verhaltenen Zukunftserwartungen appelliert Hauptgeschäftsführer Robert Lippmann an die Politik, Reformen nicht weiter hinauszuzögern. „Wir dürfen uns nicht von positiven Wachstumsprognosen täuschen lassen: Die aktuelle Erholung hat ihren Preis, denn sie stützt sich vor allem auf schuldenfinanzierte Staatsausgaben. Es ist gekauftes Wachstum. Der private Motor der Wirtschaft – Investitionen und Binnennachfrage – kommt noch nicht in Gang. Wenn die Sondervermögen ausgeschöpft sind, droht das Wachstum zu verschwinden. Die Schulden aber werden bleiben. Deshalb gilt: Reformen konsequent weiterführen – Kosten senken, Bürokratie abbauen und Infrastruktur modernisieren –, um die Wirtschaft dauerhaft zu stärken.”
Robert Lippmann
Die aktuelle Erholung hat ihren Preis, denn sie stützt sich vor allem auf schuldenfinanzierte Staatsausgaben. Es ist gekauftes Wachstum.
Robert Lippmann, IHK-Hauptgeschäftsführer
Positiv bewertet der IHK-Hauptgeschäftsführer, dass die Regierung die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß absenken will. „Das entlastet nicht nur Betriebe und macht sie international wettbewerbsfähiger, sondern kann auch verloren gegangene Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Schließlich hat die Bundesregierung schon einmal eine niedrigere Stromsteuer versprochen, aber die Absenkung dann auf energieintensive Industrieunternehmen beschränkt“, erläutert Robert Lippmann.
Weiterführende Informationen: Konjunkturbericht der IHK Darmstadt
Julia van Lottum
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit